Archiv des Autors: Anhora

Über Anhora

Erlebtes und Nachgedachtes einer ü50erin mit Bodenhaftung. Ich erzähle von kleinen Begebenheiten und gelegentlichen Reisen, was mir gerade einfällt.

Eine gemeinsame Sprache finden

Im Schrebergarten: Das Grundstück neben unserem Areal wird von einem internationalen Ehepaar bewirtschaftet: Sie stammt aus Tschechien, er aus England, beide leben seit Jahrzehnten in Deutschland. Ihr Mann spreche fließend tschechisch und sie überhaupt kein Englisch, erzählt die Frau hinter dem Johannisbeerstrauch, und dass sie tschechisch oder deutsch miteinander reden. Dieses Deutsch höre ich, wenn die beiden im Garten werkeln. Weder er noch sie beherrschen die Grammatik so richtig, und auch die Wortwahl ist mitunter … überraschend. Sie haben sich ihre eigene Sprache gezimmert: fehlerhaft, aber keiner merkts und niemanden störts. Man muss nicht alles können.

 

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Der Golem von Prag

Vor langer Zeit lebte in Prag ein alter Rabbi namens Judah Löw. Damals wurden jüdische Menschen verfolgt und angegriffen, weil sie angeblich das Blut kleiner Kinder vergossen für ihre religiöse Riten. Um seinen Mitbürgern zu helfen, erschuf der Rabbi aus Lehm von den Ufern der Moldau eine riesige Gestalt, den Golem. Er hauchte ihm durch magische Zahlen- und Buchstabenfolgen Leben ein und schrieb das Wort „emet“ auf seine Stirn, „Wahrheit“.

Der Golem gehorchte dem Rabbi und beschützte die Menschen im jüdischen Ghetto. Mit der Zeit wurde er jedoch immer brachialer und begann sogar, Menschen zu töten. Da versprach man Löw, dass alle Gewalt gegen die Juden aufhören würde, wenn er den Golem zerstören würde. Der Rabbi stimmte zu. Er entfernte den ersten Buchstaben aus „emet“ und so wurde es zu „met“, das Wort für „Tod“. Da wich das Leben aus dem Golem. Die Juden aber durften fortan in Frieden leben.

Diese überlebensgroße Statue steht am Übergang zur Josefstadt in Prag. Wenn man darunter steht, wird einem gruselig, man möchte diesem Wesen des nachts nicht begegnen. Sie zeigt übrigens nicht den Golem, sondern den Rabbi.

Was ist ein Golem?

 

Die klagende Geige

Eins muss ich noch erzählen, und zwar von einem schaurigen Gruß aus der Vergangenheit. Wir hatten die Prager Burg bestaunt (die größte Burg der Welt übrigens, darüber kann man ausgiebig googeln) und hatten schon fast den Ausgang erreicht, da sah ich ein paar Leute durch ein vergittertes Tor starren. Und was sah man da? Ein Skelett, gefangen in einem Foltergerät.

Ich will nicht glauben, dass dort wirklich menschliche Knochen ausgestellt werden, sicher hat sich ein Meister des Plastik-Gruselkabinetts etwas für Touristen einfallen lassen. Das Foltergerät dagegen wird wohl echt sein, und das Ganze befindet sich im Daliborka-Turm. Er wurde 1496 errichtet und nach seinem ersten Gefangenen benannt: dem Ritter Dalibor von Kozojedy, weil der eine Bauernrevolte auf dem benachbarten Gut unterstützt und die Aufständischen bei sich aufgenommen hatte.

Der Legende nach erlernte er in diesem Turmgefängnis das Geigenspiel. Seine Musik sei so berührend gewesen, dass immer mehr Leute ihm Essen und Trinken brachten, um ihn spielen zu hören. Man wagte nicht, den Tag seiner Hinrichtung bekanntzugeben und die Menschen erfuhren vom Tod des großmütigen Dalibur erst, als seine Geige verstummte.

