Archiv der Kategorie: Geschichten

Kunst und Knödel

In welchem Museum steht diese Skulptur? Und wie kommt das Klopapier dahin?

Nein, es ist keine Installation moderner Kunst, und kein Witzbold hat eine Kunsthalle entweiht. Es war vielmehr eine aufmerksame Reinigungskraft, die diese Klopapierrolle dort deponiert hat, wo sie hingehört: In der Toilette.

Über eine Büste über dem Spülkasten kann man sich indessen Gedanken machen. Bei der nächsten Sitzung zum Beispiel.

Gesehen im ältesten Gasthaus Deutschlands: Dem Roten Bären in Freiburg. Teile davon gibt es schon seit dem 12. Jahrhundert.

Und so sieht in Corona-Zeiten das Frühstücksbuffet aus: Es kommt an den Tisch.

Dieses hier war allerdings schon halb aufgegessen, ehe ich an ein Bild für die Corona-Chronik dachte.

Lange nicht gesehn!

Freitagmorgen 11h bei Kaufland: Klopapier!

Ausgezeichnet sind zwar Küchenrollen und die hätt ich auch gebraucht. Aber Küchenrollen sind ausverkauft, dafür gibts Klopapier.

Der Tag wird kommen, da gibt es auch nachmittags oder gar abends wieder Toilettenpapier, und zwar nicht auf Sonderpaletten mit dem Hinweis auf nur eine Packung pro Haushalt. Vielmehr wird sich das begehrteste Hamstergut aller Zeiten wieder in den Regalen langweilen und jeder kann sich nehmen, soviel er will und wann er will.

Sobald ich das im Supermarkt sehe, kaufe ich Aktien. Dann geht es aufwärts.

Erfolgsmeldung

Morgens um acht ist die Welt noch in Ordnung. Jedenfalls bei Netto im Klopapierregal. Ein paar Kunden stehen herum, nehmen artig eine Packung heraus und nicht mehr. Man stellt sich an der Kasse an, hält Abstand zueinander und zu dem Herrn, der hinter einer Plexischeibe die Waren über den Scanner zieht. Ein Plastikschüsselchen dient der Bargeldübergabe.

Nach drei Tagen vergeblicher Bemühungen bringe ich heute also eine Packung Toilettenpapier nach Hause. Man kann vieles improvisieren oder darauf verzichten, aber um den Hintern zu säubern, fällt mir nichts ein. Dieser Gedanke wird wohl die Hamsterkäufe ausgelöst haben.

Bling bling … ♪ • * ° * •. ¸ ¸ ¸ . * ♪

Ich steh an der Ampel. Im Wagen vor mir sitzt eine junge Frau am Steuer, die plötzlich die Arme hochwirft. Sie reckt sie nach links, dann nach rechts, sie hebt die Schultern und lässt sie fallen, sie wackelt mit dem Kopf, dass ihr dünner Pferdeschwanz mithüpft. Sitztanzen nennt man das wohl. Garantiert hört sie dasselbe Lied wie ich: „Augenbling“ läuft gerade im Radio, von Seeed.

Ein Mann sitzt neben der fuchtelnden Frau und schwingt mit den Fäusten hin und her. Die beiden haben Spaß, und auch bei mir zuckt es jetzt. Geht ja nicht anders bei dieser Knallermusik, man will einfach tanzen. Auch oder gerade in einer öden Ampelschlange.

Nun schaltet es auf Grün, die Autos setzen sich in Bewegung. Wir befinden uns auf der Abbiegespur und wie die Kolonne nach links in die Kurve geht, sehe ich ins Innere des Fahrzeugs vor mir. Es ist gar keine junge Frau. Es ist eine alte Frau. Um die Siebzig, würd ich sagen. Ihr Beifahrer mindestens auch so.

Da möchte man die beiden augenblicklich überholen, sich vor ihnen querstellen, aussteigen, ihre Wagentür aufreißen und Auskunft verlangen: „Was geht hier vor?  Wieso tanzt ihr, als ob keiner zusieht? In eurem Alter? Ich will die ganze Geschichte hören. Sofort.“

(Ich hätte auch ein bisschen sitztanzen sollen)

Tanzt ihr auch manchmal im Auto?

