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Subhapaetum!*

Bei einem Hochzeitspaar aus Sri Lanka erwartet man bei der Feier vielleicht nicht gleich eine im Sarong erscheinende Braut, die mit wackelndem Kopf und Glöckchenrasseln zu tanzen beginnt. Aber ein bisschen exotisch stellte ich mir das Fest schon vor, und das wurde es auch – allerdings anders als gedacht.

Vor kurzem durfte also die langjährige Verlobte eines Freundes von uns endlich nach Deutschland einreisen, und sofort wurde die Heirat geplant, bevor das Visum abläuft. Beide sind gläubige Christen, sodass heute kein Brahmane heilige Verse auf Sanskrit aufsagt, sondern die Trauung in einer normalen katholischen Kirche stattfindet.

Zunächst fällt mir auf, wie kräftig alle Hochzeitsgäste – selbst die jungen – bei den Liedern mitsingen. Im Gegensatz zu mir kennt sie offenbar jeder. Ein etwa 25jähriger Mann, der fürs Fotografieren zuständig ist und meist im Hauptgang in meiner Nähe steht, kennt sämtliche Texte und Gebete auswendig. Bei der Wandlung knien alle nieder, und kniend nehmen die meisten auch die heilige Kommunion entgegen. Manche lassen sich gar die Hostie auf die Zunge legen. Ich stoße den geliebten Briten an und wispere: „Ich glaub das ist hier eine Sekte.“

Bei der anschließenden Feier habe ich eine Mission: Was geht hier vor? Ich beginne mit einer Frau am Buffet und komme schnell zur Sache. „Welcher Glaubensrichtung gehören die Menschen hier eigentlich an? Ich kannte die Lieder nicht.“ Sie lacht amüsiert. „Die Lieder stehen alle im Gotteslob, und wir sind eine Gruppe von ganz normalen Katholiken aus verschiedenen Gemeinden. Einmal in der Woche treffen wir uns zum Gebetskreis, daher kennen wir den Bräutigam und nun auch seine schöne Frau.“

Gebetskreis? Mit jungen Leuten?

Das Essen beginnt, der Bräutigam erhebt sich, die Gespräche verstummen. Doch statt einer Ansprache kommt nun ein Tischgebet. Wann habe ich das zum letzten Mal gehört? Ich weiß nicht einmal mehr den Text, aber die Idee berührt mich. Als er fertig ist, erfüllt sich der Raum mit Reden und Lachen und Porzellangeklapper.

Es gelingt mir nicht, diese Frömmigkeit einzuordnen, und nach dem ersten Glas Wein spreche ich den sympathischen jungen Fotografen an. Was bringt ihn in einen Gebetskreis? Er lacht und erzählt von seinem religiösen Elternhaus, dass er jahrelang bei den Pfadfindern gewesen sei und heute begeistere ihn der Katechismus: „Darin stehen so viele Antworten auf meine Fragen.“ Seine Augen leuchten. Er habe jeden Tag das Bedürfnis, sich wenigstens eine halbe Stunde lang ganz auf Gott einzulassen. Der Gebetskreis ist nur eine der Möglichkeiten, das zu tun.

Nach dem zweiten Glas Wein frage ich einen Mann um die Dreißig. In seiner Familie sei nicht mehr und nicht weniger gebetet worden als in den meisten Familien, gibt er bereitwillig Auskunft, und dass er lange im Fußballverein war. Mit der Zeit habe er sich aber eine tiefergehende Gemeinschaft gewünscht und er fing an, sich Gedanken zu machen, auch über Religion. „Durch Zufall oder Gottes Fügung lernte ich Christen kennen, die ihrem Glauben Leben gaben. Da zog es mich hin.“ Inzwischen studiert er Theologie und will Priester werden. Das wöchentliche gemeinsame Beten im kleinen Kreis sei persönlicher als der Gottesdienst und für ihn eine schöne Ergänzung.

