Archiv der Kategorie: Geschichten

💋❤️❤️❤️💋 – Die Auflösung

Gestern erzählte ich hier die Geschichte einer eifersüchtigen Ehefrau mit einem kleinen Rätsel am Ende: Was überzeugte die Ehefrau, dass eine mit Herzchen und Kussmündern garnierte E-Mail an ihren Mann harmlos war? Da wir sein Alter nicht erfahren haben, könnte er zum Beispiel 85 Jahre alt und die 75jährige durchaus jemand zum Verlieben sein.

Vielen Dank erst einmal euch allen fürs Mitraten und Kommentieren. Eine Leserin ist auch auf die Lösung gekommen: *Tusch* –  Zoé!
Gäbe es zwischen den beiden eine Amour fou, hätte der Mann die Weiterleitung vermutlich noch in der Nacht deaktiviert, spätestens aber beim Frühstück. Noch besser vor dem Frühstück, gleich nach dem Aufstehen.
Das tat er aber nicht.
Er ließ die Weiterleitung drei Tage lang laufen, bis die Ehefrau – nunmehr gelangweilt – sich über die Flut nichtssagender E-Mails aus seinem Postfach beklagte.

Hinweis: An dieser Stelle möchte ich aufgrund des einen oder anderen (auch privaten) Kommentars auf etwas hinweisen, das nicht überall bekannt zu sein scheint:

Man hört im höheren Alter nicht auf, Frau oder Mann zu sein.
Auch mit 75 Jahren kann jemand interessant und attraktiv für das andere Geschlecht sein!
Es kommt auf die persönliche Ausstrahlung und passende Altersgruppe an, und selbst das ist keine Bedingung.

Das weiß ich sicher durch Beispiele in meiner Umgebung, und ich meine nicht Dinner for One!
Oder seht ihr das anders?

❤️❤️❤️❤️❤️❤️❤️❤️❤️

💋❤️❤️❤️💋

Ein Mann schließt im Internet einen Vertrag ab. Damit nichts übersehen wird, richtet er eine automatische Weiterleitung ein: Seine Frau erhält alle E-Mails des Anbieters, sodass auch sie ein Auge darauf werfen kann.
Am Abend – der Mann war schon zu Bett gegangen – merkt die Frau, dass etwas nicht stimmt. Es werden nicht nur die relevanten, sondern auch alle anderen E-Mails an sie weitergeleitet.
Noch später am Abend – sie will gerade das Laptop ausschalten – erscheint die E-Mail einer Frau im Postfach: Sie freue sich auf das Treffen mit ihm und wünsche eine gute Nacht. Garniert mit zahlreichen Herzchen und Kussmündchen.
Sie geht zu Bett, lindnert ein paar Minuten lang (lieber gar nicht mit ihm weitermachen als falsch weitermachen?) und weckt ihn dann auf.
„Wer ist Herta Unterbusch?“
Er grunzt verschlafen und murmelt „Eine aus dem Volkshochschulkurs.“
Seine Frau berichtet nun kurzatmig von der missglückten Weiterleitung und was für einen Gute-Nacht-Gruß er erhalten habe.
Es scheint ihn nicht zu interessieren. Die Dame habe gerade E-Mails und Smilies entdeckt, sie schicke ständig solches Zeug herum. Nett sei sie, bisschen schräg, 75 Jahre alt. Zu dem Treffen kommen noch vier weitere Personen. „Schlaf jetzt.“
Die Frau kommt nur schwer zur Ruhe in dieser Nacht.

 

Bis zum Abend des nächsten Tages jedoch sind alle Zweifel ausgeräumt. Und das, obwohl die Ehefrau keinerlei Kontakt zur Kussmund-Dame gehabt hatte.

Was denkt ihr, was sie überzeugt hat?

❤️❤️❤️

Morgenkontemplation

Auf dem Weg zur Arbeit betrachte ich jeden Morgen ein Fräulein in einem Glaskasten. Dieser klebt an der Frontseite einer kleinen Maschinenfabrik und mein Radweg führt eine Weile lang direkt darauf zu.

In dem Kasten sitzt das Fräulein: schmal, ein wenig verhuscht, mit kinnlangem, bräunlich gelocktem Haar und sommers wie winters in einem dünnen Blüschen. Stets blickt sie angestrengt auf einen kleinen Computerbildschirm und kommt ihm mit dem Gesicht einen Tick zu nahe. Selbst aus der Ferne meine ich zu erkennen, dass sie nicht mehr ganz jung ist und eine Brille braucht. Niemals habe ich sie mit einer anderen Person gesehen.

