Morgenkontemplation

Auf dem Weg zur Arbeit betrachte ich jeden Morgen ein Fräulein in einem Glaskasten. Dieser klebt an der Frontseite einer kleinen Maschinenfabrik und mein Radweg führt eine Weile lang direkt darauf zu.

In dem Kasten sitzt das Fräulein: schmal, ein wenig verhuscht, mit kinnlangem, bräunlich gelocktem Haar und sommers wie winters in einem dünnen Blüschen. Stets blickt sie angestrengt auf einen kleinen Computerbildschirm und kommt ihm mit dem Gesicht einen Tick zu nahe. Selbst aus der Ferne meine ich zu erkennen, dass sie nicht mehr ganz jung ist und eine Brille braucht. Niemals habe ich sie mit einer anderen Person gesehen.

Auch befindet sich der Zugangsbereich mit Lagerhallen, Gabelstaplern, Parkplätzen und dem Eingangsbereich auf der hinteren Seite des Gebäudes, sodass nicht ganz klar ist, wozu es das alles überblickende verglaste Büro auf der Vorderseite braucht. Vielleicht waren die Nutzflächen früher einmal anders angeordnet, oder es ist eine veränderte Einteilung für die Zukunft geplant.

Oder: das Fabriklein hat längst zugemacht, aufgekauft von einem dicken Konzern, und das Fräulein hat man einfach vergessen. Vielleicht ist ihr Gehaltszettel zwischen denen von 5000 weiteren Konzern-Mitarbeitern an anderen Standorten versunken und der Wareneingang ist gar kein Wareneingang, sondern der Zugang zu Abstellflächen für veraltete Ersatzteile, die der neue Eigentümer noch nicht wegwerfen möchte. Dem Fräulein auf der Vorderseite erscheinen aber Bewegungen im Bestand, und unberührt vom Treiben da draußen werden diese von ihr gewissenhaft verbucht und auswertet, wie sie es immer getan hat, und ihre Listen verschwinden vielleicht in den Tiefen eines Verzeichnisses, von dem niemand weiß außer sie selbst.

Dies ist der momentane Status meiner Überlegungen. Jeden Morgen sinne ich ein paar Minuten lang darüber nach, wie alles sein könnte, so wie andere im Yogasitz oder beim Gebet verharren, um inspiriert in den Tag zu kommen.

Und was begegnet euch auf dem Weg zur Arbeit?

42 Gedanken zu „Morgenkontemplation

  1. Hausfrau Hanna

    Die Geschichte,
    liebe Anhora,
    mit dem Frölein, die fantasieanregend ist…
    Was mir auf dem Weg zur Arbeit begegnet?
    Voilà, hier die kleine Auswahl:
    Hellgraue Bodenplatten, die wieder einmal feucht aufgenommen werden sollten…
    Ein Parkettboden, der es auch nötig hat…
    Wollmäuse unter dem Bett…
    Ein Badezimmerspiegel, der leicht eingetrübt ist…

    Nun noch der herzliche Gruss
    von Hausfrau Hanna 🙂

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    1. Anhora Autor

      Liebe Hausfrau Hanna, das klingt, als ob die Hausfrau Besseres zu tun hat, wenn die Hausfrauenpflichten rufen! Du kannst ja später zurückrufen. 😉
      Außerdem müssen dir heute die Ohren geklingelt haben, denn ich habe heute fest an dich gedacht. Wir waren in Basel (Chagall … 🙂 ) und auf dem Weg dahin sah ich die Tram, das Rheinufer … und alles kam mir bekannt vor! Obwohl ich heute erst das zweite Mal in meinem Leben in Basel war. Das wird sich aber ändern. Mit dem Zug ist das von uns aus ja ein Klacks und wir nahmen uns fest vor, schon bald wieder vorbeizuschauen. 🙂
      Begeistertes schweizerdeutsches Grüßle! Anhora

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      1. Hausfrau Hanna

        Eben sehe ich,
        liebe Anhora,
        dass ich den ersten Satz des Kommentars ins ‚Leere‘ laufen liess. Der müsste natürlich so lauten:
        Die Geschichte mit dem Frölein, die fantasieanregend ist, hat mir sehr gut gefallen…

        Du warst in der Chagall-Ausstellung? Ich bin beeindruckt! Und nehme mir dasselbe auch vor…
        Ebenfalls ein guter Tipp (und eine Mehrfachreise wert!) ist übrigens das Beyelermuseum in Riehen 🙂
        Und last but not least mein Tipp, wo es günstigen und sehr guten Kaffee gibt:
        Im ‚Manor‘-Restaurant im Kleinbasel 🙂

