Ausgesiedelt

Auf dem Grund dieses Sees lebten einmal etwa hundert Familien. Da war hier natürlich noch kein See, der kam erst später. Das Wasser, das alles überflutete, war aber keine Folge des Klimawandels und steigender Meeresspiegel, sondern eines Stauseeprojekts mitten in den Bergen. Das zwang 1950 eine ganze Dorfgemeinschaft, ihre Häuser zu verlassen und ein paar Stockwerke hangaufwärts oder gleich ganz wegzuziehen.

Tausende Autofahrer sehen täglich einen eindrucksvollen Rest: den Glockenturm der einstigen Pfarrkirche St. Katharina. Man sieht ihn auf dem Weg nach Italien im Vorbeifahren in dem Ort Reschen.

Ein lesenswerter Artikel erzählt die Geschichte der Menschen, die enteignet wurden und kaum Entschädigung erhielten. Um vertrieben zu werden, braucht es manchmal keinen Krieg.

Es ist, wie es ist

 

Die Zerbrechliche

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Diese melancholische Dame sitzt im Meraner Elisabethpark und ist eine kaiserliche Hoheit: Sissi. Wie man vielleicht sieht, ist die Nase demoliert, doch es ist eh nicht der Originalkopf. Den kann man im Schloss Trauttmannsdorff besichtigen, weil die Marmorsissi schon in den 1920er Jahren eins auf die Nase bekam, und später wurde sie gar geköpft.

Dass Meran eine mondäne Perle für Kurgäste wurde, ist nicht nur dem Heilklima zu verdanken, sondern vor allem Sissi. 1870 reiste die an Tuberkulose erkrankte Kaiserin mit ihrem „allernotwendigsten Hofstaat“ von etwa 110 Personen nach Meran. Sie richtete sich im Schloss Trauttmansdorff ein und wurde von der Bevölkerung verehrt. In den folgenden Jahren nahm die Zahl adeliger Gäste in Meran sprunghaft zu.

Mich berührt der traurige Blick. Man weiß, dass sie trotz ihres luxuriösen Lebens nicht glücklich war, und da steht man wieder einmal vor der Erkenntnis, dass eine volle Schatzkammer kein Garant ist für ein zufriedenes Leben.

Kaiserin Elisabeth von Österreich (1837-1898)            Anklicken = groß

Der Name „Sissi“ ist historisch gesehen übrigens falsch. Er hat sich erst seit dem berühmten Film mit Romy Schneider eingebürgert, die Kaiserin selbst soll sich „Lisi“ genannt haben.

 

Waal-Tag

(Rückblick vom 04.06.2017 )

Acht Jahre sind es heute, dass eins meiner Kinder bei einem Autounfall beinahe ums Leben kam. Pfingstsonntag.

Diesen schweren Gedanken nehme ich mit, als wir vom Hotel aus zum Maiser Waalweg aufbrechen. Waale (= Wasserläufe) sind schmale Kanäle, die es in Südtirol schon seit dem 13. Jahrhundert gibt. Sie wurden rund um Meran gegraben, in den Fels gemeißelt oder in ausgehöhlten Baumstämmen geführt, um Gebirgswasser in die Felder zu leiten. Die Gegend hier gehört zu den trockensten in ganz Italien.

Wir wandern fast drei Stunden lang entlang eines schmalen Wasserkanals unter schattigen Bäumen, an Felswänden entlang, durch Apfelbaumplantagen, vorbei an Höfen und Anwesen.

Ich wundere mich wieder einmal, wie der Straßenlärm des Tals durch irgendwelche physikalischen Eigenarten nach oben getragen wird bis zu unserem Weg. Das beständige Brausen und Rauschen ist das Einzige, was die Idylle hier stört. Erst auf halbem Weg entdecke ich, dass es mitnichten eine Autobahn ist, die diesen Krach veranstaltet, sondern ein reißender Fluss: die Passer. Da stört es mich auf einmal nicht mehr. Ich denke darüber nach, dass ein Fluss, ein unruhiges Meer und Straßenlärm in etwa gleich klingen, aber völlig unterschiedlich wahrgenommen werden.

Als wir den Fluss verlassen und es leiser wird, hören wir nur noch Insektengesumm und das vielstimmige Zwitschern der Vögel in den Ästen über uns. Die Luft ist feucht nach einem Gewitterschauer am Morgen. Es riecht nach Moos und Kräutern. Auf solchen Wegen sollte man achtsames Gehen beherrschen: Es wäre schade, diese Schönheit nicht mit allen Sinnen zu erfassen.

Wenn es meinem Kind gut ginge, wäre es ein perfekter Tag. Acht Jahre. Und immer noch ist alles durcheinander.