Reisegeschichten (2)

Um ein Haar hätten wir uns im Urlaub mit jemandem angefreundet. Es waren ja noch mehr Wanderer unterwegs: einmal hatten wir einen Abend lang Spaß mit einem jungen holländischen Paar. Aber die meine ich nicht. Ich meine Her Highness und den Husten.

Die beiden waren schon älter und stammten aus Australien. Sie fielen uns auf, weil Er sich beim Reden ständig räusperte, während Sie auf eine Art sprach, als sitze sie beim Pferderennen in Ascot: very british, very posh, „I am utterly exhausted“ und so. Her Highness in Wanderhosen.

Sie zeigten kein Interesse an uns. Wir auch nicht an ihnen, weil uns Husten und Gehabe auf die Nerven gingen. Der Mann grüßte immerhin zurück beim Frühstück oder Abendessen. Die Dame würdigte uns keines Blicks.

Einmal steuerten wir bei einer Wanderung auf die einzige Bar in einem Dorf. Da hörten wir es von der Terrasse her schon husten. Wir gingen trotzdem rein, weil wir Hunger hatten, und zum ersten Mal bedachte uns Her Highness mit einem Lächeln. „Hi,“ begrüßte sie uns charmant. „Hi Highness“, hätte ich beinahe erwidert. Sie empfahlen uns die Panini, mehr wurde nicht daraus. Auch nicht später beim Abendessen.

Die Wende kam am letzten Tag. Wir wurden von Cortemilia zum Ausgangspunkt in Alba zurückgebracht und landeten im selben Taxi: 45 Min. Zeit, uns anzuschweigen oder nicht. Und da ging das Plaudern los. Wie fandet ihr es? Hattet ihr auch Angst vor Wildschweinen? Manchmal ging es schon lange bergauf, oder?

Es wurde geradezu munter zwischen uns und wir entdeckten einige Gemeinsamkeiten. Deshalb wollten war beim Aussteigen gar nicht glauben, dass es vorbei ist. Wir werden uns niemehr wiedersehen. Australien ist zu weit weg.

Warum dauerte das so lange?

Reisegeschichten (1)

Habt ihr euch schon einmal mit der Technik in Hotelzimmern herumgeschlagen?

In einem hübschen Quartier in Monteforte d’Alba betrete ich die nagelneue, ebenerdige Duschkabine. Sie ist zur Hälfte durch eine Glasscheibe abgetrennt und hat einen tellergroßen Brauskopf, der wie ein Satellit über mir schwebt. Alles wirkt modern, offen und hell.
Allein: es kommt kein Wasser. Ich drehe an Griffen und Hebeln, drücke, ziehe – nichts.

Da steh ich also: staubig, nackt, verschwitzt. Der geliebte Brite liegt auf dem Hotelbett und reagiert nicht auf meine Rufe. Ist wohl eingeschlafen.

Also nehme ich die Handbrause, die funktioniert. Ich justierte sie an der Duschstange, positioniere mich davor und wasche mir 15 gewanderte Kilometer vom Leib. Danach steht allerdings nicht nur das komplette Badezimmer samt Wäsche und Taschen auf dem Boden unter Wasser, sondern auch das angrenzende Hotelzimmer. Als ich ans Bett trete, platscht es unter meinen Füßen.

Ich melde den Schaden an der Rezeption und behaupte „Dusche kaputt“. Eine Mamma erscheint mit Eimer und Wischmop, während der Brite bereits mit den Aufräumarbeiten begonnen hat. Zu dritt ziehen wir Handtücher über den Boden, wechseln die Bettwäsche (die herunterhängenden Laken haben sich vollgesaugt), nach einer halben Stunde ist der Tsunami besiegt.

