Archiv der Kategorie: Bücher

Geschichten des Lebens

Mariatal

Heute Nacht träumte ich, mit dem Fahrrad abseits des vorgegebenen Wegs zu fahren, und ich kam schneller an als die anderen. Dann wollte ich einem Trauergottesdienst fernbleiben und fand den Zimmerschlüssel nicht, um ins Hotel zurückzukehren. Ich schaute nochmal in der Handtasche nach und – aah! Da war er ja. Schließlich saß eine fremde Frau am Steuer meines Autos und ließ sich nicht vertreiben. Aber ich geiferte so lange herum, bis sie aufgab und den Fahrersitz räumte.

So geht das zurzeit andauernd – meine Träume gehen plötzlich alle gut aus. Dabei kann ich normalerweise in der Nacht irgendwelche Aufgaben nicht lösen, stürze mich deshalb aus dem Fenster und bringe mich zusätzlich mit einer Schere um. Sowas in der Art.

Vielleicht hat es mit dem Buch zu tun, das ich zurzeit vor dem Einschlafen lese. Darin geht es um einen jungen orthodoxen Juden in Zürich, der am engen Korsett seiner Religion leidet. Er hinterfragt es aber nicht, sondern versucht Schleichwege zu finden und geht dabei dem Anderen, Verbotenen nicht aus dem Weg.

Seither lösen sich nachts auch meine Konflikte, traumhaft.

Eine Stelle hat mir besonders gefallen. Eine Kartenlegerin rät dem jungen Mann, nicht allzuviel nachzugrübeln, die Geschichten des Lebens seien eh alle schon geschrieben. Später fällt ihm das ein und …

„… da erkannte ich das Geheimnis: Die Geschichten sind tatsächlich schon geschrieben, aber wir können sie verraten und uns mit dazu. Wir können so leben, wie wir glauben, leben zu müssen oder nicht anders leben zu können, doch es wird immer ein lebn* geben, wie es für uns gemeint ist; es ist jenes, das uns am glücklichsten macht und das uns zu unserer wahren Größe erhebt; was auch immer der prajs*dafür sein möge und wieviel auch immer wir dafür auf uns nehmen müssen“.

Thomas Meyer – Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse
Salis-Verlag

*In dem Buch tauchen häufig jiddische Begriffe auf, an die man sich gewöhnen muss. Gut so. Dadurch lese ich etwas langsamer und habe länger schöne Träume!

Die Glücksregel

In irgendeinem Wartezimmer las ich kürzlich von einem Buch, mit dessen Hilfe man sich von Ballast befreien kann. Es ist ganz einfach: Man behält nur das, was glücklich macht. Regelmäßig genutzte Dinge wie Geschirr, Kleidung usw. müssen hoffentlich nicht entsorgt werden, aber alles andere, was man vielleicht irgendwann noch einmal brauchen, anziehen, zeigen könnte, was einfach nur da ist und keine Bedeutung (mehr) hat, kann weg. Wie wirkungsvoll diese Regel ist, selbst wenn man das Buch gar nicht gelesen hat, erlebe ich beim spontanen Nachschauen in meinen Schubladen.

Ich beginne mit einem Hammer (wir haben noch zwei weitere), den ich behalte. Er stammt aus einem früheren Leben, jemand anders hielt ihn schon in der Hand, eine Erinnerung. Aber die Beutel mit den Teekerzen ziehe ich seit Jahren herum und seien wir realistisch: Ich bin keine Romantikerin. Sollte sich das einmal ändern, kaufe ich neue. Diese hier werde ich verschenken und all die herrenlosen USB-, Scart-, Netz- und Sonstwaskabel auch. Aber die Steine und Muscheln nicht! Die zaubern manche Reise auf den Schreibtisch.

Im Lauf des Vormittags bekommt der ganze Schrank mehr Luft und ich auch. Jetzt kann ich gar nicht mehr aufhören damit. Kaum gibt es eine Regel, schon verwirft man alle Bedenken und es geht ganz leicht. Zu solchen Gedankengängen sind wahrscheinlich nur Deutsche fähig.

 

Mitbringsel

 

Zum Weiterlesen:
Die Lehre von der Leere

 

Hirameki

Mein letztes Buch hatte ich in einer halben Stunde durch. Es gab auch nicht viel zu lesen darin: nur ein paar nicht immer ganz gelungene Reime, ansonsten nur Kleckse. Das Buch ist voll mit zufällig hingetropften Wasserfarbflecken, aus denen durch nachträglich hingekritzelte Striche immer neue Welten mit eigentümlichen Geschöpfen und Gebilden entstanden sind. Das hat mich inspiriert. Mit einem Wattestäbchen tupfte ich rote Stempelfarbe aus einem herumstehenden Fläschchen auf den Notizzettelblock, danach ergänzte ich die Flecken mit einem feinen Filzstift.

Das ist ein entspannender Spaß, und zum nächsten Besuch beim Psychoanalytiker kann man die Ergebnisse auch gleich mitnehmen.

