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Wenigversprechende Aussichten

Kürzlich stand morgens das Bürofenster zum Lüften offen und da hörte ich von der Straße her arabische Musik. Es schien kaum vorstellbar, dass morgens um halb acht vor der Hochschule ein orientalischer Bazar seine Buden aufgestellt hat, also schaute ich nach und es war ein Auto, das mit laufendem Motor und geöffneter Tür unten parkte. Ein junger Mann saß halb auf der Kühlerhaube und rauchte eine Zigarette.
 
Noch vor zwei Wochen hätte mich diese Musik an meine Bauchtanzkurse aus längst vergangenen Tagen erinnert und daran, wie bereichernd es ist, wenn verschiedene Kulturen sich begegnen. Oder mir wären die zahlreichen jungen Leute eingefallen, die aus allen Ländern der Welt gekommen sind und hier studieren, die meisten sind wahrscheinlich Muslime und einer von ihnen wartet unten auf einen Kommilitonen. Diesmal jedoch – eine Woche nach den Attentaten in Paris – waren das nicht meine ersten Gedanken. Sondern: Obacht! Was geht da unten vor?
 
Ich kann mich gar nicht freimachen von diesem Misstrauen, nun bin ich auch infiziert. Man liest zuviel von orientierungslosen Menschen, Hasspredigern, Schläfern. Es tut mir so Leid für den Islam und all seine ganz normalen Gläubigen.

Sinnvoll

Wenn man das Abo der regionalen Tageszeitung während einer längeren Abwesenheit nicht ruhen lässt, sondern an eine andere Adresse umleitet, dann bekommt man ein kleines Geschenk. Die Zeitung meiner Mutter wird also an mich geliefert, ich muss nicht mehr jeden Tag ihren Briefkasten leeren, der sonst überquillt, und als Dankeschön kam heute ein Reisenthel mini maxi Shopper. Faltbare Einkaufstasche nannte man das früher. Braun mit weißen Tupfen.

„Schau, das hast du vom Zeitungsverlag bekommen.“

Während die Krankenschwester eine Infusion prüft, hält meine Mutter das Päckchen zwischen den Fingern und dreht es ratlos hin und her. Dann lässt sie es auf die Bettdecke sinken und schiebt es mir zu. Natürlich. Sie braucht es ja gar nicht. So hübsch es auch ist – einen mini maxi Shopper für die Handtasche wird sie nie mehr brauchen. Also stecke ich ihn selbst ein und sinne darüber nach, was ihr in diesem Moment wohl gerade durch den Kopf geht.

Lebensalltag, New Edition

Mit Silvesterraketen und Chinaböllern ist ein neues Jahr heraufgezogen und ich frage mich gerade, was daran neu sein soll. Die vor uns liegenden Zeitetappe mit unbekanntem Inhalt hat natürlich ihre Faszination, und nicht nur die Bleigießer würden gern hinter ihr Geheimnis kommen. Doch für viele wird es nicht mehr als eine Variante zahlreicher Vorgängermodelle sein, Version 2014.

Was soll denn auch kommen, sowieso bei mir, in meinem Alter, was ich in der einen oder anderen Form nicht schon kenne? Ich müsste schon zu drastischen Mitteln greifen, um vom Donnerschlag eines ersten Mals erschlagen zu werden: Mich nackt vor den Spiegel stellen und sagen: „Ich bin schön“ zum Beispiel. Oder zu Edeka gehen und ein Päckchen Kaugummi klauen. Oder dem geliebten Briten Recht geben, obwohl er nicht Recht hat.

Nichts davon liegt mir, und so denke ich zurück an das Leben, als es noch voll war mit nie-Gesehenem, nie-Erlebtem, und wie viel ich gelernt habe damals über Menschen und Lebensentwürfe, Grenzen und mich selbst. Bis es allmählich weniger zu entdecken gab, und ein anderes Leben nahm Platz. Eins, das nun gefüllt ist mit jungen Erwachsenen, die ich einst geboren habe, mit älter gewordenen Freundinnen und Freunden, auf die seit Jahren Verlass ist, mit breit getretenen Wegen und einer Ecke für mich. Ein gerechter Lohn für das anstrengende Abstecken und Einordnen von früher, damit lässt sich gut leben, auch wenn es nicht mehr jeden Tag krabbelt und perlt. Ehrlich gesagt: Ich hätte auch gar nicht mehr die Nerven dazu.