Der Brite hat nach einer Weile auch herausgeknobelt, wie die Dusche funktioniert. Aber hey, ich bin Büroangestellte und keine Ingenieurin! Wie bescheuert ist ein Design, dessen Mechanik man nicht versteht und dessen Boden nur unter der Brause abschüssig anlegt ist, im übrigen Teil der Kabine aber nicht??
Drei Tage brauche ich, um darüber lachen zu können.
Der Brite nur drei Minuten. 😦


Quelle: https://www.booking.com/hotel/it/il-grappolo-d-oro.de.html

Fundstück

Das haben wir in der Gerätekammer unserer Gartenhütte entdeckt!

Es handelt sich um ein Wespennest und Google behauptet, dass man bis zu 50.000 EUR Strafe zahlt, wenn ein solches ohne Genehmigung entfernt wird. Na gut. Ich hätte es auch ohne Strafandrohung gelassen, allerdings ist der Raum dort nur etwa 2 qm groß. Ich hoffe also, dass die Viecher werden nicht nervös werden, wenn ich Hacke oder Rasenmäher brauche. Und dass der Nestbautrieb nicht ausufert und im Sommer etwas Kürbisgroßes in der Hütte hängt!


Hat von euch jemand Erfahrung mit einem Wespennest im oder am Haus?

Der Schatten des Esels

Ein Zahnarzt mietete einen Esel für eine Tagesreise. Als er sich in der Mittagshitze in den Schatten des Tiers legte, hinderte ihn der Eselstreiber daran. Er habe ihm wohl den Esel vermietet, nicht aber dessen Schatten. Dafür seien zusätzliche Gebühren fällig. Es folgte ein unangenehmer Streit, die Sache kam vor Gericht, die Bürger der Stadt mischten sich ein, dann das ganze Land und schließlich kam es zur Spaltung des Volks und Bürgerkrieg. „Esel oder Schatten?“ wurde zur Glaubensfrage.

Diese Geschichte schrieb ein Dichter aus Biberach im 18. Jahrhundert, angelehnt an ein Grundmotiv aus der Antike. Es ist eine Satire auf die Macht der Deutung und das Spiel der Advokaten. Wer seinen Standpunkt nicht aufgibt, und wer sich von geschäftstüchtigen Juristen oder anderen Leuten mit eigenen Absichten dabei noch befeuern lässt, der riskiert den Frieden.

(Spontan fallen mir dazu die lieben Engländer mit ihrem Brexit-Chaos ein.)

Biberacher Marktplatz: Skulptur von Peter Lenk nach „Der Prozess um des Esels Schatten“ von Christoph Martin Wieland (1733-1813) aus Oberholzheim bei Biberach.

Was gibt es sonst noch in Biberach?
Es lebe die Vielfalt!

Heiligs Blechle!
(Skulptur vor dem Museum Biberach)

Einblicke (in den Museums-Innenhof)

Übrigens:
In Biberach fand die erste Shakespeare-Aufführung in deutscher Sprache statt, und ihre mächtige gotische Kirche nutzen die Gläubigen beider christlichen Konfessionen schon seit dem 16. Jahrhundert gemeinsam.

Mir gefällts hier! 🙂

Das Büro-Klo

Zur Toilettensituation an meiner Arbeitsstelle ist zu sagen, dass es sich um eine nachträglich eingebaute WC-Kabine handelt, und dass nicht genug Platz dafür vorhanden war. Es ist also sehr, sehr eng darin. Auf einen Klopapierabroller und eine Vorrat-Halterung wurde deshalb verzichtet, statt dessen baut die Reinigungsdame immer auf einem ca. 1,5 m hohen Mauervorsprung hinter der Toilette mehrere Klopapierrollen zu einer kleinen Pyramide auf. Nach dem Geschäft muss man sich also halb umwenden und nach oben greifen, um an die Spitzenrolle ranzukommen. Da darf man nicht ungelenkig sein!

Heute morgen war ich aber noch tapsig. Ich griff in die falsche Reihe und brachte das Konstrukt zum Einsturz. Mehrere Klopapierrollen rollten im Klo herum, die ich natürlich noch in sitzender Position alle erreichen und wieder einsammeln konnte. Einen Teil balancierte ich wieder an ihren Platz zurück, und dabei hab ich mir den Nacken verrenkt. Ich spüre dort einen scharfen Schmerz seither.