Dass unser Freund, der Bräutigam, zu einem Gebetskreis gehört, weiß ich erst seit heute. Er fühle sich in der Liebe Gottes geborgen, schwärmt er mit großen Augen und starkem singhalesichen Akzent. Es sei für ihn selbstverständlich, Gott im Gebet zu begegnen und man habe ihn hier mit offenen Armen aufgenommen. Dadurch sei es noch schöner, wie in einer Familie. Als Ausländer habe er sich nie gefühlt, obwohl er am Anfang kaum Deutsch konnte.

Einige der jungen Leute setzen sich später mit Gitarre und Violine hin und machen Musik, die Gäste unterhalten sich, Kinder spielen auf dem Boden. Die Stimmung ist fröhlich und ungezwungen. Das Brautpaar stellt sich auf und lässt sich geduldig nacheinander mit allen Gästen fotografieren. Etwa vierzig Menschen sind zu ihrem Fest gekommen, aber niemand aus der fernen Heimat des Brautpaares. Die Ausreise war entweder unmöglich oder aus politischen Gründen riskant. Den ganzen Tag über läuft immer wieder eine Videokamera und zeichnet auf.

Fromme Menschen gibt es also auch in Deutschland, und in jedem Alter. Darüber muss ich nachdenken.

 

Wedding (2)
Wedding (1)

 

Subhapaetum, singhalesisch = Glückwunsch

Stadtbilder

Da wo ich wohne, gleicht kein Haus dem andern. Die Straßenzüge sind gewachsen und nicht angelegt wie ein Zierteich. Sie sind wie ein uralter See, der sein Bett durch vielmaliges Überfließen und Eintrocknen so oft veränderte, bis es richtig war. Hier gibt es Fachwerk und Villen aus vergangenen Jahrhunderten, deren Eigentümer in die Stadtgeschichte eingingen. Nicht weit davon stehen Reihenhäuser und eine Mietskaserne aus der Nachkriegszeit, billig hochgezogen für die Flüchtlinge aus Schlesien oder dem Sudetenland. Ich gehe fast jeden Tag durch die Straßen und blicke an diesen Häusern hoch, auf ihre Persönlichkeiten, ihre Geschichten. Ich schaue in die Winkel und Nischen, über Mäuerchen und Einfassungen mit zaunhohen violetten Herbstastern. Unvermittelt tauchen Schuppen und überwachsene Einfahrten auf, Holzstapel und eine rote Kinderschaukel. Ich atme den Geruch der feuchten, kalten Erde aus den Gärten. Manche Menschen finden Kraft im Wald, in den Bergen oder am Meer. Ich auch. Und hier, in diesen holprigen, gewunden Straßen.

Manches möchte man in eine Tasche stecken und mitnehmen können.

 

Wandschale

 

Koi Zeit – Ruatefescht!

Inzwischen hab ich natürlich schon wieder Zeit, denn das Rutenfest ist vorbei. Ich rede vom legendären Höhepunkt des Jahres in meiner Heimatstadt, wenn gefühlt die komplette Bevölkerung auf den Beinen ist bzw. mit dem Hintern auf einer Bierbank, für deren Aufstellungsorte es vielerlei Möglichkeiten gibt. Wir können so ein Fest auch nicht in einem Tag abhandeln – es braucht von Freitag bis Dienstag, plus Rutenausgraben und -vergraben davor und danach.

Als ich ein Teenager war, bummelte ich manchmal mit meiner Mutter durch den Rummel, oder wir sahen uns einen der Schießwettbewerbe an oder wackelten den Trommlerzügen hinterher. Es war schon damals so schön. Aber der Sinn des Rutenfests ist es natürlich nicht, mit der Mutter unterwegs zu sein.

