Der Abfalltüten-Blues

Wenn wir einen Menschen verloren haben, bewahren wir meist eine Zeitlang Andenken auf: Ein Bild, eine Kerze, vielleicht ein Schmuckstück. Es gibt aber auch Erinnerungsstücke, die nicht ausgesucht werden – sie sind einfach da, übrig geblieben. Ein Sessel vielleicht, oder eine Blumenvase.

Ein solches Andenken lässt mich noch heute jedes Wochenende an meine Mutter denken. Sie starb vor drei Jahren, es war ein Haushalt aufzulösen und so landeten damals unter anderem mehrere Rollen Abfalltüten bei mir. Sie sind inzwischen aufgebraucht bis auf die kleinen 5-Liter-Beutel für Kosmetikeimer.

Manches wird ja vom Alltag gefressen und man denkt nicht mehr darüber nach. Aber von diesen kleinen Rollen mit Beuteln aus 100% Biofolie habe ich noch keinen einzigen einfach so abgerissen. Jedes Wochenende beim Wohnungsputz denke ich: Das gehörte noch meiner Mutter.

Heute brach ich die letzte Rolle auf. 40 Stück. 40 Wochen.
Dann ist nichts Greifbares mehr da.

Aber darauf kommt es ja auch nicht an.

Habt ihr auch solche Erinnerungsstücke?

17 Gedanken zu „Der Abfalltüten-Blues

  1. Flohnmobil

    Oh ja, da gäbe es so manches zu erzählen.
    Was grad aktuell ist: Bei jedem Schwung auf der Skipiste bin ich in Gedanken bei meinem Mann. Ich konnte zwar schon leidlich Skifahren, den Feinschliff jedoch hat er mir verpasst. Und in unserem bzw. heutzutage meinem Keller befindet sich so viel Skiwachs, dass ich wohl mein Leben lang nie mehr so einen Klotz Toko kaufen muss (zumal meine Ansprüche an Skibeläge nicht ganz so hoch sind wie die meines Mannes).

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    1. Anhora Autor

      Liebe Bea, bei dir ist es natürlich nochmal anders: Du hast mit deinem Mann praktisch bis zu seinem letzten Tag gemeinsam gelebt, da ist wohl der ganze Hausstand voller Erinnerungen. Vielleicht wird das mit der Zeit überlagert vom weiteren Leben ohne ihn, zwangsläufig. Aber das Skiwachs, das du nur sporadisch benutzt, oder das Skifahren – da ist dein Mann wieder bei dir. Irgendwie soll es so wohl auch sein.
      Ich wünsch dir alles Liebe.

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  2. wholelottarosie

    Ich habe noch die Brille von meiner Mutter, die sie immer aufsetzte, wenn sie Knöpfe annähte, laut die Zeitung vorlas oder etwas im alten Dr. Oetker Kochbuch nachschaute.
    Und ich habe noch die ganzen alten Pinsel und Ölfarben von meinem Vater, mit denen er seine Landschaftsbilder malte.
    Ab und zu nehme ich mir einen von ihm gebrauchten Pinsel zum Malen. Ich hoffe, sie halten noch ganz, ganz lange.

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    1. Anhora Autor

      Wie schön! Völlig unabhängig von „offiziellen“ Bildern oder Ähnlichem zum Gedenken gibt es offenbar fast in jedem Haushalt die „alltagstauglichen“ Erinnerungsstücke. Die Menschen, die uns vorausgegangen sind, bleiben also ganz in der Nähe. Danke für deine Gedanken dazu! 🙂

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  3. BOWMORE Darkest

    Eine Tüte einer Abfallrolle ist an und für sich nichts zum Sammeln. Trotzdem ist es das letzte Teil einer bestimmten Erinnerung. Als solches bleibt es wohl ewig in den eigenen Gedanken. Ich hätte vermutlich, so wie ich mich kenn, diese Tüte aufgehoben. Aufgehoben genau dort, wo die anderen Mülltüten nach dem Einkauf abgelegt werden. Jedes Mal, wenn einer der Abfalleimer eine neue Tüte braucht, hätte ich wohl gedacht: Ach ja, das ist das letzte Stück, die nie das Haus verlassen wird.
    Jeder hat so seine eigene Melancholie.

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    1. Anhora Autor

      Das ist ein schöner Gedanke: Einen erinnerungsbehafteten Alltagsgegenstand einfach am dafür vorgesehenen Platz belassen, das gefällt mir. Allerdings hatte ich eine dominante Mutter und nicht immer war mir das zu ihren Lebzeiten angenehm. Mein Andenkenkult hält sich also in Grenzen, aber sie schafft es nun tatsächlich, weiterhin präsent zu bleiben. Mit Abfalltüten. Es passt so sehr zu ihr, dass ich sie schon wieder dafür liebe. 😉

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  4. Reiner

    Aber darauf kommt es ja auch nicht an.