(Was nicht heißt, dass es keine Veränderungen mehr gibt. Ich kenne sie nur schon.)

Sonntagsgejammer

Wenigstens fiel heute kein Schnee. Als ich gestern in der Früh den Rolladen hochzog, lag eine dünne weiße Decke auf der Erde, aber ich lasse mir die Mallorca-Sonne in meiner Seele nicht ausreden. Dabei endete der Urlaub am Donnerstag abrupt mit einem großen Übersetzungsauftrag, bis gestern Abend war ich viele Stunden lang an den Schreibtisch getuckert. Mein Nacken tut weh. Ich träume von der verglasten Hotelsauna in Alcudia, einer halben Stunde Schwimmen danach, vom langen Spaziergang am Strand.

Es wird bei einem kürzeren Gang um die Häuser bleiben heute, warm eingepackt. Das hübsche Strandkleid aus einer der Straßenboutiquen hängt am Schrank und fühlt sich nutzlos. Ich kann mich nicht entschließen es wegzuräumen und rede ihm gut zu, dass es schon noch was werden wird in Deutschland. Keine Wolke dauert ewig.

Feines aus dem Ofen

Ich habe mich in einen Ölofen verliebt. Er steht bei meiner Freundin, der wir gestern beim Umzug halfen, und ich fand ihn frierend im Wohnzimmer, wo er auf mich zu warten schien.

Als ich ein kleines Mädchen war, hatten wir auch so einen Ofen. Ich stellte gerne mein Puppentöpfchen darauf, warf ein paar Wurstscheiben hinein und studierte gebannt, wie sie anfingen zu brutzeln, braun wurden und sich zu kleinen Hütchen aufwarfen, die ich dann an meinen Bruder verfütterte.

Später zog mein Vater weg mit mir, in ein Haus mit Zentralheizung, die nie richtig aufgedreht werden durfte. Meine Tätigkeit als kleine Köchin war beendet, schon weil mein Bruder nicht mehr bei uns wohnte und ich selbst gar keine Wurst mag.

Aber der Ölofen kam noch einmal zurück in mein Leben, als meine Ausbildung begann. Ich wohnte wieder bei bei meiner Mutter und einem Ölofen, und im Winter stellte sie manchmal einen Topf Rotwein darauf mit Zitronenscheiben, Zimtstangen und Nelken. Er blieb tagelang dort stehen, bis wir ihn leergemacht hatten und uns von innen wie außen herrlich warm geworden war.

Wenn wir allerdings Abends nach Hause kamen, ließ meine Mutter erst einmal einen Anzünder nach dem andern in die Brennkammer fallen und es passierte jedes Mal dasselbe wie gestern, als ich zusammen mit einem der jungen Helfer versuchte, den Ofen meiner Freundin anzuzünden: das Feuer ging wieder aus. Es brauchte viele Versuche und manche Gänge zur Ölpumpe im Keller, bis es im Innern endlich anfing zu fauchen und die Flammen nach oben leckten. Aber dann bollerte er los, so auch gestern, und der junge Mann floh aus dem Zimmer.

Ich kannte diesen Lärm und beruhigte ihn: es war zuviel Öl hineingelaufen. Nach einer Weile würde es aufhören, und so war es auch. Irgendwann brannte das Feuer ruhig und gleichmäßig und wir stellten uns immer wieder davor, jubelten und aalten uns in seiner Wärme.

Im Sommer wird der Ölofen meiner Freundin durch eine Zentralheizung ersetzt. Bis dahin muss ich ihn unbedingt noch ein paarmal besuchen.