Ist das jetzt ein Arbeitsunfall?

 

Bild von Manfred Antranias Zimmer auf Pixabay

Die drei ???

Als ich kürzlich zur Arbeit fuhr, stand ein Bernhardiner am Zebrastreifen. Er schaute nach links, schaute nach rechts und durch meinen Kopf schossen drei Fragen:
1.) Muss man am Zebrastreifen auch für einen Hund bremsen? 2.) Kann ein Hund Verkehrsregeln begreifen? und 3.) Wo ist Herrchen?

Ich hatte noch keine einzige Antwort gefunden, da erledigte sich die erste Frage schon von selbst: Ich hielt an, denn der Hund war einfach losgetrabt und überquerte die Straße.
Als ich weiterfuhr, schlappte ein verschlafenes Frauchen um die Ecke, somit war auch die dritte Frage beantwortet.

Aber nun die zweite Frage an alle Hundebesitzerinnen und -besitzer: Kann ein Hund die Bedeutung von Zebrastreifen verstehen? Oder hatte ich eine Halluzination?

 

💋❤️❤️❤️💋 – Die Auflösung

Gestern erzählte ich hier die Geschichte einer eifersüchtigen Ehefrau mit einem kleinen Rätsel am Ende: Was überzeugte die Ehefrau, dass eine mit Herzchen und Kussmündern garnierte E-Mail an ihren Mann harmlos war? Da wir sein Alter nicht erfahren haben, könnte er zum Beispiel 85 Jahre alt und die 75jährige durchaus jemand zum Verlieben sein.

Vielen Dank erst einmal euch allen fürs Mitraten und Kommentieren. Eine Leserin ist auch auf die Lösung gekommen: *Tusch* –  Zoé!
Gäbe es zwischen den beiden eine Amour fou, hätte der Mann die Weiterleitung vermutlich noch in der Nacht deaktiviert, spätestens aber beim Frühstück. Noch besser vor dem Frühstück, gleich nach dem Aufstehen.
Das tat er aber nicht.
Er ließ die Weiterleitung drei Tage lang laufen, bis die Ehefrau – nunmehr gelangweilt – sich über die Flut nichtssagender E-Mails aus seinem Postfach beklagte.

Hinweis: An dieser Stelle möchte ich aufgrund des einen oder anderen (auch privaten) Kommentars auf etwas hinweisen, das nicht überall bekannt zu sein scheint:

Man hört im höheren Alter nicht auf, Frau oder Mann zu sein.
Auch mit 75 Jahren kann jemand interessant und attraktiv für das andere Geschlecht sein!
Es kommt auf die persönliche Ausstrahlung und passende Altersgruppe an, und selbst das ist keine Bedingung.

Das weiß ich sicher durch Beispiele in meiner Umgebung, und ich meine nicht Dinner for One!
Oder seht ihr das anders?

❤️❤️❤️❤️❤️❤️❤️❤️❤️

💋❤️❤️❤️💋

Ein Mann schließt im Internet einen Vertrag ab. Damit nichts übersehen wird, richtet er eine automatische Weiterleitung ein: Seine Frau erhält alle E-Mails des Anbieters, sodass auch sie ein Auge darauf werfen kann.
Am Abend – der Mann war schon zu Bett gegangen – merkt die Frau, dass etwas nicht stimmt. Es werden nicht nur die relevanten, sondern auch alle anderen E-Mails an sie weitergeleitet.
Noch später am Abend – sie will gerade das Laptop ausschalten – erscheint die E-Mail einer Frau im Postfach: Sie freue sich auf das Treffen mit ihm und wünsche eine gute Nacht. Garniert mit zahlreichen Herzchen und Kussmündchen.
Sie geht zu Bett, lindnert ein paar Minuten lang (lieber gar nicht mit ihm weitermachen als falsch weitermachen?) und weckt ihn dann auf.
„Wer ist Herta Unterbusch?“
Er grunzt verschlafen und murmelt „Eine aus dem Volkshochschulkurs.“
Seine Frau berichtet nun kurzatmig von der missglückten Weiterleitung und was für einen Gute-Nacht-Gruß er erhalten habe.
Es scheint ihn nicht zu interessieren. Die Dame habe gerade E-Mails und Smilies entdeckt, sie schicke ständig solches Zeug herum. Nett sei sie, bisschen schräg, 75 Jahre alt. Zu dem Treffen kommen noch vier weitere Personen. „Schlaf jetzt.“
Die Frau kommt nur schwer zur Ruhe in dieser Nacht.

