Archiv der Kategorie: Tagesgedanken

Zimmerreise 7/2021: O wie Orchidee

Da Reisen wegen Corona lange kompliziert oder unmöglich waren, ruft puzzleblume seit einiger Zeit zu Zimmerreisen auf. Wenn man genau hinschaut, gibt es nämlich auch zu Hause viel zu entdecken und Spannendes zu erzählen. In der momentanen Etappe sind Reiseziele mit dem Anfangsbuchstaben N oder O an der Reihe.

In meinem früheren Büro stand eine Orchidee. Die Eltern eines Kollegen hatten sie vorbeigebracht, als Dank an das Team für die große Anteilnahme. Ihr Sohn – unser Kollege, der öfters unter einem Schreibtisch zu finden gewesen war, schnaufend, in Kabel verheddert, bis er irgendwann hervorkroch und fröhlich rief: „Jetzt sollte der Computer funktionieren!“ – dieser Sohn und Kollege war tot. Er starb von einem auf den anderen Tag an Herzversagen, Mitte Vierzig war er geworden.

Die Orchidee stand also auf der Emfpangstheke, wunderschön anzusehen. Ich dachte bei ihrem Anblick immer an die Eltern und wie es ihnen wohl geht, und an den Kollegen, der aus einem blühenden Leben gerissen worden war.

Dann hatte ich Urlaub. Als ich zurückkam, bestand die Orchidee noch aus fast kahlen Stengeln und matschigen Blättern, sie lag im Sterben, das war klar. Die Auszubildende hatte es mit dem Gießen zu gut gemeint.

Dass diese Pflanze dem Kollegen nachfolgt, konnte ich nicht hinnehmen. Nicht die auch noch. Ich holte sie zu mir auf den Schreibtisch, ließ sie in Ruhe, zwei Blätter überlebten. Das war im Sommer 2018. In allen künftigen Abwesenheitszeiten nahm ich sie mit nach Hause und brachte sie danach wieder zurück.

Nach einem Jahr lebte die Orchidee immer noch, sie hatte sogar ein neues Blatt bekommen. Als ich Ende 2020 wegen Rationalisierung meinen Arbeitsplatz räumen musste, war sie über dem Berg. Sie hatte drei Blätter und sah gesund aus. Damit es so bleibt, nahm ich die Pflanze mit.

Und dann geschah es: wenige Wochen nach meinem Ausscheiden schob sich ein Blütenstiel ans Licht. Heute, einige Monate später, sieht sie so aus:

Gegen das Vergessen.

Warum sind Zimmerpflanzen gesund?
Zimmerpflanzen sehen nicht nur hübsch aus, sie tun auch unserem Organismus gut. Wir müssen sie nicht gleich essen, aber sie reinigen die Luft von Schadstoffen, produzieren Sauerstoff und regulieren die Luftfeuchtigkeit (man könnte auch einen Luftbefeuchter anschaffen, der sieht aber nicht halb so gut aus).

Auch mental wirken Zimmerpflanzen: Die meisten Menschen verbinden mit Pflanzen Natur, Entspannung und Harmonie. Das gilt für draußen wie für drinnen: Zimmerpflanzen beruhigen die Nerven, fördern die Kreativität und erhöhen die Konzentrationsfähigkeit. Ob das schon bei einem einzelnen Töpfchen funktioniert, weiß ich nicht. Meine Empfehlung: Besser mehr.

Zimmerpflanzen gegen depressive Phasen
Selbst therapeutisch sind Zimmerpflanzen einsetzbar:
Das Pflegen und Hantieren mit Pflanzen wirkt wie eine Meditation und beruhigt.
Einer Pflanze beim Wachsen zu zuzusehen, kann wieder ein Gefühl von Selbstwirksamkeit erzeugen.
Das Recherchieren zur Pflege verschiedener Pflanzen lenkt die Gedanken in eine neue Richtung.
Gedeihende Zimmerpflanzen sorgen für das eine oder andere Dopamin-Schüblein, also Glücksgefühle.
Wer sich über soziale Medien über Zimmerpflanzen austauscht, kann wieder Kontakt zur Außenwelt finden.

