Archiv des Autors: Anhora

Über Anhora

Erlebtes und Nachgedachtes einer ü50erin mit Bodenhaftung. Ich erzähle von kleinen Begebenheiten und gelegentlichen Reisen, was mir gerade einfällt.

Vorfrühling

Vorfrühling

Härte schwand. Auf einmal legt sich Schonung
an der Wiesen aufgedecktes Grau.
Kleine Wasser ändern die Betonung.
Zärtlichkeiten, ungenau,

greifen nach der Erde aus dem Raum.
Wege gehen weit ins Land und zeigens.
Unvermutet siehst du seines Steigens
Ausdruck in dem leeren Baum.

Rainer Maria Rilke

Ich wünsche euch allen einen schönen,
vorfrühlinghaften Sonntag!

 

Zimmerreisen 02/2021: E wie Eieruhr

Diese Eieruhr brauche ich nicht zum Eierkochen, sondern beim Zähneputzen. Streng genommen ist es also eine Zähneuhr, und sie ist das Ziel dieser Zimmerreise.

Ich suchte einige Zeit nach einer günstigen kleinen Sanduhr zur ausreichenden Zahnhygiene. Man findet diese Uhren aber kaum noch in den Geschäften, elektronische Geräte mit Alarmton sind wohl komfortabler. Aber es muss noch etwas geben, was ich nicht mit dem Handy erledige, deshalb wollte ich beim Zähneputzen eine Sanduhr. Man steht sowieso davor und kann das Ende nicht verpassen.

Dass ich dieses Helferlein doch noch fand, verdanke ich der Tochter. Wir waren im örtlichen Drogeriemarkt unterwegs und sie entdeckte es nicht bei den Haushaltswaren, sondern im Zahnpflege-Regal. Es gab nur Designs für Kinder, deshalb ist diese Eieruhr in Pink und hat oben eine Prinzessin. Die Tochter nahm eine blaue mit Ritter.

So banal die Rolle einer Sanduhr beim Eierkochen oder Zähneputzen ist, so bedeutungsschwer war sie in der Vergangenheit. Jahrhundertelang galt die Sanduhr, auch Stundenglas genannt, als Symbol für Vergänglichkeit.
Die nach unten rieselnden Körnchen machen Zeitfluss, Übergang, Unabänderbarkeit und Tod sichtbar. Wenn das Häufchen unten liegt, ist eine Zeit abgelaufen.

In der Sanduhr unseres Lebens steht für ein Sandkorn bei jedem Menschen ein anderer Wert: ein Monat, eine Woche, ein Tag? Wir wissen es nicht, nur dass sie fallen, und dass wir während dieses Fallens jeden Moment nutzen und das Beste daraus machen sollten.

Damit wir nicht zu melancholisch werden, rasch ein Abstecher zu Professor Horace Slughorns Stundenglas. Er ist Lehrer in Hogwarts (wir sind also bei Harry PotProfessor Slughorns Stundenglaster) und seine Sanduhr ist etwas speziell: der Sand fällt nämlich unterschiedlich schnell.
Maßgebend ist immer ein Gespräch, das gerade stattfindet. Ist es anregend und bereichernd, fließt der Sand langsam. Ist es dagegen inhaltslos und einschläfernd, fließt der Sand schnell. Der Professor ist nämlich ein Genießer und er will seine Zeit nicht mit Nutzlosem verbringen.
Wenn es so etwas gäbe! Da könnte der Partygast am Stehtisch Kollege beim Zoom-Meeting ins Schwitzen kommen, wenn das Häufchen zu schnell wächst, und man stelle es sich erst bei einem Bewerbungsgespräch vor.

Eine Sanduhr kann übrigens auch vor- oder nachgehen. In der Kälte rieselt der Sand nämlich schneller durch, und wenn es sehr warm ist, fließt er langsamer. Wen der physikalische Hintergrund interessiert – hier ist er erklärt.

Erfunden wurde die Sanduhr im 14. Jahrhundert und man brauchte sie vor allem in der Seefahrt. Der Durchlauf eines Glases dauerte 30 Minuten und mit dem Verrinnen des zweiten Glaskolbens nach der Drehung wusste man, wann eine Stunde vorbei war. Daher auch die Bezeichnung Stundenglas.

Meine Eieruhr zeigt fast auf die Sekunde genau drei Minuten an. Da ich sie weder mit dem Haarfön erwärme noch in den Kühlschrank stelle und in meinem Badezimmer weder anregende noch ermüdende Gespräche stattfinden, wird es wohl immer bei den drei Minuten bleiben.
Drei Minuten Zähneputzen = drei Minuten Lebenszeit.
Das macht auch dieser kleine Plastikartikel mit einer Prinzessin obendrauf klar.

