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Abendprogramm

Es sind immer Leute da. Das Schlafzimmerfenster geht zur Straße hin und wenn ich abends früh im Bett liege, höre ich draußen Frauen. Sie stehen auf dem Hof der Mietshäuser gegenüber herum und plaudern, vereinzelt dringen Sprachfetzen herein, Kinder spielen auf Gehwegen, junge Männer rufen „Geil!“ oder sowas, es werden Fußballlieder gegrölt.

Auch im Haus drinnen höre ich Menschen. Wenn jemand im Treppenhaus die Stufen hochsteigt, kann ich zumindest vom Schlafzimmer aus beurteilen, ob die Person jung ist oder jedenfalls gesund und fit, oder ob sie schon älter ist oder zuviel Gewicht mitschleppt, oder ob sie einfach müde ist. Manchmmal denke ich mir zu diesen Treppenschritten Geschichten aus. Zum Beispiel die einer jungen Frau, die eben noch einmal in den zweiten Stock springt, weil sie ihre Geldbörse vergessen hat, während unten ihre Freunde warten, gleich werden sie zusammen in die Stadt gehen und feiern. Sonst merke ich die Nachbarn kaum.

Irgendwann schwärmen die Krähen aus. In dunklen Wolken kommen sie jeden Abend aus einem kleinen Wäldchen in der Nähe und kreisen lärmend um die Häuser. Man möchte meinen, Hitchcocks „Vögel“ wären real geworden, doch greifen sie niemanden an und ich stelle mir vor, dass sie sich über die Geschehnisse des Tages unterhalten wie die Menschenfrauen unten auf dem Hof. Sobald es dunkel ist, verschwinden sie wieder.

Ich blättere eine Seite in meinem Buch um und denke: „In dieser Wohnung werde ich kein Fernsehgerät kaufen.“

Von Fall zu Fall

Der Liebste kann allein nicht Fernsehgucken. Das ist ein Problem, weil bei uns die das Zeitalter der Fernsehkrimis angebrochen ist. Seit er nämlich weiß, welche Sender wir empfangen und was detective story auf Deutsch heißt, entdeckt er im TV-Heft jeden Abend eine andere Folge. Manchmal auch zwei.

Ich würd ja lieber lesen, „Melnitz“ von Charles Lewnisky, eine Geschichte zum Hineinsinken: Anderes Leben, andere Zeit, ich kann nicht genug bekommen davon und freue mich jeden Tag auf den Sofa-Abend mit dem Buch.

Aber der Liebste braucht mich beim Fernsehen. Sein Deutsch ist nicht gut genug, um der oft verhedderten Krimi-Handlung folgen zu können, deshalb schauen wir zusammen Tatort, Lewis, die Kommissarin, Inspector Barneby, Luther und diverse schwedische Krimis an. Ich übersetze ihm dann ein paar Pfeiler, an denen er sich entlangtasten kann.

Leider bekomme ich so nicht mehr alles mit. Am Ende kann ich manchmal nicht sagen, woher die wissen, wer der Mörder ist. Dann kratzen wir uns am Kopf, nippen am Gläschen Wein und rätseln, wie es sein könnte. Stellen Vermutungen an, spielen Szenarien durch, konstruieren unseren eigenen Fall. Auch eine Art, den Abend zu verbringen.

Les ich halt später.