Archiv der Kategorie: Mutter

Allerheiligen

Auf ihrem Grab wächst Immergrün. Ich zupfe Eichenblätter heraus und trage sie zum Kompost, reiße ein paar Unkräutlein aus der Erde. Währenddessen wollen keine Grüße mein Diesseits verlassen, keine Erinnerungen meine Großmutter erreichen, kein kurzes Erzählen, was neu ist bei uns. Nur ihr zerfurchtes Gesicht erwische ich, und den Blick darin. Das Leben presste sie zu Stein, wie der auf dem Grab. Wie misstrauisch sie war. Sie lächelte selten und als dürfe sie es nicht, schon zu Lebzeiten befand sie sich weit weg.  Da ist nichts, was sie mir sagen will, wenn ich an sie denke. In all den Jahren fiel mir das nicht auf, aber heute. Besser ich störe nicht. Ich stelle den Topf mit den Herbstblumen ab und verschwinde.

Auszeitlos

Da es sonst niemand tut, lobe ich mich selbst: Eine ganze Woche ohne Tabakqualm liegt hinter mir! Der Entzug manifestierte sich nur in anhaltend schlechter Laune, und das konnte in den ersten Tagen vom dauerverregneten Juni-Beginn herrühren. Seit dem Sommereinbruch vor drei Tagen wurde es allerdings kaum besser, dabei quält mich kein Druck, eine Zigarette haben zu müssen. Was mir fehlt, sind die Inseln. Aus meinen überfrachteten Alltagen hatte ich wenigstens minutenlang dorthin flüchten können, eine Rauchpause ist eben eine Pause, ein zeitlich begrenztes Innehalten, ein Bremsmanöver mit Haltegriff, eine Art (absurder geht’s nicht) Luftholen.

Nun renne ich unterbrechungslos von Hektik und Druck bei der Arbeit zur alten Wohnung meiner Mutter, zu Restmöbel-Entsorgung, Renovierungsbedarf und Mieteransprüche sowie zu Schriftkram und Erledigungen in ihrer neuen Wohnung. Selbst wenn ich ein paar Minuten lang in der Sonne stehe zur Mittagszeit oder am Abend – ich weiß nicht, was ich dort anfangen soll. Ich komme nicht runter. Es gibt keinen Ersatz.

Gedankengut

In mehreren Bananenschachteln lagern jetzt Bücher bei mir, ich brachte es nicht über mich, sie wegzugeben. Die Bücher gehören meiner Mutter, die in der neuen Wohnung keinen Platz mehr für sie hat. Ich stöberte ein bisschen und fand unter anderem einen Leitfaden über Heilige: wer für welche Anliegen zuständig ist und um Hilfe gebeten werden kann. Erstaunlich. Einst versuchte die christliche Kirche, den Viel-Götter-Kult von Naturreligionen auszurotten, und hier auf meinem Schreibtisch liegt „Fünfzig Helfer in der Not“. Darin fehlen noch Gott selbst, Jesus, Maria und sämtliche Engel. Nicht jede  Religion betet so viele Götter an wie wir Engel und Heilige!

Jedenfalls interessierte mich nur ein einziger Name, und ich fand ihn: Hildegard von Bingen. Bis vor einem Jahr wusste ich nur, dass sie eine Ordensfrau war, im Mittelalter lebte und sich mit Kräutern und Arzneien auskannte. Ich war nicht einmal sicher, ob sie überhaupt heilig ist, aber sonst fiel mir niemand ein und ich brauchte sie dringend. Also lag ich im Geist auf den Knien vor ihr, jeden Tag und jede Nacht, damit sie die Verletzungen meines Sohnes heile. So sehr versenkte ich mich in die Gebete, dass ich Visionen zu spüren glaubte und sah, wie sie seinen Kopf streichelte, damit er nach langen Tagen erwache aus dem Koma. Und es geschah. Da bat ich ihre Hände auf seine Brust, damit er wieder alleine atmen konnte. Auch das geschah. Ich beobachtete viele Male, wie sie seine Arme, Beine, Hüfte berührte. Die Knochen wuchsen zusammen, der Junge lernte wieder zu gehen. Noch heute bete ich zur heiligen Hildegard, sie hält jetzt seinen Kopf zwischen den Händen, um die Vergesslichkeit daraus zu vertreiben. Nun werde ich mal schauen, was Anselm Grün über sie zu sagen weiß.

