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Neulich in Hamburg

So wie sie Hochzeiten feiern, protestieren sie auch: Getrennt. Wir stehen in Hamburg auf dem Gänsemarkt und der geliebte Brite nimmt gerade ein Start-Kit für das Radrennen am Sonntag im Empfang, da hören wir Frauen mit hohen Stimmen, die Parolen rufen. Wir schauen uns um und entdecken an der Straße einen langen Zug von Muslima in schwarzen Gewändern, Tuniken und Schleiern. Sie kauern auf dem Boden und schreien: „Deutschland, wo bist du?“ Manche tragen syrische Flaggen oder Fähnchen mit gelben Totenkopfsymbolen, ein junger Mann an der Spitze brüllt sich vor einem Megafon heiser: „Es wird wieder geschossen, Menschen sterben, Blut fließt in Syrien, während wir hier auf der Straße stehen“. Mit rollendem R peitscht er Schlachtrufe in die Menge, Antworten werden zurückgeschmettert.

Dann springen die Frauen hoch wie Hexen bei süddeutschen Fasnet-Umzügen, aber sie bauen sich nicht zu Pyramiden auf oder schlagen Räder, sondern ziehen rufend, schreiend, mit emporgestreckten Händen weiter und stimmen im Chor ihren Protest an: „Mörder Assad“, „Schaut nicht weg“. Zwischen den Reihen gehen auch Kinder. Sie schauen gleichgültig nach links und nach rechts, als gehe sie das Ganze nichts an.

Ich überlege, wann westliche Bomben im Nahen Osten schon einmal etwas gebracht haben auf lange Sicht. Und marschierten islamische Gruppen in der Vergangenheit nicht auch gegen solche Einmischungen?

Jetzt kommt die Nachhut. Es sind nur ein paar Leute, und sie rufen nicht so leidenschaftlich wie die Frauen. Genau genommen rufen sie gar nicht, sie verhalten sich ruhig und schreiten nur hinterher oder vereinzelt an den Seiten des Zugs. Es sind die Männer.

Und ich dachte schon, auch verhüllte muslimische Frauen machen inzwischen ihr eigenes Ding.

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Die Sommerstars

Die wahren Helden dieser Tage sehe ich auf der Fahrt über eine Brücke. Die wird gerade saniert und ich stehe im Stau, in der Hitze klebt mir die Bluse an den Leib und die Frisur beginnt zu tropfen. Ich beobachte die braun gebrannten Kerle auf der Baustelle. In der heißen Sonne schieben sie Rüttelmaschinen vorwärts und schreiten neben Walzen einher, es wird gefräst, gesprüht, gestampft, gedampft, die Schultern glänzen vom Schweiß und den einzigen Schatten spendet eine Schildmütze, die der Eine oder Andere sich tiefer ins Gesicht zieht.

Fast jede Arbeit kann von Männern wie Frauen verrichtet werden, selbst Fußballspieler sind keine Ausnahme, wie das Team von Silvia Neid vor kurzem wieder klar gemacht hat. Aber Straßenarbeiter, die wochenlang bei dreißig bis vierzig Grad Celsius schuften – ich würde mal sagen: Das können nur Männer. Also: richtige Männer. An dieser Stelle deshalb ein Gruß aus tiefster Bewunderung und ehrlicher Überzeugung: Jungs, ihr an den Straßen und anderen Baustellen: Ihr seid die Größten!

Pragmatisch, klassisch, gut

Das wünscht sich jeder: Im Outlook-Kalender steht: „Bewerbungsgespräche“, und man wird auf der anderen Seite sitzen. Auf der entspannten. Wir brauchen nämlich zwei weitere Mitarbeiter in unserem Team, und ich gehöre zu einer Kommission aus sechs Leuten, um die armen Kandidaten einzuschüchtern: Vorgesetzter, Abteilungsleiterin, Personalreferent, Frauenbeauftragte, Schwerbehindertenbeauftragter, und ich. Die künftige Kollegin.

Nacheinander nehmen vier junge Leute und eine Mittvierzigerin auf dem Bewerberstuhl Platz. Alle sind qualifiziert und ich hatte erwartet, dass auch alle „irgendwie gleich“ auftreten, wie man es eben lernt in den Karrieretipps im Internet oder in den Broschüren vom Arbeitsamt. Tatsächlich ist aber die eine zu schüchtern, der andere flapsig, die dritte unvorbereitet, der vierte ein Selbstdarsteller. Und dann kommt ein junger Mann, frisch gebügelt im Anzügle und mit Krawatte an diesem heißen Sommertag, und der schaut uns konzentriert an, antwortet pragmatisch, weiß, worauf es ankommt und verzichtet auf Eigenreklame. Vor uns sitzt ein intelligenter Erwachsener mit einem Jungengesicht. (Süß!). Den nehmen wir.

Und natürlich den klaren Sieger der Veranstaltung: Was Fachwissen und Auftreten betrifft, kann der „älteren Dame“ niemand das Wasser reichen. Kompetent, lebendig, schnörkellos. Eine Frau, die weiß was sie kann, was sie will und die keine weitere Aufmachung braucht. Hundert Punkte für Qualitäten, die auch heute noch Bestand und mit dem Alter nichts zu tun haben.

Unsichtbar

Bestellen dürfen wir in der Lounge. Es wird uns eine Speisekarte überreicht, in der mehrgängige Menüs beschrieben werden, ohne auch nur eine Speise beim Namen zu nennen. Wir können zwischen Vetetarisch, Geflügel, Fisch und Rind wählen, den Rest werden wir später erfahren.

Danach lernen wir René kennen, den Kellner, der uns den Abend über betreuen wird. Er bittet mich, die Hände von hinten auf seine Schultern zu legen, der geliebte Brite legt seine Hände auf meine Schultern. Tschutschutschu, die Eisenbahn … so ziehen wir ins Restaurant ein. Noch sind wir die Überlegenen.

Die Kellner sind durchweg blind oder stark sehbehindert und machen trotzdem eine ausgezeichnete Arbeit, denn im Inneren des Saals sind sie die Kings, und wir die Deppen. Es ist hier so finster, dass ich es physisch spüren kann. Es liegt wie ein Schwamm auf meinen Augen, eine dicke Schicht von Irgendwas und ich versuche immer wieder, es wegzuwischen. Man sieht nichts. Und ich meine: nichts.

René erklärt uns liebenswürdig, wo auf unserem Tisch Teller, Gabel, Glas und so weiter zu finden sind. Er duzt uns, und das gefällt mir. Gehören wir nicht alle zusammen? Die gut dreißig Jahre Altersunterschied sieht er ja nicht. Bald bringt er den ersten Gang und das Suchen nach den Speisen sorgt für Gelächter und Gesprächsstoff, es klappt aber erstaunlich gut. Man muss nur mit dem Gesicht nahe über dem Teller bleiben, dann kleckert man auch nicht, von den Soßenspritzern im Gesicht einmal abgesehen, aber die sieht ja keiner. (Wie lustig es wäre, wenn einer mal versehentlich an den Lichtschalter käme!) Nach ein paar Bissen identifiziere ich Krabbensalat und Meerrettich. Ob es die veränderte Wahrnehmung ist oder nicht – es ist höchstwahrscheinlich der beste Krabbensalat, den ich je gegessen habe!

Wie findet René uns hier nur? „Wir kennen den Weg“, lacht er, „es ist ja unser Job!“ Aber immer wieder mal vertut sich ein Kellner um ein paar Zentimeter und rempelt leicht an unseren Tisch. Das passiert jedoch nur, wenn wir gerade nicht reden. Natürlich kommt der geliebte Brite in Versuchung, mal ein Bein rauszustrecken, wenn wieder eine Polonaise an uns vorbeikichert. Ich hoffe er hat es nicht gemacht, gefallen ist jedenfalls niemand. Man kommt auf die dümmsten Gedanken hier.

Zwei bis drei Stunden später – man kann ja nicht auf die Uhr sehen – nach dem letzten Gang und als es „nichts mehr zu tun“ gibt, fängt mein Hirn an Faxen zu machen. Ich bin immerzu damit beschäftigt, meine Umgebung abzuhören: Wie groß ist der Raum, wieviele Menschen befinden sich darin, wie weit sind die Stimmen entfernt, in welchen Sprachen reden sie, wo gehts hier raus? Mein Instinkt fordert Sicherheit, es ist ungewohnt und irgendwann möchten wir zurück ins Licht und sind dankbar, dass es so einfach ist. René bringt uns wieder nach draußen.

Bezahlt wird in der beleuchteten Lounge, dort erhalten wir auch die „Auflösung“, also die Menükarte und erfahren, was wir überhaupt gegessen haben. Bei fast allem lag ich richtig, nur das vermeintliche Zitronensorbet war ein Passionsfrucht-Parfait. Billig ist das Ganze nicht, vier Gänge kosten zwischen 50 und 70 EUR pro Person. Dafür gibt es ein fantastisches Essen, eine krasse Erfahrung, einen Klasse Abend. Von fünf Sternen gebe ich fünf für die Unsicht-Bar in Berlin, größtes Dunkelrestaurant der Welt.

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Beim Abendessen.