Sein Schicksal inspirierte später Friedrich Smetana zu seiner Oper Dalibor, und bis heute gibt die Redensart: „Die Not hat Dalibor das Geigenspiel gelehrt“, wenn man etwas gegen seinen Willen tun oder zugeben muss.

Hasch mich!

Was hat es in Prag nur mit all den Cannabis-Produkten auf sich? In den Auslagen sieht man Kekse, Schokolade, Lutscher, Bonbons – ich denk, ich bin in Amsterdam! In vielen Läden und Souvenirshops stapeln sich die grünen Produkte mit dem Hanfblatt drauf, dabei ist der Besitz von Haschisch in Tschechien genauso verboten wie bei uns. Ich hätt ja was mit nach Hause gebracht, traute mich aber nicht …

In irgendeiner Tiefe des Internets las ich, dass für diese Waren kein “Drogenhanf“, sondern “Nutzhanf“ verwendet wird. Bei dessen minimalem THC-Gehalt (man liest sich ja ein) finge höchstens eine Fliege an zu kichern. Nach Genuss eines kompletten Cookies, versteht sich.

Wozu also diese merkwürdigen Cannabiswaren in den Regalen? Doch nicht etwa, um doofe Touristen reinzulegen?

Prager Sonne, Santa Casa und Conchitas Inspiration

Conchita Wurst muss hiergewesen sein, bevor sie sich zu ihrem legendären ESC-Auftritt entschloss: In der Loretokirche in Prag. Hier gibt es Spektakuläres zu sehen, und ich fange mal mit einer der merkwürdigsten Heiligen an.

Diese Statue zeigt also nicht Conchita, sondern die Heilige Kümmernis. Sie hieß Wilgefortis und war die Tochter eines heidnischen Königs. Als sie sich zum christlichen Glauben bekannte, gelobte sie, jungfräulich zu bleiben wie die Gottesmutter Maria. Da ihr Vater sie gegen ihren Willen verheiraten wollte, betete sie zu Gott, er möge sie verunstalten und so die Ehe verhindern. Gott erhörte das Flehen und es wuchs ihr ein Bart. Der Vater ließ sie daraufhin „nach Art ihres gekreuzigten Gottes“ hinrichten.
Die Heilige ist Patronin unglücklich verheirateter Frauen.
Die ganze Geschichte

Aber eigentlich geht es in der Wallfahrtskirche Prager Loreto um die Santa Casa.

Das ist eine Nachbildung des Hauses der jungen Maria, dessen Original der Legende nach von Engeln aus Nazareth ins italienische Loreto transportiert wurde, um es vor Zerstörung zu schützen. Angeblich befinden sich hier in Prag zwei Balken und ein Ziegelstein aus dem „Original“. Die rote Innenausstattung schien mir etwas schwülstig für eine junge Frau, aber es mag den Geschmack der Zeit bei der Errichtung wiederspiegeln.

Mit schwarzer Madonna wie im Original in Loreto, Italien.

Mehr darüber

Nun zu einer Schatzsammlung, die ihresgleichen sucht. Sie enthält Kleinode, Juwelen und andere märchenhafte Kostbarkeiten. Weltberühmt ist die Prager Sonne, eine 1699 in Wien gefertigte Monstranz aus vergoldetem Silber, die mit 6222 echten Diamanten geschmückt ist. Da kriegt das Herz einer Frau Aussetzer!

 

Mehr zum Prager Loreto

Natürlich muss man nicht bis nach Prag fahren für ein bisschen Loreto. Sowas haben wir zu Hause um die Ecke auch! Wenn auch ein bisschen kleiner.