 

(478 Wörter)

Regentropfenrätsel

Wer viel Zeit zu Hause verbringt, hat viel Zeit zum Nachdenken. Fragen treten auf, von denen sich manche beantworten lassen, andere nicht. Jedenfalls nicht von mir.

Zum Beispiel beschäftigt mich die Windschutzscheibe meines Autos: Warum sehen bei Regenwetter die Wasserperlen innerhalb der Scheibenwischerfläche anders aus als außerhalb? Dort, wo die Scheibenwischer nicht hinkommen, sitzen winzige Tröpfchen sauber nebeneinander. Wo dagegen gewischt wird, sieht es auf der Scheibe etwas ungeordnet aus. Nass halt, aber ohne System.

Das Bild entstand nach durchregneter Nacht, bevor ich den Motor startete. Scheibenwischerwasser habe ich seit Wochen oder Monaten nicht benutzt, ich weiß gar nicht, ob noch etwas drin ist. Das Glas müsste also außen eine einheitliche Oberfläche haben. Warum formen sich dann scharf abgetrennt unterschiedlich aussehende Wasserperlen? Weiß das jemand?

Zimmerreisen 01/2021: Aroma-Diffusor

Kurz vor Schluss dieser Runde finde ich doch noch etwas mit A: meine heutige Zimmerreise geht zu einem Aroma-Diffusor. Ich bekam ihn vor ein paar Jahren von einem meiner Söhne zu Weihnachten geschenkt. Er hatte selbst so eine Freude daran, dass ich dem Gerät diese Begeisterung heute noch ansehe.

Ich glaube an die Kraft von Gerüchen, sonst könnte mich der Duft von Sonnencreme nicht sekundenschnell an einen Badestrand beamen samt aller körperlich-seelischen Symptome wie Entspannung und Freude darüber, faul in der Sonne zu liegen.
Früher benutzte ich Räucherzeugs für Magie im Raum. Allerdings hat man immer ein bisschen Sauerei damit und natürlich den Qualm, deshalb hat die Räucher-Schatulle den letzten Umzug nicht überlebt. Ich habe ja den Aroma-Vernebler.

Zu ihm gehört eine ganze Kollektion an ätherischen Ölen, aber ich greife fast immer zum selben Fläschchen: Rosmarin.
Rosmarin ist ein mediterranes Gewürz (ihr wisst schon: „Mami, ist das Tanne im Essen?“), dessen Name aus dem Lateinischen stammen soll und „Tau des Meeres“ bedeutet. Schon das genügt, dass ich Rosmarin mag.
Google sagt, dass Rosmarinduft das Gedächtnis verbessert, entspannend wirkt, Ängste und depressive Symptome lindert. Ich spüre aber etwas anderes: Rosmarin riecht so stark, dass er negative Energien vertreibt. Quälende Geister in der Zimmerecke werden zerlegt und gefressen, für mich hat Rosmarinduft etwas Reinigendes.

Wie riecht ein Kuhstall?
Ist euch schon aufgefallen, dass es im Deutschen keine Worte gibt, um Düfte zu benennen? Wie riecht zum Beispiel eine Rose, Kaffee, oder Leder? Das ist nicht überall so: Menschen im malaysischen Regenwald z.B. haben für viele Gerüche so eindeutige Begriffe wie wir für Farben. Vielleicht sind diese Unterscheidungen wichtig für ihr Leben und Überleben.
Gibt es in westlichen Ländern also keine Worte für Gerüche, weil sie in unserem Leben keine Rolle spielen? Oder spielen sie keine Rolle, weil wir keine Worte dafür haben?

Geruchshalluzinationen
Auch das gibt es: So, wie man beim Tinnitus nicht vorhandene Geräusche hört, riecht man bei der Phantosmie nicht vorhandene Gerüche. Ich bin selbst betroffen, denn seit einem halben Jahr rieche ich Zigarettenrauch, wo keiner ist. Ich rauche nicht und niemand in meiner Umgebung raucht, trotzdem rieche ich ständig Zigarettenqualm, als stehe jemand draußen vor dem geöffneten Fenster mit dem Glimmstengel in der Hand. Lästig ist das.

