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Funfsig Sänt

Vor ein paar Wochen fragte mich eine Freundin, ob ich denn jede Art von Arbeit annehmen würde, wenn mein jetziger Vertrag ausgelaufen ist. „Nein“, antwortete ich. „Das Leben ist zu kurz für Dinge, die nicht zu mir passen.“

Heute stehe ich bei Penny an der Kasse und beobachte die füllige Frau im roten Kittel. Sie ist um die fünfzig und trägt das stark blondierte Haar mit rosa Kämmchen zurückgesteckt. Energisch zieht sie die Waren über den Scanner, dann ruft sie: „Neun funfsig“. Ihre Augen wandern für einen Moment nach oben, als wäre ein YinYang-Symbol auf die Rigips-Decke gemalt, dessen Anblick eine Sekundenmediation auslöst. Ihr Blick kehrt nach innen, wo sie dem Anschein nach eine geordnete Welt vorfindet, die keiner weiterführenden Gedanken bedarf. Der alte Mann vor mir legt einen Zehn-Euro-Schein hin. Sie erwacht sofort und alles ist wieder wie vorher. „Dankeschään“ singt sie routiniert, klemmt das Geld an die Kasse und schnarrt: „Chaben Sie funfsig Sänt klein?“

In diesem Augenblick beneide ich die Frau. Sie hat Arbeit. Sie ist im Einklang mit sich und dem Leben. Vielleicht darf man nicht zu wählerisch sein.

Konzentriert betrachte ich die nun an mir vorbeiziehenden Bananen, Tempos und Tiefkühlerbsen. Lass dich nicht hängen, ermahne ich mich. Kein Grund zur Panik. Für mich wird sich auch wieder ein Türchen öffnen. Wirst schon sehn.

Hin und Her und Rum und Num

Aufregend ist es schon, jede Woche eine andere Arbeitsstelle anzutreten, fremde Welten zu erobern und alles ist so, wie man es sich wünscht. In Gedanken jedenfalls. Die jeweilige Arbeitsstelle ist ja nur gefühlt und wird immer dann angetreten, wenn der Klick auf den „Senden“-Knopf eine Bewerbung auf den Weg schickt.

Andererseits zeichnet sich ab, dass die Arbeitswelt überhaupt nicht gewartet hat auf mich. Selbst bei Vorstellungsterminen kann ich keinesfalls damit rechnen, die Stelle tatsächlich zu bekommen. Es ist auch nicht so, dass ich sie immer will. Manche schon, andere dann doch nicht, aber das tut zunächst nichts zu Sache. Es entscheiden ja andere, und zwar dagegen bisher. Also pfeife ich meine Gedanken zurück und versuche, sie aus den umworbenen Unternehmen herauszunehmen, Geisterunterdrückungsoftware fällt mir in diesem Zusammenhang ein. Den Begriff hatte ich neulich in einer technischen Übersetzung.

Vielleicht bleib ich doch beim unsicheren Freiberuflerdasein und rätsle weiter über Vokabeln wie Antriebsstrangklackern oder Kaputtgeräusche. Ist ja auch aufregend.

Einstellungssache – II

Schade um das Essen. Die Fleischscheibe, die ich mir in der Küche eines Sternekochs vor ein paar Tagen auf den Teller legte, zerging auf der Zunge, ein fantastisch zarter Gaumenkuss mit Meerrettichsoße, etwas so Feines habe ich lange nicht bekommen. Das Personal zahlt hier einen geringen Monatsbetrag und kann sich dann nehmen, was das Haus zu bieten hat. Jeden Tag essen in einem Spitzenrestaurant, das wär schon was gewesen! Dennoch entschied ich mich dagegen.

Dabei machte der Probetag richtig Spaß. Im dazugehörenden Hotel spazierten Geschäftsleute hin und her, Amerikaner vor allem, spannend. Sympathische Mitarbeiter wuselten herum wie in einem Ameisennest, es wurde gerufen, gelacht, gelärmt, auf vornehme Zimmerlautstärke heruntergedreht, wenn ein Gast in der Nähe war. Die Anmeldung duckt sich ein wenig zerschrammt in eine Nische, wir befinden uns in einem fast tausend Jahre alten Gebäude. Es ist natürlich aufgefrischt worden, aber so hochglanzpoliert und leblos wie viele moderne Häuser kann es nie sein, man findet Spuren eines langen Daseins. Ich mag das. Ein kleines Familienunternehmen hat es hier jedenfalls geschafft, zu einer großen Adresse zu werden, und es sucht jemanden für den Empfang.

An die Schichtarbeit hätte ich mich gewöhnen müssen, und nein, Geld gibts auch nicht viel. Gastronomie eben. Aber wenn man sich am Arbeitsplatz fühlt wie ein Fisch im Wasser, dann verschwimmt mancher Einwand. Trotzdem werde ich hier nicht arbeiten, denn heute traf ich einen Freund, der die Inhaber kennt. Er bestätigte, was ich von anderen Quellen schon weiß: Man wird hier nicht gut behandelt. Überhaupt nicht gut.

Es ist schwer, so etwas ernst zu nehmen, wenn man sich in eine Stelle verliebt hat und Ausflüchte sucht: irgendwas ist überall. Ich weiß doch, was ich kann, und ich werde mich behaupten, bin schließlich ein Profi, der Job ist es wert. In diese Falle tappte ich vor drei Jahren schon einmal. Ich hatte bei einer neuen Stelle dieselben Warnungen erhalten, sagte trotzdem zu und heute weiß ich nicht mehr, was ich kann und ob ich überhaupt etwas kann, und ein Profi bin ich auch nicht mehr. Das ist kein Job wert.

Verflixt. Es ist trotzdem schwer, sich von einer Möglichkeit zu verabschieden, bevor man sie richtig kennt. Aber … nein. Ich werde dort nicht arbeiten.

Einstellungssache

Eine Asiatin betritt den Raum. Die Übersetzerin einer exotischen Sprache, ist mein erster Gedanke, schwer zu finden und teuer. Es ist aber die Reinemachefrau, die jetzt einen Eimer abstellt, und ich befinde mich in keiner Sprachagentur, sondern in einem Industriebetrieb im Vorzimmer des Geschäftsleiters. Seine Assistentin hat mir an ihrem Schreibtisch Platz gemacht. Die junge Frau, die bald Mutter wird, schiebt einen Apfelschnitz in den Mund, zerrt den Papierkorb aus der Ecke und fährt fort, mir eine Verzeichnisstruktur zu erläutern. Vielleicht werde ich ihre Nachfolgerin. Ich bin hier bei einem Probe-Arbeitstag, weil es so schwer ist, vom Übersetzen zu leben.

Die Asiatin kommt näher, ein kurzer Blick huscht zu mir, weil sie mich noch nie gesehen hat. Ich lächle ihr zu und hebe einen Papierstapel hoch, während sie mit einem Tuch auf der Tischplatte herumwedelt. Sie lächelt unsicher zurück, leert dann hastig den Papierkorb und macht sich auf leisen Sohlen davon. Vielleicht hat auch sie sich Manches anders vorgestellt. Das Leben ist kein Ponyhof.