Es entspannt mich, in den Abendstunden Schachtel für Schachtel durchzusehen und in all den Werken zu blättern. Jedes davon birgt Impulse, Gedanken und Antworten. Sie haben mit meiner Mutter zu tun oder auch mit mir, und ich ordne sie nach „werd ich lesen“, „liest vielleicht meine Tochter“, „ oder jemand anders“, und „kommt in den Keller“. Wer auch immer sie eines Tages weggibt – ich werde es nicht sein.

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„Fünfzig Helfer in der Not“ von Anselm Grün


Diese Schmerzen!

Ich betrachte meine Hände auf der Bettdecke, die Finger scheinen in kürzlich erfolgter Operation nachträglich aufgesteckt worden zu sein. Dick und steif sitzen die Glieder aufeinander, und wenn ich sie zur Faust einziehen will, wimmert jedes einzelne Gelenk. Drehe ich die Handteller nach oben, maulen meine Unterarme über braune und bläuliche Flecken, aufgeschürfte Haut und kleine Schnitte. Ich dehne meinen Oberkörper und da geraten die Muskeln in Schultern und Rücken in  Aufruhr: es stecken Messer drin, heulen sie, beweg dich nicht! Doch ich will aus dem Bett kommen und erhebe mich halb – nun sind es unterer Rücken, Gesäß und Oberschenkel, die um Einhalt flehen und mich stöhnend zurücksinken lassen. Um es auf einen Nenner zu bringen: Wie sind gestern umgezogen. Meine Mutter lebt nun in der hübschen Wohnung einer Seniorenanlage.

Zum ersten Mal lasse ich den Gedanken zu, dass ich nicht mehr so kraftvoll bin. Bei meinem eigenen Umzug vor drei Jahren jagte ich noch Treppen auf und ab wie ein wildgewordenes Pferd, und es waren damals mehr Möbel zu versetzen. Gestern fühlte ich mich im Lauf des Tages, als zerfalle ich, und heute bin ich nurmehr ein Restbestand. Um ehrlich zu sein: Auch bei meinen Jogging-Runden wähle ich seit längerem Abkürzungen, weil es anstrengend geworden ist. Ob dies von der Operation an den Füßen im letzten Jahr rührt oder ob der Schock wegen meines verunglückten Sohns etwas damit zu tun hat – ich weiß es nicht. Vielleicht klopft einfach mein Alter an. Man wächst, entwickelt sich und ergraut ja nicht gleichbleibend jeden Tag ein bisschen. Oft passiert lange Zeit nichts, doch dann kommt ein Ruck und man wird ein Stück weitergeworfen, in welche Richtung auch immer. Nichts bleibt, wie es ist.

Der lange Weg zum Feierabend …

… wird kürzer mit Chantré. Nein, hier folgt keine Werbung für alkoholische Getränke, es fällt mir nur auf. Seit ein paar Tagen stehen hier nämlich Flaschen herum mit hochprozentigem Inhalt, seit Jahren gereift im Wohnzimmer meiner Mutter und dann mir übergeben, da nicht mehr gebraucht. Früher hätte sie ein Schlückchen Cognac nicht verschmäht und Namen wie Sliwowitz, Ouzo oder Jim Beam kenne ich seit meiner Kindheit. Wobei Jim Beam bei uns ausgesprochen wurde wie Jim Bimm und mir gefiel das Wort immer, weil es klingt wie Bimm Bamm.

Jedenfalls war mein Tag wenig erfolgreich heute. Die Arbeit fraß mich auf, zwei Aufträge konnte ich nicht wie zugesagt ausliefern, eine Reklamation klemmt in meiner Magengrube. Erst nach sieben kam ich heim, aufgewirbelt und zerfahren und da, neben dem Telefon, atmeten die Flaschen. Ich hatte sie zunächst einmal dort abgestellt und seither überlegt, was mit ihnen anzufangen sei. Heute wusste ich es. Ich griff nach einer der angebrochenen und es ist Chantré. Ein paarmal genippt und jetzt spüre ich ein bisschen Feierabend. Das Karussell in meinem Kopf fährt langsamer, bald kann ich aussteigen. Wenigstens für heute Abend.

Mir g‘fallts!

Ich hab ein Bild mitgebracht und weiß nicht, wie herum ich es aufhängen soll. Es fiel mir in die Hände, als ich meiner Mutter beim Packen half für ihren Umzug. Das Bild malte sie vor ein paar Jahren, es leuchtet in Rot und Orange wie fast alles, was von ihr in meiner Wohnung hängt, ich liebe diese Farben.

