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Frohe Weihnachten!

So unterschiedlich Menschen und Kulturen sind, so unterschiedlich sind ihre Götter: Jesus, Jahwe, Allah, Buddha, Sonnen- und Regengötter, aktuell  beten Menschen gar zum Universum, unverbindlich und ohne Regeln, ein Plug&Play-Gott sozusagen. Für jeden ist also etwas dabei, damit wir keine  Angst haben und unser Leben vertrauensvoll in eine andere Hand legen können. Gemeint ist wohl immer dieselbe erhabene, mächtige, göttliche Kraft. Man kann sich ja schwer vorstellen, dass ein Gott am jüngsten Tag zum Beispiel auf die Christen zeigt und ruft: „Bingo! Ihr habt gewonnen, euer Gott ist der einzige, den es tatsächlich gibt!“ und der Rest müsste draußen bleiben, wenn es um die Sitzverteilung im nächsten Leben geht.

Ich glaube nicht an Gott als allmächtigen Vater, und ich rufe keine kosmischen Kräfte herbei. Ich spüre aber das Göttliche, das unsere Existenz ermöglicht und erleuchtet. Es ist in mir drin, und zwar immer dann, wenn ich andere liebe, ermutige, zum Lachen bringe, nicht hängen lasse. Immer dann beginnt etwas zu leuchten. Deshalb steht mir die altmodische Botschaft von Jesus am nächsten, sein Gesetz der Nächstenliebe ist auch meins.

So feiere ich heute Weihnachten, das Fest der Liebe. Ich feiere das Geben und Empfangen, das die Menschen leben lässt und glücklich macht.

weihnachten

 

Euch allen wünsche ich ein frohes Weihnachtsfest,
erholsame Feiertage und
schöne Stunden mit euren Lieben.

 

Subhapaetum!*

Bei einem Hochzeitspaar aus Sri Lanka erwartet man bei der Feier vielleicht nicht gleich eine im Sarong erscheinende Braut, die mit wackelndem Kopf und Glöckchenrasseln zu tanzen beginnt. Aber ein bisschen exotisch stellte ich mir das Fest schon vor, und das wurde es auch – allerdings anders als gedacht.

Vor kurzem durfte also die langjährige Verlobte eines Freundes von uns endlich nach Deutschland einreisen, und sofort wurde die Heirat geplant, bevor das Visum abläuft. Beide sind gläubige Christen, sodass heute kein Brahmane heilige Verse auf Sanskrit aufsagt, sondern die Trauung in einer normalen katholischen Kirche stattfindet.

Zunächst fällt mir auf, wie kräftig alle Hochzeitsgäste – selbst die jungen – bei den Liedern mitsingen. Im Gegensatz zu mir kennt sie offenbar jeder. Ein etwa 25jähriger Mann, der fürs Fotografieren zuständig ist und meist im Hauptgang in meiner Nähe steht, kennt sämtliche Texte und Gebete auswendig. Bei der Wandlung knien alle nieder, und kniend nehmen die meisten auch die heilige Kommunion entgegen. Manche lassen sich gar die Hostie auf die Zunge legen. Ich stoße den geliebten Briten an und wispere: „Ich glaub das ist hier eine Sekte.“

Bei der anschließenden Feier habe ich eine Mission: Was geht hier vor? Ich beginne mit einer Frau am Buffet und komme schnell zur Sache. „Welcher Glaubensrichtung gehören die Menschen hier eigentlich an? Ich kannte die Lieder nicht.“ Sie lacht amüsiert. „Die Lieder stehen alle im Gotteslob, und wir sind eine Gruppe von ganz normalen Katholiken aus verschiedenen Gemeinden. Einmal in der Woche treffen wir uns zum Gebetskreis, daher kennen wir den Bräutigam und nun auch seine schöne Frau.“

Gebetskreis? Mit jungen Leuten?

Das Essen beginnt, der Bräutigam erhebt sich, die Gespräche verstummen. Doch statt einer Ansprache kommt nun ein Tischgebet. Wann habe ich das zum letzten Mal gehört? Ich weiß nicht einmal mehr den Text, aber die Idee berührt mich. Als er fertig ist, erfüllt sich der Raum mit Reden und Lachen und Porzellangeklapper.

