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Älter = schöner

Die Friseurin hat meine Haare zu kurz geschnitten. Vor allem der Pony ist missraten, lässt viel zuviel von meiner hohen Stirn frei. Ich seh aus wie ein Mann. Den Blick in den Spiegel erspare ich mir vorerst, ansonsten bemühe ich mich aber wenig, den Schaden zu mildern. Die Haare wachsen wieder nach und bis dahin sehe ich eben so aus. Bin ich altersgelassen geworden, oder höre ich auf, Frau zu sein?

Ich versuche, mich auch mit über fünfzig Jahren hübsch anzuziehen und schminke mich ein bisschen. Aber muss ich mein Aussehen noch trickreich stylen? Muss ich die latesten Fashion Trends tragen? Kann ich mich nur dann wohlfühlen, wenn die Frisur perfekt sitzt? Ach was. Ich muss nicht mehr mit den Wimpern klimpern, ist das schön. Ich behaupte sogar: Ist das sexy! Menschen, die mit sich selbst zufrieden sind, authentisch wirken und noch ein vergnügtes Lachen hinbekommen, ernten immer den einen oder anderen Blick. Und wenn nicht – auch egal. Ich liebe meine Familie, meinen Briten, meine Arbeit, meine Hobbies. Das reicht. Und mein Gesicht passt zu mir, es ist ja schließlich meins. Ob mit langem oder kurzem Pony.

Vielleicht muss man älter werden, um das zu erkennen.

Zu diesem Text inspirierte mich eine Blogparade von Frau Quadratmeter zum Thema “Älter werden”, die längst beendet ist. Aber was ist schon ein Datum?  😉
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Männerinstinkt

Ich bin mit dem Fahrrad unterwegs und sehe von weitem einen alten Mann. Er sitzt in der Spätherbstsonne auf einer Parkbank. Der Mann hat die Ellbogen lässig auf seinen Rollator gestützt und schaut in meine Richtung. Als ich näher komme, hebt er langsam eine Hand zum Mund. Ich überlege noch, was er da macht, weil er mich so ungeniert anstarrt. Als ich fast auf seiner Höhe bin, schiebt er sich zwei Finger zwischen die Zähne und gerade als ich an ihm vorbeigeradelt bin, ertönen zwei kurze, schwingende Pfiffe. Hab ich das eben wirklich gehört? Pfeift der mir hinterher? Ich wende mich um, er starrt mir mit eingefrorenem Grinsen nach und ich falle fast vom Rad. Ich weiß nicht, was mich mehr überrascht – dass mir auf meine alten Tage noch jemand nachpfeift oder wie der Alte das überhaupt hingekriegt hat. Dem eingefallenen Mund nach zu schließen hat er nämlich gar keine Zähne mehr.

Besuch bei der alten Dame

Neulich in Liverpool bei der Mom des geliebten Briten: Wir wissen nicht mehr, was wir mit ihr reden sollen, sie kann keine einzige Frage beantworten. Nicht einmal, was es vor einer halben Stunde zum Lunch gegeben hat. Immer wieder schaut sie sich um und fragt, was sie hier wollte. „Am I right here?“

Der Brite bemüht sich weiter um seine Mutter, ich steige irgendwann aus. Mein Blick wandert durch die Visitor Lounge. Ein paar leere Sessel stehen herum, es sind keine weiteren Besucher anwesend. Vom Fenster her dringt kühle Luft herein, draußen fährt eine Ambulanz vor. Neben der Tür befindet sich eine verglaste Wand, durch die man in den angrenzenden Raum bicken kann. Dort sitzen sechs oder sieben BewohnerInnen dieser Pflegeeinrichtung an einem Tisch und essen. Eine von ihnen – die einzige Afro-Britin – weckt Erinnerungen in mir. Noch vor einem Jahr saß meine Mutter genauso da: schweigend, den Kopf leicht zur Seite geneigt. Als denke sie über etwas nach.

Die Tochter hilft der Frau beim Essen. Dann steht sie auf und macht ihr die Haare: löst Zöpfchen, kämmt das grauschwarze Gekrissel, nimmt sich mit kleinen Seitwärtsschritten den ganzen Kopf vor und flicht die Zöpfe neu. Als alles fertig ist, sieht die Mutter aus wie eine altehrwürdige Fürstin aus der Antike. Sie spricht während der ganzen Zeit kein Wort. Ein wenig schief sitzt sie im Rollstuhl und lässt sich nun von der Tochter aus dem Raum hinausschieben, blicklos, als sei ihr Geist schon ein Stück vorausgegangen.

Heute jährt sich der Todestag meiner Mutter zum ersten Mal.

