Formsache

Da sitzen wir mit einem Freund in der Kneipe, und der starrt plötzlich alarmiert auf die andere Seite der Theke. Dort steht ein mittelgroßer Mann mit Kugelbauch und strähnigem Haar, der teilnahmslos in sein Bier schaut.
„Schau mal, was der da drüben anhat!“ schnaubt unser Freund.
Es ist ein dunkler Rollkragenpullover, ich komme nicht mit. Da dreht der Freund die Schulter nach vorne, zeigt auf seinen Oberarm und den Aufnäher am Ärmel:
„Das ist Stone Island!“
Die Marke sagt mir nichts, aber seine Stimme lässt erahnen, dass nur ausgewählte Leute sie tragen können, dass nicht jeder über das entsprechende modische Insiderwissen verfügt, schon gar nicht über das Geld für die kostspielige Anschaffung. Außerdem ist es wahrscheinlich gesetzlich vorgeschrieben, dass nur coole Leute diese Marke überhaupt erwerben dürfen.

Der Mann gegenüber gehört nicht zu dieser Personengruppe, das ist klar. Er ist sozusagen der uncoolste Pulloverträger in dieser Kneipe und macht alles andere als einen wohlhabenden Eindruck, aber nun sehe ich es auch: Er trägt dasselbe Label am Ärmel.
„Fake!“ ruft unser Freund aufgeregt, „vom Straßenmarkt im Urlaub mitgebracht, oder Internet-Ramsch, alles Fake!“
Da tut er mir Leid. Er bezahlte viel Geld für dieses Kleidungsstück und den mitgelieferten VIP-Platz in seiner Welt. Geld, das er nicht so richtig hat, da erwerbsunfähig und auf Rente angewiesen. Und nun das.

Wie wichtig ist euch Kleidung? Es muss nicht Designermode sein, aber mit einer neuen Bluse oder schicken Schuhen fühle ich mich auch besser in Form als in abgegriffenen Sachen. Deshalb ziehe ich morgens nie irgendwas aus dem Schrank. Geht euch das auch so?

38 Gedanken zu „Formsache

  1. Stephanie Jaeckel

    Meine Mutter war Verkäuferin in einem Geschäft für Damenmode (von Boutique war das damals noch meilenweit entfernt). Ich habe durch sie früh gelernt, was gute Kleidung und vor allem Stil von schlechter Kleidung oder bloßem Anziehen unterscheidet. Sie war immer gut angezogen und wusste auch bei anderen Frauen sofort, was ihnen steht und was nicht. Ich finde das nicht unwichtig, ziehe mich selbst gerne gut an (allerdings längst nicht jeden Tag), vor allem mag ich, wenn Leute, die ich treffe, gut angezogen sind. Es gefällt mir. Das müssen keine Markenklamotten sein. Ich mag es eher, wenn Frauen und Männer gut mischen können, also ihren eigenen Stil haben. Mode hat es was mit Fantasie zu tun. Und mit Inszenierung. Mit einem selbst. Mit Humor. Mit gutem Geschmack. Über den Pullover, den mein Gegenüber trägt, kann ich schon viel über diese Person erfahren. Irrtümer ausdrücklich eingeschlossen. Insofern mag ich Mode. Aber natürlich ist es o.k. (und mehr als das), wenn meine Freund/innen da nicht so drauf sind. Mein Schatz allerdings zieht sich gerne gut an. Wahrscheinlich ein Punkt, weshalb ich ihn gerne mag und gerne immer wieder anschaue…

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    1. Anhora Autor

      Liebe Stephanie, vielen Dank für diese differenzierten Ausführungen dazu, wofür Kleidung stehen kann. Durch deine Mutter hast du sicher einen geschulteren Blick darauf. Interessant, wie sich die Einstellung zur Kleidung auch verändern kann im Lauf eines Lebens. Ich gehörte z.B. eher zu den „Anziehern“, wie du es so treffend nennst. Seit ein paar Jahren arbeite ich aber mit einigen Russinnen im Büro. Sie haben mir vorgelebt, wie man sich durch Kleidung und Aussehen als Frau inszenieren kann und wie schön das ist. Für diese Lektion bin ich dankbar. 🙂
      Lieber Gruß

