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Der tägliche Ausflug

„Komm doch, die Maus geht jetzt schlafen.“ Eine alte Dame beugt sich über die Hecke, die einen winzigen Vorgarten eingrenzt.  Darin, hinter dürren Sträuchern,  hebt ein Kater den Blick.  Mit feiner Stimme ruft sie noch einmal: „Komm, Peterle!“ Das sorgfältig frisierte Haar klebt an ihrem Kopf wie ein Helm. Steif verharrt sie an ihrem Platz und lässt den Blick nicht von dem Tier. Sie sieht mich nicht. Seit Jahren leben wir Haus an Haus, und doch grüßt sie nur wenn sie muss. Lieber schaut sie weg, als würde sie nicht gesehen, wenn sie nicht sieht. Wenn es jedoch gelingt, ihren Blick zu streifen, dann huscht ein Lächeln in ihr Gesicht, ein schüchternes, wie das eines Mädchens vor siebzig Jahren vielleicht. Sie fängt es gleich wieder ein, als könnte sie sich verraten, und blickt ernst geradeaus.

Der Kater hebt seinen dicken Bauch, streicht langsam die Mauer des Hauses entlang. Sie folgt ihm an der Hecke bis zur Gartentür. „Gell, Peterle, die Maus schläft jetzt auch.“ Dann verschwinden sie in die Wohnung.

Ein Tagesbeginn

Wenn ich morgens aufwache, saust manchmal ein Hammer auf mich nieder. Da steht einer neben dem Bett und gibt mir eins drauf, und noch eins und noch eins und noch eins. Nicht dass es mir die Besinnung rauben würde – das wäre schön, dann wär’s ja vorbei. Nein, ich werde im Gegenteil immer wacher. „Hoffentlich kommt kein komplizierter Auftrag heute“, heißt so ein Hammerschlag. Oder: „Hoffentlich liefert der Übersetzer gute Qualität“. “Hoffentlich liefert er überhaupt.“ „Hoffentlich gibt es keine Reklamation“. “Hoffentlich schaffe ich das Pensum“. “Hoffentlich vergesse ich nichts.“ Als hätte ich sonst nichts, über das ich nachdenken müsste, als wäre das Büro das Wichtigste. So liege ich am Morgen schon erschöpft in den Laken und versuche zu zählen, zu beten, langsam zu atmen, doch mein wild gewordenes Herz schlägt gegen den engen Brustkorb, dass es weh tut. Dann denke ich: Mit fünfzig ist man nicht mehr so stark. Daran muss es liegen, die Hammerüberfälle fingen im letzten Jahr erst an. Vielleicht muss man Firmen verstehn, wenn sie ältere Menschen nicht mehr einstellen wollen.

Diese Schmerzen!

Ich betrachte meine Hände auf der Bettdecke, die Finger scheinen in kürzlich erfolgter Operation nachträglich aufgesteckt worden zu sein. Dick und steif sitzen die Glieder aufeinander, und wenn ich sie zur Faust einziehen will, wimmert jedes einzelne Gelenk. Drehe ich die Handteller nach oben, maulen meine Unterarme über braune und bläuliche Flecken, aufgeschürfte Haut und kleine Schnitte. Ich dehne meinen Oberkörper und da geraten die Muskeln in Schultern und Rücken in  Aufruhr: es stecken Messer drin, heulen sie, beweg dich nicht! Doch ich will aus dem Bett kommen und erhebe mich halb – nun sind es unterer Rücken, Gesäß und Oberschenkel, die um Einhalt flehen und mich stöhnend zurücksinken lassen. Um es auf einen Nenner zu bringen: Wie sind gestern umgezogen. Meine Mutter lebt nun in der hübschen Wohnung einer Seniorenanlage.

Zum ersten Mal lasse ich den Gedanken zu, dass ich nicht mehr so kraftvoll bin. Bei meinem eigenen Umzug vor drei Jahren jagte ich noch Treppen auf und ab wie ein wildgewordenes Pferd, und es waren damals mehr Möbel zu versetzen. Gestern fühlte ich mich im Lauf des Tages, als zerfalle ich, und heute bin ich nurmehr ein Restbestand. Um ehrlich zu sein: Auch bei meinen Jogging-Runden wähle ich seit längerem Abkürzungen, weil es anstrengend geworden ist. Ob dies von der Operation an den Füßen im letzten Jahr rührt oder ob der Schock wegen meines verunglückten Sohns etwas damit zu tun hat – ich weiß es nicht. Vielleicht klopft einfach mein Alter an. Man wächst, entwickelt sich und ergraut ja nicht gleichbleibend jeden Tag ein bisschen. Oft passiert lange Zeit nichts, doch dann kommt ein Ruck und man wird ein Stück weitergeworfen, in welche Richtung auch immer. Nichts bleibt, wie es ist.

