Archiv der Kategorie: Erinnerungen

Neulich in der Stadt

Aus einer Seitengasse beginnt es zu wummern, ich schau nach und vor einem größeren Publikum zeigen ein paar junge Männer, was sie beim Break Dance drauf haben. Ich bleibe fasziniert stehen, denn das hier geht über ein paar selbst einstudierte Figuren weit hinaus. Die Jungs liefern eine professionelle und mitreißende Show.

Ich mache Bilder und frage am Ende den Boss, ob ich die Fotos hier im Blog verwenden darf. „Kein Problem,“ sagt er, schaut mich an und fügt hinzu: „Ich glaub, wir kennen uns!“ Tatsächlich kommt mir sein Gesicht auch bekannt vor, ich weiß aber nicht woher. Er schon: Vor vielen Jahren war er der Schulfreund meines ältesten Sohnes. „Na klar“, rufe ich und schlage mir an die Stirn, „Navid!“

Wir reden ein bisschen, er lebt inzwischen in Berlin und ist ein über die Landesgrenzen hinaus erfolgreicher Street Dancer bei den Flying Steps geworden. Ist das nicht toll? Ein anderer ehemaliger Schulfreund desselben Sohnes ist ja der Rapper Kay One, auch der war als Teenager bei uns zu Hause. Da ist man schon ein bisschen stolz. 😉

Kostprobe der Crew?

 

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Lebensputz

In Krisen und Orientierungsphasen, oder auch während einer Fastenzeit überdenken wir gelegentlich Ziele im Leben, eingeschlagene Wege und Menschen, die uns begleiten. Manchmal stellen wir fest, dass wir in die falsche Richtung rennen, in einer Sackgasse stecken oder dass es mit jemandem im Umfeld nicht mehr passt. Grund also, das Eine oder Andere loszuwerden.

Das fiel mir kürzlich ein, als ich in der Stadt einer Frau begegnete, die ich kenne. Ein kurzes Hallo, lange nicht gesehn, dann ging man in verschiedenen Richtungen weiter. Mit dieser Frau habe ich meine halbe Teenagerzeit verbracht. Wir liebten uns, wir prägten uns, gemeinsam wurden wir erwachsen und diese Zeit hallt bis heute bei mir nach, Jahrzehnte später. Was hatten wir für einen Spaß miteinander, und all die Gespräche, die zigarettenverqualmten Nächte, und der Martini!

Wir treffen uns schon lange nicht mehr. Irgendwann lebte jede ihr eigenes Leben, ist die verträgliche Variante. Aber um ehrlich zu sein: Ich glaube, ich wurde aussortiert. Ihre Erwartungen erdrückten mich irgendwann und ich begann, mich zu widersetzen. Da zog sie sich zurück. Darüber gesprochen haben wir nie, wir waren noch jung.

Ich bewundere sie bis heute. Sie ist witzig, intelligent und unkonventionell. Sie wusste, was sie wollte und man konnte mit ihr mitkommen oder woanders hingehen – sie blieb auf ihrem Weg. Man konnte sich festhalten an ihr.

Danach hatte ich etwa zwanzig Jahre lang keine Freundinnen mehr. Ich war mit Ehe und Kindern beschäftigt, ist die verträgliche Variante.

Erinnerungen

Diese Geschichte liegt lange zurück, und doch fällt sie mir einmal im Jahr wieder ein. Als sie begann, war ich dreizehn Jahre alt und kurz zuvor von einer Bodensee-Sommerwoche mit meiner Schulklasse zurückgekommen. Wir hatten dort ein paar Jungs kennengelernt und einer davon, ein siebzehnjähriger Schweizer, kam kurze Zeit später in unsere Heimatstadt. Er war sehr cool, ein richtiger Hippie mit langen Haaren, ausgefransten Jeans und Turnschuhen. Alle Mädchen in meiner Klasse verknallten sich in ihn. Ich auch.