Derselbe Geruch riecht immer wieder anders
Ob man einen Geruch mag oder nicht, hängt übrigens auch davon ab, wie andere ihn finden. Schon der glückliche oder angewiderte Gesichtsausdruck eines Menschen genügt, um die eigene Wahrnehmung zu beeinflussen, und dieser Mensch muss noch nicht einmal anwesend sein. Ein Bild genügt. Mehr dazu

Andersrum funktioniert es auch: In einer Studie bewerteten die Probanden Gesichter als attraktiver, wenn sie zuvor einem angenehmen Geruch ausgesetzt waren. Schönheit liegt also auch in der Nase des Betrachters. Mehr dazu

Besser riechen in der Pandemie
Angeblich werden unsere Nasen derzeit empfindlicher, wenn wir mehr zu Hause sind und weniger Autos bzw. Verschmutzung in der Umwelt eingeatmet werden. Es ist ähnlich als wenn man aus einem Urlaub in den Bergen zurückkommt und plötzlich die Abgase auf der Straße wahrnimmt.
Das Gegenteil ist der Fall, wenn man sich mit Covid-19 infiziert hat. Ein typisches Symptom ist nämlich ein stark eingeschränkter Geruchssinn.

Ich rieche jedenfalls gut, eher zuviel. Infiziert bin ich also nicht und wer weiß – vielleicht zerschießt Rosmarin auch Viren?

 

(540 Wörter)

Zimmerreise 01/2021 – Die Bücherkartei

Bei einer Zimmerreise geht es darum, die gewohnte Umgebung neu zu entdecken. Man reist zu beliebigen Gegenständen in einem Zimmer, betrachtet sie und erzählt ihre Geschichte und Hintergründe. Diese literarische Gattung gibt es seit dem 18. Jahrhundert.
Zu meinen Zimmerreisen inspiriert mich ein Projekt von Pflanzwas und Puzzleblume, mehr dazu hier. Jeder kann teilnehmen und selbst auf die Reise gehen.

Im Januar soll das zu Reiseziel den Anfangsbuchstaben A, B oder C tragen.

Die Bücherkartei

Ihr werdet mich für plemplem halten, denn obwohl ich mit der Digitalisierung keine Berührungsängste habe und ständig mit Apps oder Dateien hantiere, habe ich dennoch eine Bücherkartei. Richtig gelesen: einen Karteikasten mit Karteikarten drin. Die Älteren erinnern sich.

Die Bücherkartei steht seit Jahren in meinem Wohnzimmer.

Auf jeder Karteikarte ist der Titel eines Buchs vermerkt sowie dessen Autorin oder Autor, ein Satz zum Inhalt, zwei Sätze darüber, wie ich das Buch fand, in welchem Land die Handlung spielt und in welchem Jahr ich das Buch gelesen habe. Die Farbe der Karteikarten sagt noch etwas über den Gesamteindruck aus. Gelb z.B. sind die herausragenden Bücher.

Und das kam so:

In der Wohnung meines führeren Lebens gab es ein Arbeitszimmer, das mein damaliger Lebenspartner nutzte. Er saß dort am PC, um Nachrichten und Filme zu sehen und der Raum diente als Lager für seine Sachen: Unterlagen, Eisenbahnbücher, alte Atlanten, ein kleiner Bergmann aus Bronze, Tassen und Teller mit Arsenal-Aufdruck, angefangene Basteleien, Kabel, Werkzeuge, mehr Unterlagen, IT-Gedöns, Zeug eben.

Nach Jahren bat ich meinen Partner um diesen Raum, weil mir dringend ein Rückzugsort fehlte. Er schrie nicht Hurra, war aber einverstanden. Sein PC wanderte ins Wohnzimmer und um Platz zu schaffen für seine „Sachen“, räumte ich im Wohnzimmer den großen Schrank aus. Hier gab es vor allem eines: Meine Bücher. Hunderte.

Sie hatten in dem kleinen Arbeitszimmer keinen Platz, denn es sollte ein luftiger, minimalistischer Ort werden, an dem ich mich wohlfühlen konnte.

Also räumte ich aus. Tagelang. Ein Buch nach dem andern legte ich in Kartons und schenkte sie der örtlichen Bücherei. Man glaubt nicht, wie sehr man sich Büchern verbunden fühlen kann, ich erkannte es erst da. Tränen flossen. Es war nicht leicht. Aber ein eigenes Zimmer war eben wichtiger.

Die Bücher waren also weg, verloren, wenig später schaffte ich mir einen eReader an. Ich wollte nie wieder Bücher weggeben müssen.

