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Fragen des Tages

Neulich in der Mittagspause: Ich gehe durch eine Grünanlage zur nahegelegenen Bäckerei. Es ist heiß, ich ziehe meine Bluse etwas vom Körper weg und fächle meinem Bauch Luft zu.

Weiter entfernt sehe ich zwei Teenager, die in der prallen Sonne auf einer Parkbank sitzen. Das Mädchen trägt lange Leggings, darüber eine Tunika bis an die Waden und ein buntes Tuch um den Kopf, das nur ihr Gesicht frei lässt. Der Junge neben ihr in T-Shirt und Shorts streicht sich die verschwitzten schwarzen Haare aus der Stirn.

Mein erster Gedanke ist: Dürfen die das? Ich meine, ein muslimisches Pärchen auf einer Parkbank ohne Begleitpersonal? Es handelt sich also entweder um ein sehr junges Ehepaar oder um Geschwister.

Dann frage ich mich, wie Frauen in islamischen Ländern es aushalten, in heißen Ländern so gekleidet zu sein.

Und drittens: Warum gehen sie nicht in den Schatten?

Es ist eben eine ganz andere Kultur, denke ich mir, sie kennen es nicht anders – bis ich näher an die beiden herankomme. Der Junge hat sich mit den Ellbogen auf die Knie aufgestützt, während sie energisch auf ihn einredet. Sie spricht akzentfrei Deutsch.

Verdattert gehe ich an ihnen vorbei. Wenn die beiden jetzt aufstehen und an den Bratwurststand gegenüber beim Supermarkt gehen und das Mädchen dann anfängt, mit den herumstehenden Jungs herumzualbern, dann fange ich mit meiner Einschätzung von Muslimen nochmal von vorne an. Aber sie bleiben sitzen, und ich wende mich einfacheren Fragen des Lebens zu: Nehme ich einen Joghurt mit frischen Pfirsichstücken oder einfach nur ein Eis?

 

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Mein lieber Schwan

An heißen Julitagen wie diesen muss ich gehn. Raus aus der Wohnung, weg von den Rasenmähern, weg von Heckenschneidern und dem Nachbarn mit dem bellenden Husten. Ich fahre mit dem Rad zu einem kleinen See in der Nähe, setze mich ins Gras und höre den Tieren zu. Es ist schon fast fünf, die Idylle noch makellos. Im Ufergebüsch singt eine Amsel, Enten ziehen über das Wasser und melden ein träges „Quack“, Grashüpfer rasseln, Käfer brummen, jetzt ist die Schwanenfamilie aus dem Weiher gestiegen. Ein paar Meter entfernt von mir rupfen die Elternvögel und ihre Jungen in der Wiese herum und lassen mit himmelwärts gerecktem Schnabel kleine Happen in den Hals rutschen. Das Männchen ist allen bekannt hier. Wenn man hinausschwimmt und der Brut zu nahe kommt, rennt der Schwanenvater flügelschlagend über das Wasser und versucht, den erschrockenen Badegast zu vertreiben.

Ich setze mich aufrecht hin, damit die Tiere mich sehen und nicht näher kommen. Vorsichtshalber strecke ich einen Arm hoch, um größer zu werden ohne aufstehen zu müssen, proforma halte ich mein Handy in den Fingern und knipse ein Bild. Doch es ist eh keiner mehr da, der mich sieht, die wenigen Besucher sind schon gegangen. Die Schwäne wackeln jetzt auf mich zu. Ich nehme den Arm rasch herunter. Aus der Nähe sieht man, dass ein Schwan durchaus die Größe eines Hundes erreicht. Ich nehme mein Buch und klappe es mehrmals laut knallend zusammen um zu sehen, was passiert. Sie sind entweder taub oder mutig, keins der Tiere reagiert, aber im Augenwinkel nehme ich eine Bewegung wahr. Ich stelle fest: Es ist doch noch jemand da. Hinter mir ist ein Mann aufgeschreckt.

Angelegentlich blättere ich in den Seiten herum und benehme mich wieder, die Schwäne zum Glück auch. Sie watscheln allmählich zum Wasser zurück, ein Bein vor das andere setzend, mit den dicken Leibern weit nach rechts oder links schlingernd. Ich lege mich ins Gras zurück und lasse mich vom warmen Sommerwind streicheln. Sie haben mir nichts getan. Ich bin ein Held.

 

Schwanensee

August

Die beste Zeit des Tages beginnt abends, so ab halb neun. Wenn ich den klebrigen Film von meiner Haut abgeduscht habe, wenn ich in einer weiten Bluse auf dem Balkon sitze und die Füße auf das Geländer lege, wenn warmer Wind die zentnerschweren Hitzebrocken abträgt, wenn das Thermometer unter 30°C anzeigt. 

Der Liebste stellt kühlen Wein auf den Tisch und sinkt in seinen Sessel. Er streckt die Beine aus, lässt die Arme hängen, wir warten auf die Nacht. Dann legen wir den Nacken über die Polsterlehne und zählen die Sterne. Sie schicken tausend Gutenachtgeschichten und alle beginnen mit „Es war einmal …“. Was wir sehen, gibt es mitunter schon nicht mehr, so lange sind die Lichtstrahlen gereist. Wer kam nur auf die Idee, ausgerechnet daraus die Geschicke der Gegenwart deuten zu wollen?

Gegen Mitternacht sinkt dieTemperatur auf 25°C, die Luft steht still. Ein paar Nachbarn unterhalten sich noch leise auf ihren Balkonen, Rolläden rasseln herunter, die Grillen werden müde und hören auf zu zirpen, ein Auto rollt in die Tiefgarage. Klack klack, das ist der Metallrost in der Einfahrt. Dann wird es still. Carpe noctem.

Klimabericht

Reglos sitze ich auf meinem Stuhl, Arme und Beine abgespreizt. Die schwere Luft bewegt sich ein wenig, sie soll alle Stellen meines Körpers erreichen. Es ist Sonntagmorgen, 31°C, mit halb geöffneten Augen blicke ich über das Balkongeländer in die Nachbarsgärten. Sie liegen da wie gelähmt. Nur die Vögel lärmen, als ob nichts wäre, und gelegentlich erhebt sich ein lautes Rasseln, das an die Baumgrillen Südeuroas erinnert. Vielleicht sind welche eingewandert. Die geplante Wandertour verschieben wir, man kann heute nichts tun. Von irgendwo ertönt die Sirene eines Krankenwagens.

Wir bleiben im Schatten.