 

(draufklick = groß)

Peng+Hu: Hirameki
Der Geniale Klecks+Kritzel-Spaß.
Verlag Antje Kunstmann; 192 Seiten; 14,95 Euro

http://www.spiegel.de/fotostrecke/peng-hu-hirameki-der-geniale-klecks-kritzel-spass-fotos-fotostrecke-132911.html

Reduktion

Auf alles muss man warten, und in den meisten Fällen lohnt es sich nicht einmal. Ich rede von meinem Tablet, das ich mal tunen sollte, obwohl Windows 8.1 drauf und das Ding relativ neu ist. Ich kenne mich mit Flottmach-Programmen aber nicht aus, und auf Windows 10 hochzurüsten trau ich mich auch nicht, obwohl es angeblich schneller arbeitet. Ich kenne aber jemanden mit massiven Problemen damit, also müsste ich auf vorher ein System-Backup machen. Wie geht das nochmal? Mensch, ich bin Anwender, ich will sowas nicht können müssen und die Elektronikindustrie hat komplett verpennt, dass vor dem Bildschirm normale Leute hocken und keine Nerds.

Jedenfalls ging mir bei meinem Tablet das Warten auf den Seitenaufbau und auch die oft nur angefressenen Inhalte auf die Nerven, und so bin ich seit einiger Zeit ein häufig gesehener Gast in der örtlichen Bücherei. Ich hole mir Werke wie Fotografie für Dummies, Kunst in Oberschwaben, ein Bildband über Klecksbilder. Die blätter ich dann durch und stelle fest: Man muss nicht warten. Man schlägt eine Seite auf und sie ist sofort da, ohne LAN, WLAN oder Akku, einfach so. Schon das begeistert mich jeden Abend. Aber dann fehlen auch die Links, die Verlockung, rasch etwas Relevantes zu lesen, und dann etwas Relevantes zum Relevanten und dann noch die Nachrichten und die E-Mails und der Wetterbericht, bis ich am Ende vergessen habe, was ich wissen wollte, oder es interessiert mich nicht mehr.

Bei Büchern bleibt man dabei. Nach einer Stunde weiß ich zu einem Thema mehr. Ich verbiete mir auch, fragliche Stellen im Internet zu googlen.  Manches weiß ich dann eben nicht, und das ist ungewohnt. Ich habe aber festgestellt: Es passiert nichts, wenn man etwas nicht weiß. Ich muss kein Staatsexamen ablegen, und es ist grotesk schön, nicht alles wissen zu müssen.

Wir hatten es relativ einfach. Wieso haben wir es mit Computern so kompliziert gemacht?

Mikrostories

  • „Frau Sommer liegt im Krankenhaus, Galle. Nimm noch ein Stück Zwetschgenkuchen. Kannst doch morgen laufen gehn“.

Das ist sie. Meine diesjährige Herbstgeschichte.

Manche Ultrakurztexte scheinen mit Ereignissen, Umständen, Stimmungen verwachsen zu sein und der Kopf kann gar nicht anders, als eine Handlung dazu zu konstruieren. „Ein Buch nach dem andern nehme ich aus dem Schrank und reiche sie meiner Mutter. Ungerührt versenkt sie jedes einzelne in einen Karton“.

Mir gefällt diese Minimalliteratur. Sie entstand im digitalen Zeitalter mit seiner gelegentlich auftretenden Textbegrenzung auf 140 Zeichen. Gemeint sind aber nicht in Wortfetzen und Abkürzungen verpackte geistlose Inhalte. Hier geht es um Zünder für Gedankenfeuerwerke. Um Futter für die Fantasie.

Zum Beispiel diese Twitteraturperle von Renate Bergmann oder Sechs abgeschlossenen Romane.

Mehr dazu: Geschichten in 140 Zeichen – geht das?
Ja, das geht.

 

Träumereien

„Während das Kugelspinnenmännchen seinen Samen in das Weibchen pumpt, pumpt sie ihn voll mit Verdauungssäften. In dem Moment also, wo er sich am Ziel seiner Träume glaubt, wird er langsam von ihnen zersetzt, und er merkt plötzlich, dass ihn die Erfüllung seiner blödsinnigen Sehnsucht nicht erlöst hat, sondern auffrisst.“

(Funktioniert gelegentlich auch andersrum, wenn man männlichen Samen mit weiblicher Hingabe ersetzt. Aber nur bei Menschen.)

 

Textstelle aus: „Wir schießen Gummibänder zu den Sternen – Einer gegen alle“ Geschichtenroman von Stefan Beuse, geb. 1967, Reclam Leipzig, erschienen 1997. Erfrischende und feinsinnige Lektüre, meine heutige Buchempfehlung.

Tanzen auf Beton

Alles, was man tut, um geliebt zu werden, ist umsonst getan. Umsonst in allen Bedeutungen des Wortes: vergebens getan und ohne dass eine Gegenleistung gewährt würde. Es war ja keine Handlung gefordert worden. Und dass jemand mit Liebe auf etwas reagiert, was er nicht wollte und nicht forderte, ist nicht zwangsläufig, sondern eher unwahrscheinlich. Denn auf die Gefühle der anderen hat man keinen Einfluss. Die muss man hinnehmen. Man kann sie gutheißen oder ablehnen, man kann sich über sie freuen oder sich über sie ärgern; sie ändern zu wollen, ist ein schweres und ganz sicher ein dummes Unterfangen. Denn nur auf sich selbst kann man Einfluss nehmen, nicht auf die anderen. Geliebt wird man nicht für die Dinge, für die man geliebt sein will oder von denen man glaubt, dass sie die Liebe der anderen verdienen, sondern für ganz andere. Und welche das sind, darauf hat man keinen Einfluss.

Buchauszug: „Tanzen auf Beton“ von Iris Hanika

(Mangels eigener Einfälle zitiere ich heute das, worüber sich jemand anders Gedanken gemacht hat.)

Liebe