Der Junge trieb sich ohne feste Bleibe in unserer Stadt herum und wir brachten ihm abwechselnd zu essen, zu trinken und was er sonst noch brauchte. Mich bat er einmal um eine Haarbürste. Ich war ein verschüchtertes Kind und hatte nicht damit gerechnet, vom Pop-Star der ganzen Mädchenschule angesprochen zu werden. Ich nahm aber noch am selben Tag die familieneigene Haarbürste aus der Schublade und hätte das Geschimpfe meiner Stiefmutter, weil die Bürste wieder einmal nicht an ihrem Platz lag, klaglos in Kauf genommen. Seltsamerweise sagte sie dieses Mal aber nichts, sondern kaufte am nächsten Tag eine neue. Es war mir ein Zeichen, dass ich richtig gehandelt hatte.

Einen Tag später, es war ein Sonntag, verließ ich mit einer komplizierten Ausrede das Elternhaus, um ihm die Haarürste zu bringen. Ich fand ihn im Park, und kein anderes Mädchen aus meiner Klasse war dort. Wir redeten ein bisschen. Mir fiel nichts Bedeutendes zu sagen ein, doch das war egal. Er bestritt die Unterhaltung auch ohne mich.

Wir bummelten ein wenig durch die Stadt. Es waren wenig Menschen unterwegs, aber das merkte ich kaum – ich lief neben ihm her wie in Trance. Dann betraten wir die Schaufensterpassage eines Modegeschäfts, die wie ein Gang ein Stück weit ins Innere des Gebäudes führte. In den beleuchteten Fenstern waren Batik-Shirts, Maxiröcke und Hüfthosen ausgestellt, die meine Eltern mir sowieso nicht kauften. Ich wandte mich also um und wollte zurückgehen, aber der Junge war dicht hinter mir gestanden und ich lief auf ihn auf. Da legte er seinen Mund auf meinen.

Es war der erste Kuss in meinem Leben, und er schmeckte ein bisschen nach dem Wurstbrot, das ich ihm mitgebracht hatte. Ich stand da wie in Beton gegossen und ließ es einfach geschehen. Danach gingen wir weiter und ich versuchte herauszufinden, wer da auf einmal in meiner Haut steckte. Das Würmchen von vorher war es jedenfalls nicht mehr.

Wir trafen uns wieder. Nie fielen mir bessere Gründe ein, um mich von zu Hause fortzustehlen, und ein ums andere Mal lagen wir im Park beieinander im Gras. Ich verstand und verstehe ich bis heute nicht, was er an mir fand. All die geschminkten, witzigen und frechen Mädchen aus meiner Klasse wählte er nicht. Sondern mich.

Er blieb ungefähr zwei Wochen, und das reichte aus, um im Himmel ein gewaltiges Geigenkonzert zu veranstalten und mich aus der Klassengemeinschaft zu stoßen. Selbst meine Freundin giftete mich an und wir hatten ständig Streit. Manche redeten überhaupt nicht mehr mit mir, weil ich mit einem Gammler herumzog, wie sie es nannten. Dabei hatten sie wenige Tage zuvor alle von ihm geschwärmt.

Er reiste wieder ab, wir schrieben uns noch ein paar Briefe und begegneten uns nie wieder. Die Freundschaften zu den anderen Mädchen bauten sich allmählich wieder auf, wurden aber nicht mehr ganz so wie vorher.

Sein Name war Manfred und er stammte aus Stein am Rhein. Auch an seinen Nachnamen erinnere ich mich, und noch etwas habe ich nie vergessen. Ich denke jedes Jahr daran, seit über vierzig Jahren. Es ist nicht der Jahrestag des ersten Kusses, dieses Datum habe ich völlig vergessen. Seltsamerweise erinnere ich mich aber an seinen Geburtstag, den er mir einmal nannte und den wir nie zusammen erlebten. Er ist vier Jahre älter als ich und feiert am 8. März. Heute.

Onkel Werner

Das Ende meines Onkels passte gar nicht zu ihm. Ich kannte ihn als positiven Menschen mit jungenhaftem Charme, der mit dem Leben etwas anzufangen wusste.

Als wir noch Kinder waren, brachte er uns immer Geschenke mit, kleine Flieger oder sonst etwas, das sich bewegte oder Krach machte. Er zog dann mit uns auf die Wiesen und wir probierten das neue Spielzeug aus. Viel später kaufte er einem meiner Söhne zur Erstkommunion ein viel zu teures ferngesteuertes Auto. Noch heute schwärmt der Junge von dem Monster Truck und Onkel Werner.

