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Mein Osterkreuzchen

Und was macht ihr so an Ostern? Baut ihr einen Schneemann oder kriecht ihr hinter’n Ofen? Beides angemessene Vorschläge, wenn man aus dem Fenster schaut.

Ich persönlich hab gerade das Sofa beschlagnahmt und feiere meine eigene kleine Wiederauferstehung. Diese Woche scheinen sich alle Kunden und ehemaligen Kunden an mich erinnert zu haben, ein Übersetzungsauftrag nach dem andern traf ein und mit dem Ablehnen begann ich viel zu spät. Man kann so schlecht einschätzen, wie lange man für einzelne Texte benötigt, welche Software dumm tun wird und wie sich die zunehmend verknotenden Hirnwindungen auf die Übersetzungsgeschwindigkeit auswirken.

Verdient hab ich gut, arbeitete aber auch tagelang zwischen zwölf und vierzehn Stunden, und am Karfreitag winselte ich herum wie ein getretenes Tier und durfte nicht angesprochen werden. Jedenfalls erst abends, als die Tochter mich mit auf die Gass nahm. Seither kuriere ich mich mit Joggen, Vollbädern, Entspannungstee, und allmählich kehrt Leben in mich zurück.

Aber was red ich, was sind ein paar mühselige Tage gegen das, was Jesus litt und all die anderen, die nicht mal mehr auferstanden sind nach ihren Leiden? Jeder trägt halt sein eigenes Kreuz. Oder Kreuzchen. Meins ist allerdings Anlass genug, dass das Osterfest mit Bekochen Bespaßen Besonstwas dieses Jahr ausfällt. Ich glaube nicht, dass Jesus etwas dagegen hätte. Bin ja nicht mehr die Jüngste.

Euch allen wünsche ich jedenfalls – mit einem matten Winken von hier aus – ein

fröhliches Osterfest!

Schmöker

Mit Feuer in den Adern erforscht ein Arzt aus Schottland die Krankheiten von Minenarbeitern in Wales. Es gibt Klippen, Irrungen und Mauern, gegen die er rennt – der Mann lässt sich trotzdem nicht verscheuchen von seinem Weg. Mit gestreckter Faust stapft er voran und schaufelt zur Seite, was ihn aufhält. Bisher jedenfalls.  „Die Zitadelle“, von A. J. Cronin.

Ich lese dieses Buch gerade und denke: Ich möchte nichts mehr meistern. Auf meinem Weg achte ich nur noch darauf, nicht angerempelt zu werden. Umso gieriger schwebe ich hinein in diese Geschichte, früher war ich auch mal so. Es gibt für alles eine Zeit.

Kalendergeschichte

Wieder schiebe ich den kleinen roten Plastikrahmen ein Stückchen nach rechts. 26. März zeigt der Kalender jetzt an. Morgen den 27., dann den 28., Tag um Tag, Woche um Woche, Jahr um Jahr füllen sich mit Arbeit, Pflichten, Ansprüchen. Tapfer schiebe ich den Rahmen jeden Morgen nach rechts und manchmal frage ich mich, ob es so gemeint ist, das Leben. Gefangen in den Zwängen des Alltags immerfort darum zu kämpfen, mit dem Gesicht über Wasser zu bleiben.

Natürlich gibt es Momente, die mich verzaubern. Der Schmetterling in der Frühlingssonne etwa. Die Abende in der Stammkneipe. Es gibt Menschen, die ich liebe, mein Leben ist ein Rosenstrauß, der von ihnen gebunden wird.

Trotzdem ist es nicht so, dass ich morgens aus dem Bett springe voller Lust auf den Tag. Vielmehr erschreckt er mich, so vieles ist zu meistern, und alles strengt an. Ist das für uns Menschen vorgesehen? Oder nur für mich?

Feierabend

In den letzten Tagen war er viele Stunden im Büro. Ein gewaltiger Auftrag war gekommen, mit dünnen Lippen krallt sich Herr Bauer ans Telefon und malt währenddessen Striche in ein Notizbuch. Auf und ab, einen am andern, dicke kurze Balken entstehen, er presst die Spitze des Kugelschreibers ins Papier, als wolle er es erstechen. Herr Bauer bespricht, was zu besprechen ist. Er plant, informiert, ordnet an, und immer wieder prüft und er, dass nichts vergessen und nichts übersehen wird. Es geht voran.

Als sich am Abend die Tür hinter ihm schließt, erinnert er sich an seine frühere Arbeitsstelle. So war er immer nach Hause gegangen: Nach neun oder zehn Stunden Anspannung im Innern gestockt. Als habe sein Blut oder seine Kraft aufgehört zu fließen. Dick verklumpte sich sein Lebensgeist, er mochte nicht reden, nichts tun. So geht es ihm wieder in diesen Tagen. Sein Körper streift durch die Wohnung, sein Hirn zittert wie nach einem Faustschlag. Betäubt sucht er Ablenkung für die kurze Zeit bis zum Schlafengehen. Er versucht einen Film zu sehen, um nicht daran denken zu müssen, wie wenig der Abend Entspannung schenkt. Er trinkt Wein, bis er sich nicht mehr darüber ärgert. Erst am Morgen fällt es ihm wieder ein.