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Lebenskonzept

Neulich bei Netto: Die stark blondierte Kassiererin zieht Waren über den Scanner, eine ältere Kundin räumt eins nach dem andern in den Einkaufskorb.
„5 mal Sahne!“ ruft die Kassiererin fröhlich. „Da hamse zugegriffen. Recht so, ist’n günstiges Angebot.“
„Ach wissetse,“ sagt die ältere Frau, „ich kauf immer so viel Sahne. Mein Kätzle schleckt halt nix anderes. Milch lässt se stehen.“
„Na, die wird aber verwöhnt!“ lacht die Kassiererin.
„Naja“, meint die Frau lapidar, „wenns mal aus ist mit mir, kann ich ja nix mitnehmen. Soll des Miezle doch seine Sahne haben, wem schadets schon, gell?“

*

Nach dieser Maxime lebte auch mein Stiefvater. Heute ist er im Alter von 89 Jahren friedlich eingeschlafen. Gott hab ihn selig.

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Störenfriede

Krähen fliegen gelegentlich Angriffe gegen Adler. Sie stürzen sich von oben auf ihr viel größeres Opfer, doch der Adler legt im letzten Moment die Flügel an. Er lässt die Krähen einfach vorbeisausen, breitet seine Schwingen wieder aus und fliegt weiter, als wäre nichts gewesen.

Das hab ich mal irgendwo gelesen und ich weiß nicht, ob Krähen wirklich Adler angreifen. Aber das Bild ist schön, und in dem Artikel ging es auch um geistige Störenfriede wie Enttäuschung, Wut oder Trauer. Du erkennst das Ärgernis, misst ihm aber keine Bedeutung bei und lässt es vorbeiziehen, rät der Guru.

Das fällt mir gerade ein, weil draußen vor dem Balkon eine aufgeregte Krähe herumflattert. Sie hat sich wohl verflogen, oder vermutete sie hier einen leckeren Adler? Es kam jedenfalls nur ein Steinchen, das ich nach ihr geworfen habe. Damit hatte sie nicht gerechnet und es dauert ein paar Augenblicke, bis sie endlich den Rückzug antritt.

Krähen zu verscheuchen ist wesentlich einfacher als diverse andere Quälgeister.

P1010301Bild: © Sylvia Waldfrau

Perspektivenwechsel

Spinne (10)

Graust’s euch?

Mich schon.

Spinne (11)

Dieselbe Spinne, derselbe Ort, derselbe Tag.

Distanz schafft ein größeres Sichtfeld. Ein Schritt rückwärts, und mehr Elemente werden sichtbar. Größenordnungen relativieren sich, der Kontext wird klar, es ist nur eine vollgefressene Kreuzspinne auf dem Balkon. Keine 3 cm groß. Sie kann nicht springen, auch wenn es mir fast unmöglich scheint, das zu glauben. Sie wird keinen Satz machen, niemals in meinem Gesicht landen und mich nicht auffressen. Sie kann es nicht, es ist so. Ich sage es mir immer wieder auf.

Jeden Tag trainiere ich, indem ich sie anschaue, mich sogar mit der Kamera ran traue. Ich will das untere Exemplar sehen, nicht das obere. Es funktioniert, aber nur draußen.

 

Und bei anderen Ungeheuern des Alltags manchmal auch gar nicht.

 

Kochfrosch

Wird ein Frosch in einen Topf mit heißem Wasser geworfen, hüpft er erschreckt wieder heraus. Setzt man ihn jedoch in einen Topf mit kaltem Wasser und erhitzt dieses langsam immer mehr, dann bleibt der Frosch sitzen. Bis er tot ist.

Das Beispiel wird in Managementseminaren u.ä. gerne verwendet, denn Menschen verhalten sich in Krisen wie Frösche, und nicht nur in Unternehmen: Wenn bestimmte Lebensumstände sich nicht allmählich entwickeln würden, sondern von jetzt auf nachher – ob man nicht manchmal erschreckt davon springen würde, während man sich ans Aufgekochtwerden gewöhnt hat?

Für meine Schwester

„Die Liebe ist ein Wunder, das immer wieder möglich, das Böse eine Tatsache, die immer vorhanden ist. Die Gerechtigkeit verdammt das Böse, die Hoffnung will bessern, und die Liebe übersieht. Nur sie ist imstande, die Gnade anzunehmen, wie sie ist. Es gibt nichts Schwereres, die Welt ist schrecklich und sinnlos. Die Hoffnung, ein Sinn sei hinter all dem Unsinn, hinter all diesen Schrecken, vermögen nur jene zu bewahren, die dennoch lieben.“

aus:  „Grieche sucht Griechin“, Friedrich Dürrenmatt