Die Welt ist schön

Neulich beim Adventskonzert: Nach ein paar Stücken des Orchesters löst sich ein zierliches Mädchen aus dem Hintergrund und geht nach vorne, eine Harfe wird herbeigebracht. Sie setzt sich an das Instrument, streicht sich über den dichten Pferdeschwanz, holt tief Luft und beginnt, mit den Händen die Saiten auf- und abzugleiten. Weiche Klänge ertönen, „Greensleeves“.

Ich betrachte das Gesicht des Mädchens. Es scheint so zart, so rein, so unschuldig wie eine Elfe, die sich in ein Kirchenschiff verirrt hat. Sicher ist sie eine gute Schülerin, hat Freundinnen und auf jeden Fall Eltern, die ihr eine Harfe und Musikstunden ermöglichen.

Nach drei Liedern steht sie auf, senkt schüchtern den Kopf, die Leute applaudieren. Der Vater trägt die Harfe weg, das Mädchen setzt sich wieder, eng zwischen die Eltern. Das Konzert geht weiter.

Ich kann den Blick nicht von ihr lassen. Ist es das, wonach wir uns an Weihnachten sehnen? Behütet zu sein, geliebt, gefördert und in Sicherheit? Ist der ganze Rummel deshalb nicht aus der Welt zu schaffen, weil Weihnachten der Traum von einer schönen, heilen Welt ist, die wir vielleicht als Kind vor dem Christbaum erlebt haben? Oder gerne erlebt hätten? Ist es einfach der Wunsch nach: Alles ist gut?

Wie auch immer. Ich wünsche euch allen ein frohes Fest mit lieben Menschen,
oder ein friedliches mit euch selbst.

Schöne Weihnachten!

 

 

Innehalten

Zeit existiert erst dann, wenn man auf die Uhr schaut.

 

Noch einen Tag arbeiten, dann geht der Stress erst richtig los: Geschenke kaufen – und zwar die schwierigen. Die einfachen hab ich ja bereits.
Und ihr? Habt ihr schon alles beisammen?

Ich wünsche euch genügend kleine Pausen in der aufgeregten Vorweihnachtszeit.
🙂

 

Raumstrukturen

Heute beim Waldlauf: Ein gutes Stück vor mir spazieren zwei Frauen, die in derselben Richtung unterwegs sind wie ich. Ich überlege, auf welcher Seite sie am besten zu überholen sind und entscheide mich für Links. Beim Näherkommen zieht die Frau auf dieser Seite allerdings noch weiter zum Wegrand, ich schwenke also nach rechts. Auch dort scheint kein Durchkommen, die andere Dame nimmt geschickt die komplette Weghälfte für sich ein. Zwischen den beiden hindurchzustürmen, fände ich unhöflich. Apropos unhöflich – wieso machen die Frauen sich so breit?

„Ich wette, sie sind nicht von hier“, kommt es mir in den Sinn. Da sich die beiden angeregt und gestikulierend unterhalten, werde ich das gleich nachprüfen können. Ich schnaufe nun von hinten an sie heran, bereit durch Gebüsch zu rennen, und vor mir spricht man vernehmlich in höchstem Hochdeutsch. Recht gehabt, keine Süddeutschen. Nun werde ich offenbar gehört, denn die Frauen drehen sich um und schreiten sofort zur Seite, um mich vorbeizulassen.

Wie kam ich darauf, dass sie keine Einheimischen sind? Weil sich Fußgänger bei uns normalerweise auf einer Seite halten und ich kaum je überlegen muss, wie an ihnen vorbeizukommen ist. Nicht dass es wichtig wäre. Aber nehmen Leute in unterschiedlichen Landesteilen unterschiedlich viel Raum ein? Auf jeden Fall gibt es Menschen mit unterschiedlichem Platzbedarf.

Wie geht es denn auf euren Spazierwegen, in Bahn, Bus oder sonstwo zu?

 

Der Abfalltüten-Blues

Wenn wir einen Menschen verloren haben, bewahren wir meist eine Zeitlang Andenken auf: Ein Bild, eine Kerze, vielleicht ein Schmuckstück. Es gibt aber auch Erinnerungsstücke, die nicht ausgesucht werden – sie sind einfach da, übrig geblieben. Ein Sessel vielleicht, oder eine Blumenvase.

Ein solches Andenken lässt mich noch heute jedes Wochenende an meine Mutter denken. Sie starb vor drei Jahren, es war ein Haushalt aufzulösen und so landeten damals unter anderem mehrere Rollen Abfalltüten bei mir. Sie sind inzwischen aufgebraucht bis auf die kleinen 5-Liter-Beutel für Kosmetikeimer.

Manches wird ja vom Alltag gefressen und man denkt nicht mehr darüber nach. Aber von diesen kleinen Rollen mit Beuteln aus 100% Biofolie habe ich noch keinen einzigen einfach so abgerissen. Jedes Wochenende beim Wohnungsputz denke ich: Das gehörte noch meiner Mutter.

Heute brach ich die letzte Rolle auf. 40 Stück. 40 Wochen.
Dann ist nichts Greifbares mehr da.

Aber darauf kommt es ja auch nicht an.

Habt ihr auch solche Erinnerungsstücke?

Bodensee-Impressionen

Gestern in Wasserburg: Nebeldunst und Spätherbstsonne schaffen eine Stimmung, in der man sich verlieren kann: abgeschieden, friedvoll, versonnen. Ohne die touristenbedingte Übervölkerung entdeckt man wieder den Charme der kleinen Bodensee-Ortschaften.

Erschreckend sind nur die Wasserstände: Schon im Sommer endeten viele Badetreppchen weit über dem Wasserspiegel. Die Uferstreifen sind so breit wie nie, am Rheindamm ist eine neue Insel entstanden. Aber der niedrigste gemessene Wasserstand war 1858, gefolgt von einem annähernden Wert im Jahr 1902. Und das ganz ohne Klimaerwärmung.

Wir betrachten die ungewohnten Kiesstreifen an der Promenade, schauen aufs Wasser hinaus und wollen glauben, dass die Natur sich nicht unterkriegen lässt.

 

St. Martin im Wandel der Zeit

An den Absperrungen um einen kleinen Vorplatz herum stehen junge Leute mit ihren Kindern, vor ihnen reitet ein römischer Soldat im Kreis. Eine Frau mit Kopfschleier schaut ebenfalls zu, während ihr kleiner Sohn nur Augen für den blinkenden Stab hat, an dem seine Laterne hängt. Er hält ihn höher und niedriger, schwenkt ihn hin und her und marschiert dann feierlich auf und ab, die Laterne vor sich haltend wie ein Schwert.

Währenddessen setzt der Römer zum Mantelteilen an, da bricht plötzlich die Stimme des Erzählers ab. Seine Lippen bewegen sich weiter, aber man hört nichts mehr. Sekundenlang passiert nichts, das Publikum wird unruhig. Nun springt der Bettler auf. Er huscht zu dem Mann, nimmt ihm das Mikrofon ab, macht etwas an der Tonanlage, „eins, zwei“ hört man, es geht wieder. Der Bettler eilt an seinen Platz zurück und kauert sich wieder auf den Boden nieder.

„Brenne auf mein Licht, brenne auf mein Licht …“ singt ein kleiner Chor. Der Bettler ist inzwischen eingekleidet, der Soldat reitet weg, die Kinder halten ihre Laternen hoch, die Eltern ihre Handys.

„… und dein heller Schein, und dein heller Schein, der soll für immer bei uns sein.“

Nur darum gehts.