Unglaublich

Was vielen von euch bekannt sein könnte, muss jemand wie ich unserer neuen Zeit zuordnen, um es glauben zu können: Eine Platzanweiserin am Eingang der Kirche, ein Desinfektionsmittelspender statt Weihwasser und Gläubige, die gefühlt einen Kilometer voneinander entfernt sitzen. In Zweiergruppen immerhin.

Der Priester schreitet maskiert zum Altar und beginnt mit den Gebeten. Es wird nicht gesungen. Man weiß ja, dass Viren in Aeosolen aus der Atemluft mehrere Meter zurücklegen können. Deshalb spielt ein älterer Organist bei jedem Lied die Einleitungsmelodie, springt dann auf und singt ganz allein – nunmehr unbegleitet – von der Empore herunter alle Strophen durch. (Ohne führende Akkorde hören sich Kirchenlieder schräg an. Oder der Organist kann nicht singen.)

Nach der Lesung und Predigt wendet sich der Priester um und beginnt, seine Hände ausgiebig mit einem Desinfektionsmittel zu walken und und zu kneten, minutenlang, so scheint es mir. Erst dann tritt er wieder zum Altartisch und berührt Kelch, Wein- und Wasserkrug zur Heiligen Wandlung.

Von einem Kirchendiener in Freizeitjacke wird jetzt ein flipchartartiges Gestell herbeigerollt, dessen obere Hälfte aus einer Plexiglasscheibe besteht. Maskiert und mit vorgeschriebenem Abstand stellen sich die Gläubigen im Mittelgang auf und empfangen die Hostie, die der Priester unter der Scheibe durchreicht wie am Fahrkartenschalter eines Bahnhofs.
Zurück zur Bank geht es über die Seitengänge.

Ich besuche selten einen Gottesdienst. Auch dieses Mal kam es nur dazu, weil es sich um eine Trauerfeier für jemanden aus der Familie handelt. Aber was soll ich sagen? Die Messe ist so verrückt wie alles andere, was Corona hervorbringt. Also eigentlich normal.

20 Gedanken zu „Unglaublich

    1. Anhora Autor

      Ich hoffe die Gläubigen halten wenigstens genug Abstand in der Kirche. Ich habe gehört, dass laut Sprechen und Singen tatsächlich hochriskant ist, die Viren weit zu verteilen.

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  1. eimaeckel

    Das katholische Ritual ist ja nie vernünftig gewesen. Ich meine: Der Leib Christi, der sich in dünne Oblaten verwandelt… Aus einem Kelch darf man ja schon lange nicht mehr trinken. Ich glaube, das wurde mit der Pest abgeschafft. Mir tat der Pfarrer immer leid, wenn er am Ende der Kommunion den Kelch mit Wein allein auf einen Zug leeren musste. Wie schaffte er es, danach ohne zu lallen den Rest des Gottesdienstes sauber über die Bühne zu bringen? Das war das wahre Wunder.

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    1. Anhora Autor

      Das Weintrinken machen die Evangelischen aber immer noch, dachte ich? Ich war mal in einer großen Anglikanischen Kirche (St. Paul’s Cathedral) und habe dort zum ersten und einzigen Mal während eines normalen Gottesdienstes aus einem Kelch getrunken. Der Priester hielt einem den Kelch an den Mund und wischte ihn nach jedem Schluck einer Person mit einem Tuch ab. Da möchte man nicht wissen, was auf dem Tuch alles so herumhängt …
      Aber sowas stärkt das Immunsystem, sag ich immer. Ich bin da nicht so pingeling. Und für den Priester war sicher nicht mehr viel übrig am Ende. 😉

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    1. Anhora Autor

      Für manche ist die Gemeinschaft sicher wichtig. Dafür ist die Kirche ja auch da, wenn es nicht gar die wichtigste Funktion ist. In der Kirche triffst du aber immer Leute, die du kennst. Jedenfalls in den kleineren.

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        1. Anhora Autor

          … und umarmen! Das fehlt mir sehr, im Büro vor allem. Wir mögen uns einfach und können es nicht mehr richtig zeigen. Alles so kompliziert.
          Aber um überhaupt andere Menschen zu sehen und mit ihnen zu sprechen – dafür eignen sich die klein gewordenen Gruppen in den Kirchen schon. Habs ja gerade erlebt, die kannten sich alle, und ich fand das schön.

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  2. Pit

    Danke, fuer diese Beschreibung unseres „neuen Alltags“. Gibt einem wirklich zu denken wie das weitergehen wird.
    Einen schoenen Restsonntag wuensche ich Dir,
    Pit

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