Lernfragen

Ein neuer Deutschkurs beginnt, erste Stunde: Der Dozent prüft Formulare, fragt fehlende Anmeldedaten ab, es ist laut im Unterrichtsraum. Nach einiger Zeit gehen manche ans Fenster zum Rauchen, andere fangen an zu telefonieren. Der Dozent scheucht die Raucher vor die Haustür und verkündet eine zehnminütige Pause.

Nach dieser Unterbrechung mault er, dass der Fruchtjoghurt fehle, den er im Kühlschrank deponiert hatte. Jemand übersetzt, woraufhin ein Mann sich meldet und verwirrt den halb aufgegessenen Becher hochhebt. Andere senken das Kinn auf die Brust, als schämen sie sich für ihre Landsleute.

Die Leiterin der Abteilung Integration trifft ein. Sie spricht mit dem Dozenten und baut sich dann vor der Klasse auf: „Merken Sie sich,“ bellt sie, „dass Sie im Unterricht nicht herumlaufen, rauchen oder telefonieren. Die Toiletten sind sauber zu halten, fremdes Eigentum ist zu respektieren. Wer das nicht lernt, muss gehn. Wir haben lange Wartelisten.“

Es ist jetzt still geworden. Ein Teilnehmer aus dem Fortgeschrittenenkurs übersetzt. Ich überlege, ob mir der Auftgritt der Abteilungsleiterin gefällt oder nicht. Und ob es woanders üblich sein kann, sich an fremden Kühlschränken zu bedienen. Und dass Menschen aus unterschiedlichen Schichten zwei Jahre lang zusammen zur Schule gehen werden.

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16 Gedanken zu „Lernfragen

  1. Lutz Prauser

    Also mir gefällt das: Klare Ansage hat noch nie geschadet.
    Wenn ich einem kurdischen Syrer, dem ich schwimmen beibringe, nicht klipp und klar sage, wie was läuft, ertrinkt er mir… sogar im Hallenbad.
    Um Regeln zu begreifen, muss man sie auch deutlich benennen.

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    1. Anhora Autor

      Der Meinung ist auch besagte Leiterin! Und ich auch. Ich war mir nur nicht sicher, ob der Ton angemessen war. Andererseits haben sie ihr zugehört, und dem – vorsichtigeren – Dozenten nicht. Es ist wie du sagst: Sie müssen verstehen, wie es bei uns läuft, und sie wollen das auch. Aber aller Anfang ist schwer! 😉

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  2. suzy

    Ich finde das Verhalten der Leitung ein bisschen absonderlich.
    Ich denke, die Regeln für einen kurs sollten von Anfang an kommuniziert werden. Mit einem Dolmetscher, so dass alle es verstehen und die Rahmenbedingungen klar sind, von mir aus auch mit Bildtafeln an der Wand in allen Sprachen. Die Meisten werden sich daran halten. Ich habe festgestellt, dass sich viele wie unerzogene Jugenliche verhalten. Es ist wie mit meinen Jungs, klare Regeln von Anfang an setzten und diese müssen eingehalten werden. So einen Auftritt von der Leiterin ist wie ein kurzer Sturm im Wasserglas und wird nicht viel bringen.
    Aber es ist extrem wichtig, dass ihnen in der Schule die Regeln verständlich gemacht werden (ja gute Erziehungsarbeit) wie Deutschland so tickt, damit sie es dann, wenn sie eine Ausbildung machen oder sie Arbeiten werden gelernt haben…..

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    1. Anhora Autor

      Ich war wie gesagt auch ein wenig erschrocken darüber, wie mit den Leuten gesprochen wurde. Inzwischen weiß ich, dass unsere Regeln natürlich im Unterricht kommuniziert werden. Aber am ersten Tag waren alle ein bisschen nervös, und der Dozent hatte sich nicht recht durchsetzen können. Die Leiterin schon. Sie ist aber keinesfalls jemand, die auf andere herabblickt, schon gar nicht auf Geflüchtete. Aber Regeln sind ihr wichtig, sonst können wir nicht zusammenarbeiten, sagt sie. Stimmt ja auch.
      Einen ordentlichen Dolmetscher haben wir natürlich nicht. Es war Zufall, dass einer aus den anderen Kursen gerade da war und aushelfen konnte. Was genau er übersetzte, wissen wir deshalb nicht.
      Ich werde die Sache jedenfalls beobachten. Bis jetzt ist noch keiner wieder abgesprungen. 🙂