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  2. daserwachsenekind

    Ich finde Kleidung sehr wichtig. Aber das eher für mich als für andere. Durch Kleidung kann man sich dazugehörig fühlen. Man kann sich ausdrücken und täglich in andere Rollen schlüpfen. Auch kann man sein aktuelles Gemüt unterstreichen. Kleidung bei anderen: Ich freue mich immer über gut angezogene Menschen, Menschen die das oben genannte zelebrieren. Natürlich denkt mein Kopf zuerst auch immer in Schubladen aber ich habe gelernt diese einfach wieder zu schließen. Denn es gibt auch einfach Menschen die darauf keinen Wert legen. Und trotzdem sind sie vielleicht ganz wunderbar. Kleidung als Statussymbol geht natürlich auch, aber ich sehe keine Notwendigkeit in Statussymbolen und halte es für Quatsch.

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    1. Anhora Autor

      Hallo, danke für deinen Besuch auf meinem Blog und für deine Gedanken, ich freu mich. 🙂
      Es kamen bisher vor allem Kommentare dazu, dass Kleidung in erster Linie praktisch und bequem, natürlich auch ansprechend sein sollte. Aber genau wie du finde ich, dass Kleidung mehr ist als das, und du hast es gekonnt zusammengefasst. Auch ich bin mit einer neuen Bluse jemand anders, ich fühle mich darin ein kleines bisschen besser. Deshalb bin ich tolerant gegenüber solchen, die Markenklamotten tragen: Sie fühlen sich damit sicher noch viel besser. Manche kaschieren vielleicht etwas damit und dummerweise brauchen sie viel Geld für diesen Stimmungsaufheller. Aber was solls? Besser als Drogen oder Alkohol ist es allemal.
      Lieber Gruß!

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  3. Flohnmobil

    Marken? Wegen mir wurden sie gewiss nicht erfunden.
    Bekleidung muss praktisch sein, bequem, mir gefallen – aber das tut sie auch ohne bestimmtes Label. Mittlerweile weiss ich zwar, bei welchen Marken mir die Jeans am besten passen, in welchen Skiklamotten ich weniger friere und wo meine Füsse Platz finden. Aber hier herrscht absolut der Pragmatismus vor!

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    1. Anhora Autor

      Lieber Ernst, mit einem neuen Kleidungsstück fühlt man sich ja gleich selbst ein bisschen neuer, ich mag es auch. 🙂
      Sehr teure Mode würde ich nicht kaufen, egal wie schön sie ist. Aber es gibt ja noch viele andere, bezahlbare gute Marken.
      Lieber Gruß

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    1. Anhora Autor

      Liebe Hausfrau Hanna,
      eine hübsche Farbe oder ein vorteilhafter Schnitt gehören bei mir auch dazu, aber in erster Linie sehe ich es wie du: bequem zu tragen muss alles sein, und dazu braucht es keine teure Marke.
      Kuschelweiches Grüßle,
      Anhora

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  4. Varis

    Kleidung muss bequem sein und ordentlich aussehen, d.h. ich würde nicht unbedingt mit „abgerissenen“ Klamotten vor die Tür gehen. Aber Marken? Braucht kein Mensch. Und ehrlich gesagt würde mir nicht im Traum einfallen, für irgendwelche Labels als lebendes Werbeplakat durch die Gegend zu laufen und dafür auch noch ein Haufen Geld zu bezahlen. Ich finde Klamotten mit irgendwelchen dominant-sichtbaren Brands drauf wirklich oberpeinlich. Das zeigt für mich nicht, dass der Besitzer viel Kohle hat, sondern dass er zum eher einfältig-oberflächlichen Bevölkerungsanteil gehört. Für mich Leute, um die ich lieber gerne einen Bogen mache.
    LG, Varis

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    1. Anhora Autor

      So dachte ich bisher auch: Was für Leute haben es nötig, Marken zur Schau zu stellen? Unverständlich.
      Nach diesem Abend in der Kneipe sehe ich es etwas menschlicher. Marken sind einfach eine (vermeintliche) Aufwertung, und manche Menschen brauchen das. Sie sind velleicht nicht unbedingt einfältig, sondern manchmal nur unglücklich, weil das Leben es ihnen schwer gemacht hat. Da schafft sich jeder sein eigenes Ding, um sich besser zu fühlen. Marken wären es für mich auch nicht, aber wer weiß? (sag ich mal so aus meinem halbwegs gelungenen Leben heraus.) 😉
      Lieber Gruß

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  5. Mallybeau Mauswohn

    Liebe Anhora!