Liverpool

 

Wünsche

Neulich an der Fleischtheke: Der Verkäufer, ein stattlicher Mann, fragt die Kundin vor mir: „Sonst noch Wünsche?“
„Ach“, sagt sie lapidar, greift nach den Wurstpäckchen auf dem Tresen und legt sie in den Korb ihres Rollators, „Wünsche hätte ich schon … aber ob Sie die erfüllen können?“
Es kommt ihr so aus der Seele, dass ich laut lachen muss. Sie dreht sich um und sagt glattweg:
„Naja wenn er mich so fragt, kriegt er halt eine Antwort!“ Nun lachen wir beide und sie schiebt dem Verkäufer, den sie offenbar kennt, ihre Geldbörse hin. Er nimmt ein paar Münzen heraus und zählt sie laut vor.
„Wenn man lachen kann“, fährt die Frau derweil fort, „ist wenigstens ein Wunsch schon erfüllt.“
Sie sagt das mit einer Stimme, als stehe sie mitten im Leben und wisse selbst nicht genau, wie sie in diesen gebrechlichen Körper geraten ist, aber alles andere ist in Ordnung. Ihren Humor hat sie noch.
Sie nimmt die Börse wieder in Empfang und schiebt vorsichtig den Rollator zur Seite, damit ich Platz habe.
Es ist eigenartig. Die Frau ist wohl über achtzig Jahre alt, spricht aber wie die Person, die sie wahrscheinlich immer war:  spontan, rundheraus, mit fester Stimme und einer guten Portion Mutterwitz. Ihr Äußeres passt nicht zu der Art, wie sie redet.  Es ist wohl nur ihr Körper alt geworden.

Inga

So weit ist es mit mir gekommen. Meine Arbeitsstelle endet im September, heute sprach ich beim Arbeitsamt vor, und nun werde ich an Inga verwiesen. Inga ist aber keine lässige Sachbearbeiterin, sondern die Abkürzung für interne ganzheitliche Integrationsberatung. Das ist ein Spezialteam der Arbeitsagentur für „arbeitslose Personen mit größerem Unterstützungsbedarf“. Mit ü50 gehört man dazu. Man wird mich wieder integrieren müssen, ich werde also aus etwas herausfallen.

All die Anstrengungen in meiner jetzigen Stelle führten zu keinem Ergebnis: Unser Förderprojekt läuft aus und bei jedem Griff auf den Deckel eines anderen Fördertopfs klopft uns jemand auf die Finger. Wir halten zusammen, wir geben nicht auf, aber es bleiben nur wenige Wochen.

Die junge, hübsche Beraterin mit klimpernden Armreifen und sorglos-strahlendem Lächeln erklärt mir Inga. Man nehme sich dort viel mehr Zeit für jeden Einzelnen, verspricht sie und schiebt mir einen Flyer zu. Na schön. So ist es jetzt eben. Ich bin schwer vermittelbar.
 
 
Brighton (35)
 

Wenn nicht jetzt, wann dann?

Im Nachttisch meiner Mutter finde ich ein Körbchen mit zwei Piccolo-Flaschen Henkell Trocken und ein Sektglas. Es hatte in ihrer Wohnung auf dem Schrank gestanden, bevor sie in die Pflegestation umziehen musste. Sie hatte damals darauf gezeigt und ich packte es zu den anderen Sachen, die sie mitnehmen wollte. Offenbar hat sie den Sekt aber nie getrunken. Dabei hatte mich vor ihrem Umzug einmal jemand von der Verwaltung gefragt, ob meine Mutter öfters Alkohol trinke. Niemals, beteuerte ich damals. Als Chef-Einkäuferin ihres Haushalts hätte ich ihn ja besorgt haben müssen.

Auf das Naheliegende kam ich natürlich nicht. Erst als ich mich von den Mitarbeitern der Einrichtung verabschiede, kommt noch einmal die Sprache darauf. Ein Pfleger grinst und verrät: Es war die Wohnungsnachbarin. Frau Groß. Die brachte den Stoff, und dann haben die beiden zusammen gebechert. Typisch. Meine Mutter hat sich vom Leben genommen, was sie wollte. Vielleicht hat ihr ein gelegentliches Gläschen das Sprechen erleichtert, aber es wird nichts genutzt haben, denn die Nachbarin ist über neunzig und fast taub. Es wird egal gewesen sein.

Warum diese beiden Fläschchen noch da sind, weiß ich nicht, vielleicht hatte Frau Groß etwas Besseres als Henkell Trocken oder sie haben das Körbchen einfach vergessen. Ich mache jetzt jedenfalls eins auf, und dann erhebe ich es mit Blick nach oben und denke mir ein von Herzen kommendes „Wohlsein“!

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  © Ursula Holly