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  3. Zoé

    In den Sprachkursen, die in unserer Kirche laufen sind auch viele, die noch nie in einer Schule waren. Denen fehlt dann einfach das Verständnis für den Ablauf. Und ich denke mal, dass das Flüchtlinge bei uns in Deutschland nicht so recht unterscheiden können, was nun umsonst ist und was nicht. Schließlich verschenken wir Kleidung, Möbel, Haushaltsgegenstände, Essen, Wohnungen und auch Sprachkurse einfach so. Woher sollte er also wissen, dass der Joghurt einen Besitzer hat. Aber über die Regeln sollte schon gesproche nwerden, es kommt halt immer auf das Wie an.

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    1. Anhora Autor

      Du hast völlig Recht! 🙂 Die Leute haben einfach kein normales Leben, und manchmal schon seit Jahren nicht mehr. Wer soll sich da auskennen? Würden wir alles richtig machen? Die Leute werden es lernen, und die Lehrer – übrigens auch die Abteilungsleiterin – haben schon Erfahrung und Geduld, sie mögen ihren Beruf. Deshalb wissen sie, dass es am Anfang immer ein Chaos ist, aber bald spielt sich alles ein. Nur ich wusste es noch nicht. 😉

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  4. Mallybeau Mauswohn

    Liebe Anhora!
    Des send gude Froga! Also wenn des alle Deutsche wäret, hätt i jo gsagt, was die Abdeilungsleidere sagt, isch völlig richtig. Wenn dann abr verschiedene Kulturkreise zamma send, ischs vielleicht a bissle schwieriger. I moin, eihalda sott mr des scho, find i. Abr s kommt halt drauf an, wie mrs sagt. Do muss mr halt scho a bissle Feingefühl mitbringa ond em richdiga Moment verbal draufhaua, wenn nedig ond sonsch au Vrschtändnis han …
    Vrfolgsch Du den Kurs weidr? Na siehsch jo, wies so vorwärtsgoht!
    Grüßle von dr Alb
    Mallybeau

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    1. Anhora Autor

      Es isch alles schwierig, wenn Mensche aus andere Länder zu uns kommet. Da könnet die nix dafür, und mir au net. Drotzdem müsset se lerne, wie’s bei uns isch. Und sie wollet des au. Aber erschmol kennet se’s halt net.
      Die Leiderin isch a padende Frau, die macht des scho viele Johr. Wahrscheinlich woiß se wie’s am Beschda isch. Aber für mi wars drotzdem komisch, dass erwachsene Leit oins druff krieget.
      I frag mi au wie des für die andere Teilnehmer isch, die sich an Regle halded…

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      1. Mallybeau Mauswohn

        Jo, do hosch Recht. S isch jo schomol gud, dass die Frau Erfahrung hot, des isch emmr von Vorteil.Abr scho komisch, dass mr sich so verhält, wemmr ind Fremde kommt. i glaub, i wär do zrügghaldender ond dät mi schdill an bei Plätzle hogga. Abr so ondrschiedlich semmr halt … 🙂

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        1. Anhora Autor

          Man däds moine, dass mr erschmal still wär und abwartet. Aber i hon mei Land net verlasse müsse und von meiner Familie und meine Freind isch no niemand verschossa worde. I will mir lieber net vorstella, wie’s oim da isch und wo mr d’Brioritäte setzt.

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  5. Pega Mund

    hm … vielleicht wäre es nicht ungünstig gewesen, wenn die leiterin der abteilung integration zunächst mit den anwesenden eine strukturierte gesprächsrunde begonnen hätte über gepflogenheiten/gewohnheiten im unterricht, über regeln … mal abklopfen, was da überhaupt kommt, wer sich wie äußert, mal den diesbezüglichen verständnis- und verhaltensrahmen der anwesenden abtasten, so gut es eben geht – und dann, schritt für schritt, versuchen, DEN rahmen abzustecken, den SIE, die integrationsabteilungsleiterin, respektiert wissen möchte … das kostet natürlich zeit, ist mühsam …

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    1. Anhora Autor

      Das hab ich mir auch überlegt. Aber die Leute sprechen eben noch kein Wort Deutsch. Die Leiterin sagt, sie brauchen eine klare Botschaft, damit sie es verstehen. Sicher hat der Dozent vorher auch versucht zu erklären, aber die Leute waren da nicht so aufmerksam. Weiß auch nicht, was richtig ist. Ich bin erst neu in diesem Bereich.

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