Von da an bannte ich jedes gelesene Buch auf eine Karteikarte. Ich brauche das. Ich muss etwas haben, was ich sehen und anfassen kann wie früher die Bücher im Regal. Ich muss wissen, was ich gelesen habe und *dass* ich gelesen habe.

So entstand die Kartei. Sie enthält alle Bücher, die ich seit 2016 gelesen habe. Platzsparend. Weggebsicher.

 

(352 Wörter)

 

Zimmerreise 01/2021 – Collagen

Bei einer Zimmerreise geht es darum, die gewohnte Umgebung neu zu entdecken. Dazu werden Gegenstände in einem Zimmer nacheinander betrachtet und ihre Geschichte erzählt. Diese literarische Gattung gibt es seit dem 18. Jahrhundert. Zu meinen Zimmerreisen inspiriert mich ein Projekt von Pflanzwas und Puzzleblume, mehr dazu hier. Jeder kann teilnehmen und selbst auf die Reise gehen.

Im Januar soll das zu bereisende Objekt den Anfangsbuchstaben A, B oder C tragen.

Collage Feuerspeier

Es gibt nun doch eine Zimmerreise zu einer Station, die Erinnerungen an mein vergangenes Leben auslöst. Ich wollte das vermeiden, aber ich kann auch nicht so tun, als hätte es diese Zeit nicht gegeben. Außerdem habe ich nun einen Begriff mit C.

Es handelt sich um eine Collage, die ich niemals aufhängen würde. Sie liegt in einem Ordner im Wohnzimmer, zusammen mit anderen Werken, die davor und danach entstanden sind.

Auf der Rückseite steht: „Mein Leben geht in Flammen auf, meine Kraft verlodert, verglüht, es wird kalt.“

So war das letztes Jahr im Sommer.

Collagen halfen mir eine Zeitlang, das auszudrücken, was ich nicht in Worte fassen konnte. Wenn ein Bild fertig war, sah ich: „So ist es“, und konnte es ablegen.
Es tauchten neue Dämonen auf, auch diesen gab ich Gestalt in der gleichen Weise. Sie gaben Ruhe und die nächsten erschienen, immer wieder andere. Eine Zeitlang ging das so.

Am wichtigsten bei der Collagetechnik sind mir nicht die Motive, sondern der Hintergrund. Er bestimmt den Eindruck, die Stimmung. Es muss eine ruhige Fläche sein, damit sie nicht von den aufgeklebten Elementen ablenkt. Die Farbe muss der seelischen Verfassung entsprechen, in der ich mich gerade befinde, nur dann wirkt das Ergebnis „therapeutisch“.

Der Hintergrund war deshalb das Einzige, was ich später nicht mehr dem Zufall überließ, d.h. ich nahm nicht mehr das, was gerade da war. Man findet in Publikationen sowieso kaum etwas Ganzseitiges mit sparsamem Design und wenn, dann nicht in der Farbe, die gerade gebraucht wird.

Also stellte ich die Hintergründe selbst her. Ich kopierte dazu einen Ausschnitt aus einer Bilddatei mit Mauer, Himmel, Sand oder was immer, vergrößerte ihn auf A4 und druckte es aus. Dann schnitt ich aus Zeitschriften, Reklameblättchen, Flyern usw. Motive aus, die mich ansprachen.

Egal was man auf einen verhaltenen Hintergrund auflegt: es erzeugt immer einen Effekt, ein kleines Oh-Erlebnis, und auch das half mir: Etwas zu kreieren, was mich berührte.

Der Feuerspeier war meine letzte Collage mit Farben, ihre Einzelteile stammen aus einem Modeprospekt. Die nachfolgenden Werke wurden überwiegend grau und schwarz.

Eines Tages werden wieder Bilder entstehen, auf denen die Sonne scheint. Deshalb darf der Ordner mit diesen Bildern nicht in den Keller wandern, er muss im Wohnzimmer bleiben. Denn die Geschichte ist ja noch nicht zu Ende.

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(379 Wörter)

Die Selbstkritik hat viel für sich

Die Selbstkritik hat viel für sich.
Gesetzt den Fall, ich tadle mich:
So hab ich erstens den Gewinn,
Dass ich so hübsch bescheiden bin;
Zum zweiten denken sich die Leut,
Der Mann ist lauter Redlichkeit;
Auch schnapp ich drittens diesen Bissen
Vorweg den andern Kritiküssen;
Und viertens hoff ich außerdem
Auf Widerspruch, der mir genehm.
So kommt es denn zuletzt heraus,
Dass ich ein ganz famoses Haus.