Es gelingt mir nicht, diese Frömmigkeit einzuordnen, und nach dem ersten Glas Wein spreche ich den sympathischen jungen Fotografen an. Was bringt ihn in einen Gebetskreis? Er lacht und erzählt von seinem religiösen Elternhaus, dass er jahrelang bei den Pfadfindern gewesen sei und heute begeistere ihn der Katechismus: „Darin stehen so viele Antworten auf meine Fragen.“ Seine Augen leuchten. Er habe jeden Tag das Bedürfnis, sich wenigstens eine halbe Stunde lang ganz auf Gott einzulassen. Der Gebetskreis ist nur eine der Möglichkeiten, das zu tun.

Nach dem zweiten Glas Wein frage ich einen Mann um die Dreißig. In seiner Familie sei nicht mehr und nicht weniger gebetet worden als in den meisten Familien, gibt er bereitwillig Auskunft, und dass er lange im Fußballverein war. Mit der Zeit habe er sich aber eine tiefergehende Gemeinschaft gewünscht und er fing an, sich Gedanken zu machen, auch über Religion. „Durch Zufall oder Gottes Fügung lernte ich Christen kennen, die ihrem Glauben Leben gaben. Da zog es mich hin.“ Inzwischen studiert er Theologie und will Priester werden. Das wöchentliche gemeinsame Beten im kleinen Kreis sei persönlicher als der Gottesdienst und für ihn eine schöne Ergänzung.

Dass unser Freund, der Bräutigam, zu einem Gebetskreis gehört, weiß ich erst seit heute. Er fühle sich in der Liebe Gottes geborgen, schwärmt er mit großen Augen und starkem singhalesichen Akzent. Es sei für ihn selbstverständlich, Gott im Gebet zu begegnen und man habe ihn hier mit offenen Armen aufgenommen. Dadurch sei es noch schöner, wie in einer Familie. Als Ausländer habe er sich nie gefühlt, obwohl er am Anfang kaum Deutsch konnte.

Einige der jungen Leute setzen sich später mit Gitarre und Violine hin und machen Musik, die Gäste unterhalten sich, Kinder spielen auf dem Boden. Die Stimmung ist fröhlich und ungezwungen. Das Brautpaar stellt sich auf und lässt sich geduldig nacheinander mit allen Gästen fotografieren. Etwa vierzig Menschen sind zu ihrem Fest gekommen, aber niemand aus der fernen Heimat des Brautpaares. Die Ausreise war entweder unmöglich oder aus politischen Gründen riskant. Den ganzen Tag über läuft immer wieder eine Videokamera und zeichnet auf.

Fromme Menschen gibt es also auch in Deutschland, und in jedem Alter. Darüber muss ich nachdenken.

 

Wedding (2)
Wedding (1)

 

Subhapaetum, singhalesisch = Glückwunsch

Glaubensbekenntnis

Hufeklackern und Marschmusik hallt durch altes Gemäuer, Männer in schwarzen Mänteln und Zylinderhüten reiten auf Rössern mit prachtvollen Geschirren an uns vorbei. Unzählige Gruppen, unterbrochen von Ministranten und Dorfkapellen, ziehen in einer stolzen Prozession von der Basilika durch die Innenstadt. Blutritt in Weingarten. Natürlich wird niemand vom Pferd geworfen und liegt blutend auf dem Pflaster. Es geht nur um ein paar Tropfen in einem Erdklumpen. Dieser befindet sich im Tresor hinter einem kleinen Fenster aus Bergkristall, eingelassen in ein goldenes Kreuz. Blut, von dem wir glauben, dass es aus einer Wunde Jesu stammt. Seit fast tausend Jahren ist es im Besitz des Weingartener Klosters, und nur einmal im Jahr sehen wir es: am Tag nach Christi Himmelfahrt wird es nach alter Tradition durch die Stadt getragen, die Zuschauer an den Straßenrändern bekreuzigen sich bei seinem Anblick. Zigtausende kommen jedes Jahr.

Ob die Echtheit einer Reliquie von Belang ist oder nicht, gehört übrigens zum Thema eines Buches von Martin Walser („Mein Jenseits“), das ich kürzlich gelesen habe. Ich halte es mit Walser: Von Belang ist der Glaube, und der sucht nach sichtbaren Zeichen und verfestigt sich so. Ich spüre jedenfalls eine Welle durch mich hindurch fließen, als der Priester mit dem heiligen Blut an uns vorbei reitet und mit der Monstranz nach allen Seiten hin Kreuze in die Luft malt. „Zünd an in uns des Lichtes Schein…“

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Basilika Weingarten