Schlagwort-Archive: Freunde

Italienisches Brauchtum

An der berühmten Piazza del Popolo stehen Soldaten mit Maschinenpistolen. Ihr Militärjeep verstellt eine Zugangsstraße, die Männer blicken angespannt auf das Treiben der Menschen auf dem Platz. Wir warten auf Stefano.

Bei unseren Streifzügen durch die Stadt sahen wir auch an anderen stark belebten Orten und vor öffentlichen Gebäuden schwer bewaffnete Soldaten. Mir ist nicht wohl bei dem Anblick, erwartet man einen Terroranschlag?

Da taucht Stefano auf. Er stammt aus Rom und war mit einer deutschen Frau aus unserer Heimatstadt verheiratet, von dort kennen wir ihn. Als sie vor einigen Jahren starb, kehrte er nach Rom zurück, aber der Kontakt riss nie ab.

Wir fallen uns in die Arme und als wir mit dem Begrüßen fertig sind, äußere ich meine Furcht wegen des Militärs.
„Ach was“, lacht Stefano und radebrecht auf Deutsch: „in Italien gibt keine Islamisten. Wir haben Mafia, die passen auf, dass Terror keine Geschäfte stört.“
„Aber wozu stehen dann überall bewaffnete Soldaten herum?“
„Ist immer so in Italien“, lacht Stefano wieder, „keine Angst. Nur Folklore.“

Terroranschläge – Italien weniger gefährdet?

Stefanos Hochzeit

 

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Alltag Reloaded

In der Regel bewegt sich der Mensch Tag für Tag zwischen zwei Orten hin und her: dem Zuhause und der Arbeitsstelle. Ich mache das nicht. Ich bleibe jetzt immer zu Hause, tue aber alles, dass es sich wie Arbeiten anfühlt: Ich stehe früh auf, setze mich an den Schreibtisch, wenn Übersetzungsaufträge kommen, räume ansonsten ein Zimmer nach dem andern aus und wieder ein, damit alles sauber und ordentlich ist. Das muss schon sein, ich bin ja gerade erst eingezogen.

Außerdem habe ich Zeit. Danach sehnen sich alle, ich Glückskind. Gestattet mir aber den Hinweis, dass viel Zeit mit wenig Geld einhergeht, wenn eine derart freie Tagesplanung damit zu tun hat, dass man „dem Arbeitsmarkt zur Verfügung steht“. Gestattet mir den zweiten Hinweis, dass eine Arbeitsstelle nicht nur eine Einnahmequelle ist, sondern auch ein Gerüst, an dem Rosen hochklettern und die Zwischenräume mit Blüten und Blättern füllen: also strikt einzuhaltende Vorgaben zum täglichen Handeln, aber auch der gelungene Arbeitsschritt, das nette Wort, der Spaß in der Kaffeepause. Das Gerüst zu Hause ist dagegen dünn, wackelig, und höchstens ein paar magere Trichterwinden versuchen, daran hochzukommen.

Jetzt brauche ich Freunde. Zum Reden, zum Lachen. Glücklicherweise habe ich sie.
Und euch, mit denen ich das Eine oder Andere teilen kann.
DANKE!

Bregenz_Pfaender

Stefanos Hochzeit

Die Trauung unseres Freundes fand letzten Freitag statt, und die anschließende Feier ohne Braut.

Wir warten abends im Irish Pub auf ihn. In schwarzer Hose und weißem Hemd stößt er zu uns, lächelt erschöpft und setzt sich mit seinem Bruder und dem Trauzeugen zu uns. Drei Italiener. Es kommen weitere Gäste, die Gesellschaft wird immer italienischer, auch Deutsche feiern mit: Freunde von uns und ihm und von überall her.

Stefanos Frau blieb zu Hause. Sie wird früh Schlafen gegangen sein, die Mutter schaut nach dem Kind. Vielleicht klettert es gerade mit roten Bäckchen auf den Schoß der Oma, als wir die Gläser heben. Am Vormittag hatte sich Stefanos Frau vom Krankenhaus abholen lassen, um zu heiraten. Morgen wird sie zurückgebracht. Seit einem Jahr stemmt sie sich gegen den Krebs.

Ich kann es gar nicht umsetzen. Wir wünschen ihm Glück, wir schwatzen und lachen und diskutieren. Stefano blickt entrückt und liebevoll vom einen zum andern wie ein Kätzchen, das sich gern kraulen lässt.

Wenn seine Frau die Schlacht verliert, wird er das Kind mit nach Italien nehmen können. Ohne viel Behördenkram.

Babylon

In einem englischen Pub vor kurzem: „Would you like a dessert?“ Das beruhigte mich. Einige Tage zuvor hatte das Mädchen nämlich dasselbe gefragt nach dem Essen, und meine Antwort war gewesen: „No, thank you“. Danach hatte sie auf das leere Schüsselchen neben mir gezeigt, an das sie nicht heranreichen konnte, und das beunruhigte mich. Hatte ich sie missverstanden? Bat sie mich um das Schüsselchen und ich antwortete mit: „No, thank you“?

Im Irish Pub gestern abend: Es diskutierten ein Engländer, der ein bisschen Deutsch kann, ein Italiener, der ein bisschen Englisch kann, ein weiterer Italiener, der ein bisschen deutsch kann, eine Deutsche, die fließend italienisch kann und englisch, ihr Mann, der ein bisschen englisch kann und fließend italienisch, sowie ich, die fließend englisch kann.

Jemand muss uns was in den Wein getan haben, denn später redete ich englisch mit dem Italiener, der kein Englisch kann und deutsch mit seinem Freund, der kein Deutsch kann. Die Deutsche sprach mich auf Italienisch an und der Engländer gestikulierte, als wären wir alle taub.

„Laß die Sprache dir sein, was der Körper der Liebenden: Er nur ist’s, der die Wesen trennt und der die Wesen vereint.“
(Friedrich von Schiller)