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Kulturunterschiede

Für drei Britische Pfund bekommt man eine wuchtige Portion Fish & Chips, die nicht schmeckt wie bei uns, sondern nach nichts. Deshalb schüttet der gelernte Engländer Salz und Essig (!) über alles, auch über die Pommes, die wie der Toast in England  daherkommen: weich und lommelig. Knusprig ist nur die Panade, die so viel Öl aufnimmt, dass einem hinterher ein bisschen schlecht werden kann. Trotz Essig, der angeblich bei der Verdauung hilft.

Wir saßen mit meinem Sohn vor einem Imbiss in der Sonne, aßen Fish & Chips und er plauderte von Freunden aus allerlei Kulturen und Ländern, die er hier fand. Von schrill aufgemachten Menschen berichtete er (Brighton ist gay), von freundlichen Busfahrern, frechen Mädchen in engen Klamotten, von seiner Mühe mit der Konzentration und von neun Fehltagen in der Sprachschule, weil er in Pubs und Clubs hängen geblieben war bis zum Morgen. Auf meine hochgezogenen Augenbrauen hin erinnerte er an die langen Monate, die er im Krankenhaus verbrachte, und dass er den Kurs um zwei Wochen verlängern werde, um das Zertifikat trotzdem zu schaffen. Am liebsten würde er hierbleiben, sagte er.

Mal sehn, was er vom Fußballspiel Deutschland gegen England am Sonntag erzählen wird! Natürlich brachten wir ihm eine deutsche Fahne mit.

Ins Ungewisse

Mit all dem Metall im Körper hätte der Flughafendetektor Funken sprühen müssen. Aber mein Sohn ging durchs Tor und es kam kein Piep. In Ruhe steckte er seine Geldbörse wieder ein, die in einer Wanne zusammen mit anderem Zeug durchleuchtet worden war. Er nahm seine Sachen wieder an sich, schnallte den Gürtel um und schaute zu uns. Ich streckte den Daumen nach oben und er winkte scheu, lud seinen Rucksack über die Schulter und verschwand. Na Bravo, dachte ich. Wenn ein Terrorist erfährt, dass die Detektoren an diesem Flughafen heute falsch oder gar nicht eingestellt sind, kann er mit einem Gewehr an Bord gelangen.

Die Maschine wurde dann doch nicht entführt, Gott sei Dank. Knapp eineinhalb Stunden später landete sie in London und der Junge schaffte es mit Taxi und Zug nach Brighton, wo er die nächsten drei Monate leben wird. Dieses Abenteuer war lange sein Traum. Er war ausgelöscht worden vor einem Jahr, als dieser Audi in den Alpha fuhr, in dem mein Sohn als Beifahrer saß. Danach konnte er sich monatelang nicht einmal erinnern, einen Traum je gehabt zu haben. Wichtig war da nur, dass er lebte. Dass die Hirnblutungen abheilten und zahllose Nägel und Platten ihn so zusammenhielten, dass er eines Tages aus dem Rollstuhl wieder aufstehen konnte. Aber irgendwann, als Operationen und Rehabilitation hinter ihm lagen, kam er zurück: Der Wunsch, Neues kennen zu lernen, ein anderes Land, England. Da fing er an zu planen.

Wir telefonierten heute kurz mit der Familie, in der er untergebracht sein wird während des Sprachkurses. Es beruhigt mich zu wissen, dass diese Leute wirklich existieren und er in Sicherheit ist. Ich weiß, es klingt blöd, der Junge ist 21 und er findet sich zurecht. Auch seine Geschwister haben Auslandsaufenthalte hinter sich und in Gefahr ist man zu Hause sowieso nicht weniger. Trotzdem. Ihn gehen zu lassen ins Ungewisse, war schwer. Ich habe das Vertrauen nicht mehr, dass immer alles gut geht. Manchmal geht es auch schief, wie wir jetzt wissen,  und ich  kann ich nur beten, ganz fest, dass keinem der Kinder je wieder etwas zustoßen wird.