Vom Statussymbol zum Massengeschäft
Bereits im alten Ägypten und Rom wurden Pflanzen in Behältern gezogen, um ihre Schönheit zu genießen oder als Statussymbol, wenn es sich um exotische Pflanzen handelte.
Auch bei uns waren Zimmerpflanzen vor hunderten Jahren noch Repräsentationsobjekte, denn nur Reiche konnten sich ihre Anschaffung und Pflege leisten.

Im Internet-Zeitalter ist das nicht mehr vorstellbar, aber ich erinnere mich an stunden-, tage-, wochenlanges Blättern in Pflanzenbüchern und Bildbänden. Oh, wie ich träumte, was aus meinem dreiblättrigen Ableger werden könnte! Nicht alle Träume wurden wahr, aber die Vorfreude konnte mir niemand nehmen.

Das gibt es heute nicht mehr, Zimmerpflanzen sind ein Massengeschäft geworden. Es gibt sie schon für wenig Geld, und in jedem Topf steckt eine Pflegeanleitung: knapp, bequem, kurzlebig.

Positive Energien – der Pflanzenkult in Asien
In Asien spielen Zimmerpflanzen eine bedeutende Rolle, man denke nur an Bonsai und Ikebana. Als Feng-Shui-Anhängerin weiß ich natürlich, dass eine gesunde Pflanze Glück ins Haus bringt.
Feng Shui sagt: Wenn eine Pflanze gedeiht, entsteht positive Energie im Raum. Kränkelnde und sterbende Pflanzen müssen deshalb entsorgt werden (bei der Orchidee musste ich eine Ausnahme machen). Gesunde Pflanzen hingegen stehen für Wachstum, Freude, Erneuerung und Vitalität.

Fazit
Unabhängig von all den positiven Auswirkungen: Wenn eine Pflanze an einem Platz steht, an dem sie atmen und bewundert werden kann, schaut man gerne hin. Schon deshalb gibt es selbst in meiner kleinen Wohnung mehrere grüne Mitbewohner.

Warum wir Menschen Zimmerpflanzen so lieben

Darf man den einzigen essbaren Osterhasen schon am Ostersonntag essen?

Diese Frage beschäftigt mich seit heute Morgen. Ich schaue diesen hübschen Hasen nämlich gerne an, würde ihn aber genauso gerne aufessen. Wenn ich ihn hinterher immer noch anschauen könnte, hätte ich es längst getan.

Wusstet ihr, dass der Osterhase in Deutschland — Kinder, jetzt nicht weiterlesen — erfunden wurde?  Die Idee, dass der Osterhase Süßigkeiten und Eier verschenkt, soll im Mittelalter in Deutschland entstanden sein, die erste schriftliche Erwähnung stammt aus dem 16. Jahrhundert. Niederländische Siedler brachten den Hasen im 18. Jahrhundert in die Vereinigten Staaten und die machten ein Geschäftsmodell daraus, wie aus so vielem.

75% der Deutschen essen übrigens die Ohren eines Schokohasen zuerst.
Ich auch. Was solls. Ostern ist Ostern, ich kann den hübschen Hasen ja auf dem Foto anschauen.
Mmmm, da sind Smarties drin!

Das Bemalen der Eier wurde in der Ukraine erfunden. Einwanderer brachten es in USA und dort weiß man eben, wie man eine Idee unter die Leute bringt.

In Bulgarien wiederum ist es ein alter Osterbrauch, sich gegenseitig mit rohen Eiern zu bewerfen. Diese Tradition wurde zum Glück nicht in die USA exportiert, um von dort aus um die Welt zu gehn.

Stimmt es, dass in der Schweiz nicht der Osterhase, sondern der Kuckuck die bunterkunten Ostereier bringt? Hab ich ja noch nie gehört.

Das und mehr interessante Oster-Fakten gibt es hier zu lesen: Die 10 besten Fakten über Ostern

So. fertig. Versuchungen widerstehen zu können gehört in die Fastenzeit, es lebe das Leben!
Nicht das dieses Osterhasen, der nur kurz unter uns war, aber das andere Leben, unseres, das können wir öffnen und Freude hineinlassen. Wenn das nichts zum Feiern ist!

Fröhliche Ostern wünsche ich euch allen,
lasst es euch gutgehen.

 

Regentropfenrätsel

Wer viel Zeit zu Hause verbringt, hat viel Zeit zum Nachdenken. Fragen treten auf, von denen sich manche beantworten lassen, andere nicht. Jedenfalls nicht von mir.

Zum Beispiel beschäftigt mich die Windschutzscheibe meines Autos: Warum sehen bei Regenwetter die Wasserperlen innerhalb der Scheibenwischerfläche anders aus als außerhalb? Dort, wo die Scheibenwischer nicht hinkommen, sitzen winzige Tröpfchen sauber nebeneinander. Wo dagegen gewischt wird, sieht es auf der Scheibe etwas ungeordnet aus. Nass halt, aber ohne System.

Das Bild entstand nach durchregneter Nacht, bevor ich den Motor startete. Scheibenwischerwasser habe ich seit Wochen oder Monaten nicht benutzt, ich weiß gar nicht, ob noch etwas drin ist. Das Glas müsste also außen eine einheitliche Oberfläche haben. Warum formen sich dann scharf abgetrennt unterschiedlich aussehende Wasserperlen? Weiß das jemand?

Bevor das alte Jahr endgültig ausrangiert ist …

… möchte ich euch allen einen guten Rutsch wünschen.

Insbesondere wünsche ich allen, die wie ich am Silvesterabend allein sind, dass sie sich selbst genug sein können. Es ist für viele eine ungute Zeit, aber nichts bleibt, wie es ist.

Macht es euch schön, ihr seid es wert!

Alles Gute,
passt auf euch auf,
bleibt gesund.

Eure Anhora

Neulich beim Spazierengehn

Im Wald einen geparkten Porsche zu sehen, kommt vor. Auch Porschefahrerinnen und Porschefahrer müssen mal raus. Ungewöhnlich ist also nicht der Sportwagen, der an einer Schotterstraße im Schatten der Bäume geparkt hat – ungewöhnlich ist der Grund dafür. Ein junger Hipster schleppt nämlich gerade einen Getränkekasten aus dem Gebüsch und hievt ihn auf den Beifahrersitz.

Er verschwindet wieder im Strauchwerk und kehrt Minuten später zurück mit weiteren Flaschen in der Hand. Wir sind inzwischen nähergekommen und sehen: es sind Wasserflaschen. Sie tragen keine Etiketten, frei verkäufliche Flaschen eben, die augenscheinlich mit Wasser gefüllt sind.

Während der Fahrer auch diese im Auto verstaut, sich ans Steuer setzt und mit donnerndem Sound davonbraust, schauen wir uns an und wollen nun wissen, was hinter dem Gebüsch ist.

Es ist ein Brunnen. „Kein Trinkwasser“, steht darauf wie an allen öffentlichen Brunnen.
Wir rätseln.
Hätte der Mann lila Hosen und ein buntes Tuch getragen, würde man den Glauben eines Esoterikers an Heilkräfte aus fließendem Gewässer als Erklärung heranziehen können. Es war aber einer mit Vollbart, gestyltem Haar, Röhrenjeans und weißen Sneakers. Und Porsche.

Es war also einer mit Ehrgeiz, Erfolg, Einkommen. Wenn der eigens mit dem Porsche anreist, um dieses Wasser zu beschaffen – dann kann man es trinken. Er wird es wohl nicht zum Gießen verwenden. Nein, es ist höchstwahrscheinlich ein besonderes Wasser, egal warum. Mehr noch: Nun will ich es auch.

Nächstes Mal bringe ich eine Flasche mit. Erst probieren, bevor ich mit einem ganzen Kasten anrücke.

Lasse ich mich zu leicht von Äußerlichkeiten beeindrucken?
Oder übersehe ich etwas?

Schwere Zeiten für die Vernunft

„Wir wollen unser Leben zurück“, steht auf einem Protestplakat.

In Deutschland gibt es jetzt immer mehr Demonstrationen gegen die Corona-Einschränkungen, Medien reden gar von einer zweiten Welle an Wutbürgern. Wir erinnern uns: Die erste entstand 2015, als viele Flüchtlinge ins Land kamen und in deren Folge die AfD stark wurde.

Nun gibt es womöglich eine neue Welle an frustrierten Menschen, und auch diese werden durch Verschwörungstheoretiker und Radikale angestachelt. Wieder vermengt sich Randgesocks mit Durchschnittsbürgerinnen und -bürgern.

Die Wirtschaft hat enorme Einbußen zu verkraften, viele Unternehmen werden es nicht überleben, tausende Menschen könnten ihre Arbeit verlieren und unzufrieden werden.
Leichtes Spiel für gewisse Gruppen. Beängstigend.

Aber das hält mich nicht davon ab, mein Hirn einzuschalten und den Menschen zu glauben, die wissen, wovon sie reden.


„Wir wollen unser Leben behalten und andere schützen“

 

Anmerkung: Ursprünglich hatte ich geschrieben, dass die AfD in der Folge des Flüchtlingszustroms gegründet wurde. Das ist falsch, die Partei wurde schon 2013 gegründet, wie fraggle richtig angemerkt hat. Danke für den Hinweis!

Ohne Menschen geht es nicht

Beim Einkaufen in der Stadt treffe ich eine liebe Bekannte. Wir lachen, breiten die Arme aus, als wollten wir einander um den Hals fallen, kommen aber nicht näher. So begrüßt man derzeit nette Menschen.

Wir reden eine Weile. Mit zwei Metern Abstand natürlich, aber von Angesicht zu Angesicht. Ich bin ganz aufgeregt. Wie viel Gelegenheit habe ich noch, mich mit jemand anders als meinem Lebenspartner persönlich zu unterhalten? Nach über vier Wochen daheim kann ich es an einer Hand abzählen.

Meiner Bekannten geht es gleich. Sie ist Friseurin, vereinsamte in ihrem Dorf und besuchte an einem Wochenende heimlich die Tochter in Bayern. Das Auto versteckten sie in der Garage, damit niemand das auswärtige Kennzeichen sieht. Nachbarn können ja eigenartige Vorstellungen von Pflichtbewusstsein haben, und viele sind zu Hause!

„Ich kenne eine Person“, erzähle ich, „die kürzlich die Polizei alarmierte, weil in der Nachbarschaft ein Geburtstag gefeiert wurde. Die Polizei kam, und dann wurde jeder Gast mit 250 EUR, der Gastgeber jedoch mit mehreren tausend Euro bestraft.“
So etwas gibt es wirklich, und die Person war übrigens stolz auf diese Tat.
„Aber man muss weiterleben“, sagt meine Bekannte, „und ganz ohne Menschen geht es nicht.“

Ab Montag darf sie wieder arbeiten.
Ich bleibe in Kurzarbeit.

Das Spektakel

„Am 30. Mai ist der Weltuntergang“. So heißt ein Lied aus den Fünfzigern, das gerade wieder durch das Web geistert.

Die Welt hatte schon einige Untergänge, die es sich dann doch nochmal anders überlegt haben. Tschernobyl ist so ein Beispiel, oder als Saddam Hussein in Kuweit einfiel und die Ära der Dauertalksendungen und Live-Streams einläutete.
Beidesmal fühlte ich mich ähnlich wie heute.
Tschernobyl betraf uns immerhin, aber was hatten wir mit dem Golfkrieg zu tun? Die Medien nahmen uns trotzdem mit auf die Reise, bis alle dachten, dass auch auf uns bald Panzer zurollen. Wir hingen mit klopfenden Herzen am Fernseher und über Tageszeitungen.

Was ist das?

Medien, Regierungen, Sekten, Populisten – sie alle erreichen Ziele leichter, wenn die Menschen Angst haben. Diese Ziele reichen von hohen Auflagen bei Publikationen über das Hinnehmen von Ausgangssperren bis zur Selbstaufgabe in radikalen Gruppen.

Ich unterstelle den Regierungen derzeit nicht, dass sie unsere Angst nutzen. Die Angst ist einfach da, erschaffen und gepflegt von Medien, deren Preise für Werbeanzeigen von Zuschauerquoten und Klickraten abhängen. Aber hätten wir die Bilder in Italien nicht gesehen, wäre bei Verordnungen zu Kontaktsperren, Geschäftsschließungen und Kurzarbeit das Geschrei groß.

Es geht Hand in Hand, und es ist so einfach zu bewerkstelligen.
Das macht mir mehr Angst als das Virus.


Bild von photosforyou auf Pixabay

Warum Corona? Warum nicht Klima?

Manchmal denke ich, dies ist die größte Entertainment-Show aller Zeiten. Menschen in Wohlstandsgesellschaften gruseln sich gern, man fühlt sich dann so lebendig. Die Medien setzen uns also in einen Corona-Freefall, und wir sind noch immer auf dem Weg nach oben. Gerade senkt sich ein weiterer Sicherheitsbügel auf uns, kleine Gesichtsmasken flattern daran und wir sind ganz aufgeregt. Bald kommt das große Hui, denken wir, und dann steigen wir aus, mit leuchtenden Augen, weil wir so tapfer waren.

Ich weiß nicht was ich von alldem halten soll. Ich gehöre zur Risikogruppe und die ganze Welt nimmt Rücksicht auf mich. Dafür bedanke ich mich.
Wenn aber soviel Engagement auch in die Klimapolitik einfließen würde, dann wäre eine weitaus größere Risikogruppe ein Leben lang vor Not und Krankheit durch Umweltkatastrophen geschützt: die Generation unserer Kinder.
Doch es gibt keine Fahr- oder Reisebeschränkungen, um schädliche Emissionen zu reduzieren, und keine Pflicht zur Nutzung von umweltneutralen Produktionsstätten.
Die globale Erwärmung ist nicht gruselig genug.
Schade.

 

Trendwende

Was für ein Geschenk der lokalen Online-Tageszeitung am Sonntagmorgen: Ganz oben, als Top-Meldung sozusagen, steht:

Das sind die leckersten und speziellsten Eistrends des Sommers

Es folgt eine Ausführung über Erdbeer, Schoko, Vanille, Straciatella, und über neue Kreationen wie Aloe Vera, Mango-Schokolade und Pizza Margherita.

Das ist ja – als wäre das Leben wieder normal! Kein Beitrag über ihr wisst schon, keine neuen Zahlen und Statistiken, sondern etwas über Eiscremesorten.

Je klarer es wird, dass ein Ausgang im Sinn von „Deckel zu und weg damit“ nicht kommen wird, desto mehr sehnt man sich nach Normalität, wie wir sie bisher kannten.

Nie habe ich über die neuesten Eiscremetrends lieber gelesen als heute. Danke, Schwäbische Zeitung, dass du das erkannt hast.

Bild von Capri23auto auf Pixabay

Tagesstruktur

Es ist ja so: Wenn man eine Arbeitswoche hat, ist auch die Freizeit durchgetaktet. Man putzt, kauft ein, macht Wäsche oder Gartenarbeit oder eine Wandertour. Alles muss in die freien Tage passen, damit man sich in der neuen Woche wieder der Arbeit widmen kann.

Und jetzt? Putz ich heut nicht, putz ich morgen. Oder übermorgen. Und wenn ich nicht putze – was passiert dann eigentlich? Nichts. Erschreckend, wie schnell alles Festgelegte aufweicht.

Wie machen das eigentlich Rentnerinnen und Rentner?

Ich verstehe jedenfalls kranke, arbeitssuchende, erwerbsunfähige Menschen, bei denen die Stimmung eh keine Luftsprünge macht, jetzt besser. Es braucht schon Energie, sich Tagesabläufe auszudenken und sie einzuhalten. Es fehlt die Konsequenz des Versäumens.

Glück gehabt!

Wenn man darüber nachdenkt, dann haben wir es mit Covid-19 noch ganz gut getroffen: die Mehrheit der Infizierten überlebt die Krankheit.

Stellt man sich aber ein Virus oder Bakterium vor, das hochansteckend und unentrinnbar tödlich wäre – dann kann man sich einmal fragen, wie es angesichts mangelnder Schutzausrüstung und Behandlungsgeräte in allen Ländern der Erde ausgehen würde: Kaum anders als bei der Pest im Mittelalter. Ein Drittel der europäischen Bevölkerung starb damals. (Wie schnell unsere Zivilisation zerbröseln würde, wenn es ums nackte Überleben geht, mag ich mir gar nicht vorstellen.)

Ich hoffe, dies ist ein Weckruf an die Regierungen aller Nationen, sich zu rüsten. Denn die nächste Pandemie kommt.

Fremde Welt

Nach einiger Zeit radle ich heute wieder einmal in die Innenstadt. Ich brauche irgendetwas Unwichtiges. Meine Welt besteht ja nur noch aus Wohnung, Garten und Supermarkt, ich muss mal etwas anderes sehen.
Man kann sich nicht daran gewöhnen. Die Stadt ist so still. Kaum Menschen unterwegs. Es ist, als wäre es Sonntag und aus Versehen haben ein paar Geschäfte offen.

Aber nein! Die Straßencafes wären ja gefüllt, die Flaniermeile voller Menschen. Stattdessen sind Stühle und Tische angekettet, Bänke aufgestapelt, Sonnenschirme zugeklappt. Hier gibt es keinen Kaffee, bitte weitergehen.

Bekannten darf man auch nicht begegnen, sonst wäre man zu dritt – verboten! Und immer schön die Abstandsregel einhalten.

Wenn man wüsste, wie lange das alles dauert und was danach kommt, dann könnte man besser umgehen damit.

Arbeitstherapie

Gehackt, gedüngt und unkrautfrei – der Garten: picobello. Die erste Woche Kurzarbeit ist um, und alles ist gemacht. Sogar ein Frühbeet. Wetter war natürlich perfekt.

Unter den Gartennachbarn erzählt man, dass es vor Dehner oder Obi bis zu einer Stunde dauert, bis man eingelassen wird. Deshalb gibt es bei mir noch keine Setzlinge. Das rasch Selbstausgesäte auf der Fensterbank muss noch eine Weile betüttelt werden, ehe es an Ort und Stelle kommt.

Also kann ich vorerst nur noch gießen und ein bisschen herumzupfen.

Womit beschäftige ich mich die nächste Woche? Was macht ihr so?

 

 

Lack ab

Wir Daheimbleibenden brezeln uns nicht auf. Wozu auch? Ich schminke mich nicht mehr und trage bequeme Kleidung, so würd ich nie ins Büro gehen.

Viele scheinen sich äußerlich zu verändern. Es sind nicht nur die herausgewachsenen Frisuren und Haaransätze in anderen Farben, weil die Friseurbetriebe schließen mussten. Ich sehe generell weniger Menschen mit gelacktem Erscheinungsbild.

Die Fassade blättert. Darunter steckt ein anderes Ich, griesgrämig zurzeit und verunsichert, aber auch unverstellt, ehrlicher. Für einen Gruß von Balkon zu Balkon, zum Gartennachbarn oder für die engsten Lieben ist es gut genug. Auf Geduld und Zusammenhalt kommt es an in diesen Zeiten, nicht auf Schillern und Funkeln.

Ich bin gespannt, ob etwas davon bleiben wird.

Los gehts

Über gestern rede ich nicht. Das Heimbüro sah aus wie nach einem Orkan, als ich den Bleistift sinken ließ. Wann das war, sage ich auch nicht.

Aber dann schlief ich ein ohne Ministerien, To-do-Listen und Menschen mit aufgehaltenen Händen im Kopf. Am Morgen zeigt der Fitness Tracker ungewohnt gleichmäßige Schlafphasen, fast eine Stunde Tiefschlaf.
Erstaunlich, wie schnell der Körper reagiert.

Die Seele braucht etwas länger.
Ich werde heute meine Unterlagen ordnen und das Büro aufräumen.

Null-Arbeit Tag 1.

Falsch gedacht

Jetzt ist es amtlich. Ich hatte letzte Woche die Nachricht der Geschäftsleitung nicht recht ernst genommen. Ich dachte, da kann man noch diskutieren. Ich dachte, das ist nur für den Fall der Fälle. Ich dachte  … an etwas anderes: Wie ich den Berg an Arbeit von zu Hause aus hinkriege zum Beispiel. Wo ich all dieses Papier und die Mappen und Sachen ausbreite. Wann ich zum Firmenstempeln ins Büro fahr. Solches Zeugs.

Aber heute stellten sie es noch einmal klar.  Ab Mittwoch arbeite ich nicht mehr im Büro, und auch nicht im Home Office, sondern im Garten. Oder im Haus. Oder gar nicht. Tendenziell gar nicht. Ohne Einnahmen keine Ausgaben, ab dem 1. April beginnt bei uns die Kurzarbeit. Eigentlich ist es das falsche Wort, denn unsere Arbeitszeit wird auf Null reduziert, es müsste also Null-Arbeit heißen.

Wenn ich daran denke, wieviel noch zu tun ist und dass nach Corona alles auf einmal kommt, dann wird mir ganz schlecht.

Bild von Silviu Costin Iancu auf Pixabay

Es ist still geworden

Ich habe die Straße für mich, als ich mit dem Fahrrad zur Post unterwegs bin. Kaum ein Auto stört meine Fahrt. Ich werde nicht an den Bordstein gedrängt, nicht mit Abgasen eingenebelt, muss nicht auf den Gehweg ausweichen zu meiner Sicherheit.

Ruhig ist es auch. Kein Motorenlärm. Niemand muss von hier nach da. All das auf-die-Uhr-sehn, ans-Lenkrad-trommeln, all die verspannten Gesichter mit den Gedanken im Büro, beim nächsten Meeting, in der Kita oder sonstwo, all das Hasten, all die Lasten – dahin.
Die leeren Straßen erinnern mich an meine Kindheit.

Als ich etwa zehn Jahre alt war, setzten sich meine Cousine und ich gerne an den Straßenrand und wir schrieben Auto-Nummern auf. Einfach so zum Zeitvertreib. Wenn wir an einem Nachmittag auf zwanzig oder so kamen, gerieten wir aus dem Häuschen. Frühe Siebzigerjahre.
Diese Beschaulichkeit auf den Straßen hatte ich längst vergessen.

Arbeiten will gelernt sein

Es ist so eine Sache mit dem Arbeiten zu Hause. Egal wann ich beginne – erst komm ich in den Arbeitsfluss nicht rein, und wenn es dann endlich läuft, dann komm ich nicht mehr raus. Es war schon so, als ich noch als Übersetzerin arbeitete und oft bis in den späten Abend am Schreibtisch saß. Man hat eigentlich keinen Rhythmus mehr, geschweige denn die üblichen Arbeitszeiten.

Es leidet auch die Energie des Raums, der bisher mein Rückzugsort war. Hier habe ich gelesen, geschrieben, nachgedacht, ausgeruht. Hier konnte ich allein sein. Allein bin ich zwar immer noch, aber es liegen Ordner auf dem Boden, Unterlagen auf dem Tisch, zwischen Papier und Büroklammern ist eine Tasse Tee eingeklemmt, auf dem Fenstersims liegt das Diensthandy.

Doch was jammere ich. Fast tausend Tote in Italien in den letzten 24 Stunden. Gütiger Himmel …

Gut zu wissen

Wenn man im Home Office von seinem Schreibtisch aufsteht, über das Notebook-Kabel stolpert und sich dabei verletzt, ist das ein Arbeitsunfall.

Wenn man im Home Office, während man sich ein Glas Wasser holt, über den Staubsauger stolpert und sich dabei verletzt, ist das kein Arbeitsunfall.

(Heute im Netz gefunden.)

Mir fällt auf, dass sich manches trotz Coronakrise nicht ändert. In Deutschland zum Beispiel das Bedürfnis, sich zu informieren. So hat man die Dinge im Griff, sichert sich ab. Zumindest fühlt es sich so an.

Die einen erforschen eben arbeitsrechtliche Sachverhalte, die andern bunkern Klopapier. Hauptsache man ist Herr der Lage.