Mir g‘fallts!

Ich hab ein Bild mitgebracht und weiß nicht, wie herum ich es aufhängen soll. Es fiel mir in die Hände, als ich meiner Mutter beim Packen half für ihren Umzug. Das Bild malte sie vor ein paar Jahren, es leuchtet in Rot und Orange wie fast alles, was von ihr in meiner Wohnung hängt, ich liebe diese Farben.

Das neue Bild steht im Moment noch an der Wand. Hochformatig gesehn dreht sich ein Kind in wildem Tanz und ich würde es so aufhängen, wäre da nicht ein Gesicht rechts unten, das mich irritiert. Andersherum aufhängen geht auch nicht. Da flieht eine Gestalt nach links aus dem Bild und schaut in Terror zurück auf einen Verfolger, den wir nicht sehen. Querformat? Im ersten Versuch sehe ich ein Huhn. Es stürzt kopfüber aus dem Bild, der Kopf ist schon verschwunden und rechts oben feixt eine Fratze. Andersrum: Jetzt hat das Huhn sich aufgerichtet. So stattlich ist es geworden, dass sein Kopf nicht mehr ins Bild passt, es strebt nach oben zum Licht wie alles im Bild. Der Fleck links unten ist ein Schatten geworden oder freundlicher Genosse, der das Huhn stützt.

Dieses Bild nehm ich.

Gemalt ist es mit Acryl in der Zeit, als meine Mutter für ihr Leben gern Malkurse belegte, einen nach dem andern. Zahlreiche Gemälde voll Farbe und Leben entstanden und das ist gut, denn solche großen Formate kann sie heute nicht mehr bearbeiten. Seit dem Schlaganfall ist ihre Hand nicht mehr kräftig genug, aber sie hat köstliche kleine Aquarell-Engel gemalt, ulkige Figuren, eins davon habe ich aufgestellt, obwohl es blau ist. In den meisten Fällen präsentiert sie diese Werke dem Betrachter übrigens ähnlich wie einst ihre Kuchen: „Sieht ein bissel missraten (vrgrôda) aus, macht aber nix. Mir g‘fallts!“

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zu ihren Bildern

zu ihren Kuchen

Die Zurückgelassenen

Bei meiner Mutter stapeln sich Kartons mit Büchern. Sie wird sie nicht mitnehmen in die neue Wohnung. Ich besitze selbst viele Bücher, wie Geliebte, Freunde oder Bekannte erzählen sie davon, was irgendwann einmal Bedeutung hatte für mich und niemals will ich mich von ihnen trennen. Ich glaube, so dachte meine Mutter einst auch. Es zieht mir die Seele zusammen beim Gedanken an all diese Schachteln und dass die Bücher darin nicht mehr zu meiner Mutter gehören dürfen. Romane, Gedichte, Rezepte, Kunst, von Simmel bis Kaffka ist alles da. Für alle habe ich leider nicht den Platz, aber immer wieder fische ich das eine oder andere heraus, um es zu retten.

Eins davon habe ich gerade gelesen, „Zwei alte Frauen“ von Velma Wallis. Es handelt von einem Nomadenstamm in Alaska, lange bevor die Zivilisation kam mit Autos und TV-Geräten. Zu jener Zeit fanden die Menschen in besonders langen Wintern nichts mehr zu essen, sie starben an Entkräftung und Hoffnungslosigkeit. So mussten die Häuptlinge von Zeit zu Zeit eine fürchterliche Entscheidung treffen: Sie trennten sich von den Alten. Zum einen, weil sie nutzlose Esser waren, zum andern vielleicht dargebracht als Opfer an Geister, die in die hungernden Menschen gedrungen waren und sie wild und unberechenbar werden ließen.

Der Stamm zog weiter und war einen Moment lang erleichtert darüber, besser dran zu sein als zwei alten Frauen, die zurückgelassen wurden. Doch statt sich mit indianischem Stolz ihrem Schicksal zu ergeben, weinten die Frauen, verzagten, sie barsten vor Wut auf jene, die ihnen das antaten. Wir erfahren vom eisigen Weg, der vor ihnen liegt, von Angst und der Entschlossenheit, ihn zu gehen. Das Buch ist eine Geschichte von Grenzen und wie man sie hinter sich lässt.