    Ha die Marke han i au no nie ghert. Also äbbes sündhaft deires dät i mir nie kaufa. Mir send jo Schwoba, gell. Abr Kwalidäd muss s nadierlich scho au han. Wenn i drhoim romlauf, han i moischtns Sacha a, die au dreggig werda kennat. S muss jo gschafft werda. Ond wemmr ens Schdädtle goht, no kommt äbbes schigges an d Reihe. Was hosch Du heit o? 🙂

    Grüßle von dr Alb
    Mallybeau

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    1. Anhora Autor

      Liebe Mallybeau, i machs wie du: Dahoim muss es bequem sei. I hon heit a kuscheligs Jersey-Kleidle an und a luschdige schwarzgmuschderte Wollstrumpfhos. Däd i nie anzieh wenn i naus gang aber dahoim gfallts mir. 🙂
      Anonschde geb i zu i kauf eher günschdigere Sache. Klingt arg Schwäbisch, i woiß … 😉
      Was hosch du heit a?

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  6. Reiner

    Unwichtig. Ich trage meine Klamotten, bis sie „fertig“ sind. Dabei achte ich darauf, dass sie sauber sind und falls, nur wenig nach mir riechen 🙂 Marken ? Manchmal ja, manchmal nein. Unwichtig eben.

    Lieben Gruß & einen guten Samstag Dir !

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    1. Anhora Autor

      Interessant, dass praktisch niemand der Kommentierenden hier Wert legt auf Marken. Mir gehts ja auch so, ich muss mich nicht durch Marken aufwerten. Der Bekannte aus der Geschichte gehört zur jüngeren Generation und es gibt wenig, was er zurückblickend als Erfolg sieht. Das mag eine Rolle spielen.
      Lieber Gruß zurück aus dem regnerischen Süden!

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  7. mannisfotobude

    Ich denke zwischen den Markenklamotten gibt es auch Unterschiede. Ich muss kein T-Shirt kaufen für 5.-Euro aber auch keines für 60.-Euro ! Ich tendiere da eher zum Mittelmaß und da bekommt man dann schon ein Marken T-Shirt mit guter Qualität. Es sollte ja auch ein paar Jahre halten und nicht nach einer Wäsche wie ein Lappen aussehen. I ch bin mit dem Mittelmaß die letzten Jahre gut gefahren und werde dies auch so beibehalten.
    PS: Das mit dem Wohlfühlen steht auch natürlich an erster Stelle !!!!

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    1. Anhora Autor

      So halte ich es auch: irgendwas in der Mitte. Allerdings hab ich die Träger von Markenlabels immer ein bisschen belächelt. Zu unrecht, wie mir klar wurde. Wenn es jemandem guttut, hat es seine Berechtigung, auch wenn ich persönlich es nicht brauche. Vielleicht hab ich einfach Glück gehabt und kann andere Dinge vorweisen.

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      1. mannisfotobude

        die Frage stellt sich bei mir immer wieder , wo werden die Klamotten gefertigt ? Ein T-Shirt für 5.-Euro kann weder in Europa noch unter normalen rechtlichen Arbeitsbedingungen hergestellt werden. Du weißt was ich damit meine !!!
        Sicherlich wird Markenkleidung auch im Ausland gefertigt aber ich denke hier werden die Bedingungen und Gesetze eingehalten. Hoffe ich auf jeden FAll !

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  8. ☼aktiv☼60plus☼

    Es muss wirklich nicht immer ein bekanntes Label sein, aber ich habe schon festgestellt, dass ich bei Schuhen z.B. sehr auf gute Qualität und auch die Marke achte. Sie sind einfach anderes gearbeitet als diese „Wegwerfschuhe“. Oder bei viel getragenen Jacken, z.B. meiner leichten Steppjack, die sehr teuer war, stelle ich fest, die sieht immer noch aus wie neu, auch nach vielem Tragen und Waschen.
    Es gibt aber auch so Ticks, z.B. teure Taschen mit gut sichtbarem Label – YSL, MK, MCM oder so, die sind ein Statussymbol und für manche halt einfach wichtig. Dafür aber auch schw……teuer.
    Schlimm finde ich, dass sehr viele mit solchen Taschen durch die Gegend marschieren und die alle nicht echt sind, sondern wirklich Kopien aus China oder der Türkei.
    Ich achte ziemlich auf die Verarbeitung bei Klamotten, auf den Stoff und evtl. auf Bio-Qualität bei Baumwolle.
    Liebe Grüße, Sigrid