Auch befindet sich der Zugangsbereich mit Lagerhallen, Gabelstaplern, Parkplätzen und dem Eingangsbereich auf der hinteren Seite des Gebäudes, sodass nicht ganz klar ist, wozu es das alles überblickende verglaste Büro auf der Vorderseite braucht. Vielleicht waren die Nutzflächen früher einmal anders angeordnet, oder es ist eine veränderte Einteilung für die Zukunft geplant.

Oder: das Fabriklein hat längst zugemacht, aufgekauft von einem dicken Konzern, und das Fräulein hat man einfach vergessen. Vielleicht ist ihr Gehaltszettel zwischen denen von 5000 weiteren Konzern-Mitarbeitern an anderen Standorten versunken und der Wareneingang ist gar kein Wareneingang, sondern der Zugang zu Abstellflächen für veraltete Ersatzteile, die der neue Eigentümer noch nicht wegwerfen möchte. Dem Fräulein auf der Vorderseite erscheinen aber Bewegungen im Bestand, und unberührt vom Treiben da draußen werden diese von ihr gewissenhaft verbucht und auswertet, wie sie es immer getan hat, und ihre Listen verschwinden vielleicht in den Tiefen eines Verzeichnisses, von dem niemand weiß außer sie selbst.

Dies ist der momentane Status meiner Überlegungen. Jeden Morgen sinne ich ein paar Minuten lang darüber nach, wie alles sein könnte, so wie andere im Yogasitz oder beim Gebet verharren, um inspiriert in den Tag zu kommen.

Und was begegnet euch auf dem Weg zur Arbeit?

Mülltrennung

Es waren einmal ein Mülleimer und eine Mülleimerin. Die standen beieinander an einem südlichen Strand und hatten im Winter nichts zu tun, als auf das Meer hinauszublicken. Wie aber das Wasser kam und ging im ewigen Wechsel, wie der Wind ihre Deckel klappern ließ wie verträumte Trommeln, wie die Sonne ihr milchiges Licht auf sie fließen ließ – da wuchs etwas zwischen den beiden. Und als der Abendhimmel einmal die Wellen besonders rosa leuchten ließ, da gestanden sie einander ihre Liebe.

Dann kam der Frühling und mit ihm ein Bodenleger. Der schob die Tonnen auseinander und verlegte einen Holzweg zwischen ihnen, auf dass die Menschen im Sommer bequem zum Wasser gelangten. Da weinte die Mülleimerin, dass ihr Müllsack tropfte. Sie sehnte sich nach dem Liebsten, der weit weg stand auf der anderen Seite, und auch dieser war nicht zu trösten.

Eines Tages kam ein Strandgänger vorbei. Die Eimer riefen: „Hilf uns, hilf uns. So können wir nicht leben, bring uns wieder zusammen!“ Doch die Mülleimersprache klingt wie Fliegengebrumm und Bienengesumm. Der Mann glaubte zwar, etwas gehört zu haben und wandte sich um. Allein, er entdeckte nichts und … … ging weiter.

Da begann die Mülleimerin auf ihren hohen Stelzen hin- und herzuschaukeln. Sie hoffte, mit etwas Schwung könnte sie zur Seite fallen und neben dem Mülleimer zu liegen kommen. Aber ach, es gelang ihr nicht. Und als es warm wurde und die Menschen kamen, dachten sie wieder an andere Dinge.


Es sei denn: Jemandem von euch fällt ein anderer Schluss ein! Wie könnte die Geschichte weitergehen?

Danke fürs Mitmachen! Nachfolgend eine mögliche Alternative, die natürlich auch anders aussehen könnte dank eurer Impulse. Ich habe mich aber für diese entschieden:


Da begann die Mülleimerin auf ihren hohen Stelzen hin- und herzuschaukeln. Sie hoffte, mit etwas Schwung könnte sie zur Seite fallen und neben dem Mülleimer zu liegen kommen. Aber ach, es gelang ihr nicht. Und als es warm wurde und die Menschen kamen, dachten sie wieder an andere Dinge.

Statdessen rutschte sie aber nur tiefer in ihre Halterung, und das sah die vorbeiwabernde Abfallfee aus einem fernen Land. Erfreut über das Bemühen der Mülleimerin nach Ordnung und Korrektheit – so war es in ihrer Feenheimat nämlich Sitte – sprach sie zur Eimerin: „Da du deine Aufgabe so ernst nimmst, werde ich dir einen Wunsch erfüllen!“ Die Mülleimerin überlegte nicht lange und bat darum, für immer neben dem geliebten Mülleimer bleiben zu dürfen. So geschah es. Und wenn sie nicht umgefallen sind, dann stehn sie dort noch heute.