Wilhelm Busch

Zimmerreise 01/2021 – Mit Bambus stricken

Bei einer Zimmerreise geht es darum, die gewohnte Umgebung neu zu entdecken. Dazu werden Gegenstände in einem Zimmer nacheinander betrachtet und ihre Geschichte erzählt. Diese literarische Gattung gibt es seit dem 18. Jahrhundert.
Zu meinen Zimmerreisen inspiriert mich ein Projekt von Pflanzwas und Puzzleblume, mehr dazu hier. Jeder kann teilnehmen und selbst auf die Reise gehen.

Im Januar soll das zu bereisende Objekt die Anfangsbuchstaben A, B oder C tragen. Da ich vor kurzem umgezogen bin und wenig mitgenommen habe, ist die Auswahl überschaubar. Ich finde also nichts mit A oder C, aber ein zweites Mal eins mit B:

Die Bambusstricknadeln

2021-01-16 Bambusstricknadeln

Ich besitze dieses Stricknadelset seit dem Jahr 2015. Es ist das Jahr, in dem ich die Wohnung meiner Mutter ausräumen musste, weil sie in ein Pflegeheim kam.
Ich ging also durch ihre Schränke und Schubladen und fand unter anderem eine halbe Socke. Aus roter Wolle war ein Sockenbund gestrickt, der an Bambusnadeln hing, was ich bis dahin nie gesehen hatte. Ich kannte nur Nadeln aus Metall, hatte aber seit Jahrzehnten keine Handarbeit mehr angefertigt und war nicht auf dem Laufenden.

Die halbe Socke war von meiner Mutter begonnen worden, ich weiß nicht für wen, aber die Finger waren schwach geworden und so blieb das Werk unvollendet.

Aus dem Blogbeitrag „Schicksal

Seufzend nahm ich auch das mit nach Hause, eine Weile lang lag die Socke herum. Irgendwann nahm ich sie auf und strickte weiter. Was hätte ich damit tun sollen? Es gelang mir aber nur schlecht, Fersen zu stricken ist nichts für Anfänger.
Trotzdem kriegte ich es irgendwie hin und die zweite Socke auch. Als sie fertig waren, brachte ich sie meiner Mutter.

Sie trug sie noch ein paar Monate lang. Dann starb sie und die Socken kehrten zu mir zurück.
Ich weiß nicht, wo sie hingekommen sind, ich habe sie nicht mehr, aber die Bambusstricknadeln sind noch da. Mit ihnen strickte ich noch viele Socken für meine Kinder, früher für den geliebten Briten, heute für Tochter und Schwiegersohn und demnächst für unser Zwergle – das erste Enkelkind, das im März zur Welt kommen wird.
Die Fersen beherrsche ich inzwischen im Schlaf.

Ich habe für Socken niemehr andere Stricknadeln verwendet als dieses eine Spiel aus Bambus, obwohl ich ungefähr fünf Metall-Nadelspiele habe. In manchen Stricksets liegen sie ja bei, ich packe sie nicht einmal aus.
Bambus-Stricknadeln liegen warm in den Fingern und erzeugen beim Stricken nicht dieses leise Quietschen wie Metallnadeln. Vielmehr klingt es beim Aneinanderschlagen wie Holz und es fühlt sich lebendig an in meiner Hand. Deshalb kommt mir nichts anderes in den Strickkorb: Es müssen Bambusnadeln sein, und zwar diese hier.

 

(334 Wörter)

Zimmerreise 01/2021 – Berta, die Kuh

Bei einer Zimmerreise geht es darum, die gewohnte Umgebung neu zu entdecken. Dazu werden Gegenstände in einem Zimmer nacheinander betrachtet und ihre Geschichte erzählt. Diese literarische Gattung gibt es seit dem 18. Jahrhundert.

Zu meiner ersten Zimmerreise inspirierte mich ein Projekt von Pflanzwas und Puzzleblume, mehr dazu hier. Jeder kann teilnehmen und selbst auf die Reise gehen.

Nun zu meiner ersten Etappe:

Berta, die Kuh

Das ist Berta, die Kuh. Ich nenne sie erst seit heute Berta, obwohl ich diese Figur seit vielen Jahren besitze. Der Grund für die plötzliche Namensgebung ist, dass sie nun mein erstes Reiseziel sein kann, denn laut Projektvorgabe sollen im Januar Objekte bereist werden, die mit dem Buchstaben A, B oder C beginnen. Die Kuh hätte also auch Alwine heißen können oder Clara, aber mein erster Impuls war Berta, und so heißt sie nun.