 

Bis zum Abend des nächsten Tages jedoch sind alle Zweifel ausgeräumt. Und das, obwohl die Ehefrau keinerlei Kontakt zur Kussmund-Dame gehabt hatte.

Was denkt ihr, was sie überzeugt hat?

❤️❤️❤️

Halbe Hunde

Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus, und so kam es, dass ich vor der Hochzeit meiner Tochter zum ersten Mal in meinem Leben ein Nagelstudio aufsuchte. Drei zierliche Damen sitzen dort nebeneinander an kleinen Tischchen und beugen sich über die Hände ihrer Kundinnen. Ohne von der Arbeit aufzublicken, unterhalten sich die drei von Zeit zu Zeit miteinander.

Diese kleinen Wortwechsel in dem ansonsten stillen Studio erinnern an das Miauen von Nachbars Katze. Es handelt sich bei dem Trio nämlich um Vietnamesinnen, und in ihrer Sprache klingen die Wörter gedehnt, mit viel Melodie. Ich muss dann genau aufpassen, denn ihr Deutsch ist stark von der Muttersprache eingefärbt. Wenn die junge Frau vor mir etwas sagt, ist nicht ohne weiteres zu erkennen, ob sie mich meint auf deutsch oder eine der Kolleginnen auf vietnamesisch. Es hört sich eigentlich gleich an.

Einmal betritt eine Kundin den Laden und fragt: „Wie lange würde es dauern, bis ich drankomme?“ Eine der Damen blickt auf, schätzt mit einem Blick die drei Tische ab und antwortet: „Halbe Hunde.“ „Bitte?“ „Halbe Hunde!“ kommt es vernehmlicher, wohl in der Annahme, sie habe zu leise gesprochen. „Gut,“ antwortet – ebenfalls in einer Annahme – die Kundin. „Dann komme ich in einer halben Stunde wieder“.

Ich könnt da jeden Tag hingehen. Aber für regelmäßige Behandlungen ist es dann doch zu teuer. Schade.

Der Golem von Prag

Vor langer Zeit lebte in Prag ein alter Rabbi namens Judah Löw. Damals wurden jüdische Menschen verfolgt und angegriffen, weil sie angeblich das Blut kleiner Kinder vergossen für ihre religiöse Riten. Um seinen Mitbürgern zu helfen, erschuf der Rabbi aus Lehm von den Ufern der Moldau eine riesige Gestalt, den Golem. Er hauchte ihm durch magische Zahlen- und Buchstabenfolgen Leben ein und schrieb das Wort „emet“ auf seine Stirn, „Wahrheit“.

Der Golem gehorchte dem Rabbi und beschützte die Menschen im jüdischen Ghetto. Mit der Zeit wurde er jedoch immer brachialer und begann sogar, Menschen zu töten. Da versprach man Löw, dass alle Gewalt gegen die Juden aufhören würde, wenn er den Golem zerstören würde. Der Rabbi stimmte zu. Er entfernte den ersten Buchstaben aus „emet“ und so wurde es zu „met“, das Wort für „Tod“. Da wich das Leben aus dem Golem. Die Juden aber durften fortan in Frieden leben.

Diese überlebensgroße Statue steht am Übergang zur Josefstadt in Prag. Wenn man darunter steht, wird einem gruselig, man möchte diesem Wesen des nachts nicht begegnen. Sie zeigt übrigens nicht den Golem, sondern den Rabbi.

Was ist ein Golem?

