Eine Beisetzung in England

Soviel vorab: Die Trauerfeier meiner Schwiegermutter war die eindrucksvollste Zeremonie, die ich bei Beerdigungen bisher erlebt habe. Aber doch anders als bei uns.

Lily war wie die meisten Menschen in England nicht religiös. Zur Trauerfeier erschien deshalb kein Priester, sondern ein „Celebrant“. Das ist ein Vertreter des Britischen Humanistischen Verbands, der nicht-religiöse Beerdigungen, Hochzeiten, Namensfeiern usw. durchführt. Wir versammelten uns also nicht in einer Friedhofskapelle, sondern im Krematorium.

Der Sarg wurde von vier Trägern in einen mit Blumen geschmückten Raum gebracht, die Trauergesellschaft nahm auf den Stühlen Platz. Der Celebrant hielt die Eröffnungsansprache und es folgte eine Rede des ältesten Sohnes, des geliebten Briten. Er beschrieb seine Mutter als junge Frau, wie sie lebten damals, was er von ihr lernte, kleine Geschichten aus dem damaligen Alltag. Der zweite Sohn schilderte dann ihre weiteren Lebensstationen, und ein Enkel sprach schließlich darüber, was seine Oma ihm bedeutete.

Dann gab es ein paar Gedenkminuten, während denen ein Lied von Frank Sinatra abgespielt wurde: „We’ll be together again“. Das war für mich gewöhnungsbedürftig, ich dachte ich sitz in einer Bar. Danach trug die andere Schwiegertochter ein selbstverfasstes Gedicht vor: „No Tears / This is not a time to grieve, …“ Wer bis dahin nicht geweint hatte, tat es jetzt. Es war berührend.

Am Ende entließ uns der Celebrant mit dem Gedanken, dass die Verstorbene nicht verschwindet, sondern in unseren Herzen weiterlebt. Ein letztes Lied wurde gespielt, mein Liebster hatte es ausgesucht: „Somewhere over the Rainbow“.

Zu Recht werden solche Veranstaltungen nicht als Trauerfeiern bezeichnet, sondern als „A Celebration of the life of …“. Ein Leben wird gefeiert.

Lily wird nun eingeäschert und in ein paar Tagen wird ihre Asche in den angrenzenden Grünanlagen an einer der dafür vorgesehenen Stellen verstreut. Diese sind mit Blumen bepflanzt und von Sitzbänken eingerahmt. Die engsten Familienangehörigen werden dabei sein, aber es gibt keine Zeremonie mehr. Auch einen Gedenkstein oder eine Inschrift gibt es nicht. Es wird aber für den Park in der Nähe ihres letzten Wohnsitzes eine Bank gespendet und mit ihrem Namen versehen. Sie ging dort oft spazieren und mochte diese Idee, sagte mein Schwager.

Ich habe in England schon Friedhöfe mit frischen, blumengeschmückten Gräbern und Gedenksteinen gesehen, also gibt es das auch. Das Einäschern und anonyme Verstreuen ist aber dem Vernehmen nach nichts Ungewöhnliches.

Wir trafen uns dann alle in dem Restaurant, in dem wir vor zwei Jahren Lilys neunzigsten Geburtstag gefeiert hatten. Ich war neben ihr gesessen, wir hatten miteinander gelacht und Spaß gehabt. Als wir heute wieder dort waren, ohne sie, hat sie mir so gefehlt. Die Gesellschaft war nicht komplett.

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Humanistischer_Verband_Deutschlands

35 Gedanken zu „Eine Beisetzung in England

  1. pflanzwas

    Danke fürs Erzählen! Ich glaube, beides kann gut sein, kirchlich wie konfessionslos. Es kommt immer auf die Gestaltung und die Sprecher drauf an. Natürlich hat man bei letzterem mehr Möglichkeiten. Schön, daß es eine gute Trauerfeier war! Aus England kommen doch auch diese Totencafes oder wie sich das nennt. Menschen, die sich bei Kaffee und Kuchen treffen und über den Tod sprechen. Ich glaube, erste Nachahmer gibt es hier. Ich finde, daß ist eine gute Idee und eine schöne Art, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen. Hier ist er ja kaum noch existent.