Sein halbes Leben lang arbeitete er beim Quelle Versandhandel im Kundendienst. Begeistert berichtete er oft über alle Einzelheiten dieser Tätigkeit. Ebenso detailliert schilderte er seine Arbeit als Jugendtrainer in einem kleinen Dorffußballverein. Er fotografierte auch gern und entwickelte die Bilder selbst. Später engagierte er sich ehrenamtlich für ein Sportmuseum.

Onkel Werner hatte mehrere Beziehungen zu Frauen. Zwei davon heiratete er, aber es hielt immer nur ein paar Jahre. Alle seine Partnerinnen waren viel älter als er.

Einmal feierten wir zusammen Silvester, da war er gerade „Solo“, wie man es damals noch nannte. Meine Mutter, Onkel Werner (ihr Bruder) und ich zogen in eine Gaststätte. Er tanzte den ganzen Abend mit mir, obwohl ich erst Fünfzehn war und gar nicht tanzen konnte. Jedenfalls nicht Foxtrott. Jedenfalls nicht mit ihm. Spaß hatten wir trotzdem, und meine Mutter fand andere Tänzer.

Aus beruflichen Gründen zog er später nach Leipzig, wo er die letzten 15 Jahre seines Lebens verbrachte. Dort zerbrach auch seine zweite Ehe. Die Frau erstritt hohe Unterhaltszahlungen, mein Onkel geriet in Geldnot. Ein langjähriges Krebsleiden verschlechterte sich und nach ein paar Jahren war er gesundheitlich wie finanziell ruiniert.

Heute vor zehn Jahren verließ Onkel Werner seine Wohnung am frühen Morgen. Er begab sich zur Bahnstrecke zwischen Leipzig und Erfurt. Auf den Gleisen wartete er auf den Zug. Er kam um 6:15h. Onkel Werner wurde 63 Jahre alt.

 

Blumen für Mama

Eine meiner frühesten Kindheitserinnerungen handelt von Blumen, die ich für meine Mutter pflückte. Da die Stiele in meinen Augen nichts Besonderes an sich hatten, brach ich sie ab und legte meiner Mutter nur das Schönste auf den Schoß: die bunten, zarten Blüten. Neben ihr – wir befanden uns auf einem Spielplatz oder so – saß eine andere Frau mit einem „ordentlichen“ Sträußlein von ihrem Kind in der Hand. Da sagte meine Mutter: „Oh, ich bekomme ja nur die Köpfe“.

Das verwirrte mich so, dass ich es heute noch weiß.

 

KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERA

 

Allen Müttern wünsche ich einen wunderschönen Muttertag!

Betrachtet die Geschenke, die ihr heute vielleicht bekommt, mit den Augen der Kinder.

❤❤❤

Freundschaft

Meine erste Freundin hieß Vera. Sie war ein ruhiges Mädchen mit schwarzen Haaren und blassem Gesicht. Morgens holte sie mich immer ab und wir gingen gemeinsam in den Kindergarten. Einmal hatte ich aber keine Lust auf das tägliche Ritual und ich lief davon, bevor sie klingelte.

Als Vera eine Weile nach mir im Kindergarten eintraf, saß ich schon an einem der Spieltische, und alle Stühlchen waren besetzt. Sie blieb einen Augenblick stehen und schritt dann zögernd zu einem anderen Tisch, an dem noch niemand saß. In der Mitte dieses Tischs lag ein Haufen bunter Glas-Steckerchen, die man auf einer Unterlage zu einem Bild zusammenfügen konnte. Sie setzte sich, blickte still vor sich hin, nahm ein paar Steckerchen in die Hand und ließ sie langsam zwischen den Fingern auf den Tisch zurückfallen. Sie war ganz allein.

Ich hätte mich zu ihr setzen können, aber an unserem Tisch waren interessantere Spielsachen. Was es war, weiß ich nicht mehr, nur dasss wir Steckerchenbilder alle öd fanden. Ich spielte also weiter und begriff nicht, warum es auf einmal keine rechte Freude mehr machte.

Noch heute denke ich manchmal daran, und dann bekümmert mich die Traurigkeit meiner Freundin in jenem Moment und dass mein Verhalten etwas damit zu tun hatte. Vera’s Familie zog bald danach weg, und ich habe sie nie wiedergesehen.

London (43)