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See you, Darling

Zum Abschluss unserer Englandreise verbrachten wir ein paar Tage in Manchester, weil ich diese Stadt zuvor nur vom Durchfahren mit dem Zug her kannte. Alles was ich wusste war:

  • Hier leben ca. 520.000 Menschen, unter ihnen eine begabte Bloggerin aus Deutschland (Emily mit Talk Welsh to me ).
  • Mein Sohn war in Manchester einmal zu Besuch und es hat ihm gefallen.
  • Meine Nichte hat in Manchester ein Studienjahr verbracht.
  • Es gibt hier einen berühmten Fußballclub: Manchester United.
  • Mehrere Popgruppen wie z.B. Oasis, Take That oder die Hollies stammen aus dieser Stadt.
  • Im Mai haben Kriminelle nach einem Popkonzert mehrere Menschen im Bahnhof Victoria Station ermordet.
  • Ach ja (der geliebte Brite hält gerade einen Vortrag): Manchester war früher das Zentrum der Baumwoll-/Textilindustrie. Falls das jemanden interessiert.

Das Straßenbild in der Innenstadt ist spannend: Monumentale historische Gebäude (z.B. das Rathaus) und uralte Pubs (z.B. das Old Wellington) stehen ohne mit der Wimper zu zucken neben modernen Bauten. Diese sind zum Teil mit farbigen Fassaden versehen sind und der ganze Mix wirkt kunterbunt, lebendig, vielfältig.

 

Die Menschen in Manchester sind wie alle Engländer ausgesprochen freundlich und hilfsbereit. Als kleines Extra wird man zudem ständig mit „Darling“ angesprochen. An der Kasse von Aldi z. B.: „Twelve Pounds sixty, Darling“. Im Nordwesten um Carlisle / Bowness ist die Standard-Anrede dagegen „Love“, etwa im Pub: „What can I get you, Love?“, während man in Newcastle zum Pet wird (Haustier im Sinn von Kätzchen). Vor einem Eingang kann man durchaus ein lächelndes „Go ahead, Pet“ hören.

Heute durfte ich diese liebenswürdige Eigenart ein letztes Mal genießen, und zwar im Flughafen. Eine füllige Frau in Uniform winkte mich bei der Sicherheitskontrolle zu sich: „Go through the gate, Darling“. Ich dachte in diesem Augenblick: ich möchte den Rest meines Lebens mit „Darling“ angesprochen werden. Leider scheint das in London nicht zum Umgangston zu gehören, denn vom geliebten Briten hör ich sowas nur auf Anfrage.

Hier noch ein paar Bilder:

Media City UK

The Old Wellington

Das Old Wellington ist das älteste Pub in Manchester. Es wurde 1552 zum ersten Mal erwähnt und hat mit der modernen Zeit so seine Erfahrungen.

1974 zum Beispiel wurde es mit Beton unterlegt und um 1,5 m angehoben, damit es auf die gleiche Höhe der angrenzenden Schopping Mall Arndale Centre kam.
1996 detonierte in der Nähe eine Bombe der IRA und beschädigte das Gebäude schwer. Als es wieder instandgesetzt und neu eröffnet worden war, fiel den Stadtoberen ein, dass man den Standort verändern wollte. Das komplette Pub wurde in seine Einzelteile zerlegt und 300 m weiter wieder aufgebaut.

Die Manchester Town Hall (Rathaus) 

 

Das waren einige Ausschnitte, man könnte noch stundenlang weitermachen! 🙂

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Von Römern und Kohlen

Newcastle upon Tyne liegt im Nordosten Englands und hat ca. 280.000 Einwohner, ist also etwa so groß wie Augsburg oder Wiesbaden.

Zu seinem Namen kam die Stadt, als im Jahr 1080 auf einer alten Festung am Ende des Hadranswalls eine neue Burg (new castle) gebaut wurde. Sie sollte die Wilden aus dem heutigen Schottland davon abhalten, ins römisch besiedelte England einzufallen. Die stationierten Soldaten förderten Handel und Gewerbe, und so entstand Newcastle.

Im industriellen Zeitalter lebte man hier vom Kohleabbau und mir ist manchmal, als spüre ich die rußverschmierten Bergarbeiter heute noch in den Straßen und Gassen umherziehen.

Skulptur von Sean Henry, 2008, „Man with potential Selves“

Im Zentrum ist es so quirlig und schnelllebig wie in allen größeren Städten, aber den Straßenzügen fehlt die Eleganz von London und die Buntheit von Liverpool. Auch die Menschen zeigen hier weniger Stil und Klasse, sowohl was die Mode betrifft als auch ihr Benehmen. Beides kann man am am besten an einem Freitag- oder Samstagabend in der Innenstadt beobachten, wenn die Partygänger unterwegs sind.

Auf mich wirkt Newcastle immer ein wenig verschlossen. Die Geordies, wie die Menschen rund um Newcastle genannt werden, sprechen außerdem einen Dialekt, den man ungefähr so gut versteht wie einen Schwaben in Norddeutschland: gar nicht.

Dennoch ist die Stadt ein Must bei unseren Englandreisen: Hier hat der geliebte Brite dreißig Jahre seines Lebens verbracht. Seine Kinder leben heute noch hier und so stehen erst einmal Familientreffen an.

Let It BeWords of Wisdom

Grey Street, die „Prachtstraße“ der Stadt. Benannt nach Earl Grey, der hier lebte. Ganz hinten steht sein Monument.

Nochmal Grey Street, in die andere Richtung gesehen.

Skulpturen von  Sean Henry.


In Deutschland wäre das ein verunglückter Imbiss-Name!


London

Eigentlich ist unser Ausflug nach London schon wieder vorbei, aber ich nehm euch einfach nachträglich mit. Schaut mal:
(Draufklick = groß)

Dann war da noch der Besuch beim hochbetagten Onkel und der Tante des geliebten Briten. Ich bin ich wieder einmal von den Aufenthaltsräumen eines Pflegeheims überrascht. Teppiche, Plüsch und dunkles Holzmobiliar, überall rafft und rüscht es sich, im Speisesaal hängen kronleuchterähnliche Lampen und beim Abendessen sieht es aus wie bei einer festlichen Einladung. Dabei handelt es sich um eine ganz durchschnittliche Einrichtung. Bei uns sind solche Räume weiß getüncht, funktional, abwaschbar.

Wir trafen uns außerdem mit dem Neffen und dessen Freundin. Das Mädchen erzählte, dass ihr Vater sich kürzlich weigern wollte, einen Weihnachtsbaum aufzustellen. Die Kinder seien erwachsen, es sei mühsame Arbeit, nicht nötig für die paar Tage. Aber alle protestierten und der Weihnachtsbaum kam zum Einsatz wie jedes Jahr. Interessant ist das Detail, dass die Familie der Freundin Hindus sind, ich glaube die Eltern stammen aus Indien. Mit den Anlässen zum Feiern nicht man es aber nicht so genau. Ob sie auch Weihnachtslieder singen, habe ich vergessen zu fragen.

 

Eine Beisetzung in England

Soviel vorab: Die Trauerfeier meiner Schwiegermutter war die eindrucksvollste Zeremonie, die ich bei Beerdigungen bisher erlebt habe. Aber doch anders als bei uns.

Lily war wie die meisten Menschen in England nicht religiös. Zur Trauerfeier erschien deshalb kein Priester, sondern ein „Celebrant“. Das ist ein Vertreter des Britischen Humanistischen Verbands, der nicht-religiöse Beerdigungen, Hochzeiten, Namensfeiern usw. durchführt. Wir versammelten uns also nicht in einer Friedhofskapelle, sondern im Krematorium.

Der Sarg wurde von vier Trägern in einen mit Blumen geschmückten Raum gebracht, die Trauergesellschaft nahm auf den Stühlen Platz. Der Celebrant hielt die Eröffnungsansprache und es folgte eine Rede des ältesten Sohnes, des geliebten Briten. Er beschrieb seine Mutter als junge Frau, wie sie lebten damals, was er von ihr lernte, kleine Geschichten aus dem damaligen Alltag. Der zweite Sohn schilderte dann ihre weiteren Lebensstationen, und ein Enkel sprach schließlich darüber, was seine Oma ihm bedeutete.

Dann gab es ein paar Gedenkminuten, während denen ein Lied von Frank Sinatra abgespielt wurde: „We’ll be together again“. Das war für mich gewöhnungsbedürftig, ich dachte ich sitz in einer Bar. Danach trug die andere Schwiegertochter ein selbstverfasstes Gedicht vor: „No Tears / This is not a time to grieve, …“ Wer bis dahin nicht geweint hatte, tat es jetzt. Es war berührend.

Am Ende entließ uns der Celebrant mit dem Gedanken, dass die Verstorbene nicht verschwindet, sondern in unseren Herzen weiterlebt. Ein letztes Lied wurde gespielt, mein Liebster hatte es ausgesucht: „Somewhere over the Rainbow“.

Zu Recht werden solche Veranstaltungen nicht als Trauerfeiern bezeichnet, sondern als „A Celebration of the life of …“. Ein Leben wird gefeiert.

Lily wird nun eingeäschert und in ein paar Tagen wird ihre Asche in den angrenzenden Grünanlagen an einer der dafür vorgesehenen Stellen verstreut. Diese sind mit Blumen bepflanzt und von Sitzbänken eingerahmt. Die engsten Familienangehörigen werden dabei sein, aber es gibt keine Zeremonie mehr. Auch einen Gedenkstein oder eine Inschrift gibt es nicht. Es wird aber für den Park in der Nähe ihres letzten Wohnsitzes eine Bank gespendet und mit ihrem Namen versehen. Sie ging dort oft spazieren und mochte diese Idee, sagte mein Schwager.

Ich habe in England schon Friedhöfe mit frischen, blumengeschmückten Gräbern und Gedenksteinen gesehen, also gibt es das auch. Das Einäschern und anonyme Verstreuen ist aber dem Vernehmen nach nichts Ungewöhnliches.

Wir trafen uns dann alle in dem Restaurant, in dem wir vor zwei Jahren Lilys neunzigsten Geburtstag gefeiert hatten. Ich war neben ihr gesessen, wir hatten miteinander gelacht und Spaß gehabt. Als wir heute wieder dort waren, ohne sie, hat sie mir so gefehlt. Die Gesellschaft war nicht komplett.

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Humanistischer_Verband_Deutschlands

Ich bin verliebt!

Und zwar seit gestern Abend. Es geschah beim Spiel England gegen Island: Ich habe mich in das isländische Team verliebt. Dem geliebten Briten habe ich es gebeichtet und er sagt, er verzeiht mir. England ist im Moment einfach auf Abschiedstournee, die wollen überall raus – nach dem Brexit jetzt auch aus der Europameisterschaft. Der Liebste hat also Verständnis für mein Fremdgehen. Hoffentlich lässt er sich vom derzeitigen Spirit in England nicht infizieren und beantragt die Entlassung aus unserer Beziehung. Wenn er ein derartiges Gesuch einreicht, werde ich es jedenfalls undemokratisch zerreißen.

Trotzdem liebe ich nicht nur ihn, sondern auch diese frischen Kerle aus dem Norden. Der eine da mit dem dicken Bart … Ich mag Bärte ja nicht, schon gar nicht so einen, aber wie der manchmal lacht, so ungekünstelt und aus der Tiefe, also, da mach ich eine Ausnahme!

Vielleicht trifft im Endspiel Deutschland auf Island. Ein Traum wäre das. Aber wem drück ich dann die Daumen?

Sensation! Island schaltet England aus
(Quelle: rp.online.de)

Briten wählen „Out“

London - Regent Street

Nun ist es so: In einiger Zeit werde ich nicht mehr mit einem EU-Bürger zusammenleben. Sondern mit einem Briten. Mit einem der sonderbaren Abkömmlinge einer Insel, die eine Insel bleiben will. Obwohl er sich die Abstimmungsunterlagen für das Referendum kommen ließ und sie mit einem dicken Kreuz für „Stay In“ zurückschickte. Hat nichts genützt.

Wird der geliebte Brite nun einen deutschen Pass brauchen, damit er bei mir bleiben und hier leben und arbeiten darf? Das wollte er nie, nundenn. Das Leben ist kein Wunschkonzert. Und welche Art von Polit-Clowns in England nun das Sagen haben werden, macht ihm noch mehr Sorgen als uns.

England verlässt die EU, in anderen Ländern gibt es die AfD und Donald Trump. Wenn ihr mich fragt: All das geschieht durch die Angst der Menschen vor Überfremdung.

Leute, ich bin bestürzt.

Bei einem Pint Bier

Abends fand man uns in diesem Urlaub meist in einem der Pubs. Hier trifft man Menschen, die man sonst niemals trifft. Einmal kommen wir mit einem Mann ins Gespräch, der an der Theke lehnt, während wir auf unser Bier warten. (Es wird hier ja nicht serviert – man holt sich sein Getränk selbst und bezahlt auch gleich). Der Mann ist um die Vierzig, trägt eine dicke Jacke und hat stark verfärbte, lückenhafte Zähne. Wir unterhalten uns ein wenig und erfahren, dass er aus dem Stadtteil Luten stammt. Luten ist eine der heruntergekommensten Gegenden Londons.

Der Mann erzählt, dass er dort keine Arbeit finden konnte, weil es schon lange keine Jobs mehr gibt. Die großen Unternehmen haben dichtgemacht und sind woanders hin. Als er sechzehn war, starb die Mutter, den Vater erwähnt er nicht.  Inzwischen sei er obdachlos, sagt er. Er hat aber keinen schlechten Geruch an sich, das Haar ist geschnitten, das Gesicht frisch rasiert und er wirkt nicht schmutzig. Wenigstens kann er sich irgendwo waschen und wohl auch dort schlafen. In Luten sei er schon Jahre nicht mehr gewesen.

Aber dann spricht er begeistert über die großartige Geschichte Londons. Er kennt historische Ereignisse und Persönlichkeiten, liebt die jahrhundertealten Traditionen und ist stolz auf „seine“ Stadt. Er wolle nirgendwo anders leben, sagt er, und sein ganzes Gesicht leuchtet. Schließlich empfiehlt er uns ein paar Clubs in der Umgebung und wir verabschieden uns mit Handschlag. Dabei bittet er um etwas Kleingeld für den Bus. Ich krame ein Pfund aus der Tasche.

Es ist oft nur eine Fügung des Schicksals, auf welcher Seite des Lebens wir landen.