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    1. Anhora Autor

      Liebe Sigrid, danke für deinen Kommentar! Ich persönlich würde niemals Geld für teure Marken ausgeben, diese Art von Status brauche ich nicht. Aber ich mag schon gerne modische Kleidung (moderat) und fühle mich darin ganz anders als in sog. „Alltagskleidung“. Es ist mehr als die Textilien, die man trägt. Für die einen ist es auch das gute Gefühl, hochwertige Qualität auf dem Leib zu haben, andere möchten attraktiv sein, wieder andere wollen zu bestimmten gesellschaftlichen Schichten gehören. Es hat irgendwie alles seine Berechtigung.

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      1. ☼aktiv☼60plus☼

        So ist es! Und so sei es! Ich gestehe, dass ich sehr auf schöne Taschen stehe und auch viele habe, obwohl ich mir zwischenzeitlich nicht mehr ständig neue kaufe wie früher! Ich bin da viel entspannter geworden, obwohl ich im Hinterkopf immer „Taschenwünsche“ habe und meine gerne „ausführe“ . Immer passend zum jeweiligen Outfit.
        Bei den Klamotten allerdings bin ich eher praktisch „gepoolt“, aber schick und modisch darf es ruhig sein (auch mit 66). Langweilig geht gar nicht, lieber manchmal ein kleiner Paradiesvogel 🙂 🙂 Schönen Sonntag! Sigrid

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  9. Ulli

    Mir ist wichtig, dass meine Kleidung aus reiner Baumwolle/Wolle sind, dass ich mich in ihnen wohlfühle, Marken sind mir vollkommen egal! Viele Kleidungsstücke begleiten mich schon viele Jahre, lieber gebe ich ab und an mehr Geld aus, weiß dann aber um ihre Qualität, Ausnahmen sind ab und an T-Shirts, zwar sollten sie auch BW sein, aber da nehme ich auch mal ein preiswerteres mit, was sich dann oft nicht lohnt, es verzieht sich und bekommt schneller Löcher als andere.

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    1. Anhora Autor

      Liebe Ulli, in erster Linie soll man sich natürlich wohlfühlen mit der Kleidung. Aber die Frage ist: Ist es wirklich nur das Material und der bequeme Schnitt, oder spielt die Optik eine größere Rolle als zugegeben?
      Nach der Episode mit dem Freund (bei der man zunächst lachen möchte) wurde mir klar, dass KLeidung für mich auch eine willkommene Fassade ist.
      Ist das bei dir nicht so?

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      1. Ulli

        Ich habe schon seit einigen Jahren meinen Stil nicht mehr geändert. Als ich letztens eine neue Hose trug, meinte meine Tochter: aaah, eine Ullihose. Natürlich spielt dabei auch die Optik eine Rolle, aber ich verkleide mich nicht (mehr).

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        1. Anhora Autor

          *lach* Du trägst also Ullihosen! Das klingt nach einem eigenen, individuellen Stil. Offenbar ist die Optik insofern wichtig, als sie zu dir passen muss, wenn auch nicht immer zum aktuellsten Modetrend. Gefällt mir. 🙂

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  10. Frau Landgeflüster

    Ich finde Deinen Hinweis über Deinem Kommentarfeld toll und hoffe, es ist okay, wenn ich auch so einen Hinweis bei mir einbaue?

    Bei mir muss es kein Markenname sein, Hauptsache ich fühle mich wohl. Dabei achte ich schon auf Qualität und hochwertiges Aussehen.

    Liebe Grüße und ein schönes Wochenende.

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    1. Anhora Autor

      Liebe Frau Landgeflüster, selbstverständlich kannst du den Hinweis bei den Kommentaren übernehmen!

      Ja, der Wohlfühlfaktor ist sicher wesentlich bei der Kleidung. Aber der optische Eindruck ist natürlich auch wichtig.

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