Archiv der Kategorie: Unfall

Am Pfingstsonntag verunglückte mein Sohn im Alter von zwanzig Jahren.

Waal-Tag

(Rückblick vom 04.06.2017 )

Acht Jahre sind es heute, dass eins meiner Kinder bei einem Autounfall beinahe ums Leben kam. Pfingstsonntag.

Diesen schweren Gedanken nehme ich mit, als wir vom Hotel aus zum Maiser Waalweg aufbrechen. Waale (= Wasserläufe) sind schmale Kanäle, die es in Südtirol schon seit dem 13. Jahrhundert gibt. Sie wurden rund um Meran gegraben, in den Fels gemeißelt oder in ausgehöhlten Baumstämmen geführt, um Gebirgswasser in die Felder zu leiten. Die Gegend hier gehört zu den trockensten in ganz Italien.

Wir wandern fast drei Stunden lang entlang eines schmalen Wasserkanals unter schattigen Bäumen, an Felswänden entlang, durch Apfelbaumplantagen, vorbei an Höfen und Anwesen.

Ich wundere mich wieder einmal, wie der Straßenlärm des Tals durch irgendwelche physikalischen Eigenarten nach oben getragen wird bis zu unserem Weg. Das beständige Brausen und Rauschen ist das Einzige, was die Idylle hier stört. Erst auf halbem Weg entdecke ich, dass es mitnichten eine Autobahn ist, die diesen Krach veranstaltet, sondern ein reißender Fluss: die Passer. Da stört es mich auf einmal nicht mehr. Ich denke darüber nach, dass ein Fluss, ein unruhiges Meer und Straßenlärm in etwa gleich klingen, aber völlig unterschiedlich wahrgenommen werden.

Als wir den Fluss verlassen und es leiser wird, hören wir nur noch Insektengesumm und das vielstimmige Zwitschern der Vögel in den Ästen über uns. Die Luft ist feucht nach einem Gewitterschauer am Morgen. Es riecht nach Moos und Kräutern. Auf solchen Wegen sollte man achtsames Gehen beherrschen: Es wäre schade, diese Schönheit nicht mit allen Sinnen zu erfassen.

Wenn es meinem Kind gut ginge, wäre es ein perfekter Tag. Acht Jahre. Und immer noch ist alles durcheinander.

 

 

 

Begegnung am Vormittag oder Zufall 2.0

Ich mache mich auf den Weg zum Einkaufen und fahre rückwärts aus dem Stellplatz vor dem Haus. Als ich etwa halb draußen bin, bemerke ich einen alten Mercedes, der aus einem der daneben liegenden Stellplätze ebenfalls herausgefahren ist. Ich bremse also und muss mitansehen, wie dieses wildgewordene Fahrzeug nun mit Vollgas rückwärts fährt. Ihr ahnt, in welche Richtung.

Noch vor dem Aufprall ärgere ich mich über die Scherereien, die jetzt kommen werden und dass ich nichts dagegen tun kann. Ich habe ja noch den Rückwärtsgang drin und spontane Ausweichmanöver funktionieren nur in Slapstick-Komödien. Also rummst es. Und wie.

Ich reiße die Tür auf, stampfe zum Heck und schaue mir die Bescherung an. Die hintere Ecke ist eingedrückt. Der Mercedes ist wieder ein Stück nach vorne gerollt und ein erschrockener junger Mann steigt aus.

„Wie blöd sind Sie denn?“ keife ich los, und er zieht die Schultern ein.

„Es ist ja nichts passiert,“ beschwichtigt er und hat Recht: Sein Auto hat keinen Kratzer abbekommen. Aber meins steht da und heult, weil man ihm weh gemacht hat, und ich zetere weiter.

Natürlich ist niemand verletzt, es gibt Schlimmeres und nach einer Weile komme ich wieder zu mir. Ich frage nach dem Namen des jungen Mannes, der mir bekannt vorkommt und schon stellt sich heraus, dass ich seine Mutter kenne und mein Vater hat früher mit der Schwester musiziert. Eine bekannte Familie also, nur den jungen Mann treffe ich zum ersten Mal, netter Kerl übrigens. Nur Autofahren kann er nicht.

Wer nun beim Lesen meinte, ein kleines Déjà-vu zu haben, der hat ein gutes Gedächtnis.