Die Legende von Rabbi Löw und dem Golem

Viele Wege führen nach Rom

… und einer davon ist der Nachtzug. Wir haben ein Zweier-Abteil gebucht mit Bad und Frühstück, um den Jahreswechsel in einer der schönsten Städte der Welt zu verbringen.
Im Bad unseres Zugabteils sind Dusche, Waschbecken und WC funktional angeordnet auf etwa zwei Quadratmetern: Verrenkungskünstler sind hier klar im Vorteil. Das Waschbecken ist schwenkbar und befindet sich entweder halb über dem WC oder in der Dusche. Theoretisch könnte man also auf der Toilette sitzen und sich die Zähne putzen.
Einen Wasserhahn gibt es nicht, nur einen Duschkopf, der auf Knopfdruck Wasser speit. Eine Brause ist aber kein Wasserstrahl: sie sprüht also über das winzige Waschbecken hinaus und man bekommt nasse Füße. Also hält man die Hände zum Waschen in die Dusche, dann gehts.

Geschlafen wird in Stockbetten und man liegt nicht zur oder gegen die Fahrtrichtung, sondern quer. Das heißt, dass man in Kurven ein wenig nach oben oder unten rutscht. Das ist besser, als nach rechts oder links geworfen zu werden, denn das Bett ist gefühlte 30 cm breit.

Der Vorteil des Nachtzugs ist, dass man morgens ankommt, geschlafen hat und der ganze Tag zur Verfügung steht. Mit dem Flugzeug ist man ja oft erst am Nachmittag oder Abend am Ziel. Trotzdem würde ich korpulenten Menschen von dieser Art des Reisens abraten. Man muss sich schon sehr dünn machen, um in einem Zugabteil Bad und Bett benutzen und sich auf engstem Raum einrichten zu können. Wir haben aber den Bauch eingezogen und stehen am nächsten Morgen im Bahnhof Roma Termini, Roms Hauptbahnhof.

 

Kulturaspekte

Auf einer Bahnhofstoilette in Basel erlebte ich kürzlich die weibliche Mentalität im Allgemeinen und die schweizerische im Besonderen: Nach der Ankunft mit dem Zug musste ich nämlich aufs stille Örtchen, wo allerdings schon etwa zehn Frauen vor vier besetzten Kabinen warteten. In dem engen Vorraum war Schlangestehen unmöglich und so stellte man sich irgendwo hin. Ich merkte mir nur die Frau, die vor mir eingetreten war, eine Inderin im roten Sari.

Wenn eine Kabine frei wurde, löste sich aus dem ungeordneten Haufen immer genau eine Frau und begab sich zur Toilette. Anscheinend wusste jede, wann sie an der Reihe war. Doch einmal geriet der Ablauf ins Stocken: eine Kabine war frei geworden, und keine Frau trat vor. Nach wenigen Augenblicken richteten sich ein paar Augenpaare auf die Inderin neben mir und deuteten freundlich auf die offen stehende Tür. Verschämt lächelnd huschte sie hinein.

Wenig später kam sie wieder heraus, trat zum einzigen Waschbecken und wusch sich die Hände. Als ich fertig war und die Kabine verließ, wusch sie sich die Hände immer noch. Ich stellte mich hinter sie und wartete, aber sie rieb und knetete ihre Finger unter dem Wasserstrahl und wollte nicht aufhören. Kein Mensch kann so schmutzig sein, dass man so lange ein Waschbecken belegen muss, dachte ich und sah etwas ungehalten zu.

Das bemerkte eine andere Frau. Sie wandte sich diskret an die Inderin und sagte mit Schweizerischem Akzent: „Nehmen Sie die Hände einfach vom Hahn weg, dann hört das Wasser auf.“ Die Inderin zog ihre Hände zurück, betrachtete kurz das Wunder des versiegenden Wasserstrahls und lachte schüchtern auf.

Während ich nun ans Waschbecken trat, erklärte die Frau der Inderin noch unauffällig das Gebläse zum Händetrocknen.