Der Sinn des Rutenfests ist es, Leute zu treffen, egal ob man sie kennt oder nicht. Deshalb ließ sie mich einst gern zum Jugendtanz in eine Veranstaltungshalle, während sie im Bärengarten Kollegen und andere Leute traf. Der Bärengarten ist übrigens kein Zoo, sondern ein Biergarten. Während des Rutenfests wird dort soviel Bier pro Quadratmeter konsumiert, dass er es ins Guiness Buch der Rekorde schaffte.

40.000 Menschen schauten sich dieses Jahr den historischen Festzug an, es gibt Kindertheater, Jugendkonzerte und Fanfarenzüge, aber der größte Charme des Spektakels sind die Ravensburger Patrioten. Unendlich viele kommen zum miteinander Feiern, auch wenn sie schon lange nicht mehr hier wohnen. Aus der ganzen Welt reisen Gäste an, und so trifft man immer wieder Menschen, die man Jahre oder Jahrzehnte nicht gesehen hat.

Ich war aber schon glücklich, meine Kinder wieder einmal vollzählig um mich zu haben, die sich aus München/Stuttgart/Freiburg auf den Weg gemacht hatten. Den Samstagabend verbrachten wir mit ihnen und FreundInnen und Tausenden anderen mit dem Weingläsle in der Hand auf dem Marienplatz, und mit den Kindern kamen auch deren Freunde und ehemaligen Klassenkameraden. Da flog mir ein junger Mann in die Arme, den ich zum letzten Mal in der Kommuniongruppe gesehen hatte, die ich damals leitete, und einen nunmehr älteren Mann hatte ich nachgewiesenermaßen 34 Jahre nicht mehr gesehen.

Ach, was hatten wir für einen Spaß, und wie kostbar ist es, liebe Menschen um sich zu haben und zusammenzugehören. Schee wars!

Die schönsten Bilder vom Rutenfest

Historischer Festumzug

Geschichtliches

Willkommen uns, du Tag der Freude

Bin ein bisschen heiser heute. Kein Wunder, wenn man sich bei kühlem Regenwetter tagelang im Freien aufhält und gegen Trommeln, Fanfaren und Schlagermusik von Live-Bands anschreit. Aber was muss, das muss, und der Husten geht auch wieder weg. Wenn eine ganze Stadt sich selbst feiert und man lebt in diesem Flecken, dann ist das fast ein bisschen wie Fußball-Weltmeisterschaft. Na gut, der Umfang der Fangemeinde beschränkt sich auf die Größe dieser Kleinstadt, doch patriotisch ist man hier auch: Du Perle in dem Schussental, sei mir gegrüßt viel tausendmal, viehiel tauuuseeendmaaal! (*hust*)

Dabei kann Heimatverbundenheit einzig eine Folge praktischer Überlegungen sein, z.B. wenn man nach dem Studium im Heimatort eine Arbeitsstelle angeboten bekommt, oder wenn Kinder geboren werden und die Verwandtschaft wichtig wird. Da sitzt man dann also und kann nicht anders, doch die Einbindung in eine vertraute Dorfgemeinschaft oder ins altbekannte Stadtleben hat einem Menschen, glaube ich, noch nie geschadet.

Also feiert man mit: Jahr für Jahr ein Fest für die ganze Stadt. Erinnerungen werden zusammen getragen, die als Grundschüler beginnen mit den verschiedenen Kostümen, die beim historischen Umzug jeweils getragen wurden. Dann folgt das Feiern auf Plätzen und in Biergärten, das Wiedersehen von alten Bekannten, die Trommeln, Pfeifen und Dudelsäcke, Spiele für die Kinder, Schülertheater, Zielschießen auf Wappen, Türme und Adler, das Kopfschütteln wegen der konservativen Gymnasien, wo Mädchen nicht denselben Stellenwert haben in den Traditionen, auch das gehört zum Programm. Wie die heisere Stimme und der gedankenverlorene Blick heute morgen, als ich nach dem Spektakel wieder an den Schreibtisch zurück kehrte.


Rutenfest