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Die Konstanten des Lebens

Manchmal ergibt es sich, dass man eine Einladung zu einer kleinen Dinnerparty erhält von Leuten, die sonst nicht im Fokus der üblichen Samstagabendgestaltung stehen.

Ein alter Mann öffnet uns also die Eingangstür und wir betreten eine kühle, dunkle Diele. Als unsere Mäntel an schweren Eisenhaken hängen, werden wir ins Wohnzimmer geführt und von zwei sorgfältig zurecht gemachten, zierlichen Damen mit strahlendem Lächeln begrüßt. Sie stehen vor einem uralten Schrank mit aufwendig gearbeitetem Kranz und gedrechselten Standfüßen. Es riecht nach trockenem Holz und Staub.

Wir werden aufgefordert, an einem mächtigen Eichentisch Platz zu nehmen, auf dem mit Blumenranken verziertes Geschirr verteilt ist. Die Damen eilen in die Küche, um den alten Herrn bei seinen Gastgeberpflichten zu unterstützen. Es gibt hier keine Hausherrin mehr. Die beiden bewegen sich in ihren eleganten Blusen, schwingenden Röcken und teuren Schuhen, als trügen sie Hauskleid und Pantoffeln. Man kann sie sich gar nicht anders vorstellen, vielleicht sind sie so zur Welt gekommen. Das ist lange her.

Der alte Herr tappt derweil suchend hin und her, müht sich eine Weile mit der Musikanlage ab, „vorher gings doch auch,“ endlich erklingen französische Chansons. Aus der Küche dringt die hohe, kratzige Stimme der einen Dame und die Altstimme der andern, dann segeln sie zurück zu uns mit Feldsalat und Ziegenkäse aus einem Delikatessengeschäft, das sie nicht zu erwähnen vergessen. Wir nippen Champagner aus Kristallgläsern, die mindestens hundert Jahre alte sind.

Während des Essens spricht der Mann nicht viel, auch das übernehmen die Damen – beide verwitwet übrigens – für ihn. Sie zählen die Orte auf, die sie bereist haben, danach geht es um Kunst, also welche Gemälde man besitzt. Wir gehen zum Wein über und die Damen fangen an zu kichern. Von Zeit zu Zeit legt eine von ihnen freundschaftlich die Hand auf den Arm des Mannes, die andere klopft im Vorübergehn auf seine Schulter. Er erzählt nun mit kargen Worten kleine Anekdoten aus früheren Zeiten.

Schließlich stellt eine der Damen fest, dass sie nun beschwipst sei und nicht mit dem Auto nach Hause fahren könne. Es entsteht sofort eine lebhafte Diskussion darüber, wer sie mitnehmen könne oder ob sie lieber hierbleiben und im Gästezimmer übernachten solle. Wir lachen, hänseln, jeder bietet ihr einen Platz zum Mitfahren an. Der alte Mann sitzt auf einmal aufrecht auf seinem Stuhl, die Augen hellwach. „Freilich bleibst du da, es ist genug Platz“. In sein Lächeln spielt nun eine feine, kaum wahrzunehmende Unruhe, die ihn selbst zu überraschen scheint. Die Dame blickt mit gerunzelter Stirn und glänzenden Bäckchen ins Kaminfeuer, sie scheint über seinen Vorschlag nachzudenken. „Soviel hast du nicht getrunken, du kannst noch gut Auto fahren,“ befindet die andere Dame, die mit der tiefen Stimme.

Wir verabschieden uns und ich weiß nicht, wie der Abend ausging. Bei uns wollte sie jedenfalls nicht mitfahren. Ein beruhigender Abend. So viel verändert sich im Leben, aber doch nicht alles.

Da staunt der Laie

Lady Ashtonburry steht neben mir und seufzt, klagt über die kaltherzige Verwandten. Sie ist Witwe geworden, wir befinden uns in Schottland auf der Trauerfeier in Schloss Darkwood, zahlreiche Gäste sind gekommen. Lady Ashtonburry schwebt nun davon zu einem anderen Tisch, plaudert, leidet. Es gibt ein Vier-Gänge-Menü, mysteriöse Entwicklungen, ein Mord: Vor unseren Augen wird der Halbbruder des seligen Lord Ashtonburry vergiftet. Von Scotland Yard erscheint ein Inspektor.

Keine Panik, wir befinden uns bei einem Krimidinner, aber hier muss etwas ganz anderes aufgeklärt werden. Säße nicht der geliebte Engländer neben mir – ich hätte ich es nie erfahren. (Was weiter nicht schlimm wäre).

Jedenfalls muss man zunächst wissen, dass es in London streets, alleys und yards gibt (keine roads übrigens), und wie es bei uns die Königsberger Straße gibt oder den Berliner Platz, gibt es in London die Liverpool Street oder den Scotland Yard. Scotland Yard ist zuerst einmal eine Straße. Hier – wir ahnen es schon – befindet sich das Gebäude der Kriminalpolizei , des Metropolitan Police Service. Er ist noch nicht einmal für die City von London zuständig, aber für die anderen Bezirke der Stadt.

Wie kommt es nun, dass alle Welt glaubt, das umgangssprachlich Scotland Yard genannte Polizeirevier als für ganz Großbritannien zuständig zu erklären? Wir wissen es nicht. Vermuten aber, dass Sherlock Holmes, (den es nie gegeben hat), für die Bekanntheit dieser Londoner Einheit beigetragen hat. Wurde er doch von Scotland Yard in der Regel um Unterstützung gebeten, wenn sie selbst nicht weiterkamen.

Zurück zu unserem Theaterstückchen zwischen den Tischen der Gäste: Scotland Yard ist wie gesagt ausschließlich für einen Teil Londons zuständig, nicht für den Rest von England und schon gar nicht für Schottland. Das wusste der Autor des Theaterstücks offenbar nicht. Aber der Engländer neben mir.

Des weiteren, schmunzelt er, ist „Ashtonburry“ ein englischer Name, kein schottischer.

Außerdem gibt es in Schottland kaum Lords oder Ladys, sondern Dukes, Earls, und wenn doch ein vereinzelter Lord herumgeistert, dann ist es ein Laird.

Milady und Milord, wie wir im Theaterstück angesprochen werden, gibt es ebenfalls nicht, weder in England noch in Schottland, nur in Deutschland. Im Königreich wird Mylord und Mylady als Mailord und Mailady ausgesprochen. So. Jetzt wissen wir das auch.

Am Ende stimmen die Schauspieler „God save the Queen“ an, was an sich nicht falsch wäre, spielte das Stück nicht vor etwa hundert Jahren. Damals regierte aber irgendein Georg oder Edward, „God save the King“ wäre also korrekt gewesen.

Aber das Beste kommt noch: Das Speisemenü. Ich zitiere die Vorspeise: „Rosa gebratenes Hirsch-Roastbeef mit Feldsalat und Cranberry-Chutney“. Was jetzt, wundert sich Lord Wiseguy neben mir. Hirsch oder Beef? Beides kann es nicht sein, denn Beef ist nun mal Rind.

Ihr seht schon, wir hatten einen vergnüglichen Abend. Den Mörder geraten, gut gegessen, gelacht. Schön wars.