Liebe Schweizerinnen, ich bin derart beeindruckt, dass ich hier davon erzählen wollte. Nicht nur die Inderin hat an diesem Tag etwas gelernt, sondern auch eine Deutsche. 🙂

Helvetia

Morgenkontemplation

Auf dem Weg zur Arbeit betrachte ich jeden Morgen ein Fräulein in einem Glaskasten. Dieser klebt an der Frontseite einer kleinen Maschinenfabrik und mein Radweg führt eine Weile lang direkt darauf zu.

In dem Kasten sitzt das Fräulein: schmal, ein wenig verhuscht, mit kinnlangem, bräunlich gelocktem Haar und sommers wie winters in einem dünnen Blüschen. Stets blickt sie angestrengt auf einen kleinen Computerbildschirm und kommt ihm mit dem Gesicht einen Tick zu nahe. Selbst aus der Ferne meine ich zu erkennen, dass sie nicht mehr ganz jung ist und eine Brille braucht. Niemals habe ich sie mit einer anderen Person gesehen.

Auch befindet sich der Zugangsbereich mit Lagerhallen, Gabelstaplern, Parkplätzen und dem Eingangsbereich auf der hinteren Seite des Gebäudes, sodass nicht ganz klar ist, wozu es das alles überblickende verglaste Büro auf der Vorderseite braucht. Vielleicht waren die Nutzflächen früher einmal anders angeordnet, oder es ist eine veränderte Einteilung für die Zukunft geplant.

Oder: das Fabriklein hat längst zugemacht, aufgekauft von einem dicken Konzern, und das Fräulein hat man einfach vergessen. Vielleicht ist ihr Gehaltszettel zwischen denen von 5000 weiteren Konzern-Mitarbeitern an anderen Standorten versunken und der Wareneingang ist gar kein Wareneingang, sondern der Zugang zu Abstellflächen für veraltete Ersatzteile, die der neue Eigentümer noch nicht wegwerfen möchte. Dem Fräulein auf der Vorderseite erscheinen aber Bewegungen im Bestand, und unberührt vom Treiben da draußen werden diese von ihr gewissenhaft verbucht und auswertet, wie sie es immer getan hat, und ihre Listen verschwinden vielleicht in den Tiefen eines Verzeichnisses, von dem niemand weiß außer sie selbst.

Dies ist der momentane Status meiner Überlegungen. Jeden Morgen sinne ich ein paar Minuten lang darüber nach, wie alles sein könnte, so wie andere im Yogasitz oder beim Gebet verharren, um inspiriert in den Tag zu kommen.

Und was begegnet euch auf dem Weg zur Arbeit?

Mülltrennung

Es waren einmal ein Mülleimer und eine Mülleimerin. Die standen beieinander an einem südlichen Strand und hatten im Winter nichts zu tun, als auf das Meer hinauszublicken. Wie aber das Wasser kam und ging im ewigen Wechsel, wie der Wind ihre Deckel klappern ließ wie verträumte Trommeln, wie die Sonne ihr milchiges Licht auf sie fließen ließ – da wuchs etwas zwischen den beiden. Und als der Abendhimmel einmal die Wellen besonders rosa leuchten ließ, da gestanden sie einander ihre Liebe.

Dann kam der Frühling und mit ihm ein Bodenleger. Der schob die Tonnen auseinander und verlegte einen Holzweg zwischen ihnen, auf dass die Menschen im Sommer bequem zum Wasser gelangten. Da weinte die Mülleimerin, dass ihr Müllsack tropfte. Sie sehnte sich nach dem Liebsten, der weit weg stand auf der anderen Seite, und auch dieser war nicht zu trösten.

Eines Tages kam ein Strandgänger vorbei. Die Eimer riefen: „Hilf uns, hilf uns. So können wir nicht leben, bring uns wieder zusammen!“ Doch die Mülleimersprache klingt wie Fliegengebrumm und Bienengesumm. Der Mann glaubte zwar, etwas gehört zu haben und wandte sich um. Allein, er entdeckte nichts und … … ging weiter.