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    1. Anhora Autor

      Es war auf jeden Fall eine liebevoll gestaltete und für mich eindrucksvolle Beerdigung, eine würdige Abschiedsfeier.
      Von Death Cafes habe ich schon gelesen. Weiß aber nicht, ob ich in ein Cafe gehen würde, um über Sterben und Tod zu reden, wenn ich nicht gerade jemanden verloren hätte.
      google weiß übrigens, dass die Idee aus der Schweiz stammt.

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      1. pflanzwas

        A-ha 🙂 Ich dachte, aus England. Die treffen sich nur selten, aber es gibt nicht viele Menschen, die über den Tod sprechen mögen und wenn man Bedaf hat, so oder so, hat man einen Ort, dies zu tun. Ich finde es gut. Wird ja keiner gezwungen.

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        1. Anhora Autor

          Ich glaube aus der Schweiz kam die Idee, und UK entwickelte ein Franchise-Konzept. Ich weiß aber nicht genau, wie es funktioniert. Es gibt ja auch Selbsthilfegruppen für Menschen, die sich austauschen möchten. Vielleicht ist es so etwas Ähnliches aber in offenerem Rahmen. Aber der Tod ist nach wie vor ein großes Tabu, scheint einfach nicht zum Leben gehören zu dürfen.

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            1. Anhora Autor

              Es wäre auf jeden Fall kein Fehler, wenn man dem Thema Endlichkeit in der Gesellschaft einen Platz verschaffen würde, egal ob durch Death Cafes, weniger Abschiebungen in Intensivstationen oder mehr Sprechen darüber. Es würde vielleicht helfen, einen Verlust besser zu verarbeiten.

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            2. pflanzwas

              Das denke ich auch. Wir haben einen Teil unseres Lebens zu sehr aus dem Leben verbannt, wo es doch stets dazu gehört. Kennst du das Büchlein „Ente, Tod und Tulpe“ von Wolf Erlbruch? Ist ein bißchen wie ein Kinderbuch aufgemacht. Mir gefällts sehr gut.

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            3. pflanzwas

              Es geht um eine Ente, die den Tod trift und von ihm immer und überall begleitet wird. Zum Schluß schläft sie in seinen Armen (?) ein. Es verdeutlicht, daß der Tod immer bei uns ist, ohne ein Schrecken zu sein. So, wie es dargestellt ist, finde ich es ganz tröstlich, irgendwie 🙂

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            4. Anhora Autor

              Nun stell dir mal vor, unsere Kinder würden (auch) mit solchen Büchern und Geschichten heranwachsen. Wir würden Erwachsene dann über das Sterben denken? Weniger angstvoll?
              Ich habe auch einen Satz, der mich berührt:
              „Mitten im Leben geschiehts, dass der Tod kommt und am Menschen Maß nimmt. Diesen Besuch vergisst man,
              und das Leben geht weiter. Doch im stillen wird der Anzug genäht.“

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            5. pflanzwas

              Angst wird vermutlich immer da sein, aber ich denke, wenn mehr drüber geredet würde und man ihn mehr wahrnehmen würde, daß die Angst dann tatsächlich bei vielen Menschen geringer würde. Wobei ich manchmal denke, die Angst vor dem Tod an sich ist kleiner, als die Angst vor Krankheit und wie man stirbt. – Ja, der Satz ist berührend.

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            6. Anhora Autor

              Wenn ich schwierige Gespräche oder Begegnungen vor mir habe, stelle mir vorher jedes Detail vor, gerne auch mehrmals in verschiedenen Varianten. Das hilft mir, weil die Situation zumindest meinem Hirn schon bekannt ist, es macht mich sicherer.
              Ich frage mich, ob das auch funktioniert, wenn es ans Sterben geht. Ich glaube schon. Die Kunst ist halt, den Tod ins tägliche Leben einzubeziehen, ohne dass es depremierend ist. Das kriegt unsere Gesellschaft nicht hin, aber jeder kann ja für an das Thema herangehen. Da helfen natürlich Bücher wie das von dir erwähnte. 🙂

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            7. pflanzwas

              Kürzlich habe ich gedacht, warum malt man sich nicht aus, wie man sterben möchte. Oder anders gesagt, warum wünscht man sich nicht einen schönen Tod, anstatt sich schlimme Sachen auszumalen. Vielleicht meine ich etwas ähnliches wie du. Der Tod taucht bei uns nur als Schreckgespenst im Zusammenhang mit Krankheit und Leiden auf. Warum sich nicht mal mit dem Gegenteil beschäftigen?!