 

 

 

Höher gelegene Höhenwege

Mangels Internetempfang ist es hier ruhig gewesen die letzten Tage, dabei waren wir so aktiv! Etwas zeitverzögert also ein paar Eindrücke von den schönen Pfingsttagen, die wir in Meran verbrachten. Der Ort ist wie geschaffen für gepflegtes Wandern, Essen und Promenieren. Für uns aber war es auch ein Trainingslager für die geplante größere Wanderung im Sommer.

Wir starten also mit dem idyllischen Tappeiner Höhenweg 

… machen mit einem noch viel höherer Höhenweg weiter. Das Ende des Tappeinerwegs und die Ortschaft Dorf Tirol liegen nämlich nicht weit auseinander, wie der geliebte Brite auf seiner Wander-App entdeckt, und in Dorf Tirol startet der Apfelweg. Das ist lt. seinen Angaben ein gemütlicher Rundweg durch Dörfer und Apfelplantagen. Was er übersehen hat ist, dass die Entfernung zwischen dem Schlusspunkt des Tappeinerwegs und dem Start des Apfelwegs zwar kurz ist, aber unfassbar viele Höhenmeter dazwischen liegen!

Schimpfend und schweißgebadet, weil der Aufstieg kein Ende nehmen will, dackle ich ihm hinterher.

Am Ziel …

… wäre ich gerne in einen Pool gesprungen, doch es kommt noch schlimmer: Der Apfelweg führt weiter bergauf.

 

Es ist steil, es ist heiß, ich habe schlechte Laune. Auf eine Bergtour war ich nicht eingestellt, ich brauche solche Herausforderungen nicht, davon hab ich im Alltag genug. Und überhaupt. Aber als wir gefühlt einen Dreitausender bezwungen haben und es endlich bergab geht, freue ich mich doch an dem pittoresken Pfad mit seinen weitläufigen Apfelplantagen, Höfen und Schlösslein. Es riecht nach Wiesenblumen und bewässerter Erde, ich lasse mich auf die Ruhe und Abgeschiedenheit ein. Man hört nicht einmal mehr den Lärm der Motorräder im Tal, und dafür muss man schon weit nach oben steigen. Hier aber ist nur noch das Summen der Bienen und Insekten in den Bäumen zu vernehmen.

(Zum Vergrößern bitte die Galerie anklicken)

Etwa zwölf Kilometer sind wir an diesem Tag gewandert und haben auf kurzer Distanz (!) ca. 440 Höhenmeter überwunden. Nicht ganz das, was wir uns für den ersten Tag vorgenommen hatten, aber später beim Abendessen sind wir schon stolz auf uns. Ich fürchte mich ein wenig vor dem nächsten Tag, denn in Meran habe ich ja schon einmal eine unvergessliche Erfahrung gemacht.

 

Lebenskonzept

Neulich bei Netto: Die stark blondierte Kassiererin zieht Waren über den Scanner, eine ältere Kundin räumt eins nach dem andern in den Einkaufskorb.
„5 mal Sahne!“ ruft die Kassiererin fröhlich. „Da hamse zugegriffen. Recht so, ist’n günstiges Angebot.“
„Ach wissetse,“ sagt die ältere Frau, „ich kauf immer so viel Sahne. Mein Kätzle schleckt halt nix anderes. Milch lässt se stehen.“
„Na, die wird aber verwöhnt!“ lacht die Kassiererin.
„Naja“, meint die Frau lapidar, „wenns mal aus ist mit mir, kann ich ja nix mitnehmen. Soll des Miezle doch seine Sahne haben, wem schadets schon, gell?“

*

Nach dieser Maxime lebte auch mein Stiefvater. Heute ist er im Alter von 89 Jahren friedlich eingeschlafen. Gott hab ihn selig.

Neulich in der Stadt

Aus einer Seitengasse beginnt es zu wummern, ich schau nach und vor einem größeren Publikum zeigen ein paar junge Männer, was sie beim Break Dance drauf haben. Ich bleibe fasziniert stehen, denn das hier geht über ein paar selbst einstudierte Figuren weit hinaus. Die Jungs liefern eine professionelle und mitreißende Show.

Ich mache Bilder und frage am Ende den Boss, ob ich die Fotos hier im Blog verwenden darf. „Kein Problem,“ sagt er, schaut mich an und fügt hinzu: „Ich glaub, wir kennen uns!“ Tatsächlich kommt mir sein Gesicht auch bekannt vor, ich weiß aber nicht woher. Er schon: Vor vielen Jahren war er der Schulfreund meines ältesten Sohnes. „Na klar“, rufe ich und schlage mir an die Stirn, „Navid!“

Wir reden ein bisschen, er lebt inzwischen in Berlin und ist ein über die Landesgrenzen hinaus erfolgreicher Street Dancer bei den Flying Steps geworden. Ist das nicht toll? Ein anderer ehemaliger Schulfreund desselben Sohnes ist ja der Rapper Kay One, auch der war als Teenager bei uns zu Hause. Da ist man schon ein bisschen stolz. 😉

Kostprobe der Crew?