Wie bei jeder Fernreise sind auch die Ziele einer Zimmerreise nicht beliebig. So, wie ich nicht mit dem Fahrrad nach Island reisen kann, weil es zu weit ist, kann ich auch keine Objekte besuchen, die in mir Kummer aufrühren. So fiel die Wahl auf Berta, eine der wenigen Spuren aus meinem früheren Leben, die im letzten Jahr nicht unter Tränen aussortiert und weggegeben wurde. Berta erinnert mich nämlich nicht an eine verlorene Liebe, sondern an eine bestehende, und zwar an die zwischen mir und meiner Tochter.

Vor vielen Jahren stand ich mit ihr in einem Möbelhaus in der Deko-Abteilung, und da wartete Berta. Sie strahlte in einem Regal die Eleganz und Nonchalance einer Diva aus, die keine Zweifel zu haben schien, dass schon bald ein eigenes Heim ihrer Schönheit den Rahmen geben würde. Ich war wie verzaubert.
„Wer braucht schon ein Sparschwein“, wandte ich ein, konnte mich aber kaum von ihr lösen. Schließlich ging ich doch langsam weiter, wandte den Kopf zurück für ein paar letzte Abschiedssekunden, und da tat meine Tochter, was getan werden musste: Sie ergriff Berta, schritt mit ihr zur Kasse und die Porzellankuh wurde mein Muttertagsgeschenk.

Berta hat aber noch eine zweite Funktion. Sie ist nicht nur ein Symbol der Liebe, sondern auch des Reichtums, denn sie hat mein Geld zusammenzuhalten und zu vermehren. Berta ist nämlich mein Feng Shui Geld-Symbol, sie steht hier in der Reichtumsecke. Dachte ich zumindest.
Sie muss einen bestimmten Platz in der Wohnung haben, und zwar im Südosten. Außerdem soll sie regelmäßig gefüttert werden, was freilich per se den Reichtum vermehrt. Es sind aber keine 100-EUR-Scheine, die in den dicken Bauch zu wandern haben, gelegentlich eine Münze genügt. Das Geräusch ihres Auftreffens auf die anderen Münzen im Innern ist es, was den Geldgeist weckt, in meiner Wohnung jedenfalls. Ich spüre sowas.
Außerdem muss ihr Platz sauber, hell und aufgeräumt sein. Gold, Rot, Violett und Grün stehen ebenfalls für Reichtum (ist es Zufall, dass Berta genau diese Farben trägt?).
Durch all das vermehrt sich das Geld auf dem Bankkonto und der allgemeine Wohlstand steigt. So will es das Feng-Shui-Gesetz.

Viele Jahre lang funktionierte es auch. Berta stand am richtigen Platz, obwohl es nicht genau im Südosten war, aber ihr gefiel der Standort. Ich wusste es und hatte keine Geldsorgen.

Aber nun bin ich umgezogen, und alles ist anders. Natürlich muss ich jetzt alleine eine Mietwohnung finanzieren, und Corona-bedingt habe ich meine Arbeitsstelle verloren. Das mag zum Geldmangel geführt haben – oder aber: Berta steht nicht am richtigen Platz. Feng Shui ist ein bisschen eigen, wenn es wirken soll, es sollte schon alles stimmen.
Ich habe Berta im Südosten aufgestellt und füttere sie regelmäßig, sie bekam sogar etwas Hübsches zum Anschauen: Perlenblumen, die zwei Kinder für mich angefertigt haben.
Doch es nützt nichts, meine finanzielle Situation könnte besser sein.
Ich schiebe Berta also von hier nach da, und es fühlt sich immer noch nicht an, als wäre sie am richtigen Platz. Sie muss wohl noch eine Weile wandern, genau wie ich. Irgendwann sind wir sicher beide da, wo wir hingehören.

 

(589 Wörter)

 

Feng-Shui-Tipps für Wohlstand und Reichtum

Beschränkung

Kannst Du das Schönste nicht erringen,
so mag das Gute Dir gelingen.
Ist nicht der große Garten Dein,
wird doch ein Blümchen für Dich sein.

Nach Großem drängts Dich in der Seele?
Dass sie im Kleinen nur nicht fehle!
Tu heute recht – so ziemt es Dir;
der Tag kommt, der Dich lohnt dafür !

So geht es Tag für Tag; doch eben
aus Tagen, Freund, besteht das Leben.
Gar viele sind, die das vergessen;
man muss es nicht nach Jahren messen.

