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Platz frei

Gestern habe ich

– zum letzten Mal vor der Hochschule geparkt
– zum letzten Mal in einem Büro darin den Computer hochgefahren
– zum letzten Mal dort eine Tasse Kaffee getrunken
– zum letzten Mal mit den Kollegen gequatscht und herumgealbert
– zum letzten Mal den Computer ausgeschalten
– zum ersten Mal geheult, als ich die Ausgangstür aufdrückte und das Gebäude verließ.

Danach ging ich zum Friedhof. Die Pflanzen auf dem Grab meiner Mutter blühen immer noch üppig und ich zog – nach fast drei Monaten – die Trauerbänder aus den Schalen. Die Sonne ließ die Umrisse der Bäume, die weiter vorne am Weg entlang eine Arkade formen, zu einem Lichtkranz aufleuchten. Darunter blieb es trüb, und aus dieser Düsternis heraus tauchte ein Mann auf. Er trug einen schwarzen Mantel und hielt mit starrer Geste ein Holzkreuz in die Höhe. Mehrere dunkel gekleidete Menschen folgten ihm, der kleine Zug kam mir langsam entgegen. Mich schauderte, ein scharfer Wind blies mir die Haare aus dem Gesicht, die Sonne wärmt nicht mehr. Ich zupfte noch ein paar trockene Blättchen ab und machte mich auf den den Heimweg.

Meertau hat kürzlich in einem Kommentar etwas Mutmachendes geschrieben: „Ich bin nicht mehr die, die ich mal war. Wer ich mal werde, weiß ich noch nicht. Aber der Platz für mich ist schon frei.“

 

Wolken (2)

Abb. © SylviaWaldfrau Weiterlesen

Zeiträume

In meiner Wahrnehmung erscheinen wieder Wegmarken für Ereignisse, die in der Zukunft liegen. Das ist bei mir immer so, wenn Veränderungen bevorstehen. Ein blauer Zehennagel zum Beispiel visualisierte schon aufgrund seiner langen Vorhaltezeit häufiger Eckpunkte wie: „Wenn der herausgewachsen ist, geht es meinem Kind besser“ oder sowas.

Im Moment sind es die verlassenen Hörsäle. In den Semesterferien ist es geisterhaft leer bei uns in der Hochschule. Die wenigen Mitarbeiter verlieren sich in den Fluren und verschwinden in entlegenen Räumen wie ein paar Regentropfen in Asphaltritzen. Aber wenn im Oktober die Studierenden und Dozenten das Gebäude wieder bevölkern – dann sind wir nicht mehr da.

Oder: Wenn ich aus dem Fenster blicke, liegt das fertiggestellte neue Studentenwohnheim in der milchigen Vormittagssonne. Am Gebäude entlang zieht sich ein Erdstreifen mit einem zartgrünen Schleier darauf, wie aufgehaucht. Grashälmchen. Den ganzen Sommer über beobachteten wir die Baustelle und das Vorankommen der Arbeiten, aber wenn der Rasenteppich dichtgewachsen ist – dann sind wir nicht mehr da.

Es gibt keine Verlängerung mehr für unser staatlich gefördertes Zentrum, das kleine Betriebe im digitalen Bereich unterstützt. Eine neue Stelle habe ich noch nicht gefunden. Vielleicht kommt einer unserer Anträge auf andere Fördermittel zum Zug, sodass wir später wieder einsteigen können, aber ich mache mir nichts vor: wahrscheinlich ist es nicht.

Diese Woche wurden wir zu einer zweitägigen Veranstaltung nach Berlin eingeladen, um den Projektabschluss zu feiern. In den pompösen Hallen des BMWi wurden unsere Erfolge gepriesen und der Weg dorthin noch einmal beleuchtet. Meine Gedanken sind aber in der Zukunft. Tatsächlich habe ich seit unserer Wanderung am Nordmeer Northumbrias auch wieder einen blauen Fußnagel. Etwa im Februar oder noch später werde ich das letzte Restchen davon abknipsen und vieles wird anders sein – aber was?

   

Holy Island, Northumberland

Funfsig Sänt

Vor ein paar Wochen fragte mich eine Freundin, ob ich denn jede Art von Arbeit annehmen würde, wenn mein jetziger Vertrag ausgelaufen ist. „Nein“, antwortete ich. „Das Leben ist zu kurz für Dinge, die nicht zu mir passen.“

Heute stehe ich bei Penny an der Kasse und beobachte die füllige Frau im roten Kittel. Sie ist um die fünfzig und trägt das stark blondierte Haar mit rosa Kämmchen zurückgesteckt. Energisch zieht sie die Waren über den Scanner, dann ruft sie: „Neun funfsig“. Ihre Augen wandern für einen Moment nach oben, als wäre ein YinYang-Symbol auf die Rigips-Decke gemalt, dessen Anblick eine Sekundenmediation auslöst. Ihr Blick kehrt nach innen, wo sie dem Anschein nach eine geordnete Welt vorfindet, die keiner weiterführenden Gedanken bedarf. Der alte Mann vor mir legt einen Zehn-Euro-Schein hin. Sie erwacht sofort und alles ist wieder wie vorher. „Dankeschään“ singt sie routiniert, klemmt das Geld an die Kasse und schnarrt: „Chaben Sie funfsig Sänt klein?“

In diesem Augenblick beneide ich die Frau. Sie hat Arbeit. Sie ist im Einklang mit sich und dem Leben. Vielleicht darf man nicht zu wählerisch sein.

Konzentriert betrachte ich die nun an mir vorbeiziehenden Bananen, Tempos und Tiefkühlerbsen. Lass dich nicht hängen, ermahne ich mich. Kein Grund zur Panik. Für mich wird sich auch wieder ein Türchen öffnen. Wirst schon sehn.