 

Energierückgewinnung

Einem Menschen über lange Zeit beim Loslassen des Lebens zusehen zu müssen, ist keine einfache Sache. Erst recht nicht, wenn es die Mutter ist mit all den Geschichten, die verbinden oder auch nicht. Wie viel Energie dabei auf der Strecke blieb, merke ich erst jetzt, wo ich sie wieder für mich selbst behalten darf.

Sichtbares Ergebnis dieser Entwicklung ist, dass ich trotz Jobverlust, Wohnungswechsel und Zukunftsangst rauchfrei geblieben bin. Drei Monate sind es heute. Davor hatte es schon genügt, dass meine Mutter wieder einmal ins Krankenhaus musste und ich mit dem ganzen Brimborium dastand und gleich wusste, was auf mich zukam. In solchen Fällen (zum Beispiel) habe ich halt immer ein Schächtelchen Trost aus dem Automaten gezogen, auch wenn ich das Rauchen eigentlich aufgegeben hatte.

Aber jetzt – fließt es wieder. Ich fühle mich leicht und zuversichtlich, Nikotin brauche ich nicht. Heute habe ich Herbstastern zu ihrem Grab gebracht. Uns geht es gut.

KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERA

Freundschaft

Meine erste Freundin hieß Vera. Sie war ein ruhiges Mädchen mit schwarzen Haaren und blassem Gesicht. Morgens holte sie mich immer ab und wir gingen gemeinsam in den Kindergarten. Einmal hatte ich aber keine Lust auf das tägliche Ritual und ich lief davon, bevor sie klingelte.

Als Vera eine Weile nach mir im Kindergarten eintraf, saß ich schon an einem der Spieltische, und alle Stühlchen waren besetzt. Sie blieb einen Augenblick stehen und schritt dann zögernd zu einem anderen Tisch, an dem noch niemand saß. In der Mitte dieses Tischs lag ein Haufen bunter Glas-Steckerchen, die man auf einer Unterlage zu einem Bild zusammenfügen konnte. Sie setzte sich, blickte still vor sich hin, nahm ein paar Steckerchen in die Hand und ließ sie langsam zwischen den Fingern auf den Tisch zurückfallen. Sie war ganz allein.

Ich hätte mich zu ihr setzen können, aber an unserem Tisch waren interessantere Spielsachen. Was es war, weiß ich nicht mehr, nur dasss wir Steckerchenbilder alle öd fanden. Ich spielte also weiter und begriff nicht, warum es auf einmal keine rechte Freude mehr machte.

Noch heute denke ich manchmal daran, und dann bekümmert mich die Traurigkeit meiner Freundin in jenem Moment und dass mein Verhalten etwas damit zu tun hatte. Vera’s Familie zog bald danach weg, und ich habe sie nie wiedergesehen.

London (43)

Etappensieg

Hallo Nachbarn, seht ihr, wie ich nicht draußen steh? Seht ihr, wie ich nicht rauche? Vier Wochen habe ich es heute geschafft. Es ist immer noch ein Suchen nach Trost spendenden Alternativen, die nicht aus Essen oder Alkohol bestehen, viel bleibt da nicht. Nur meine Fantasie. Wenn ihr wüsstet, was für einen unsäglichen Mist ich derzeit in mein kleines Fahrtenbuch schreibe. Da geht es um das Entfliehen von einer Insel mit giftigen Dämpfen, angeketteten Kreaturen und hohen Steuern, aber auch um ein kleines Boot auf dem glitzerblauen, sauberen Meer der unendlichen Freiheit, in dem ich gegen heulende Stürme, üble Wellen und gefährliche Strömungen kämpfe. In dem ich aber auch immer häufiger blühende Inseln finde mit gesunden, lachenden Menschen, die mühelos Fußball spielen oder einen Hügel hinaufrennen können. Wenn ich sowas von jemand anderem lesen müsste, würde ich es anzünden, als Brandbeschleuniger bei der nächsten Grillparty zum Beispiel.

Aber es funktioniert. Es sind Szenen, die sich tief in mir drinnen abspielen, starke Bilder gegen schwache Momente. Ich habe seither keine Zigaretten mehr angerührt und sie fehlen mir (fast) nicht. Ein paar dieser hanebüchenen Geschichten brauche ich aber noch. Zum Glück liest das keiner.