Archiv der Kategorie: Tagesgedanken

Eine gemeinsame Sprache finden

Im Schrebergarten: Das Grundstück neben unserem Areal wird von einem internationalen Ehepaar bewirtschaftet: Sie stammt aus Tschechien, er aus England, beide leben seit Jahrzehnten in Deutschland. Ihr Mann spreche fließend tschechisch und sie überhaupt kein Englisch, erzählt die Frau hinter dem Johannisbeerstrauch, und dass sie tschechisch oder deutsch miteinander reden. Dieses Deutsch höre ich, wenn die beiden im Garten werkeln. Weder er noch sie beherrschen die Grammatik so richtig, und auch die Wortwahl ist mitunter … überraschend. Sie haben sich ihre eigene Sprache gezimmert: fehlerhaft, aber keiner merkts und niemanden störts. Man muss nicht alles können.

 

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Zur Beruhigung

Wie gelegentlich schon angedeutet, befinde ich mich derzeit nicht in meiner glücklichsten Lebensphase. Da kullert schon mal eine Träne, und im Büro ist natürlich der ganz falsche Ort dafür. Heute, bei einer langen Sitzung mit vielen Teilnehmern, gingen die Gedanken allmählich auf Reisen und blieben bei meiner Herzensnot hängen. Es war eine Quälerei, mich bis zum Schluss der Besprechung im Griff zu behalten und in der Mittagspause lief ich schnurstraks zur Apotheke. Dort holte Baldran zur Beruhigung der Nerven, denn so geht es ja nicht weiter.

Am Nachmittag lag die Packung auf dem Schreibtisch, und ich habe keine einzige Pille eingenommen. Warum? Weil ich es gar nicht brauchte. Auf einmal nämlich – war die Anspannung weg.

Ich glaube nicht an Homöopathie, sondern an die Wirksamkeit von Einbildung. Dass aber allein die Anwesenheit eines Medikaments helfen kann, war mir neu. Vielleicht mache ich darüber eine Studie. Hochwissenschaftlich, versteht sich. Wer teilnehmen will: Einfach Medikamente bereitlegen, anschauen und Feedback geben. 😉

Feierstunde

Gestern feierten wir den Geburtstag des geliebten Briten. Er wurde siebzig, wir sind beide etwas erschrocken. Obwohl ich selbst noch ein gutes Stück davon entfernt bin, wurden wir doch melancholisch. Deshalb ertränkten wir unsere Gedanken in Champagner und überlegten, was wir nun machen. Wir klickten ein wenig im Internet herum, Travelzoo und AirB&B, und als die Flasche halb ausgetrunken war, hatten wir eine Kurzreise nach Prag gebucht. Bis die Flasche leer war, hatten wir angedöddelt schon die zweite Reise gebucht, eine Gotthard-Bernina-Rundfahrt in der Schweiz. Danach war kein Champagner mehr da, sonst hätten wir womöglich weitergemacht.

Der größte Teil des gesunden und unkomplizierten Lebens ist möglicherweise vorbei, also muss man das Beste aus der Gegenwart machen. Je älter man wird, desto besser kann man das ja auch.

Falsche Erwartung

Heute beim Friseur: Eine Wasserstoffblondine mittleren Alters, die sonst hier zusammenkehrt oder Kaffee bringt, tritt heute hinter mich und greift mir in die Haare. „Was soll ich machen?“ gurrt sie und grinst mich im Spiegel an.
Darf die jetzt auch an die Schere? ist mein erster Gedanke.
Nicht dass ich den Salon und das Team seit Jahrzehnten kenne. Es muss Zufall gewesen sein, dass ich diese Eine bisher nur am Besen oder Kaffeeautomat sah. Offenbar kann sie auch schneiden, rede ich mir gut zu.
Sie schneidet wie im Akkord. Meine Haare fliegen nach links und rechts wie in einem Cartoon, sie macht das nicht zum ersten Mal. Soviel steht fest.
Gefühlte fünf Minuten später pinselt sie schon an meinem Hals herum und reißt den Umhang weg. Fertig.
Die Haare sehen gut aus.
Das muss ich erstmal verarbeiten.

Good-bye, Trados!

Vor zwei Stunden: der letzte Klick in einem Lebenskapitel bedient ein Kreuzchen rechts oben am Bildschirmrand. Das Fenster schließt sich, „machs gut …“ entfährt es mir, Trados wird sich nie mehr öffnen. Die Zeit meiner Tätigkeit als freischaffende Übersetzerin ist vorbei.

Ich arbeite ja schon lange wieder in einem Angestelltenverhältnis, 80%, und die nebenberuflichen Übersetzungen sorgten nur noch für die volle Urlaubskasse. Aber nun brauche ich die Zeit und Energie an anderen Stellen. Auf dem Sofa zum Beispiel, wenn ich abends nach Hause komme, so wie andere es auch machen. Damit ich Kraft schöpfen kann für die Aufgaben des Lebens, die sich im Moment stellen.

Zu meiner eigenen Überraschung schaue ich mit Wehmut auf das Icon der Übersetzungssoftware, die mich jahrelang begleitete. Sie ließ sich nicht leicht beherrschen zu Beginn und wir fochten zähe Kämpfe aus. Aber mit der Zeit lernte ich, sie zu verstehen und wir wurden Freunde. Nun löse ich das kleine blaue Bildchen von der Taskleiste, brauch ich nicht mehr. Armes Trados, denke ich, so unnütz geworden, es wird langweilig werden ohne mich.

Merkwürdig, dass ein digitales Arbeitsmittel solche Empfindungen auslösen kann, nicht wahr? Aber von einem Auto zum Beispiel trennt man sich ja auch meist mit einem Seufzen, und ist ja nur ein Haufen Blech. Aber eben nicht nur.