Da begann die Mülleimerin auf ihren hohen Stelzen hin- und herzuschaukeln. Sie hoffte, mit etwas Schwung könnte sie zur Seite fallen und neben dem Mülleimer zu liegen kommen. Aber ach, es gelang ihr nicht. Und als es warm wurde und die Menschen kamen, dachten sie wieder an andere Dinge.


Es sei denn: Jemandem von euch fällt ein anderer Schluss ein! Wie könnte die Geschichte weitergehen?

Danke fürs Mitmachen! Nachfolgend eine mögliche Alternative, die natürlich auch anders aussehen könnte dank eurer Impulse. Ich habe mich aber für diese entschieden:


Da begann die Mülleimerin auf ihren hohen Stelzen hin- und herzuschaukeln. Sie hoffte, mit etwas Schwung könnte sie zur Seite fallen und neben dem Mülleimer zu liegen kommen. Aber ach, es gelang ihr nicht. Und als es warm wurde und die Menschen kamen, dachten sie wieder an andere Dinge.

Statdessen rutschte sie aber nur tiefer in ihre Halterung, und das sah die vorbeiwabernde Abfallfee aus einem fernen Land. Erfreut über das Bemühen der Mülleimerin nach Ordnung und Korrektheit – so war es in ihrer Feenheimat nämlich Sitte – sprach sie zur Eimerin: „Da du deine Aufgabe so ernst nimmst, werde ich dir einen Wunsch erfüllen!“ Die Mülleimerin überlegte nicht lange und bat darum, für immer neben dem geliebten Mülleimer bleiben zu dürfen. So geschah es. Und wenn sie nicht umgefallen sind, dann stehn sie dort noch heute.

 

Der Klogott

„Du sollst keine fremden Götter neben mir haben.“ Ich nehme dieses Gebot ernst, und wenn das alle täten, hätten wir ein paar Probleme weniger – denken wir nur an den gottgleichen Status von Geld, Macht, Alkohol, Computerspiele, Smartphones usw.

Dieser Überzeugung zum Trotz habe ich dennoch einen Klogott. Ich bete ihn natürlich nicht an und er ist auch kein richtiger Gott. Ich nenne ihn nur so, weil er eben aussieht wie einer oder wenigstens wie ein Schutzpatron für Toilettengänger. Vor Jahren trug ich den kleinen tönernen Kerl von einem Trödelmarkt nach Hause und er hätte auch als Geldscheißersymbol Karriere machen können. Aber mir schien, als ob das nicht seine Bestimmung war: er wollte aufs Klo. Seitdem wacht er auf dem Fenstersims im Badezimmer und wir bringen ihm regelmäßig Opfer in Nougatform. Nicht dass sein Anblick auf die Endphase unserer Verdauungsprozesse Einfluss  hätte – ich hab ihn einfach nur gern und denke, der liebe Gott verzeiht mir das.

 

Klogott

Energierückgewinnung

Einem Menschen über lange Zeit beim Loslassen des Lebens zusehen zu müssen, ist keine einfache Sache. Erst recht nicht, wenn es die Mutter ist mit all den Geschichten, die verbinden oder auch nicht. Wie viel Energie dabei auf der Strecke blieb, merke ich erst jetzt, wo ich sie wieder für mich selbst behalten darf.

Sichtbares Ergebnis dieser Entwicklung ist, dass ich trotz Jobverlust, Wohnungswechsel und Zukunftsangst rauchfrei geblieben bin. Drei Monate sind es heute. Davor hatte es schon genügt, dass meine Mutter wieder einmal ins Krankenhaus musste und ich mit dem ganzen Brimborium dastand und gleich wusste, was auf mich zukam. In solchen Fällen (zum Beispiel) habe ich halt immer ein Schächtelchen Trost aus dem Automaten gezogen, auch wenn ich das Rauchen eigentlich aufgegeben hatte.

Aber jetzt – fließt es wieder. Ich fühle mich leicht und zuversichtlich, Nikotin brauche ich nicht. Heute habe ich Herbstastern zu ihrem Grab gebracht. Uns geht es gut.

KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERA