Archiv der Kategorie: Tagesgedanken

Über Glück, Alter und einen Bahnhof

„Was für eine Freude! Gerade in der heutigen Welt mit all dem Jammern und Klagen und Kämpfen.“

Das sagt der 91-jährige Denis Robinson aus London an einem Ort, an dem auch wir schon einmal stehen geblieben sind.

Dieses Klavier findet man im Bahnhof von St. Pancras und es ist für jeden frei zugänglich. Zweimal in der Woche kommt Denis Robinson und spielt darauf. Es mache ihm solche Freude, wenn er das Lieblingsstück eines Passanten spielen kann. Einmal sei eine Frau zu ihm getreten und habe ein Lied aus „Cats“ gesungen, zu dem er sie begleitete. Es stellte sich heraus, dass es Ceili O’Connor war, einer der Stars aus diesem Musical.

Ein anderes Mal spielte er ein Kirchenlied für einen Mann aus Derby. Es war auf den Tag genau vor fünfzig Jahren bei dessen Hochzeit gespielt worden, und der Mann war so dankbar. „Niemand spielt hier Kirchenlieder,“ sagt Dennis“, „nur ich manchmal“.

Auf jeden Fall sieht er noch einige weitere Jahre vor sich, die er auf diesen Bahnhof kommen will. Das verdanke er dem Klavierspiel, der Lebensfreude und einem gelegentlichen Brandy.

Zum BBC-Video (mit Untertiteln)

Habt ihr auch ein Rezept, um euer Leben ein bisschen lebenswerter zu machen?

Die drei ???

Als ich kürzlich zur Arbeit fuhr, stand ein Bernhardiner am Zebrastreifen. Er schaute nach links, schaute nach rechts und durch meinen Kopf schossen drei Fragen:
1.) Muss man am Zebrastreifen auch für einen Hund bremsen? 2.) Kann ein Hund Verkehrsregeln begreifen? und 3.) Wo ist Herrchen?

Ich hatte noch keine einzige Antwort gefunden, da erledigte sich die erste Frage schon von selbst: Ich hielt an, denn der Hund war einfach losgetrabt und überquerte die Straße.
Als ich weiterfuhr, schlappte ein verschlafenes Frauchen um die Ecke, somit war auch die dritte Frage beantwortet.

Aber nun die zweite Frage an alle Hundebesitzerinnen und -besitzer: Kann ein Hund die Bedeutung von Zebrastreifen verstehen? Oder hatte ich eine Halluzination?

 

Ansichtssache

In der Bäckerei um die Ecke arbeiten manchmal fesche junge Männer aus afrikanischen und arabischen Staaten. Es sind Aushilfen oder Praktikanten, deshalb geht es mit dem Bedienen meist nicht so schnell. Man sollte auch deutlich sprechen, um verstanden zu werden, aber alle sind fleißig, motiviert und augenscheinlich mit Freude bei der Sache. Was sind da schon zwei Minuten länger, denke ich jedes Mal und: Bravo. So funktioniert Integration. Wann immer es möglich ist, kaufe ich mein Brot in dieser Bäckerei.

Heute auch. Diesmal steht aber nicht der hübsche Gambier hinter der Theke, sondern eine füllige, blasse junge Frau mit dünnem Haar. Dem Namensschild nach stammt sie aus Osteuropa. Ich sage meine Bestellung auf und sie schaut mich mit flatterndem Blick an, sucht bei den Backwaren, eine Stamm-Verkäuferin wird hinzugerufen. Ich drehe meinen Geldschein hin und her und ertappe mich dabei, ungeduldig zu werden. Im nächsten Moment könnt ich mich watschen dafür, ich erschrecke über mich selbst. So funktioniert Integration nicht.

Passiert es euch auch manchmal, dass ihr mit zweierlei Maß messt?

 

Phänomene des Alltags

Wochenlang rätselte ich im Büro, warum die Plastikflasche, mit der wir aus der Küche das Wasser zum Gießen holen, sich im oberen Drittel immer mehr krümmt. Es ist eine Mineralwasserflasche aus dem Supermarkt, 1,5 l. Wie kann es sein, dass Leitungswasser ihre Form verändert, und warum nur oben? Welches physikalische Gesetz ist die Ursache für dieses Phänomen? Die Antwort gibt mein Kollege. Er holt das Wasser aus dem näher gelegenen Toilettenraum, und dort passt die Flasche nicht unter den Wasserhahn. Deshalb biegt er sie immer um.

Aber was ist mit meiner Gießkanne, die ich beim Aufräumen auf dem Balkon in ähnlichem Zustand vorgefunden habe? Sie überwinterte leer und mit Luft zum Atmen, also unverklemmt. Waren wenigstens hier höhere Mächte mit substanziellen Folgen durch Restwasser und Frost am Werk?

Woher kommt der Knick im Gießrohr?

Irren ist menschlich

Als ich gestern Abend das Büro verließ, stand an der Bushaltestelle gegenüber eine Frau mit einer Einkaufstasche in der Hand. Heute morgen, als ich in die Straße zu meiner Firma einbog, stand die Frau immer noch da. Die Tasche hatte sie abgestellt.

Natürlich wird sie nicht die ganze Nacht dort gestanden sein. Sie wird gestern mit dem Bus zum Einkaufen gefahren sein, und heute hat sie sich wieder auf den Weg gemacht. Auf mich wirkte es aber, als wartete sie seit gestern Abend auf den Bus. Ist das jetzt eine optische oder eine kognitive Täuschung? Wohl eher letzteres.

Zum Thema Denkfallen und Fehleinschätzungen habe ich diesen aufschlussreichen Artikel gelesen, nun ist mir einiges klarer.

Seid ihr auch schon einmal über eure eigene Wahrnehmung gestolpert?

Frage zum Alltag eines …

… Frutariers. Ich komme nämlich beim Waldlauf an diesem Holzstapel vorbei und da geht mir durch den Kopf: Frutarier essen das, was die Natur freiwillig hergibt. Also Obst, Nüsse, Samen, weder ein Tier noch eine Pflanze darf geschädigt werden.

Wenn das ethische Gründe hat, kann ein gefällter Baum kaum zum Leben des Frutariers gehören, auch wenn der Baum nicht gegessen wird. Da dies praktisch unumsetzbar ist, fragt man sich schon: Warum hält sich jemand bei der Ernährung an Regeln, die bei Möbeln und in Form von Papier nicht gelten können?

Während ich weiterlaufe und vor mich hinhechle, fallen mir auch Veganer und Vegetarier ein: Sie essen nichts, wofür ein Tier getötet wurde. Was ist aber mit all den Käfern und Kleinstlebewesen, die unter der Rinde eines Baums zu Hause sind und beim Schälen zu Tode kommen?

Wird hier zwischen vermeidbar und unvermeidbar unterschieden? Stirbt es sich in unvermeidbaren Fälle leichter?

Versteh ich nicht ganz. Ihr?