Schockstarre

Vor einer Woche rief ich am Freitag den beiden Kollegen bei mir im Büro ein „Schönes Wochenende“ zu. „Dir auch!“ kam es gutgelaunt zurück.
Am Montag darauf war nur noch einer da.
Der andere ist tot.

Mitte Vierzig ist er geworden. Ob es ein Herzinfarkt war, ein Schlaganfall oder etwas anderes, wissen wir nicht. Der Kollege war fröhlich, umtriebig, pfiffig. Er arbeitete hart, sorgte aber auch für Ausgleich: In der Freizeit war er aktiver Musiker, Sportler und fleißiger Helfer bei Veranstaltungen. Ein Hans Dampf in allen Gassen.

Vielleicht wäre er noch am Leben, wenn er seine anstrengende Arbeitsstelle hingeworfen hätte. Wenn er zu Hause mehr entspannt hätte. Wenn er häufiger den Arzt aufgesucht hätte.
Hätte, hätte, Fahrradkette.

Vielleicht gibt es aber auch ein Schicksal und etwas in ihm wusste, dass er nicht so viel Zeit haben würde. Vielleicht hat er deshalb so viel in sein Leben gepackt.

Ich sitze im Büro, sein Platz ist leer, eine Kerze brennt auf seinem Schreibtisch. Es sieht immer noch aus, als käme er gleich um die Ecke. Ich höre seine Stimme, sehe sein lachendes Gesicht. Mir ist zum Heulen. Ich möcht gar nicht rüberschauen.

 

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30 Gedanken zu „Schockstarre

    1. Anhora Autor

      Das tut mir Leid, Bea, du solltest nicht wieder heruntergezogen werden. Im Moment kann ich zu gut verstehen, wie hilflos man ist. Natürlich geht das Leben weiter, aber das Gefühl der absoluten Ohnmacht dem Schicksal gegenüber bleibt. Lieber Gruß, Anhora

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    1. Anhora Autor

      Danke für deinen lieben Kommentar, maribey. Ein so schneller Tod ist eine Katastrophe für alle Beteiligten. Ich musste seinen Schreibtisch durchschauen, andere seine Wohnung ausräumen. Man sollte Zeit haben, seine Dinge zu ordnen, und sich zu verabschieden. Es fühlt sich alles so falsch an. Lieber Gruß.

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  1. sylviawaldfrau

    Das ist immer schrecklich. Einer meiner Chefs ist ja auch plötzlich verstorben und wir saßen wie fassungslos da. Immer wieder erzählten wir uns Geschichten von ihm, denn er war ein sehr herzlicher und netter Mensch. Es gibt schon schreckliche Schicksale, denn er hinterließ 3 Kinder, alle noch in der Ausbildung. Für die war es besonders schlimm. Umarmung, Sylvia

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    1. Anhora Autor

      Da sagst du was: Wir reden auch dauernd darüber, wie er so war und was wir zusammen erlebt haben. Irgendwie hilft es. Es ist uns auch ganz wichtig, dass die Geschäftsleitung mittrauert, Blumen spendet, eine Anzeige schaltet usw., was sie auch macht. So fühlen wir uns nicht alleingelassen mit unserer Trauer.
      Der Kollege hinterlässt auch 3 Kinder, die gehen alle noch zur Schule. Was für ein Verlust. Lieber Gruß, Anhora

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  2. Arletta

    Ach, liebe Anhora, das tut mir so leid. Ich kenne diesen Schockzustand. Von meiner Mutter. Wir haben am Vortrag noch telefoniert, rumgeblödelt, es ging ihr richtig gut. Am nächsten Morgen war sie tot. Einfach so. Tot. Viel zu jung noch. Weisst Du, diese Todesfälle ohne vorherige Anzeichen, die sind für alle Hinterbliebenen viel schwerer zu verarbeiten. Weil dieser Schock, der lähmt erst mal. Dann kommt diese Phase des Unglaubens. Dann die Wut. Und irgendwann viel später, aber wirklich viel, viel später, die Aussöhnung mit dem Schicksal, mit dem Leben, ja womit eigentlich. Irgendwann akzeptiert man’s halt. Bleibt nichts anderes übrig eben. Verstehen wird man’s nie. Ich drück Dich.

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    1. Anhora Autor

      Liebe Arletta, danke dir für dein Mitgefühl. 🙂 Du weißt also, wie einem da ist, in Worte kann man es nicht fassen. Es ist wie ein Loch im Büro, da ist jemand hinausgefallen und man sieht nur noch die klaffende Öffnung. Es ist so traurig. Er war so lebenslustig, stellte so viel auf die Beine und hatte noch so viel vor. Was kann man dazu sagen?

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  3. mannisfotobude

    Etwas ähnliches hatten wir auch vor denke mal 10 Jahren in der Firma. Da ist auch ein Kollege übers Wochenende verstorben. Hatte zwar direkt weniger zu tun mit ihm aber man kannte sich halt. Ist ein Schock und ich fand es besonders schlimm dass der Nachfolger nach ein paar Wochen auf seinem Platz saß !

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