Begegnung am Nachmittag

Das letzte Mal passierte es übrigens vier Wochen vor einem Umzug, dieses Mal drei Wochen nach einem Umzug, beides Mal an einem 17. Monatstag. Was lerne ich daraus? Sollte ich noch einmal umziehen, muss ich in der Zeit davor und danach jeweils am 17. im Straßenverkehr alle Menschen vermeiden, die meine Eltern kennen. Jedenfalls mit diesem Auto.

Auto-kaputt

 

Zum Zufall 1.0

Die Katastrophe

Bundespräsident Gauck bricht eine Auslandsreise ab. Die Kanzlerin, der französische und der spanische Präsident begeben sich an die Unglücksstelle. Eine Ministerin besucht Haltern am See. In Deutschland wehen die Fahnen auf Halbmast, eine Schweigeminute lenkt die Gedanken der ganzen Nation zu den Opfern.

Ich habe gelesen, dass ein solches Spektakel und der Aufruhr in den Medien es den Angehörigen noch schwerer mache. Ich weiß nicht, ob das stimmt. Ich stelle mir gerade vor, dass eine von mir geliebte Person in diesem Flugzeug gesessen hätte. Der Rummel würde nichts ungeschehen machen und meine Trauer nicht lindern. Aber es wäre vielleicht tröstlich, dass der Verlust dieses Menschen wichtig genug ist für den internationalen Aufmarsch, die Schlagzeilen auf den Titelseiten und die Sondersendungen im Fernsehen.

Je mehr sich auch andere damit beschäftigen, desto weniger sind wir mit dem Schmerz allein. Desto geringer wird auch die Furcht, dass ein toter Mensch im Nichts versinkt. Eine Illusion freilich. Der wahre Grund für die kollektive Erschütterung ist das drastische Beispiel, mit dem uns die eigene Endlichkeit vor Augen geführt wird und dass wir nicht alles planen können. Trotzdem würde mir das Aufsehen in diesen Tagen wahrscheinlich helfen.

Begegnung am Nachmittag

Ich fahre in die Seniorenanlage am Ort, um meiner Mutter die Einkäufe zu bringen. Vor mir fährt ein Ford, der jetzt nach links abbiegt und ich folge ihm langsam. Ein Audi kommt entgegen und der Ford hält an, da die Straße schmal ist. Zu schmal für das Augenmaß des Fordfahrers, das Fahrzeug setzt zurück. Setzt zurück und setzt zurück, ich sehe, was kommt und schlage auf die Hupe.

Es hupt aber nicht. Das kommt daher, dass ich nicht weiß, wo die Hupe ist. Also, ich weiß, wo an meinem alten Auto die Hupe ist, aber seit einer Woche fahre ich ein anderes. In diesem bleibt mein Herumhämmern auf der Mittelscheibe des Lenkrads wirkungslos und es beginnt diese Zehntelsekunde, in die so viel hineinpasst. Ich weiß was geschehen wird, dass ich nichts dagegen tun kann, spüre Hilflosigkeit im oberen Magendrittel und überlege, ob ich die Reparatur in Werkstätte A oder B machen lassen soll – es gibt zwei, die in Frage kommen – , wie viel Zeit das kosten wird und dass ich die Übersetzungen dann abends machen muss, um nicht in Verzug zu kommen. Nach diesem ausgefüllten Augenblick schrammt der Ford in meine Fahrertür.

Eine Frau steigt aus, ich mache Bilder, wir tauschen Daten aus. Ein Versicherungsfall, nichts Schlimmes. Wir plaudern noch ein paar Minuten und es stellt sich heraus, dass die Verursacherin meine Mutter kennt. Ich soll ihr schöne Grüße ausrichten. Mach ich.

 

Autoschaden-low

Danke, Versatile Blog Award!

Bis gestern steckte in den WordPress-Statistiken dieses Blogs eine Stelle mit verklumptem Herzblut. Zweieinhalb Jahre lang blieb es sichtbar, wenn ich hier saß, direkt unter dem Diagramm. Ich meine den Eintrag: 25. Juni 2009 – 90 Aufrufe, verkehrsreichster Tag seit Bestehen des Blogs.

Mein Sohn hatte schon mehrere Wochen auf der Intensivstation verbracht und war kurz davor, auf eine normale Station verlegt zu werden. Dieser Blog diente damals – ohne tags zu verwenden – nur der Information von Familie und Freunden, fremde Leser gab es noch nicht. Ich vermeldete täglich die winzigen Fortschritte des Jungen, so musste ich niemanden anrufen, dasselbe nicht wieder und wieder erzählen, die Kraft hätte gefehlt. Mir alles von der Seele zu schreiben, war dagegen heilend.