 

„Give Peace a Chance“ in der Tschechoslowakei

Die John-Lennon-Mauer

John Lennon war nie in Prag und trug dennoch zur Befreiung von der kommunistischen Diktatur bei. Als er 1980 erschossen wurde, malte nämlich jemand sein Porträt sowie Zeilen aus seinen Songs auf diese Mauer. Damals war westliche Musik strikt verboten und erst recht John Lennon mit seinen Liedern über Liebe und Freiheit. Die Jugend hörte seine Musik trotzdem, denn sie stand für ihre Wünsche und Träume. Deshalb tauchten im Lauf der Jahre immer mehr entsprechende Bilder, Liedtexte und Botschaften auf dieser Wand auf. Die Behörden ließen alles mehrmals überstreichen, aber es entstanden ständig neue Kritzeleien.
1988 schrieben Jugendliche offene Proteste gegen das Regime an diese Wand. Daraufhin kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Studenten und Sicherheitspolizisten auf der Karlsbrücke.
Es geht hier um mehr als Graffiti: Die Wand ist ein Mahnmal der freien Meinungsäußerung und der friedlichen Rebellion der tschechischen Jugend gegen das tschechoslowakische Regime.

 

Gedenkstätte: Tag des Kampfes für Freiheit und Demokratie

Am 17. November 1989 bildete sich in der damals noch kommunistischen Tschechoslowakei ein riesiger Protestzug, der vor allem aus Studenten bestand und sich gegen das Regime richtete. Er wurde blutig niedergeschlagen und löste damit die sogenannte Samtene Revolution aus, die das Land schließlich in Freiheit und Demokratie führte.

 

Mahnmal für die Opfer des Kommunismus

2002 wurden diese Bronzefiguren installiert. Sie erinnern an die Opfer des Kommunismus in der Tschechoslowakei zwischen 1948 und 1989. Ein Bronzestreifen, der entlang der Mitte der Gedenkstätte verläuft, zeigt eine tragische Statistik:

205.486 verhaftet
170.938 ins Exil gezwungen
4500 im Gefängnis gestorben
327 auf der Flucht erschossen
248 hingerichtet
(Quelle: Wikipedia)

 

Angesichts all dessen werde ich wieder einmal demütig und dankbar dafür, dass ich in einem freien Land leben darf.

Der Fünfsterne-Heilige

low-Prag-Nepomuk

Wer in Prag die Karlsbrücke überquert und unter der Statue des heiligen Nepomuk die Figur eines Hundes berührt, dessen Wünsche gehen in Erfüllung. Nichts wie hin, dachte ich, egal ob etwas dran ist oder nicht. Ich glaube an Energien, und wenn das Streicheln eines Bronze-Reliefs etwas in Bewegung bringt, dann mache ich das.

Nepomuk lebte im 14. Jahrhundert und war der Beichtvater der attraktiven Königin Sophie. Der Legende nach wollte ihr eifersüchtiger Gatte, König Wenzel IV., von Nepomuk wissen, was sie gebeichtet hatte. Doch dieser schwieg, selbst unter Folter, und so wurde er gefesselt und in die Moldau geworfen. Später fand man seine Leiche im trüben Flusswasser und es sollen sich fünf goldene Sterne über ihr befunden haben. Diese deutete man als die fünf Buchstaben des lateinischen Wortes „tacui“: „Ich habe geschwiegen.“
Der Heilige Nepomuk gilt als Schutzpatron der Verschwiegenheit, aber auch der Schiffer und Flößer.

Auf dem Relief sieht man die beichtende Königin, im Vordergrund den König mit seinem Hund. Aber halt – das riesige Tier soll später seine Gattin zerrissen und getötet haben. Und das soll Glück bringen??
Außerdem handelt es sich bei dem Relief um eine Kopie, das Original befindet sich im Museum. Was ist nun mit meinen Wünschen (eigentlich habe ich derzeit nur einen) – wird er sich erfüllen?

Vorsichtshalber drängte ich mich zwischen ein paar Touristen hindurch zu einem weiteren Nepomuk-Bild. Auch dieses habe ich berührt, sicher ist sicher.

Ein Schloss habe ich aber nicht drangehängt!
An dieser Stelle der Karlsbrücke soll Johannes Nepomuk in den Fluss geworfen worden sein.

Die Karlsbrücke: