Archiv des Autors: Anhora

Über Anhora

Erlebtes und Nachgedachtes einer ü50erin mit Bodenhaftung. Ich erzähle von kleinen Begebenheiten und gelegentlichen Reisen, was mir gerade einfällt.

Zimmerreise 5/2021: K wie Klabauterfrau

Fernreisen sind derzeit kaum möglich, deshalb ruft puzzleblume seit einiger Zeit zu Zimmerreisen auf. Bei genauer Betrachtung gibt es nämlich auch zu Hause viel zu entdecken und Spannendes zu erzählen. In der momentanten Etappe sind Reiseziele mit dem Anfangsbuchstaben J oder K vorgesehen. Ich freue mich, wenn du mich begleitest.

Vom Klabautermann hat man schon gehört. Seefahrer vergangener Jahrhunderte glaubten an einen guten Geist oder Kobold, der das Schiff in Ordnung hält, vor Gefahren warnt und gelegentlich Schabernack treibt. Der Klabautermann sitzt meist im Laderaum, wo er sich an Kisten und Fässern zu schaffen macht. Es knarrt, hämmert und klopft. Man sieht ihn nie, und das ist gut so. Wenn er sich nämlich blicken lässt, ist es zu spät: Es kommt schlechtes Wetter und das Schiff wird untergehen.

Doch wer ist die Klabauterfrau?

Dieses Bild entstand im Dezember 2019. Ich malte es in den Stunden, die ich allein in meinem Zimmer verbrachte, damals befand ich mich in einer Reha. Die Maltechnik geht so, dass man Linien zeichnet, die sich überkreuzen. Dadurch bilden sich kleine Flächen, die man ausmalt. Man weiß nie, was daraus entsteht, und es ist auch nicht wichtig. Das Malen ist eine Entspannungsübung, im Kopf kehrt Ruhe ein.

Bei meinem Bild kam nach und nach eine Figur zum Vorschein, die ich immer weiter ausarbeitete. Am Ende blickte mich ein gnomhaftes Wesen an, dem ich das weibliche Geschlecht zuordnete. Sie steht auf einem schwankendem Untergrund, hinter ihr türmen sich Wellen, fertig war die Klabauterfrau. So stellte sie sich jedenfalls vor, als ich das Werk zum Schluss betrachtete.

Wenn ich mein Leben als Schiff auf hoher Fahrt betrachte, dann passt sie auch, die Klabauterfrau. Sie zeigte sich auf dem sinkenden Schiff, das ein halbes Jahr später in Form meines bisherigen Lebens unterging. Ein neuer Lebensabschnitt begann, wieder einmal, und ich frage mich: War die Klabauterfrau eine Vorbotin?

Wenn man das Bild umdreht, zeigt sich übrigens ein anderes Motiv: der Kopf einer Frau mit Hut.

Es fehlen die Augen, sie sieht also nichts. Sie schaut nicht hin und das – es gruselt mich selbst – hat etwas mit dem plötzlichen Auseinanderbrechen meines Lebensschiffs zu tun. Mir gefiel das Gesicht damals nicht und ich hängte das Bild wieder „richtig“ herum auf.

Laut einem alten Seemannsbrauch gehört auf jedes Schiff ein Huhn zur Abschreckung des Klabautermanns. Wenn ich das gewusst hätte! Ich hätte ein Huhn malen können, oder zwei, oder einen ganzen Hühnerstall. Ich hätte auf einer meiner Wanderungen ein Huhn stehlen und auf dem Balkon verstecken können, oder bei Edeka eins aus der Tiefkühltheke kaufen, wenn dadurch alles anders gekommen wäre. Aber es kam, wie es kam.

Den Klabautermann gab es, als noch Segelschiffe durch die Meere pflügten. Auf ihnen waren wohl viele Geräusche zu hören, die niemand anders als der Kobold verursachte und die es später auf Dampfschiffen nicht mehr gab. Deshalb wurde es von da an ruhig um den kleinen Schiffsgeist und er war fast vergessen, bis der berühmteste „Nachfahre der Klabauter“ die Bühne betrat, und zwar ganz ohne Schiff: Pumuckl.


Die Klabauterfrau hängt seit meinem Umzug im Wohnzimmer, denn ich schau sie gerne an. Sie ist stark, hält sich über Wasser und aus ihrem Gesichtsausdruck schließe ich: wenn jemand Ärger macht, gibts eins auf die Nuss.
Meine tägliche Inspiration.

 

Zimmerreise 4/2021: H wie Henne

Seit einiger Zeit ruft puzzleblume zu Zimmerreisen auf. Echte Reisen sind ja immer noch nicht möglich, aber auch in einem Zimmer gibt es viel zu entdecken und darüber zu erzählen. Also nehme ich euch gerne wieder mit, heute zu einem Reiseziel mit dem Buchstaben H.

Da ich auf meiner Tour durch die Wohnung immer wieder feststellen muss, dass seit dem letzten Umzug nicht mehr viel da ist, wovon ich berichten könnte, greife ich schon wieder auf ein Bild zurück. Wenigstens davon gibt es noch einige zur Auswahl.
Diese Henne zum Beispiel schaut mir seit zweiundzwanzig Jahren beim Kochen zu. Fünf Küchen hat sie gesehen, überall fand sie einen Platz und blickte interessiert auf das, was um sie herum geschah.

Es handelt sich um einen Kupferstich, zwei Blätter gibt es davon. Das erste tauschte ich irgendwann aus, weil ein großer Fleck sich darauf ausgebreitet hatte. Auch dieses hier ist nicht mehr ganz rein, ich frage mich wie in einem eingerahmten Bild Flecken entstehen können? Es ist wahrscheinlich nur in der Küche möglich, inzwischen steht es auch nicht mehr neben dem Herd. Das hilft wahrscheinlich.

Ein Kupferstich ist ein grafisches Druckverfahren. In eine Kupferplatte werden Linien geschnitten oder kleine Flächen abgeschabt. Dann kommt dickflüssige Farbe darüber, die wieder abgestrichten wird, bis nur noch in den Kerben des gewünschten Motivs Farbe übrig ist. Diese muss aufs Papier: Es muss ein besonders saugfähiges sein wie Büttenpapier. Es wird angefeuchtet und fest auf die Platte gepresst, sodass die Farbe ins Papier sickert.

Albrecht Dürer war ein großer Meister diese Kunst, und meine Tochter auch. Sie brachte diese Henne 1999 aus der Schule mit, seither gehört sie zum Haushalt. Es gefällt mir besser als ein Dürer.

Zimmerreise 4/2021: H wie Herzen


Dieses nicht weiter erwähnenswerte Bild entdeckte ich vor vielen Jahren auf einem Flohmarkt. 5EUR kostete es einschließlich Rahmen, und wegen des Rahmens kaufte ich es. Das Bild wollte ich austauschen, sobald mir ein interessanteres begegnete, mit Herzen und Maritim-Deko hab ichs nicht so. Ich hängte es aber erst einmal auf wie es war, weil es ganz gut in den Flur passte. Blau ist ansonsten nicht meine Farbe in der Wohnung.

Auch wenn ich das Motiv selbst nicht ausgesucht hätte – die Herzen blieben dann doch hängen, wenn auch halbherzig, denn ich fand nichts Besseres zum Einrahmen. Aber sobald ich über etwas Spannenderes stolpere, wechsle ich es aus, dachte ich weiterhin. Jahrelang. Bis zu meinem letzten Umzug vor einigen Monaten.

Da entschied ich, dieses Bild erstens mitzunehmen und zweitens niemals zu ersetzen. Das Herz ist ein Symbol für die Liebe, und wenn meine Herzensangelegenheiten auch im Moment arg durcheinander sind – die Liebe stirbt trotzdem nicht. Es gibt sie in so vielen Formen – das ist mir erst seither bewusst geworden und die unterschiedlichen Herzen zeigen mir das. Egal ob es sich um Kunst oder Deko handelt.
Das Bild hängt jetzt in der Küche, denn Blau ist immer noch nicht meine Farbe.

Wisst ihr eigentlich, wie es zur Herzform und ihrer Bedeutung als Symbol der Liebe kam? Das war so:

Schon im 3. Jahrtausend v. Chr. waren im antiken Griechenland Efeublätter das Symbol ewiger Liebe, weil diese Pflanze immergrün ist und bis zu 400 Jahre alt werden kann. Man malte sie auf Vasen und Fresken.

Im Mittelalter erinnerte man sich an dieses alte Motiv. Allerdings stand inzwischen die Farbe Rot für Liebe und Leben. Also wechselte das Efeublatt die Farbe. Die stilisierten herzförmigen Blätter wurden jetzt rot gemalt und zierten Minnegedichte verliebter Edelmänner, unser heute bekanntes Herz war geboren.

Dass es weltweit bekannt wurde, lag an den Christen. Sie verwendeten es im Mittelalter, um das Herz Jesu darzustellen. Das durchbohrte Herz des Heilands wurde zum Sinnbild der göttlichen Liebe zu den Menschen.

Wer aber statt in die Kirche lieber in die Spelunke ging, lernte das rote Herz trotzdem kennen, und zwar beim Kartenspiel. Die Farben Kreuz, Pik, Herz und Caro wurden im 15. Jahrhundert in Frankreich erfunden und bald in ganz Europa bekannt.

Für alle, die immer noch keine Berührung mit einem Herzen gehabt hätten, wurde dann der Valentinstag erfunden. 😉

So war das.

Ich wünsche euch von Herzen ein schönes Wochenende!

❤️❤️❤️

Zimmerreise? Was ist das denn?

Das wird mal eine Umarmung!

20210407 Impfung neuDie Älteren unter uns erinnern sich vielleicht an die Aufregung zur Anschnallpflicht im Auto, etwa 40 Jahre ist das her. Was wurde da gezetert und debattiert, ob der Sicherheitsgurt nun Lebensretter oder Fessel war! Von unrechtmäßiger Zwangsverordnung war die Rede, medizinische, juristische und politische Überlegungen wurden angestellt und heute? Kein Mensch denkt mehr darüber nach, man schnallt sich einfach an.

Daran denke ich manchmal, wenn ich die Einwände gegen das Impfen und die Beschränkungen höre. Freilich gab es schon immer Pandemien, und alle verschwanden wieder. Das lag aber vor allem daran, dass die Infizierten gestorben sind. Ich möchte jedenfalls nicht riskieren, mit schuld zu sein, wenn Intensivstationen keinen Platz mehr haben für Schlaganfälle, Herzinfarkte, Autounfälle und planbare Operationen. Ich möchte wieder Menschen umarmen, ausgehen, Konzerte und Partys besuchen.

Den ersten Schritt dazu habe ich heute getan. Heureka!

 

Darf man den einzigen essbaren Osterhasen schon am Ostersonntag essen?

Diese Frage beschäftigt mich seit heute Morgen. Ich schaue diesen hübschen Hasen nämlich gerne an, würde ihn aber genauso gerne aufessen. Wenn ich ihn hinterher immer noch anschauen könnte, hätte ich es längst getan.

Wusstet ihr, dass der Osterhase in Deutschland — Kinder, jetzt nicht weiterlesen — erfunden wurde?  Die Idee, dass der Osterhase Süßigkeiten und Eier verschenkt, soll im Mittelalter in Deutschland entstanden sein, die erste schriftliche Erwähnung stammt aus dem 16. Jahrhundert. Niederländische Siedler brachten den Hasen im 18. Jahrhundert in die Vereinigten Staaten und die machten ein Geschäftsmodell daraus, wie aus so vielem.

75% der Deutschen essen übrigens die Ohren eines Schokohasen zuerst.
Ich auch. Was solls. Ostern ist Ostern, ich kann den hübschen Hasen ja auf dem Foto anschauen.
Mmmm, da sind Smarties drin!

Das Bemalen der Eier wurde in der Ukraine erfunden. Einwanderer brachten es in USA und dort weiß man eben, wie man eine Idee unter die Leute bringt.

In Bulgarien wiederum ist es ein alter Osterbrauch, sich gegenseitig mit rohen Eiern zu bewerfen. Diese Tradition wurde zum Glück nicht in die USA exportiert, um von dort aus um die Welt zu gehn.

Stimmt es, dass in der Schweiz nicht der Osterhase, sondern der Kuckuck die bunterkunten Ostereier bringt? Hab ich ja noch nie gehört.

Das und mehr interessante Oster-Fakten gibt es hier zu lesen: Die 10 besten Fakten über Ostern

So. fertig. Versuchungen widerstehen zu können gehört in die Fastenzeit, es lebe das Leben!
Nicht das dieses Osterhasen, der nur kurz unter uns war, aber das andere Leben, unseres, das können wir öffnen und Freude hineinlassen. Wenn das nichts zum Feiern ist!

Fröhliche Ostern wünsche ich euch allen,
lasst es euch gutgehen.

 

Zimmerreise 03/2021: G wie Geschenk oder Grünlilie

Zimmerreise? Was ist das denn?

Die Grünlilie ist das Unkraut unter den Zimmerpflanzen, sie ist praktisch unkaputtbar: man darf sie zu hell stellen, zu dunkel, zuviel gießen, zu wenig – die Grünlilie nimmt es hin.
Zwischen den grün-weiß gestreiften schmalen Blättern erscheinen lange Schäfte, an denen sich bewurzelte Ausläufer bilden. Die stellt man ins Wasser und Zack! Neues Leben entsteht. Auch beim Vermehren kann also nichts schiefgehen.

Im Grunde ist sie nichts Besonderes, da gibt es nichts zu deuteln, Grünlilien stehen wohl in jedem Haushalt herum. Da sie laufend Ableger produzieren, muss man sie nicht kaufen. Man kennt immer jemanden, der welche übrig hat und zur Not tut es auch mal ein Grünlilienbaby aus irgendeinem Warteraum.

Dieses Exemplar ist das Geschenk einer Freundin. Als ich in die Wohnung hier eingezogen war, stand sie eines Tages da und streckte mir strahlend eine kleine, angewelkte Pflanze im alufolien-umwickelten Topf entgegen. „… ich hab so viele von denen, kann sie nie wegwerfen, und oh, hätt ich wohl mal gießen sollen.“

Was schenkt man?
Da gingen mir zwei Gedanken durch den Kopf.
Erstens: Wieso müssen wir eigentlich in Geschäfte rennen und Sachen kaufen, wenn wir jemanden „artgerecht“ beschenken wollen? Wieso kann es nicht die Grünlilie von der Fensterbank sein? Und wozu braucht es einen stylischen Übertopf – hat nicht jeder das Haus voller Übertöpfe? Was sagt es aus, wenn für ein Geschenk kein Geld ausgegeben wurde?

Zweitens: Kann man sich über ein Geschenk auch dann freuen, wenn es sich um ein „Allerweltsgeschenk“ handelt, das nicht von langer Hand überlegt und ausgesucht wurde?
Kann man ggf. eine Botschaft wie „Ich bin der Person wohl nicht so wichtig“ abkoppeln und dem Geschenk trotzdem eine Chance geben, es also gerne annehmen?

Diese Grünlilie kam jedenfalls nicht vom Gartencenter, sondern von Herzen, ich weiß das, und sie hat die Durststrecke prima überstanden. Sie bekam einen Platz, an dem sie atmen, wachsen und bewundert werden kann und sie wird immer üppiger. Ich werte das als Zeichen des Schicksals speziell für mich. Wann immer ich die Pflanze betrachte, freue ich mich. Eine Orchidee kann auch nicht mehr.

Übrigens: Schenken macht glücklich. Heute schon geschenkt?

Zerstoben sind die Wolkenmassen

SonnenaufgangZerstoben sind die Wolkenmassen,
Die Morgensonn’ ins Fenster scheint:
Nun kann ich wieder mal nicht fassen,
Dass ich die Nacht hindurch geweint.

Dahin ist alles, was mich drückte,
Das Aug‘ ist klar, der Sinn ist frei,
Und was nur je mein Herz entzückte,
Tanzt wieder, lachend, mir vorbei.

Es grüßt, es nickt; ich steh‘ betroffen,
Geblendet schier von all dem Licht:
Das alte, liebe, böse Hoffen –
Die Seele lässt es einmal nicht.

Theodor Fontane

Und was sehr ihr so, wenn ihr aus dem Fenster schaut?
Ich wünsche euch allen einen schönen Sonntag!

Zimmerreise 02/2021: E wie eReader

Wer Kinder hat, ist mit neuen Technologien oft besser ausgestattet als Menschen ohne Kinder. Selbst wenn man offen ist für Innovationen, hat das Leben doch auch ohne Twitter, Alexa und eReader funktioniert, und zwar einwandfrei. Meist ist das Ergebnis entsprechender Überlegungen deshalb: Kein Bedarf.
Dachte ich.

Aber ich habe eben Kinder, deshalb nutze ich wenigstens Instagram, ein bisschen Facebook und seit Jahren einen eReader. Nicht weil ich es wollte, sondern weil die Tochter es so wollte. Sie weiß immer, was ich brauche.
Wenigstens folgte ich nicht ihrem Rat, ein Kindle anzuschaffen – man muss dem Online-Riesen nicht noch mehr in den Rachen werfen. Es wurde also ein Tolino, das mit allen eBook-Anbietern außer eben dem einen kompatibel ist.

Das Gerät kam und was soll ich sagen? Ich hatte gerade ein paar Bücher heruntergeladen, da schlug bei uns der Blitz ein und wir hatten fast drei Wochen kein Internet. Mein damaliger Lebenspartner hatte wochenlang schlechte Laune, ich ein Tolino. Mir fehlte nichts.

Früher dachte ich, ich brauche beim Lesen etwas zum Anfassen, Bücher eben.
Dann entdeckte ich: Den eReader fasse ich auch an! Er liegt immer in Sichtweite, kriegt gelegentlich einen neuen Aufkleber und statt eines vollgestellten Bücherregals gibt es in meiner kleinen Wohnung eine Bücherkartei.

Bücher als Identifikationsmerkmal
Auch bei manchen Freunden und Bekannten sehe ich weniger oder gar keine Buchreihen mehr an der Wand. Sind Bücher als Statussymbol am Verschwinden? Ist das Angebot: „Schau, was ich gelesen habe und du weißt, wer ich bin“ noch zeitgemäß?
Wobei das Ausstellen von Büchern nicht nur für Besucher gedacht ist, sondern mehr noch für einen selbst: „Das habe ich gelesen. Das also bin ich.“
Bei mir war es jedenfalls so.

Dahin! Ich habe keinen Platz mehr für Bücher, und heute möchte ich den eReader nicht mehr hergeben. Schon dass ich die Schriftgröße verändern kann und das Lesen am Abend durch die Beleuchtung weniger anstrengt, ist unschlagbar. (Mein Gerät hat einen Blaufilter, sodass Einschlafstörungen höchstens durch meuchelnde Romanfiguren auftreten.)
Was ich gelesen habe, sehe ich im „Gelesen“-Ordner des Readers.

Technologie
eReader haben kein LCD-Display wie Smartphones oder Laptops, wo das Bild durch Flüssigkristalle und Licht erzeugt wird. Es sind winzige Kügelchen, die mit weißen und schwarzen Pigmenten gefüllt sind. Sie werden elektrisch gesteuert und ordnen sich zum jeweils gewünschten Schriftbild an. Man liest wie auf Papier, und zwar auch in der Sonne.

Bücher oder eReader – was ist besser für die Umwelt?
Eine Freiburger Studie kommt zu folgendem Ergebnis: Ein eReader mit E-Ink-Display benötigt gleich viel Energie wie 10,76 Bücher aus Frischfaserpapier bzw. 24,98 Bücher aus Recyclingpapier. Was die Herstellung betrifft, ist man also ab zehn Büchern pro Jahr mit einem eReader umweltfreundlicher. Und der Betrieb? Mein Akku läuft wochenlang, obwohl ich jeden Tag lese.

Allerdings sind in keinem Buch der Welt wertvolle und seltene Metalle verbaut, deren Abbau wegen freigesetzter Giften fragwürdig ist. Ob dabei Kinder mitarbeiten müssen, wissen wir auch nicht. Das spricht gegen den eReader, keine Frage. Und gegen ein Handy, Tablet, Laptop, PC, Navi, usw.
Ich halte es so, dass ich ein Gerät (egal welches) benutze, bis es auseinanderfällt, also so lange wie irgendmöglich. Ich muss keine neue Versionen haben, solange die alten noch tun.
Studibuch – „Digital vs. gedruckt – wie ökologisch sind eBook Reader?“

Eins ist aber unabhängig vom Lesen auf Papier oder einem Display: Gute Bücher enden nicht mit der letzten Seite. Sie begleiten uns noch lange Zeit!

 

Zimmerreise? Was ist das denn?

(562 Wörter)

Vorfrühling

Vorfrühling

Härte schwand. Auf einmal legt sich Schonung
an der Wiesen aufgedecktes Grau.
Kleine Wasser ändern die Betonung.
Zärtlichkeiten, ungenau,

greifen nach der Erde aus dem Raum.
Wege gehen weit ins Land und zeigens.
Unvermutet siehst du seines Steigens
Ausdruck in dem leeren Baum.

Rainer Maria Rilke

Ich wünsche euch allen einen schönen,
vorfrühlinghaften Sonntag!

 

Zimmerreisen 02/2021: E wie Eieruhr

Diese Eieruhr brauche ich nicht zum Eierkochen, sondern beim Zähneputzen. Streng genommen ist es also eine Zähneuhr, und sie ist das Ziel dieser Zimmerreise.

Ich suchte einige Zeit nach einer günstigen kleinen Sanduhr zur ausreichenden Zahnhygiene. Man findet diese Uhren aber kaum noch in den Geschäften, elektronische Geräte mit Alarmton sind wohl komfortabler. Aber es muss noch etwas geben, was ich nicht mit dem Handy erledige, deshalb wollte ich beim Zähneputzen eine Sanduhr. Man steht sowieso davor und kann das Ende nicht verpassen.

Dass ich dieses Helferlein doch noch fand, verdanke ich der Tochter. Wir waren im örtlichen Drogeriemarkt unterwegs und sie entdeckte es nicht bei den Haushaltswaren, sondern im Zahnpflege-Regal. Es gab nur Designs für Kinder, deshalb ist diese Eieruhr in Pink und hat oben eine Prinzessin. Die Tochter nahm eine blaue mit Ritter.

So banal die Rolle einer Sanduhr beim Eierkochen oder Zähneputzen ist, so bedeutungsschwer war sie in der Vergangenheit. Jahrhundertelang galt die Sanduhr, auch Stundenglas genannt, als Symbol für Vergänglichkeit.
Die nach unten rieselnden Körnchen machen Zeitfluss, Übergang, Unabänderbarkeit und Tod sichtbar. Wenn das Häufchen unten liegt, ist eine Zeit abgelaufen.

In der Sanduhr unseres Lebens steht für ein Sandkorn bei jedem Menschen ein anderer Wert: ein Monat, eine Woche, ein Tag? Wir wissen es nicht, nur dass sie fallen, und dass wir während dieses Fallens jeden Moment nutzen und das Beste daraus machen sollten.

Damit wir nicht zu melancholisch werden, rasch ein Abstecher zu Professor Horace Slughorns Stundenglas. Er ist Lehrer in Hogwarts (wir sind also bei Harry PotProfessor Slughorns Stundenglaster) und seine Sanduhr ist etwas speziell: der Sand fällt nämlich unterschiedlich schnell.
Maßgebend ist immer ein Gespräch, das gerade stattfindet. Ist es anregend und bereichernd, fließt der Sand langsam. Ist es dagegen inhaltslos und einschläfernd, fließt der Sand schnell. Der Professor ist nämlich ein Genießer und er will seine Zeit nicht mit Nutzlosem verbringen.
Wenn es so etwas gäbe! Da könnte der Partygast am Stehtisch Kollege beim Zoom-Meeting ins Schwitzen kommen, wenn das Häufchen zu schnell wächst, und man stelle es sich erst bei einem Bewerbungsgespräch vor.

Eine Sanduhr kann übrigens auch vor- oder nachgehen. In der Kälte rieselt der Sand nämlich schneller durch, und wenn es sehr warm ist, fließt er langsamer. Wen der physikalische Hintergrund interessiert – hier ist er erklärt.

Erfunden wurde die Sanduhr im 14. Jahrhundert und man brauchte sie vor allem in der Seefahrt. Der Durchlauf eines Glases dauerte 30 Minuten und mit dem Verrinnen des zweiten Glaskolbens nach der Drehung wusste man, wann eine Stunde vorbei war. Daher auch die Bezeichnung Stundenglas.

Meine Eieruhr zeigt fast auf die Sekunde genau drei Minuten an. Da ich sie weder mit dem Haarfön erwärme noch in den Kühlschrank stelle und in meinem Badezimmer weder anregende noch ermüdende Gespräche stattfinden, wird es wohl immer bei den drei Minuten bleiben.
Drei Minuten Zähneputzen = drei Minuten Lebenszeit.
Das macht auch dieser kleine Plastikartikel mit einer Prinzessin obendrauf klar.

 

(478 Wörter)

Regentropfenrätsel

Wer viel Zeit zu Hause verbringt, hat viel Zeit zum Nachdenken. Fragen treten auf, von denen sich manche beantworten lassen, andere nicht. Jedenfalls nicht von mir.

Zum Beispiel beschäftigt mich die Windschutzscheibe meines Autos: Warum sehen bei Regenwetter die Wasserperlen innerhalb der Scheibenwischerfläche anders aus als außerhalb? Dort, wo die Scheibenwischer nicht hinkommen, sitzen winzige Tröpfchen sauber nebeneinander. Wo dagegen gewischt wird, sieht es auf der Scheibe etwas ungeordnet aus. Nass halt, aber ohne System.

Das Bild entstand nach durchregneter Nacht, bevor ich den Motor startete. Scheibenwischerwasser habe ich seit Wochen oder Monaten nicht benutzt, ich weiß gar nicht, ob noch etwas drin ist. Das Glas müsste also außen eine einheitliche Oberfläche haben. Warum formen sich dann scharf abgetrennt unterschiedlich aussehende Wasserperlen? Weiß das jemand?

Zimmerreisen 01/2021: Aroma-Diffusor

Kurz vor Schluss dieser Runde finde ich doch noch etwas mit A: meine heutige Zimmerreise geht zu einem Aroma-Diffusor. Ich bekam ihn vor ein paar Jahren von einem meiner Söhne zu Weihnachten geschenkt. Er hatte selbst so eine Freude daran, dass ich dem Gerät diese Begeisterung heute noch ansehe.

Ich glaube an die Kraft von Gerüchen, sonst könnte mich der Duft von Sonnencreme nicht sekundenschnell an einen Badestrand beamen samt aller körperlich-seelischen Symptome wie Entspannung und Freude darüber, faul in der Sonne zu liegen.
Früher benutzte ich Räucherzeugs für Magie im Raum. Allerdings hat man immer ein bisschen Sauerei damit und natürlich den Qualm, deshalb hat die Räucher-Schatulle den letzten Umzug nicht überlebt. Ich habe ja den Aroma-Vernebler.

Zu ihm gehört eine ganze Kollektion an ätherischen Ölen, aber ich greife fast immer zum selben Fläschchen: Rosmarin.
Rosmarin ist ein mediterranes Gewürz (ihr wisst schon: „Mami, ist das Tanne im Essen?“), dessen Name aus dem Lateinischen stammen soll und „Tau des Meeres“ bedeutet. Schon das genügt, dass ich Rosmarin mag.
Google sagt, dass Rosmarinduft das Gedächtnis verbessert, entspannend wirkt, Ängste und depressive Symptome lindert. Ich spüre aber etwas anderes: Rosmarin riecht so stark, dass er negative Energien vertreibt. Quälende Geister in der Zimmerecke werden zerlegt und gefressen, für mich hat Rosmarinduft etwas Reinigendes.

Wie riecht ein Kuhstall?
Ist euch schon aufgefallen, dass es im Deutschen keine Worte gibt, um Düfte zu benennen? Wie riecht zum Beispiel eine Rose, Kaffee, oder Leder? Das ist nicht überall so: Menschen im malaysischen Regenwald z.B. haben für viele Gerüche so eindeutige Begriffe wie wir für Farben. Vielleicht sind diese Unterscheidungen wichtig für ihr Leben und Überleben.
Gibt es in westlichen Ländern also keine Worte für Gerüche, weil sie in unserem Leben keine Rolle spielen? Oder spielen sie keine Rolle, weil wir keine Worte dafür haben?

Geruchshalluzinationen
Auch das gibt es: So, wie man beim Tinnitus nicht vorhandene Geräusche hört, riecht man bei der Phantosmie nicht vorhandene Gerüche. Ich bin selbst betroffen, denn seit einem halben Jahr rieche ich Zigarettenrauch, wo keiner ist. Ich rauche nicht und niemand in meiner Umgebung raucht, trotzdem rieche ich ständig Zigarettenqualm, als stehe jemand draußen vor dem geöffneten Fenster mit dem Glimmstengel in der Hand. Lästig ist das.

Derselbe Geruch riecht immer wieder anders
Ob man einen Geruch mag oder nicht, hängt übrigens auch davon ab, wie andere ihn finden. Schon der glückliche oder angewiderte Gesichtsausdruck eines Menschen genügt, um die eigene Wahrnehmung zu beeinflussen, und dieser Mensch muss noch nicht einmal anwesend sein. Ein Bild genügt. Mehr dazu

Andersrum funktioniert es auch: In einer Studie bewerteten die Probanden Gesichter als attraktiver, wenn sie zuvor einem angenehmen Geruch ausgesetzt waren. Schönheit liegt also auch in der Nase des Betrachters. Mehr dazu

Besser riechen in der Pandemie
Angeblich werden unsere Nasen derzeit empfindlicher, wenn wir mehr zu Hause sind und weniger Autos bzw. Verschmutzung in der Umwelt eingeatmet werden. Es ist ähnlich als wenn man aus einem Urlaub in den Bergen zurückkommt und plötzlich die Abgase auf der Straße wahrnimmt.
Das Gegenteil ist der Fall, wenn man sich mit Covid-19 infiziert hat. Ein typisches Symptom ist nämlich ein stark eingeschränkter Geruchssinn.

Ich rieche jedenfalls gut, eher zuviel. Infiziert bin ich also nicht und wer weiß – vielleicht zerschießt Rosmarin auch Viren?

 

(540 Wörter)

Zimmerreise 01/2021 – Die Bücherkartei

Bei einer Zimmerreise geht es darum, die gewohnte Umgebung neu zu entdecken. Man reist zu beliebigen Gegenständen in einem Zimmer, betrachtet sie und erzählt ihre Geschichte und Hintergründe. Diese literarische Gattung gibt es seit dem 18. Jahrhundert.
Zu meinen Zimmerreisen inspiriert mich ein Projekt von Pflanzwas und Puzzleblume, mehr dazu hier. Jeder kann teilnehmen und selbst auf die Reise gehen.

Im Januar soll das zu Reiseziel den Anfangsbuchstaben A, B oder C tragen.

Die Bücherkartei

Ihr werdet mich für plemplem halten, denn obwohl ich mit der Digitalisierung keine Berührungsängste habe und ständig mit Apps oder Dateien hantiere, habe ich dennoch eine Bücherkartei. Richtig gelesen: einen Karteikasten mit Karteikarten drin. Die Älteren erinnern sich.

Die Bücherkartei steht seit Jahren in meinem Wohnzimmer.

Auf jeder Karteikarte ist der Titel eines Buchs vermerkt sowie dessen Autorin oder Autor, ein Satz zum Inhalt, zwei Sätze darüber, wie ich das Buch fand, in welchem Land die Handlung spielt und in welchem Jahr ich das Buch gelesen habe. Die Farbe der Karteikarten sagt noch etwas über den Gesamteindruck aus. Gelb z.B. sind die herausragenden Bücher.

Und das kam so:

In der Wohnung meines führeren Lebens gab es ein Arbeitszimmer, das mein damaliger Lebenspartner nutzte. Er saß dort am PC, um Nachrichten und Filme zu sehen und der Raum diente als Lager für seine Sachen: Unterlagen, Eisenbahnbücher, alte Atlanten, ein kleiner Bergmann aus Bronze, Tassen und Teller mit Arsenal-Aufdruck, angefangene Basteleien, Kabel, Werkzeuge, mehr Unterlagen, IT-Gedöns, Zeug eben.

Nach Jahren bat ich meinen Partner um diesen Raum, weil mir dringend ein Rückzugsort fehlte. Er schrie nicht Hurra, war aber einverstanden. Sein PC wanderte ins Wohnzimmer und um Platz zu schaffen für seine „Sachen“, räumte ich im Wohnzimmer den großen Schrank aus. Hier gab es vor allem eines: Meine Bücher. Hunderte.

Sie hatten in dem kleinen Arbeitszimmer keinen Platz, denn es sollte ein luftiger, minimalistischer Ort werden, an dem ich mich wohlfühlen konnte.

Also räumte ich aus. Tagelang. Ein Buch nach dem andern legte ich in Kartons und schenkte sie der örtlichen Bücherei. Man glaubt nicht, wie sehr man sich Büchern verbunden fühlen kann, ich erkannte es erst da. Tränen flossen. Es war nicht leicht. Aber ein eigenes Zimmer war eben wichtiger.

Die Bücher waren also weg, verloren, wenig später schaffte ich mir einen eReader an. Ich wollte nie wieder Bücher weggeben müssen.

Von da an bannte ich jedes gelesene Buch auf eine Karteikarte. Ich brauche das. Ich muss etwas haben, was ich sehen und anfassen kann wie früher die Bücher im Regal. Ich muss wissen, was ich gelesen habe und *dass* ich gelesen habe.

So entstand die Kartei. Sie enthält alle Bücher, die ich seit 2016 gelesen habe. Platzsparend. Weggebsicher.

 

(352 Wörter)

 

Zimmerreise 01/2021 – Collagen

Bei einer Zimmerreise geht es darum, die gewohnte Umgebung neu zu entdecken. Dazu werden Gegenstände in einem Zimmer nacheinander betrachtet und ihre Geschichte erzählt. Diese literarische Gattung gibt es seit dem 18. Jahrhundert. Zu meinen Zimmerreisen inspiriert mich ein Projekt von Pflanzwas und Puzzleblume, mehr dazu hier. Jeder kann teilnehmen und selbst auf die Reise gehen.

Im Januar soll das zu bereisende Objekt den Anfangsbuchstaben A, B oder C tragen.

Collage Feuerspeier

Es gibt nun doch eine Zimmerreise zu einer Station, die Erinnerungen an mein vergangenes Leben auslöst. Ich wollte das vermeiden, aber ich kann auch nicht so tun, als hätte es diese Zeit nicht gegeben. Außerdem habe ich nun einen Begriff mit C.

Es handelt sich um eine Collage, die ich niemals aufhängen würde. Sie liegt in einem Ordner im Wohnzimmer, zusammen mit anderen Werken, die davor und danach entstanden sind.

Auf der Rückseite steht: „Mein Leben geht in Flammen auf, meine Kraft verlodert, verglüht, es wird kalt.“

So war das letztes Jahr im Sommer.

Collagen halfen mir eine Zeitlang, das auszudrücken, was ich nicht in Worte fassen konnte. Wenn ein Bild fertig war, sah ich: „So ist es“, und konnte es ablegen.
Es tauchten neue Dämonen auf, auch diesen gab ich Gestalt in der gleichen Weise. Sie gaben Ruhe und die nächsten erschienen, immer wieder andere. Eine Zeitlang ging das so.

Am wichtigsten bei der Collagetechnik sind mir nicht die Motive, sondern der Hintergrund. Er bestimmt den Eindruck, die Stimmung. Es muss eine ruhige Fläche sein, damit sie nicht von den aufgeklebten Elementen ablenkt. Die Farbe muss der seelischen Verfassung entsprechen, in der ich mich gerade befinde, nur dann wirkt das Ergebnis „therapeutisch“.

Der Hintergrund war deshalb das Einzige, was ich später nicht mehr dem Zufall überließ, d.h. ich nahm nicht mehr das, was gerade da war. Man findet in Publikationen sowieso kaum etwas Ganzseitiges mit sparsamem Design und wenn, dann nicht in der Farbe, die gerade gebraucht wird.

Also stellte ich die Hintergründe selbst her. Ich kopierte dazu einen Ausschnitt aus einer Bilddatei mit Mauer, Himmel, Sand oder was immer, vergrößerte ihn auf A4 und druckte es aus. Dann schnitt ich aus Zeitschriften, Reklameblättchen, Flyern usw. Motive aus, die mich ansprachen.

Egal was man auf einen verhaltenen Hintergrund auflegt: es erzeugt immer einen Effekt, ein kleines Oh-Erlebnis, und auch das half mir: Etwas zu kreieren, was mich berührte.

Der Feuerspeier war meine letzte Collage mit Farben, ihre Einzelteile stammen aus einem Modeprospekt. Die nachfolgenden Werke wurden überwiegend grau und schwarz.

Eines Tages werden wieder Bilder entstehen, auf denen die Sonne scheint. Deshalb darf der Ordner mit diesen Bildern nicht in den Keller wandern, er muss im Wohnzimmer bleiben. Denn die Geschichte ist ja noch nicht zu Ende.

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(379 Wörter)

Die Selbstkritik hat viel für sich

Die Selbstkritik hat viel für sich.
Gesetzt den Fall, ich tadle mich:
So hab ich erstens den Gewinn,
Dass ich so hübsch bescheiden bin;
Zum zweiten denken sich die Leut,
Der Mann ist lauter Redlichkeit;
Auch schnapp ich drittens diesen Bissen
Vorweg den andern Kritiküssen;
Und viertens hoff ich außerdem
Auf Widerspruch, der mir genehm.
So kommt es denn zuletzt heraus,
Dass ich ein ganz famoses Haus.

Wilhelm Busch

Zimmerreise 01/2021 – Mit Bambus stricken

Bei einer Zimmerreise geht es darum, die gewohnte Umgebung neu zu entdecken. Dazu werden Gegenstände in einem Zimmer nacheinander betrachtet und ihre Geschichte erzählt. Diese literarische Gattung gibt es seit dem 18. Jahrhundert.
Zu meinen Zimmerreisen inspiriert mich ein Projekt von Pflanzwas und Puzzleblume, mehr dazu hier. Jeder kann teilnehmen und selbst auf die Reise gehen.

Im Januar soll das zu bereisende Objekt die Anfangsbuchstaben A, B oder C tragen. Da ich vor kurzem umgezogen bin und wenig mitgenommen habe, ist die Auswahl überschaubar. Ich finde also nichts mit A oder C, aber ein zweites Mal eins mit B:

Die Bambusstricknadeln

2021-01-16 Bambusstricknadeln

Ich besitze dieses Stricknadelset seit dem Jahr 2015. Es ist das Jahr, in dem ich die Wohnung meiner Mutter ausräumen musste, weil sie in ein Pflegeheim kam.
Ich ging also durch ihre Schränke und Schubladen und fand unter anderem eine halbe Socke. Aus roter Wolle war ein Sockenbund gestrickt, der an Bambusnadeln hing, was ich bis dahin nie gesehen hatte. Ich kannte nur Nadeln aus Metall, hatte aber seit Jahrzehnten keine Handarbeit mehr angefertigt und war nicht auf dem Laufenden.

Die halbe Socke war von meiner Mutter begonnen worden, ich weiß nicht für wen, aber die Finger waren schwach geworden und so blieb das Werk unvollendet.

Aus dem Blogbeitrag „Schicksal

Seufzend nahm ich auch das mit nach Hause, eine Weile lang lag die Socke herum. Irgendwann nahm ich sie auf und strickte weiter. Was hätte ich damit tun sollen? Es gelang mir aber nur schlecht, Fersen zu stricken ist nichts für Anfänger.
Trotzdem kriegte ich es irgendwie hin und die zweite Socke auch. Als sie fertig waren, brachte ich sie meiner Mutter.

Sie trug sie noch ein paar Monate lang. Dann starb sie und die Socken kehrten zu mir zurück.
Ich weiß nicht, wo sie hingekommen sind, ich habe sie nicht mehr, aber die Bambusstricknadeln sind noch da. Mit ihnen strickte ich noch viele Socken für meine Kinder, früher für den geliebten Briten, heute für Tochter und Schwiegersohn und demnächst für unser Zwergle – das erste Enkelkind, das im März zur Welt kommen wird.
Die Fersen beherrsche ich inzwischen im Schlaf.

Ich habe für Socken niemehr andere Stricknadeln verwendet als dieses eine Spiel aus Bambus, obwohl ich ungefähr fünf Metall-Nadelspiele habe. In manchen Stricksets liegen sie ja bei, ich packe sie nicht einmal aus.
Bambus-Stricknadeln liegen warm in den Fingern und erzeugen beim Stricken nicht dieses leise Quietschen wie Metallnadeln. Vielmehr klingt es beim Aneinanderschlagen wie Holz und es fühlt sich lebendig an in meiner Hand. Deshalb kommt mir nichts anderes in den Strickkorb: Es müssen Bambusnadeln sein, und zwar diese hier.

 

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Zimmerreise 01/2021 – Berta, die Kuh

Bei einer Zimmerreise geht es darum, die gewohnte Umgebung neu zu entdecken. Dazu werden Gegenstände in einem Zimmer nacheinander betrachtet und ihre Geschichte erzählt. Diese literarische Gattung gibt es seit dem 18. Jahrhundert.

Zu meiner ersten Zimmerreise inspirierte mich ein Projekt von Pflanzwas und Puzzleblume, mehr dazu hier. Jeder kann teilnehmen und selbst auf die Reise gehen.

Nun zu meiner ersten Etappe:

Berta, die Kuh

Das ist Berta, die Kuh. Ich nenne sie erst seit heute Berta, obwohl ich diese Figur seit vielen Jahren besitze. Der Grund für die plötzliche Namensgebung ist, dass sie nun mein erstes Reiseziel sein kann, denn laut Projektvorgabe sollen im Januar Objekte bereist werden, die mit dem Buchstaben A, B oder C beginnen. Die Kuh hätte also auch Alwine heißen können oder Clara, aber mein erster Impuls war Berta, und so heißt sie nun.

Wie bei jeder Fernreise sind auch die Ziele einer Zimmerreise nicht beliebig. So, wie ich nicht mit dem Fahrrad nach Island reisen kann, weil es zu weit ist, kann ich auch keine Objekte besuchen, die in mir Kummer aufrühren. So fiel die Wahl auf Berta, eine der wenigen Spuren aus meinem früheren Leben, die im letzten Jahr nicht unter Tränen aussortiert und weggegeben wurde. Berta erinnert mich nämlich nicht an eine verlorene Liebe, sondern an eine bestehende, und zwar an die zwischen mir und meiner Tochter.

Vor vielen Jahren stand ich mit ihr in einem Möbelhaus in der Deko-Abteilung, und da wartete Berta. Sie strahlte in einem Regal die Eleganz und Nonchalance einer Diva aus, die keine Zweifel zu haben schien, dass schon bald ein eigenes Heim ihrer Schönheit den Rahmen geben würde. Ich war wie verzaubert.
„Wer braucht schon ein Sparschwein“, wandte ich ein, konnte mich aber kaum von ihr lösen. Schließlich ging ich doch langsam weiter, wandte den Kopf zurück für ein paar letzte Abschiedssekunden, und da tat meine Tochter, was getan werden musste: Sie ergriff Berta, schritt mit ihr zur Kasse und die Porzellankuh wurde mein Muttertagsgeschenk.

Berta hat aber noch eine zweite Funktion. Sie ist nicht nur ein Symbol der Liebe, sondern auch des Reichtums, denn sie hat mein Geld zusammenzuhalten und zu vermehren. Berta ist nämlich mein Feng Shui Geld-Symbol, sie steht hier in der Reichtumsecke. Dachte ich zumindest.
Sie muss einen bestimmten Platz in der Wohnung haben, und zwar im Südosten. Außerdem soll sie regelmäßig gefüttert werden, was freilich per se den Reichtum vermehrt. Es sind aber keine 100-EUR-Scheine, die in den dicken Bauch zu wandern haben, gelegentlich eine Münze genügt. Das Geräusch ihres Auftreffens auf die anderen Münzen im Innern ist es, was den Geldgeist weckt, in meiner Wohnung jedenfalls. Ich spüre sowas.
Außerdem muss ihr Platz sauber, hell und aufgeräumt sein. Gold, Rot, Violett und Grün stehen ebenfalls für Reichtum (ist es Zufall, dass Berta genau diese Farben trägt?).
Durch all das vermehrt sich das Geld auf dem Bankkonto und der allgemeine Wohlstand steigt. So will es das Feng-Shui-Gesetz.

Viele Jahre lang funktionierte es auch. Berta stand am richtigen Platz, obwohl es nicht genau im Südosten war, aber ihr gefiel der Standort. Ich wusste es und hatte keine Geldsorgen.

Aber nun bin ich umgezogen, und alles ist anders. Natürlich muss ich jetzt alleine eine Mietwohnung finanzieren, und Corona-bedingt habe ich meine Arbeitsstelle verloren. Das mag zum Geldmangel geführt haben – oder aber: Berta steht nicht am richtigen Platz. Feng Shui ist ein bisschen eigen, wenn es wirken soll, es sollte schon alles stimmen.
Ich habe Berta im Südosten aufgestellt und füttere sie regelmäßig, sie bekam sogar etwas Hübsches zum Anschauen: Perlenblumen, die zwei Kinder für mich angefertigt haben.
Doch es nützt nichts, meine finanzielle Situation könnte besser sein.
Ich schiebe Berta also von hier nach da, und es fühlt sich immer noch nicht an, als wäre sie am richtigen Platz. Sie muss wohl noch eine Weile wandern, genau wie ich. Irgendwann sind wir sicher beide da, wo wir hingehören.

 

(589 Wörter)

 

Feng-Shui-Tipps für Wohlstand und Reichtum

Beschränkung

Kannst Du das Schönste nicht erringen,
so mag das Gute Dir gelingen.
Ist nicht der große Garten Dein,
wird doch ein Blümchen für Dich sein.

Nach Großem drängts Dich in der Seele?
Dass sie im Kleinen nur nicht fehle!
Tu heute recht – so ziemt es Dir;
der Tag kommt, der Dich lohnt dafür !

So geht es Tag für Tag; doch eben
aus Tagen, Freund, besteht das Leben.
Gar viele sind, die das vergessen;
man muss es nicht nach Jahren messen.

Eduard von Bauernfeld

In diesem Sinne wünsche ich uns allen ein neues Jahr, in dem wir trotz verhüllter Gesichter, Abstandsmessungen und exzessivem Händewaschen, trotz aller Einschränkungen und Ängste an jedem einzelnen Tag das Schöne entdecken.

Machen wir ein gutes Jahr daraus.

Eure Anhora

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Bild: Wegweiser zum „Dorf über den Engelelochweg, Benutzung auf eigene Gefahr“ bei Ravensburg, (c) Anhora

Bevor das alte Jahr endgültig ausrangiert ist …

… möchte ich euch allen einen guten Rutsch wünschen.

Insbesondere wünsche ich allen, die wie ich am Silvesterabend allein sind, dass sie sich selbst genug sein können. Es ist für viele eine ungute Zeit, aber nichts bleibt, wie es ist.

Macht es euch schön, ihr seid es wert!

Alles Gute,
passt auf euch auf,
bleibt gesund.

Eure Anhora