Jedenfalls: Der 25. Juni 2009  steht nicht mehr da. Mit wiederum 90 Aufrufen wurde gestern der 25. November 2011 zum verkehrsreichsten Tag in der Statistik. Die Erinnerung an eine Zeit des Schocks ist ersetzt durch eine an den „Versatile Blog Award“. Anders kann ich mir nicht erklären, warum es gestern fast doppelt so viele Klicks gab wie normalerweise.

Ich bin froh. Ich will nach vorne schauen und Lösungen suchen, nicht zurück und mich an Schmerzen festhalten. Deshalb danke, Sofasophia, dass du mich „erwählt“ hast, und allen Besuchern gestern und heute (es sieht aus, als ob es einen neuen Rekord gibt) meinen aufrichtigen und herzlichen Dank. Es hat mir gut getan!

 

Schlafsofa

Ich lehne in der Ecke der Ledercouch im Eingangsbereich, Leute gehen aus und ein. Ich schlage mein Buch auf, die Physiotherapie und Lympfhdrainage dauert etwa eine Stunde. Zu Hause liegt eine weitere Tüte mit Stahl- und Titanzeug drin, das befand sich vor kurzem noch im Bein meines Sohnes. Nach der letzten Operation ist sein Körper wieder metallfrei, und seither komme ich viel zum Lesen: Physiotherapie, Ergotherapie, Hausarzt, Orthopäde, ich kenne alle Wartezimmer. Der Junge kann noch nicht Auto fahren mit den frischen Wunden und starken Schmerzmitteln.

Während also sein Kniegelenk mobilisiert wird, komme ich nicht recht voran mit meinem Buch. Das freundliche Geplauder der Empfangsdame am Telefon oder die Geräusche aus dem Fitnessraum stören mich nicht. Aber das Radiogedudel im Hintergrund. Flaches Geschwätz, einfallslose Musik, ich versuche mich zu konzentrieren, aber – wie häufiger – die Sätze fangen an zu tanzen. Sie kippen nach hinten weg, ich ruckle auf dem Polster herum, kratze meinen Arm, richte mich auf, trotzdem fallen mir die Augen immer wieder zu. Ich habe Angst, dass es jemand bemerkt und vor allem, dass ich in der Tat einschlafe, zusammensacke womöglich oder schnarche, wie Mr. Bean in der Kirche. Meine Güte, sind das Herausforderungen …


 

Bevor es Nacht wird

Wie früher ist es nicht. Der Rhythmus fehlt. Wir hocken an einem der wackligen Außentische vor dem Pub, Teller mit dampfenden Fish & Chips werden vorbeigetragen, Gerüche nach heißem Fett ziehen hinter ihnen her. Sie vermischen sich mit Zigarettenrauch und dem Duft nach Staub aus den Winkeln der Gasse, aus der die Hitze des Tages quillt. Junge Leute rufen, lachen oder ratschen mit iPhones – die Mauern werfen ihre Stimmen zurück. Paare schreiten die Schaufenster ab. Junge, ältere, Hand in Hand, von drinnen kreischt laute Musik. Freitagabend. Wieder eine Woche vorbei, eine wie die andere.

Jahrelang fühlte sich diese Zeit an, als sei ich gerade aus einer Sklavengaleere gekrochen, mit schmerzenden Schultern und einer Erstarrung, die sich nur langsam löste von der geprügelten Seele. Das ist vorbei. Das Wochenende fällt jetzt kaum anders aus als die Werktage. Wir richten uns ein in der neuen Wohnung, ich bereite ich mich darauf vor, selbständig zu arbeiten. Alles geht stockend voran, ich bin noch nicht soweit. Erst verdauen: die Angst nach dem Unfall meines Kindes, Angst um alle meine Kinder, Angst vor der Arbeitsstelle, die mich zerfraß und Angst vor dem was kommt, als ich sie aufgab.

Im Augenblick schiebe ich die nagende Frage nach Einnahmen, von denen wir leben können, erst einmal weg. Es ist doch Freitag. Ich lasse mir den warmen Nachtwind ins Gesicht wehen und reduziere alle Unklarheiten auf eine einzige: soll ich Weißwein bestellen oder Ramazotti?