Das neue Bild steht im Moment noch an der Wand. Hochformatig gesehn dreht sich ein Kind in wildem Tanz und ich würde es so aufhängen, wäre da nicht ein Gesicht rechts unten, das mich irritiert. Andersherum aufhängen geht auch nicht. Da flieht eine Gestalt nach links aus dem Bild und schaut in Terror zurück auf einen Verfolger, den wir nicht sehen. Querformat? Im ersten Versuch sehe ich ein Huhn. Es stürzt kopfüber aus dem Bild, der Kopf ist schon verschwunden und rechts oben feixt eine Fratze. Andersrum: Jetzt hat das Huhn sich aufgerichtet. So stattlich ist es geworden, dass sein Kopf nicht mehr ins Bild passt, es strebt nach oben zum Licht wie alles im Bild. Der Fleck links unten ist ein Schatten geworden oder freundlicher Genosse, der das Huhn stützt.

Dieses Bild nehm ich.

Gemalt ist es mit Acryl in der Zeit, als meine Mutter für ihr Leben gern Malkurse belegte, einen nach dem andern. Zahlreiche Gemälde voll Farbe und Leben entstanden und das ist gut, denn solche großen Formate kann sie heute nicht mehr bearbeiten. Seit dem Schlaganfall ist ihre Hand nicht mehr kräftig genug, aber sie hat köstliche kleine Aquarell-Engel gemalt, ulkige Figuren, eins davon habe ich aufgestellt, obwohl es blau ist. In den meisten Fällen präsentiert sie diese Werke dem Betrachter übrigens ähnlich wie einst ihre Kuchen: „Sieht ein bissel missraten (vrgrôda) aus, macht aber nix. Mir g‘fallts!“

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zu ihren Bildern

zu ihren Kuchen

Die Zurückgelassenen

Bei meiner Mutter stapeln sich Kartons mit Büchern. Sie wird sie nicht mitnehmen in die neue Wohnung. Ich besitze selbst viele Bücher, wie Geliebte, Freunde oder Bekannte erzählen sie davon, was irgendwann einmal Bedeutung hatte für mich und niemals will ich mich von ihnen trennen. Ich glaube, so dachte meine Mutter einst auch. Es zieht mir die Seele zusammen beim Gedanken an all diese Schachteln und dass die Bücher darin nicht mehr zu meiner Mutter gehören dürfen. Romane, Gedichte, Rezepte, Kunst, von Simmel bis Kaffka ist alles da. Für alle habe ich leider nicht den Platz, aber immer wieder fische ich das eine oder andere heraus, um es zu retten.

Eins davon habe ich gerade gelesen, „Zwei alte Frauen“ von Velma Wallis. Es handelt von einem Nomadenstamm in Alaska, lange bevor die Zivilisation kam mit Autos und TV-Geräten. Zu jener Zeit fanden die Menschen in besonders langen Wintern nichts mehr zu essen, sie starben an Entkräftung und Hoffnungslosigkeit. So mussten die Häuptlinge von Zeit zu Zeit eine fürchterliche Entscheidung treffen: Sie trennten sich von den Alten. Zum einen, weil sie nutzlose Esser waren, zum andern vielleicht dargebracht als Opfer an Geister, die in die hungernden Menschen gedrungen waren und sie wild und unberechenbar werden ließen.

Der Stamm zog weiter und war einen Moment lang erleichtert darüber, besser dran zu sein als zwei alten Frauen, die zurückgelassen wurden. Doch statt sich mit indianischem Stolz ihrem Schicksal zu ergeben, weinten die Frauen, verzagten, sie barsten vor Wut auf jene, die ihnen das antaten. Wir erfahren vom eisigen Weg, der vor ihnen liegt, von Angst und der Entschlossenheit, ihn zu gehen. Das Buch ist eine Geschichte von Grenzen und wie man sie hinter sich lässt.

Meine Mutter zeigt auf ein weiteres Fach, in dem Bücher stehn, und noch eins und noch eins.  Früher erwarb sie ein Buch nach dem andern und gelegentlich meinte sie: „Was ich jetzt nicht lese, lese ich später. Wenn ich in Rente bin, ist genug Zeit.“ Und sie hat viel gelesen seither, aber auch vor ihrer Pensionierung, immer schon. Jetzt liest sie nicht mehr. Ihre Gedanken zusammen zu halten bei längeren Texten ist anstrengend geworden für sie. Buch um Buch ziehe ich aus dem Schrank und reiche es meiner Mutter. Ungerührt versenkt sie jedes einzelne in einem Karton. Ich weiß noch nicht was tun mit ihnen, schaurig, sie einfach wegzugeben.