        Mit einem herzlichen Grüessli über die Grenze
        Hausfrau Hanna

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        1. Anhora Autor

          Liebe Hausfrau Hanna, im Beyeler-Museum waren wir beim letzten Besuch in Basel, ist schon Jahre her und war ebenfalls beeindruckend. Grund also, wieder einmal vorbeizuschauen. 🙂
          Danke für den Tipp in Kleinbasel. Wir werden dieses Restaurant in eine App eingeben, schon stehn wir beim nächsten Mal auf der Matte im Manor. Gut und günstig passt perfekt für eine schwäbisch/halbschottische Delegation. 😉
          Grenzübergreifendes Grüßle! Anhora

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  2. Reiner

    Fabriklein und Fräulein – gefällt mir 🙂
    Wer weiß schon, wofür und wie lange noch?

    Meine ersten Bilder ist die alte Bahntrasse, jetzt Radweg. Geschichte pur mit Karnickeln, Schnecken, anderen Radlern und viel Wetter, jeden Tag

    Lieben Gruß!

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    1. Anhora Autor

      Danke für deine Gedanken dazu! 🙂
      Verlassene Bahn- und andere Industrieanlagen haben ja einen besonderen Charme, den ich mag. Aber Karnickel gibts bei uns nur im Stall. Siehst du die in freier Wildbahn?

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            1. Anhora Autor

              Ich fürchte, für einen staufreien Personentransport darf man einfach nicht in einer Großstadt leben. Schon gar nicht in Stuttgart! Das würde der Buddha wahrscheinlich sagen und aufs Land ziehen. Nach Strümpfelbach oder so. 🙂

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            2. Anhora Autor

              Da braucht man ein gutes Hörbuch oder sonst etwas, um sich die Zeit zu vertreiben. Mein Fall wärs nicht. Ich bin froh, dass ich die paar km zum Arbeitsplatz mit dem Fahrrad hinkommen kann. Bei uns sind für Autofahrer eher die Parkplätze das Problem. Wenn man nach 8h kommt, hat man verloren.
              Hab noch einen schönen Tag!

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            3. Anhora Autor

              Ich wohn schon lange nicht mehr in Stuttgart. Ich war dort an einer FH und hab einen Abschluss als Übersetzerin gemacht. Gewohnt hab ich in Untertürkheim, dann in Cannstatt, dann in Rommelshausen. Bei Besuchen in meinem Heimatort am Bodensee namen wir manchmal den Weg über all diese kleinen Örtlein wie Strümpfelbach, weil es so schön war. 🙂
              In welcher Ecke wohnst du denn?

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  3. Pega Mund

    so schön erzählt und beschrieben, liebe anhora!
    bei mir: stockender verkehr, stau, nachrichtenschleife auf bayern 5 und dazu vielerlei gedanken über die menschen, die der tag mir bringen wird, und über die apokalyptische lage der welt, gemischt manchmal mit schierer freude über eine wunderbare morgensonne …
    grüßle 😉

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    1. Anhora Autor

      Ich freu mich, dass dir das kleine Geschichtle gefallen hat. 🙂 Der morgendliche Berufsverkehr bietet allerdings mehr Zeit als man manchmal will, um sich auf den Tag einzustimmen. Ich wünsche dir dazu ganz viel Morgensonne. 🙂

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  4. Mallybeau Mauswohn

    Liebe Anhora!

    Des hasch echt schee beschrieba. I kanns mr richdig bildlich vorschdella, wie die Frau do hoggt en ihrem Käschtle. Do hosch emmr äbbes gschiggtes zom nochdenka, wenn de zur Arbeit gohsch. I schaff morgens moischtens von drhoim aus, deshalb säh i do bloß mein Kruscht om mi rom. Middags han i dann eher so a Omgäbung om mi rom, wie auf Deim scheena Blumafodole zom säha isch, wenn i mi om da Nochbrshond kimmr. Ond obnds säh i au wieder mein Bildschirm. Also kasch froh sei, dass dr überhaupt ebbr iebr da Wäg läuft vorm Gschäft bzw. hoggt, i säh selten jemand … aber s schderd mi et 🙂

    Grüßle von dr Alb, ausm hintrschta Winkl
    Mallybeau

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    1. Anhora Autor

      Liebe Mallybeau, danke für dein Eiblick in dei Umgäbung, au wenns dr hinderschde Winkel isch! Schee ischs überall, man muss bloß finde, was zu oim basst. In deine Filmle säet mir ja a Menge von dem, was du so siehsch jeden Dag. Hauptsach man bleibt net in dr Stub hocke, des dud auf d’Dauer net gut. Und drauße gibts immer was zum säa. 🙂

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