Eduard von Bauernfeld

In diesem Sinne wünsche ich uns allen ein neues Jahr, in dem wir trotz verhüllter Gesichter, Abstandsmessungen und exzessivem Händewaschen, trotz aller Einschränkungen und Ängste an jedem einzelnen Tag das Schöne entdecken.

Machen wir ein gutes Jahr daraus.

Eure Anhora

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Bild: Wegweiser zum „Dorf über den Engelelochweg, Benutzung auf eigene Gefahr“ bei Ravensburg, (c) Anhora

Bevor das alte Jahr endgültig ausrangiert ist …

… möchte ich euch allen einen guten Rutsch wünschen.

Insbesondere wünsche ich allen, die wie ich am Silvesterabend allein sind, dass sie sich selbst genug sein können. Es ist für viele eine ungute Zeit, aber nichts bleibt, wie es ist.

Macht es euch schön, ihr seid es wert!

Alles Gute,
passt auf euch auf,
bleibt gesund.

Eure Anhora

Ohne Worte

Wo viel Gefühl ist, ist auch viel Leid.
– Leonardo da Vinci

(c) Anhora

Bilder können zum Ausdruck bringen, was Worte nicht fassen können.
Diese Collage habe ich vor einigen Wochen angefertigt.

Neulich beim Spazierengehn

Im Wald einen geparkten Porsche zu sehen, kommt vor. Auch Porschefahrerinnen und Porschefahrer müssen mal raus. Ungewöhnlich ist also nicht der Sportwagen, der an einer Schotterstraße im Schatten der Bäume geparkt hat – ungewöhnlich ist der Grund dafür. Ein junger Hipster schleppt nämlich gerade einen Getränkekasten aus dem Gebüsch und hievt ihn auf den Beifahrersitz.

Er verschwindet wieder im Strauchwerk und kehrt Minuten später zurück mit weiteren Flaschen in der Hand. Wir sind inzwischen nähergekommen und sehen: es sind Wasserflaschen. Sie tragen keine Etiketten, frei verkäufliche Flaschen eben, die augenscheinlich mit Wasser gefüllt sind.

Während der Fahrer auch diese im Auto verstaut, sich ans Steuer setzt und mit donnerndem Sound davonbraust, schauen wir uns an und wollen nun wissen, was hinter dem Gebüsch ist.

Es ist ein Brunnen. „Kein Trinkwasser“, steht darauf wie an allen öffentlichen Brunnen.
Wir rätseln.
Hätte der Mann lila Hosen und ein buntes Tuch getragen, würde man den Glauben eines Esoterikers an Heilkräfte aus fließendem Gewässer als Erklärung heranziehen können. Es war aber einer mit Vollbart, gestyltem Haar, Röhrenjeans und weißen Sneakers. Und Porsche.

Es war also einer mit Ehrgeiz, Erfolg, Einkommen. Wenn der eigens mit dem Porsche anreist, um dieses Wasser zu beschaffen – dann kann man es trinken. Er wird es wohl nicht zum Gießen verwenden. Nein, es ist höchstwahrscheinlich ein besonderes Wasser, egal warum. Mehr noch: Nun will ich es auch.

Nächstes Mal bringe ich eine Flasche mit. Erst probieren, bevor ich mit einem ganzen Kasten anrücke.

Lasse ich mich zu leicht von Äußerlichkeiten beeindrucken?
Oder übersehe ich etwas?

Wir können wieder reisen!

Es ist immer das Gleiche: Kaum arbeitet man wieder in vollem Umfang, schon hat man zu nichts mehr Zeit. Seit dem 1. Juli bin ich nicht mehr in Kurzarbeit, deshalb liegen die schönen Bilder von unserem Besuch letzte Woche in Freiburg immer noch unbesichtigt im Ordner herum.

Es war eine besondere Reise. Nicht nur die Stadt ist besonders schön, sondern wir feierten auch den dreißigsten Geburtstag des jüngsten Sohnes, der in Freiburg lebt. Ich bin also besonders alt geworden, wie mir bewusst wurde, aber so ist es eben.
Die Reise an sich war aber auch deshalb etwas Besonderes, weil es die erste seit gefühlt vielen Jahren war. Also: Seit Corona eben. Das letzte Wochenende abseits vom eigenen Küchentisch ist erst vier Monate her, aber mir kommt es viel länger vor.

Hier also die Bilder:

 

 

 

Kunst und Knödel

In welchem Museum steht diese Skulptur? Und wie kommt das Klopapier dahin?

Nein, es ist keine Installation moderner Kunst, und kein Witzbold hat eine Kunsthalle entweiht. Es war vielmehr eine aufmerksame Reinigungskraft, die diese Klopapierrolle dort deponiert hat, wo sie hingehört: In der Toilette.