    Nein, es kommt auf die Erinnerung an den Menschen an. Mein Herz ist voll von manchen Erinnerungen an vertraute Menschen, die mir voraus gegangen sind. Viele Menschen behalten nur Gutes in ihrer Erinnerung, verklären den Verstorbenen. Das ist nur zu verständlich, heißt es doch Abschied und nicht Abrechnung. Mir ist es heute wichtig, den ganzen Menschen zu sehen .. Illusionen mag ich mir nicht leisten, weder bei den Lebenden noch bei den Toten.

    Seit Jahren schon erlebe ich einen Abschied „auf Raten“ bei meinen greisen Eltern. Es ist schwer zu beschreiben … ich beobachte, wie sie mit ihrem körperlichen Verfall umgehen, tue, was getan werden muss, weil sonst niemand da ist. Auch hier hat der Schutz vor Illusionen erste Priorität für mich …

    Sei herzlich gegrüßt.

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    1. Anhora Autor

      Lieber Reiner, ich kann mir gut vorstellen, wie es ist, deine Eltern in ihrer letzten Lebensphase zu begleiten. Ich habe meiner Mutter nach einem Schlaganfall 7 Jahre lang beim Wenigerwerden und Sterben zusehen müssen. Zusätzlich hatten wir ein kompliziertes Verhältnis, für Illusionen blieb da wenig Platz. Aber weißt du was? Wenn eine Frau ein Baby bekommt, ist es sehr schmerzhaft. Trotzdem bekommen die meisten Frauen ein zweites Baby, weil sie den Schmerz einfach vergessen. Er ist nicht mehr wichtig nach der Geburt.
      So ist es auch mit dem Tod. Man vergisst viel von dem Kram, der einmal Kummer bereitet hat. Was bleibt, ist ein Kern, der im Fall meiner Mutter ziemlich leuchtet, heute noch. Deshalb brauch ich auch keinen Andenkenkult. Die Mülltüten tun’s. 😉

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  5. Carola

    Mein Schwiegervater war ein „schwieriger“ Mensch. Erst nach seinem Tod habe ich verstanden, dass seine unbeholfene Art Gespräche anzuknüpfen war, sich über irgendetwas zu beschweren. Aber kurz vor seinem Tod besuchten wir einen Flohmarkt in einem Altenheim zusammen und da gab es eine wunderbare, alte Matrioschka – ich war total begeistert, hatte aber kein Geld dabei und wollte mir die 20 Euro für die schönen Püppchen bei ihm ausleihen. Er schenkte sie mir mit den Worten: „Ich verstehe zwar nicht, dass man für so etwas Geld ausgeben kann, aber ich schenke sie dir, wenn es dir Freude bereitet.“ Die Matrioschka steht heute auf meinem Regal, von meinem Bett aus kann ich sie sehen und immer wieder denke ich freundlich an den alten Hagestolz… nie würde ich sie hergeben, höchstens meinerseits vererben…

    Liebe Anhora, in 40 Wochen sind die Mülltüten alle. Bestimmt findet das deine Mama klasse, dass du sie so gewissenhaft aufbrauchst. Aber die Erinnerung an deine Mama, die bleibt, auch ohne die Tüten. Ich könnte mir sogar vorstellen,d ass sich das bei dir inzwischen automatisiert hat – Mülltüte wechseln, an Mama denken – ob das noch „ihre “ Mülltüten sind oder nicht, ist inzwischen vielleicht egal … Liebste Grüße!

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    1. Anhora Autor

      Liebe Carola, danke für diese herzerwärmende Geschichte über die Matroschka! Es zeigt in wenigen Zeilen viel über diesen Mann und über dich. Wie schön, dass du die Puppe in Ehren hätst und damit auch deinen Schwiegervater. 🙂
      Ja, die Mülltütengrüße werden aufhören und vielleicht hast du recht: Meiner Mutter ist es durchaus zuzutrauen, dass sie mir auch durch selbstgekaufte Mülltüten zuwinkt, einfach weil es Mülltüten sind für den Kosmetikeimer (bei Normalgrößen hatte ich komischerweise nie weitere Gedanken). Daran hatte ich noch gar nicht ! 🙂
      Lieber Gruß!

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  6. Manfred Voita

    Es sagt sich so leicht, dass jemand oder die Erinnerung an jemanden in uns fortlebt, aber es sind die kleinen Dinge, die Anlass zur Erinnerung geben, die uns innehalten lassen. Bei mir ist das z. B. eine Karte mit einem handschriftlichen Geburtstagsgruß meiner Mutter.

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    1. Anhora Autor

      An solchen „Kleinigkeiten“ merkt man eben, dass man einmal miteinander verwoben war, und dass nun der andere Faden fehlt. Eine Geburtstagskarte ist natürlich ansehnlicher, aber eine Rolle Abfalltüten bewirkt tatsächlich Dasselbe. 😉

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