Manege frei

Die Sonne scheint, es ist Abend geworden, und ich bin nicht abgehauen. Nur eine kleine Runde gemacht mit dem Fahrrad, wie ein Tanzbär im Zirkus. Der lässt sich auch in Handschellen abführen anstatt den Dompteur zu verschlingen und zu fliehen.

Wo soll er auch hin. Er wird an die nächste Mahlzeit denken und wo sie herkommen soll, eine plausible Frage für einen Bären in unserer verbauten Industrielandschaft. Und ich lege auch meine Tänze hin. Tue, was man erwartet und verbiete mir Gedanken darüber, was das eigentlich soll.

Nur manchmal, heute, da radle ich durch blühende Obstwiesen und denke an Leute wie Irgendlink, die wenigstens gelegentlich die Manege verlassen in diesem Affenzirkus. Einfach weil’s schön ist. Soll ich vorbeifahren? Das wär was. Vorbei an meinem Haus, nicht absteigen, weiterfahren, nicht überlegen, nur sehen, was es wohl sonst noch so gibt. Nur – wer zahlt dann meine Rentenbeiträge? Da ist die ganze schöne Romantik doch gleich wieder im Eimer.

Neulich beim Spazierengehn

Anstatt zu rauchen geh ich jetzt gern an die Luft. Ich stiefle ruhige Straßen entlang, atme knisternde Winterluft und blinzle in die kalte, gleißende Sonne. Durch meine Adern wird Blut gepumpt, als würden rostige Leitungen durchgespült mit frischem, heißem Wasser. Dick verpackt in Wollmantel und Strickmütze steuere ich auf den Waldrand zu. Die Finger brennen jetzt in den Flieshandschuhen, der Atem dampft, ich schreite aus und komme ohne weiteres den Hang hinauf. Gut, dass ich diesem sprudelnden Körper nicht mehr den Hahn abdrehen muss. Bei solchen Spaziergängen würde ich nicht mehr rauchen wollen, aber das wollte ich auch früher nicht und tat es doch. Jetzt bin ich glücklich, Nichtraucher zu sein.

(Gute-)Nacht-Geschichte

Während der Fahrt konnte ich nicht sprechen. Ich saß auf dem Beifahrersitz eines Porsche, draußen schossen Lichter vorbei und ich fragte mich, wieso keine Tränen kamen. Es war fast, als wäre nichts geschehen. Dann stiegen wir aus, betraten das Gotteshaus, inmitten von Blumen und Kränzen, schmal, kostbar, weiß eingebettet wie in einem Karton lag er da. Ich berührte die Wange, Haut wie Papier, nun wurde es ernst. Der Abschied kam und ich begann mit dem Weinen, schluchzte, als befände ich mich in einem Theaterstück und müsse auch in den hinteren Plätzen noch vernehmbar sein. Die Kirche war gut gefüllt, sollten die Gottesdienstbesucher mich ruhig hören.

In der zweiten Reihe entdeckte ich einen freien Platz und warf meine Tasche in die Lücke, damit niemand anders kam. Vorne zu sitzen stand mir wohl zu bei dem Schmerz. Ich zwängte mich umständlich an ein paar Leuten vorbei, sank auf die Bank und plärrte weiter. Die Trauerfeier sollte jeden Moment beginnen. Ich zog ein Taschentuch aus dem Ärmel und putzte meine Nase so laut, dass die Frau neben mir erschrak. Ich schaute angelegentlich nach vorne, am Altar tat sich nichts, wir warteten auf den Priester und ich dachte: „Nachher geh ich aber eine rauchen.“

Nein nein. Niemand ist gestorben. Nur heute Nacht in meinen Träumen schuf sich mein Unterbewusstsein einen absurden Grund, um wieder an eine Zigarette zu kommen. Heute bin ich seit vier Wochen Nichtraucherin. Tolle Leistung, finde ich. 😉

Die weiteren Aussichten: Wolkenlos

Auf dem Weg zum Supermarkt stehe ich an einer Ampel, die Straße verläuft mehrspurig. Neben mir hält ein roter Golf. Sein Fenster ist ein Stück heruntergelassen trotz starrem Frost, der Häuser und Bäume dick eingezuckert hat. Ein Mann um die Vierzig sitzt am Steuer des Wagens und zieht an einer Zigarette. Ja und? Denkt er sich wohl oder denkt sich gar nichts, Winterluft ist nun einmal kalt. Und wer die Qualmwolke im Fahrzeug nicht einschließen und sich tränenden Augen holen will, muss offene Fenster ertragen.

Die Ampel springt auf Grün, der Mann neben mir fährt an und ich überlege, ob ich ihn beneide. Überall sehe ich diese Menschen und unterstelle ihnen, dass sie sich um nichts Gedanken machen, sondern einfach an ihren Zigaretten nuckeln und dann denke ich: Wieso können die das und ich nicht? Immer begleiteten mich Selbstvorwürfe. Die Gesundheit, das Geld, und überhaupt. Lustvolles Rauchen funktioniert nur dann, wenn es schmeckt, der Gesundheit nicht schadet und das Geld egal ist, also ab dem zweiten oder dritten Glas Wein. Ansonsten bleibt es ein Traum.

Jedenfalls hab ichs warm in meinem Auto und es stinkt nichts außer die Heizung ein bisschen. In dem Alter darf sie das.

Zweieinhalb Wochen – ich bin frei!

Mußeminuten

Nach einer Woche fing ich sonst meist schon an, von einer Zigarette zu träumen. Nur eine natürlich, und nur gelegentlich, die kleine Pause, ach, jetzt raus dürfen, schau! Vöglein hüpfen vorm Fenster umher, ein verirrter Sonnenstrahl lockt ins Freie, dürre Blättlein am Balkongesträuch winken … Nix. Diesmal nicht. Ich denk gar nicht dran.

Nichtraucher sind gesund, haben es warm, riechen sauber, sie achten auf sich, sie sind frei. Raucher sind selbstzerstörerisch. Diese Mantras hab ich mir alle auf dem Balkon ausgedacht, und hüpfende Vöglein oder gar Sonne hab ich da nicht entdeckt.

Zigarettenpausen bestehen aber nicht nur aus Zigaretten, sondern auch aus Pausen, und zwar aus ganz besonderen. Zum Druck bei der Arbeit zum Beispiel kam nämlich die Anspannung durch den niedrig gewordenen Nikotinspiegel. Ich zündete eine Zigarette an und tattaaa – beides fiel ab: die Belastung der Psyche und die Entzugserscheinung. Phantastisch. Und diese kostbaren Minuten gibt es jetzt nie mehr?

Doch. Ich unterbreche das, was mich gerade beschäftigt, auch weiterhin immer wieder. Sehe zum Fenster hinaus, (als Balkonraucher kriegt man ja einiges mit in der Nachbarschaft und man fragt sich, wie alles weitergeht), zupfe an Zimmerpflanzen herum, tu dies, tu das, setz mich wieder hin und arbeite weiter. Egal was es ist – es muss nur ablenken und man muss es ausgesprochen gerne tun. Sonst ist es ja keine richtige Pause.

Jetzt liegen acht Tage rauchfrei hinter mir und es fehlt nichts. Unglaublich.

Zwischenstand

Fast eine Woche nicht geraucht, und mir fehlt erstaunlich wenig. Hab wohl die richtigen Mantras diesmal, Raucher sind eben nicht cool, sondern selbstzerstörisch. Als wäre ein gesunder Körper belanglos und sie könnten mit ihm tun, was sie wollten. Können sie ja auch, jeder hat das Recht sich zu schaden, wenn ihm danach ist. Aber warum? Halten sich Raucher für nicht bedeutsam genug, um sich pfleglich zu behandeln? Oder strafen sie sich gar für etwas, tief innendrin?

So ein Quatsch! Selbstverständlich nehme ich mich wichtig, hätte ich vor kurzem noch protestiert. Man liest doch in Ratgebern aller Art: Auf die eigenen Bedürfnisse hören, in sich hinein horchen, nachgeben. Nichts leichter als das. Mit seufzendem Lächeln wird nach draußen geschlappt neben den Aschenbecher und einem Bedürfnis nachgegeben – das es ohne Rauchen gar nicht gäbe. Geben wirs zu, die wenigsten Zigaretten schmecken. Nikotin hebt uns nicht  in genussreichere Sphären, wir rauchen ja nicht zum Spaß. Wir winden uns damit nur aus einem engen Loch heraus zurück in den Normalzustand, den ein Nichtraucher nie verlässt.

Der Zeitpunkt zum Aufhören war gut gewählt. Ich blicke aus dem Fenster, wo ein enormer Sturm alles wegfegt und man muss Angst haben, von herumschießenden Gegenständen erschlagen zu werden. Ich wollte nicht draußen stehn heute!

Genug!

Schnell nochmal raus, eine rauchen. Ich schnippe die Asche lässig auf den Balkonboden, was tuts. Ein paar Kracher können es nicht erwarten und es knallt, pfeift, flackert glühend am Nachthimmel auf. Aus einer Wohnung dringt Lachen. Vielleicht haben sie mich entdeckt, denke ich, ein schnatterndes Häufchen im zugigen Eck, brrrr, ist das kalt. Nass. Eklig. Gut, dass ich morgen drin bleiben kann, warm an die Heizung gekuschelt oder jedenfalls ganztags auf dem Sofa. Neun Zigaretten habe ich noch. Das vergangene Jahr eignete sich nicht, um aufzuhören damit. Jetzt ist es zu Ende und die Dinge haben sich verändert. Ich halte nichts von Vorsätzen zum neuen Jahr, aber für diesen einen ist nun die richtige Zeit. Das hab ich am letzten Silvester zwar auch gesagt, aber dieses Mal meine ich es. Ich hab genug. Ab morgen bin ich Nichtraucher.

Einen guten Rutsch euch allen!
Möge euch das gelingen, was ihr euch vorgenommen habt.

Zwischen den Jahren

Alles überstanden, Weihnachten ist über uns weggebraust. Ich habe den Kopf eingezogen und gewartet, bis es wieder ruhig wurde. Nicht dass etwas vorgefallen wäre. Am Feiertag briet ich einen Truthahn, der gut geworden war. Mit einer Mischung aus Zitronensaft und Whiskey einreiben kann ich empfehlen. Nicht alle Kinder waren da, einer meiner Söhne flog nach Kolumbien, um einen Freund und seine Familie zu besuchen. Salsa könne er nicht mehr hören, teilte er in einer E-Mail mit, sonst alles cool.

Wir waren immer noch zehn Leute. Ein Familientag, wie es sich gehört, hätte ich nicht die ganze Zeit neben mir gestanden. Alles glitt ein wenig ab, wie Wasser von einem Ölmantel. Schon die letzten Monate hatten nicht zu hundert Prozent mit mir zu tun, obwohl ich von außen gesehn die Hauptdarstellerin war in diesem meinem Leben.  Das sind die Medikamente. Vieles, was Angst macht, bleibt ausgesperrt. Manches andere auch.

Im neuen Jahr werde ich darauf verzichten. Nein, erstmal aufs Rauchen verzichten. Dann auf die Medikamente. Derweil funkelt der Christbaum hier mit goldenen Kugeln vor sich hin und versucht, den Raum mit dem göttlichen Entwurf von Liebe und Neubeginn zu füllen. Schön sieht er aus.

Ding und Raum – ein Gespräch

mit dem Liebsten

Ich: „Nein.“
Er: „Warum nicht?“
Ich: „Weil es eingequetscht aussieht.“
Er: „Es passt doch!“
Ich: „Nein. Zu wenig Platz zwischen Kommode und Wand.“
Er: „Hm.“
Ich: „Feng Shui sagt, jedes Ding braucht Raum, um zu wirken. Und jeder Mensch.“

Ihn zur Seite schiebend, Deckenleuchter davontragend.

Er: Blicklos vor sich hingrübelnd.

Dann: „Mir gefällt die Lampe dort aber.“
Ich: „Feng Shui sagt, alles atmet. Wir zwingen nichts in eine Ecke, wo es keine Luft kriegt. Das wirkt sonst auf uns.“
Er: „Weiß Feng Shui, dass es so zu dunkel ist hier?“
Ich: „Lieber im Dunkeln tasten als im Hellen röcheln.“
Er: „Das ist nicht Feng Shui. Das ist Feng Scheiße.“

Ignorant.

Mutig, mutig!

Ungläubig blicke ich an die Wand. Ich halte den den Abluftschlauch des Trockners in der Hand und wie ich so zum Fenster schaue, zeichnet sich darunter auf der Mauer das Schattenbild des Schlauchs ab und mit ihm etwas, das aussieht wie eine monströse Spinne. Mein Blick flattert auf den Schlauch, aber da ist nichts. Natürlich nicht. Die Spinne hängt ja auch unten dran. Der Schlauch klatscht auf den Boden, daneben die Spinne. Sie ist längst verstorben.  Deshalb geht sie auch nicht ab, als ich sie mit dem Fuß abschütteln will.

Zum Glück ist die Zeit vorbei, da ich einen Raum, in dem sich wissentlich eine Spinne aufhält – egal ob lebend oder tot – überhaupt nicht betreten hätte. Das Leben hat mich hart gemacht. Als Frau eines Geschäftsreisenden und Mutter mehrerer Kinder blieb mir nichts übrig, als gelegentlich das Treppenhaus oder Esszimmer von solchen Ungeheuern zu befreien, meist durch das Werfen von Gegenständen.

Mit den Jahren fühlte es sich dann nicht mehr an, als ob das Tier seine Größe in der nächsten Sekunde um ein Vielfaches explodieren lassen könnte, um mich mit behaarten Fängen festzukrallen und mir den Kopf abzubeißen. Lächerlich. Ha! Tapfer hacke ich jetzt mit einem Kleiderbügel auf den Schlauch ein, um das Viech abzubekommen. Da bewegt es sich.

Im nächsten Moment hänge ich an der Tür und spähe mit pochendem Herzen zurück. Die Spinne ist tot. Es war nur ein Windzug.

Die Welt ist flach

Mein Hintern wird flach,“ stöhnt meine in die Jahre gekommene Freundin und verrenkt sich unzufrieden vor dem Spiegel. „Ich werd ins Fitness müssen. So guckt mich kein Mann mehr an.“

Männer kennen ähnliche Sorgen. Nicht weil wenig Hintern da ist, sondern wenig Einkommen, gleich wenig wichtig, gleich „So krieg ich keine Frau rum“.

Das heißt aber nicht, dass Frauen mit flachem Hintern und Männer mit flachem Portemoinnee vereinsamen. Im Gegenteil: Sie haben mehr Auswahl bei der Partnerwahl. Die schmale Spitze der Reichen und Schönen bleiben unter sich, aber der flache Hintern erhört den armen Schlucker. Und umgekehrt. Also die Mehrheit, und das ist gut so.

Ich bin ein Hauptkerle

Ich klappe die Zeitung zu, als ich sie fertig gelesen habe und applaudiere mir selbst. „Gut gemacht,“ rede ich mir zu, „ich habe die Nachrichten gelesen.“ Mir wurde nämlich geraten, meine unerreichbare Messlatte herunterzuschrauben und erreichbare Ziele zu setzen. Mühelos erreichbare. Mich zu behandeln wie ein Kind, das ermutigt werden will, gefördert, gehätschelt, dem man etwas mitgeben will, was in psychologischen Ratgebern als „Selbstwert“ herumgeistert.

Nun denn: Ich habe die Zeitung gelesen. Ich habe beim Frühstück nicht ständig auf die Uhr gesehen, ich habe nicht überlegt, was ich gleich alles erledigen will und ich bin nicht aufgesprungen. Es ist ja weniger die Gesellschaft, die mich im Visier hat. Ich bin es selbst. Anerkennung ist ganz einfach, wenn Erwartungen die Größe eines Taubeneis haben.

Ich werfe die Zeitung in den Müll, wasche meine Tasse ab und habe am frühen Morgen schon etwas geleistet. Gut fühlt es sich an. Hoffentlich gewöhn ich mich nicht dran. Ha! Reingefallen. Genau darum geht es doch. Wie isst man einen Elefanten? In kleinen Stücken.

Nahlebenerfahrung

So soll es also bleiben. Was jetzt noch folgt, wird nicht besser sein. Kein pralles Bankkonto zu entdecken in der Ferne, kein Aston Martin, kein Märchenprinz. Was es hier gibt, ist ein bisschen Luxus, eine gute Partnerschaft, gesunde Kinder, toi toi toi. Ich vermisse nichts außer einem sicheren Einkommen, doch der Staat sorgt für mich. Im Moment jedenfalls.

Die Tage rauschen also dahin mit Arbeiten, Erledigungen, Gelesenem und Geschriebenem, der Sonntag hat keine Angst mehr vor dem Montag, Ruhe zieht ein, ich versäume nichts. Manchmal möchte ich die Stunden anhalten, kostbarer als jetzt werden sie nicht.

„Wenn ich erst einmal Zeit habe, werde ich viel lesen“, dachte ich noch vor kurzem. Oder „Wenn ich diese Arbeitsstelle los bin, werde ich glücklich sein“. Jetzt stapeln sich neben der Couch gelesene Bücher, und mein kleines persönliches Glück steht vor der Tür wie ein fremder Gast, mit dem ich noch nichts anzufangen weiß. Ich bitte es herein und hoffe, Vertrauen stößt auch noch zu uns.

Von Fall zu Fall

Der Liebste kann allein nicht Fernsehgucken. Das ist ein Problem, weil bei uns die das Zeitalter der Fernsehkrimis angebrochen ist. Seit er nämlich weiß, welche Sender wir empfangen und was detective story auf Deutsch heißt, entdeckt er im TV-Heft jeden Abend eine andere Folge. Manchmal auch zwei.

Ich würd ja lieber lesen, „Melnitz“ von Charles Lewnisky, eine Geschichte zum Hineinsinken: Anderes Leben, andere Zeit, ich kann nicht genug bekommen davon und freue mich jeden Tag auf den Sofa-Abend mit dem Buch.

Aber der Liebste braucht mich beim Fernsehen. Sein Deutsch ist nicht gut genug, um der oft verhedderten Krimi-Handlung folgen zu können, deshalb schauen wir zusammen Tatort, Lewis, die Kommissarin, Inspector Barneby, Luther und diverse schwedische Krimis an. Ich übersetze ihm dann ein paar Pfeiler, an denen er sich entlangtasten kann.

Leider bekomme ich so nicht mehr alles mit. Am Ende kann ich manchmal nicht sagen, woher die wissen, wer der Mörder ist. Dann kratzen wir uns am Kopf, nippen am Gläschen Wein und rätseln, wie es sein könnte. Stellen Vermutungen an, spielen Szenarien durch, konstruieren unseren eigenen Fall. Auch eine Art, den Abend zu verbringen.

Les ich halt später.

Auszeit

Schön ist nicht mehr das Ausgehen, sondern das Heimkommen. Kalter Regen und Windböen jagen mich ins Haus, ich werfe Mantel und Schirm in die Ecke, Türe zu, Heizung an. Mit gerötetem Gesicht falle ich aufs Sofa, kleine Schlückchen heißen Tees lassen es warm werden in mir drin. Über einem aufgeschlagenen Buch auf den Knieen entstehen Bilder aus einer anderen Zeit, einer anderen Welt, ich träume mich weg und in den Abend hinein, während aus dem Radio die ruhige Stimme eines Sprechers dringt, wie es sie nur bei Klassiksendern gibt. Draußen tobt das Wetter, das Leben, ich blicke diesem Tumult einen Augenblick hinterher. Dann schiebe ich die Gardinen zu, wickle mich in einen Teppich und denke: Das geht mich heute gar nichts an.