Über eine Büste über dem Spülkasten kann man sich indessen Gedanken machen. Bei der nächsten Sitzung zum Beispiel.

Gesehen im ältesten Gasthaus Deutschlands: Dem Roten Bären in Freiburg. Teile davon gibt es schon seit dem 12. Jahrhundert.

Und so sieht in Corona-Zeiten das Frühstücksbuffet aus: Es kommt an den Tisch.

Dieses hier war allerdings schon halb aufgegessen, ehe ich an ein Bild für die Corona-Chronik dachte.

Unglaublich

Was vielen von euch bekannt sein könnte, muss jemand wie ich unserer neuen Zeit zuordnen, um es glauben zu können: Eine Platzanweiserin am Eingang der Kirche, ein Desinfektionsmittelspender statt Weihwasser und Gläubige, die gefühlt einen Kilometer voneinander entfernt sitzen. In Zweiergruppen immerhin.

Der Priester schreitet maskiert zum Altar und beginnt mit den Gebeten. Es wird nicht gesungen. Man weiß ja, dass Viren in Aeosolen aus der Atemluft mehrere Meter zurücklegen können. Deshalb spielt ein älterer Organist bei jedem Lied die Einleitungsmelodie, springt dann auf und singt ganz allein – nunmehr unbegleitet – von der Empore herunter alle Strophen durch. (Ohne führende Akkorde hören sich Kirchenlieder schräg an. Oder der Organist kann nicht singen.)

Nach der Lesung und Predigt wendet sich der Priester um und beginnt, seine Hände ausgiebig mit einem Desinfektionsmittel zu walken und und zu kneten, minutenlang, so scheint es mir. Erst dann tritt er wieder zum Altartisch und berührt Kelch, Wein- und Wasserkrug zur Heiligen Wandlung.

Von einem Kirchendiener in Freizeitjacke wird jetzt ein flipchartartiges Gestell herbeigerollt, dessen obere Hälfte aus einer Plexiglasscheibe besteht. Maskiert und mit vorgeschriebenem Abstand stellen sich die Gläubigen im Mittelgang auf und empfangen die Hostie, die der Priester unter der Scheibe durchreicht wie am Fahrkartenschalter eines Bahnhofs.
Zurück zur Bank geht es über die Seitengänge.

Ich besuche selten einen Gottesdienst. Auch dieses Mal kam es nur dazu, weil es sich um eine Trauerfeier für jemanden aus der Familie handelt. Aber was soll ich sagen? Die Messe ist so verrückt wie alles andere, was Corona hervorbringt. Also eigentlich normal.

Kundenbetreuung ausbaufähig

Über die Beschäftigten in den Läden wundere ich mich schon manchmal. Neulich zum Beispiel in der Bäckerei: Ich wage es, eine Verkäuferin höflich darauf hinzuweisen, dass sie die Maske schon über die Nase ziehen muss, damit es Sinn macht. Eine weitere Verkäuferin, die ihre Maske unter dem Kinn trägt und ihr verschwitztes Gesicht völlig ohne Schutz lässt, kommt hinzu und schnappt mich an: „Tragen Sie mal so ein Ding ab morgens um Fünf!“

Stimmt, das ist sicher anstrengend. Zudem trennt eine Plexiglasscheibe weitgehend das Personal vom Kunden, ich hätte mir meine Bemerkung sparen können. Und überhaupt: wenn ich nicht einverstanden bin mit dem unzureichenden Gesichtsschutz,  dann kann ich ja selbst entscheiden, ob ich in dieser Bäckerei weiter einkaufen will.
Vorerst vielleicht nicht.

Nicht wegen dem Virus, sondern wegen dem Umgangston.

Raus jetzt!

Raus an die Luft, in die Natur, zurück ins Leben. Die Coronaglocke hat mich so gedämpft, dass selbst regelmäßige Wanderungen auf der Strecke blieben – erst Recht auf bevölkerten Wegen wie gestern im Bodenseegebiet rund um den Schleinsee. Doch mal muss Schluss sein mit den Gedanken an Risiken und Vorsicht. Man gewöhnt sich nämlich daran, wie an alles.

Nun habe ich eine Woche bei der Arbeit hinter mir und gemerkt: Das Leben spielt sich nicht zu Hause ab. Es ist nur ein geringer Teil, den wir dort erleben, der Rest findet außerhalb statt. Also Maske auf, Abstandsregeln beachten, und raus.