Archiv des Autors: Anhora

Über Anhora

Erlebtes und Nachgedachtes einer ü50erin mit Bodenhaftung. Ich erzähle von kleinen Begebenheiten und gelegentlichen Reisen, was mir gerade einfällt.

Männersache

Neulich im Büro: Ich sitze an meinem Schreibtisch im Empfangsbereich, da kommt der Lehrer aus dem vorderen Unterrichtsraum und stützt einen Kursteilnehmer. Er kann kaum mehr gehen. Sie lassen sich auf das Sofa im Aufenthaltsbereich sinken, die Abteilungsleiterin kommt aus ihrem Büro und blickt den etwa vierzigjährigen Syrer besorgt an. Der Mann wendet sich ab, vergräbt sein Gesicht in den Händen und spricht kein Wort.

Wir bringen ihm Wasser, einen Schokoladenriegel und versuchen zu erforschen, was los ist. Ein anderer Teilnehmer, ein sanfter junger Mann, der ebenfalls aus Syrien stammt und gerade hereinkommt, setzt sich zu ihm und redet auf ihn ein. „Schwindelig“, sagt er dann zu uns und deutete auf den Mann neben sich, „atmen nicht gut“.

Ich öffne die Fenster und lasse frische Luft herein, die Leiterin tätschelt seine Hand und beruhigt ihn. Der an sich große Mann sitzt ganz klein da und verbirgt immer noch sein Gesicht. Er weint. Er weint still vor sich hin, und hört gar nicht mehr auf.

Ich habe im öffentlichen Bereich noch nie einen deutschen Mann weinen gesehen. Und wenn, dann wären es Frauen, die sich – wie hier – kümmern. Aber keine der syrischen Frauen kommt. Nur Männer. Eine ganze Gruppe wartet mit ihm auf die Ambulanz. Einer von ihnen begleitet ihn, als er abgeholt und zur Beobachtung ins Krankenhaus gebracht wird.

Der Syrer hat in der Vergangenheit ein Auge verloren, und in ein paar Tagen wird ihm ein künstliches Auge eingesetzt. Vielleicht hat er einfach Angst.

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Heute bei herrlichem Sonntagsspaziergang

Los gings im Bett,
war schon im Bad,
bin an der Küche vorbei
und jetz grad auf dem Weg zum Sofa.
Wetter macht auch mit.
 

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PS: Nein, die Bilder stammen leider nicht vom trauten Heim, sondern von den Bed&Breakfast-Unterbringungen während unserer Wanderung am Hadrianswall entlang. Träumen darf man ja. 🙂

Kulturaspekte

Auf einer Bahnhofstoilette in Basel erlebte ich kürzlich die weibliche Mentalität im Allgemeinen und die schweizerische im Besonderen: Nach der Ankunft mit dem Zug musste ich nämlich aufs stille Örtchen, wo allerdings schon etwa zehn Frauen vor vier besetzten Kabinen warteten. In dem engen Vorraum war Schlangestehen unmöglich und so stellte man sich irgendwo hin. Ich merkte mir nur die Frau, die vor mir eingetreten war, eine Inderin im roten Sari.

Wenn eine Kabine frei wurde, löste sich aus dem ungeordneten Haufen immer genau eine Frau und begab sich zur Toilette. Anscheinend wusste jede, wann sie an der Reihe war. Doch einmal geriet der Ablauf ins Stocken: eine Kabine war frei geworden, und keine Frau trat vor. Nach wenigen Augenblicken richteten sich ein paar Augenpaare auf die Inderin neben mir und deuteten freundlich auf die offen stehende Tür. Verschämt lächelnd huschte sie hinein.

Wenig später kam sie wieder heraus, trat zum einzigen Waschbecken und wusch sich die Hände. Als ich fertig war und die Kabine verließ, wusch sie sich die Hände immer noch. Ich stellte mich hinter sie und wartete, aber sie rieb und knetete ihre Finger unter dem Wasserstrahl und wollte nicht aufhören. Kein Mensch kann so schmutzig sein, dass man so lange ein Waschbecken belegen muss, dachte ich und sah etwas ungehalten zu.

Das bemerkte eine andere Frau. Sie wandte sich diskret an die Inderin und sagte mit Schweizerischem Akzent: „Nehmen Sie die Hände einfach vom Hahn weg, dann hört das Wasser auf.“ Die Inderin zog ihre Hände zurück, betrachtete kurz das Wunder des versiegenden Wasserstrahls und lachte schüchtern auf.

Während ich nun ans Waschbecken trat, erklärte die Frau der Inderin noch unauffällig das Gebläse zum Händetrocknen.

Liebe Schweizerinnen, ich bin derart beeindruckt, dass ich hier davon erzählen wollte. Nicht nur die Inderin hat an diesem Tag etwas gelernt, sondern auch eine Deutsche. 🙂

Helvetia

Die Allee

Wenn ich einmal durch diesen Tunnel gehe, dann soll er so sein wie diese Allee. Die Kronen der Baumreihen schließen sich über mir, Licht fließt durch das Laub, auf den Feldern liegt dicker Wildkräuterflaum. Es riecht wie nach einem Regenschauer.

Wenn ich durch diese Allee gehe, sind auch andere Menschen unterwegs: zu Fuß oder mit dem Rad machen sie sich auf den Heimweg nach einem langen Tag. Ich bin nicht allein, und das ist gut. Weiter vorne, am Ende der Allee, wird es hell. Vielleicht wartet dort jemand, doch das ist nicht wichtig. Ich setze einen Schritt vor den andern, höre die Vögel singen, es ist ein warmer Tag.

So träume ich manchmal, wenn ich auf dem Weg von der Arbeit nach Hause durch diese lange Allee radle. An ihrem Ende befindet sich ein kleiner Friedhof. Neulich standen wieder Menschen an einem offenen Grab, die Sonne schien ihnen auf die Schultern.

 

 

Wandrer, steh still!

Wandrer steh still!
Dies Haus ist mein und doch nicht mein
Beim zweiten wirds wohl auch so sein
Den Dritten trägt man auch hinaus –
Wandrer sag, wem g’hört dies Haus?

Vor allem in landwirtschaftlich geprägten Gegenden sieht man immer wieder Häuser, auf denen ein Haussegen oder Sinnspruch angebracht ist. Mich interessiert sowas, weil es viel über das Denken der Menschen in der Vergangenheit sagt. Meist spricht viel Demut aus solchen Inschriften. Kennt ihr auch welche?

 

Meeres Stille


Tiefe Stille herrscht im Wasser,
Ohne Regung ruht das Meer,
Und bekümmert sieht der Fischer
Glatte Flächen ringsumher.
Keine Luft von keiner Seite!
Todesstille fürchterlich.
In der ungeheuern Weite
Reget keine Welle sich.

Johann Wolfgang von Goethe

Der Zufall (?) will es, dass ich kurz nach dem plötzlichen Tod eines Kollegen auf dieses Gedicht stieß. Seither lese ich es jeden Tag und verstehe das Meer hier als Sinnbild des Lebens. Vielleicht fühlt man sich wie der Fischer, wenn man hinübergegangen ist.