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            8. Anhora Autor

              Da bin ich ganz bei dir! Uns fehlt der normale Umgang mit dem Tod. Endlichkeit ist vielleicht auch deshalb so unbegreifbar für uns, weil es kategorisch abgelehnt und deshalb ausgeklammert wird. Dabei ist das Sterben in den meisten Fällen vorbereitet, mit medizinischer Hilfe wohl auch nicht mehr so gruselig schmerzhaft wie früher.
              Ein authentisches und daher erfülltes Leben ist wahrscheinlich die beste Voraussetzung, in Frieden gehen zu können. Aber dieses Leben ist oft nur im Gedanken an den Tod möglich, weil man dann mutiger wird, seinen eigenen Weg zu gehen.

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            9. pflanzwas

              Alles gar nicht so leicht, wie gesagt. Wer will kein zufriedenes und erfülltes Leben. Doch wäre es sicher gut, daß Thema mehr einzubinden. Da fällt mir ein Verein oder ähnliches ein, die das hier in Deutschland machen. Die gehen auch in Grundschulen und höhere Klassen und sprechen dort mit den Kindern drüber (verflixt, habe ich alles vergessen, lief mal im Radio). Gerade die jüngeren Kinder sind sehr offen dafür. Und ja, die Palliativmedizin ist heute schon so gut, die müßte es nur öfter geben, aber ich glaube, auch denen fehlen die Leute. Deine Worte sind sehr wahr, aber ob ich sie so umsetzen kann, weiß ich auch nicht. Wir arbeiten weiter daran 🙂

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            10. Anhora Autor

              Es ist ein philosophisches Thema und eine klare Antwort gibt es nicht.
              Habe gerade ein Buch gelesen: „Ich und die Menschen“. Ein Science Fiction, in dem ein unsterblicher Außerirdischer auf die Erde kommt und man erfährt, wie die Menschen auf ihn wirken. Eine originelle, witzige und nachdenklich machende Geschichte. Ich kann das Buch nur empfehlen, habe es in einem Rutsch durchgelesen. 🙂
              Lieber Gruß!

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  2. Ulli

    Liebe Anhora, ich mag diese Art der Beisetzungen, ohne Pfarrer! Als ich dies das erste Mal erlebte, wusste ich, das will ich auch! Und ich möchte auch Lieder, die meine Freude am Tanz ausdrücken sollen, und nicht nur die traurigen … das Leben geht weiter für die anderen, sie dürfen sich freuen, auch ohne mich …

    Danke fürs teilen, ich drücke dich einmal herzlich, leider nur virtuell
    Ulli

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    1. Anhora Autor

      Danke, liebe Ulli! Auch virtuelle Umarmungen sind schön, wenn man sie bekommt. 🙂
      Was weltliche Trauerfeiern betrifft, wundere ich mich, dass ich noch nie davon gehört oder es gar schon einmal erlebt habe. Aber ich steige ja gerade auch erst ein ins Fachgebiet Beerdigungen…
      Ich würde mir schon einen christlichen Segen wünschen bei meiner Trauerfeier, aber die persönlichen Ansprachen und die weltliche Musik möcht ich auch! Ich würd mir „Summertime“ wünschen, aus Porgy & Bess. 🙂

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    1. Anhora Autor

      Ich hatte von dieser Art der Feierlichkeiten auch noch nie etwas gehört. Tatsächlich gibt es aber auch in Deutschland einen humanistischen Verband. In England spielt die Religion schon lange keine Rolle mehr, deshalb sind weltliche Feiern dort üblich.

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    1. Anhora Autor

      Danke für deinen lieben Kommentar, Marissa. Was Trauerfeiern betrifft, kann man wirklich lernen von den Engländern. Es war ein würdiger und liebevoller Abschied, den Lily auch verdient hat.
      Alles Liebe und bis bald! 🙂

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  3. Mallybeau Mauswohn

    Liebe Anhora!
    Des find i schee, wenn mr a Läba feiert. Nadierlich hot jeder so sei eigne Art, wie mr mit ra Beerdigung omgoht, aber i mags et so, wemmr en schwarzer Trauerkleidung doschdoht ond a schlechte Schdimmung herrscht, au wemmr nadierlich traurig isch. Und des mitm Park find i au gut. I glaub, dass alle Dode sich wiedrsähet ond no ischd Gsellschaft wiedr kompledd 🙂
    Liebs Herbschtgrüßle von dr Alb
    Mallybeau

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