Meine Mutter zeigt auf ein weiteres Fach, in dem Bücher stehn, und noch eins und noch eins.  Früher erwarb sie ein Buch nach dem andern und gelegentlich meinte sie: „Was ich jetzt nicht lese, lese ich später. Wenn ich in Rente bin, ist genug Zeit.“ Und sie hat viel gelesen seither, aber auch vor ihrer Pensionierung, immer schon. Jetzt liest sie nicht mehr. Ihre Gedanken zusammen zu halten bei längeren Texten ist anstrengend geworden für sie. Buch um Buch ziehe ich aus dem Schrank und reiche es meiner Mutter. Ungerührt versenkt sie jedes einzelne in einem Karton. Ich weiß noch nicht was tun mit ihnen, schaurig, sie einfach wegzugeben.

Hauptsach, s‘schmeckt

Meine Mutter schenkte mir vor ein paar Tagen Backpapier. Gleich mehrere Rollen fielen ihr beim Ausräumen in die Hände, sie will sie nicht behalten. Die Kuchen, die sie in ihrem Leben zu backen hatte, sind längst gegessen.

Als ich noch klein war, gab es gelegentlich welchen am Sonntag, ich weiß nicht mehr was für Kuchen es waren. Meine Mutter stand dann in der Küche am Spülstein und schöpfte langsam heißes Wasser in den irdenen Trichter, der auf einer Porzellankanne saß. An solchen Tagen kam meine Großmutter. Meine Mutter hatte dann keinen Blick für mich, sie eilte nervös hin und her, bis der Kaffeetisch bereit war. Dann saßen sie beieinander, die beiden Frauen. Sie unterhielten sich und es kam mir vor, als wüssten sie nicht recht, was anfangen miteinander. Ich verhielt mich meist mucksmäuschenstill. Ein bisschen fürchtete ich mich vor der Großmutter, weil sie stets schwarz gekleidet war.

Jahre später entwickelte sich die Backkunst meiner Mutter zu etwas Eindrücklichem. Wir waren daran gewöhnt, dass sie ihre Werke präsentierte mit den Worten: „Sieht ein bissel missraten (vrgrôda) aus, macht aber nix. Hauptsach, s‘schmeckt!“ Frei nach einem ausgefallenen Rezept oder nach einem eigenen oder auch gar keinem außer ihrer Fantasie kamen die Zutaten in dieser Zusammenfindung meist nur ein einziges Mal aufs Blech: Kirschen, Zwetschgen, Beeren, mit Gewürzen experimentierte sie auch. Was dabei heraus kam, war üppig und fruchtig, auf jeden Fall saftig und gelegentlich von unerwarteter Beschaffenheit. Manche ihrer unvergesslichen Kreationen sahen aus, als hätte sie Knallfrösche drauf geworfen, andere mussten wir mit dem Suppenlöffel essen. Niemals wäre etwas Vergleichbares beim Konditor zu haben gewesen, es ist nur die Familie, die solche Kuchen kennt.

„Da, nimm, ich brauchs nicht mehr“, sagte sie. In der Küche der neuen Wohnung will sie nicht einmal einen Backofen. Es gibt eine Cafeteria im selben Gebäude, da wird sie jeden Tag sitzen können, plaudern und Kuchen essen. Andere dürfen jetzt backen. Und sie kann beobachten, wir ihre Freude am Ausprobieren in den Kindern und Enkeln am Leben bleibt.

Storch, Storch, Schnibel, Schnabel

*

Storch, Storch, Schnibel, Schnabel,
mit der langen Heugabel,
mit den langen Beinen.
Wenn die Sonn tut scheinen,
sitzt er auf dem Kirchendach,
klappert laut, bis alles wach!

*

Diesen Reim kenn ich auswendig. Ich las ihn meinen Kindern vor, als sie noch klein waren.

„Mein“ Storch lebt nicht auf dem Kirchendach, sondern auf einem Strommasten. Die letzten Tage sah ich ihn oft im Nest. Reglos stand er da in der Frühlingssonne, stundenlang. Gelegentlich pickte er an den Zweigen, als sortiere er etwas. Er hatte keine Eile damit. Was für ein Leben, dachte ich, ein Mensch kann sich das nicht vorstellen. In Deutschland schon gar nicht. Zeit ist kostbar, wir wollen sie nutzen, müssen etwas tun. Was alten Menschen wohl durch den Kopf geht, wenn sie nichts mehr tun können? Wie lange dauert es, bis man sich daran gewöhnt? Der Storch hingegen kennt es nicht anders. Er steht einfach da und das genügt.

*

Storch hat sich aufs Nest gestellt,
guckt herab auf Dorf und Feld,
wird bald Ostern sein?
Kommt hervor, ihr Blümelein,
komm hervor, du grünes Gras,
komm herein, du Osterhas!
Komm bald fein und fehl mir nit,
bring auch viele Eier mit!

*