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Kein Netz auf dem Balkon!

Unser WLAN ist ein Stubenhocker. Es funkt fleißig in der Wohnung herum, doch bis auf den Balkon schafft es nur eine winzige Abordnung an Datensignalen. Nicht genug jedenfalls, um am Internet Freude zu haben. Da aber Sommer ist und das Leben mehr im Freien stattfindet, lasse ich das Tablet eben drinnen und nehme lieber Bücher mit nach draußen (die Ladezeiten der Seiten sind unschlagbar, auch auf dem Balkon). Deshalb ist es zurzeit ruhig in meiner Bloghütte.

WLAN
Sonnige Sonntagsgrüße und bis demnächst!

Reduktion

Auf alles muss man warten, und in den meisten Fällen lohnt es sich nicht einmal. Ich rede von meinem Tablet, das ich mal tunen sollte, obwohl Windows 8.1 drauf und das Ding relativ neu ist. Ich kenne mich mit Flottmach-Programmen aber nicht aus, und auf Windows 10 hochzurüsten trau ich mich auch nicht, obwohl es angeblich schneller arbeitet. Ich kenne aber jemanden mit massiven Problemen damit, also müsste ich auf vorher ein System-Backup machen. Wie geht das nochmal? Mensch, ich bin Anwender, ich will sowas nicht können müssen und die Elektronikindustrie hat komplett verpennt, dass vor dem Bildschirm normale Leute hocken und keine Nerds.

Jedenfalls ging mir bei meinem Tablet das Warten auf den Seitenaufbau und auch die oft nur angefressenen Inhalte auf die Nerven, und so bin ich seit einiger Zeit ein häufig gesehener Gast in der örtlichen Bücherei. Ich hole mir Werke wie Fotografie für Dummies, Kunst in Oberschwaben, ein Bildband über Klecksbilder. Die blätter ich dann durch und stelle fest: Man muss nicht warten. Man schlägt eine Seite auf und sie ist sofort da, ohne LAN, WLAN oder Akku, einfach so. Schon das begeistert mich jeden Abend. Aber dann fehlen auch die Links, die Verlockung, rasch etwas Relevantes zu lesen, und dann etwas Relevantes zum Relevanten und dann noch die Nachrichten und die E-Mails und der Wetterbericht, bis ich am Ende vergessen habe, was ich wissen wollte, oder es interessiert mich nicht mehr.

Bei Büchern bleibt man dabei. Nach einer Stunde weiß ich zu einem Thema mehr. Ich verbiete mir auch, fragliche Stellen im Internet zu googlen.  Manches weiß ich dann eben nicht, und das ist ungewohnt. Ich habe aber festgestellt: Es passiert nichts, wenn man etwas nicht weiß. Ich muss kein Staatsexamen ablegen, und es ist grotesk schön, nicht alles wissen zu müssen.

Wir hatten es relativ einfach. Wieso haben wir es mit Computern so kompliziert gemacht?

Andere Seiten

Meine Bücher, die ich so liebte, möchte ich jetzt loswerden. Wenn ich manche der einstigen Lieblingswerke heute lese, gefallen sie mir nicht mehr. Lebenslinien ändern sich, die Art des Wissensdurstes auch, Bücher haben ein Verfallsdatum. Wozu sie also aufbewahren? Wozu die Erinnerungen an Zeiten, die anders waren? Lesestoff werde ich künftig hier ausleihen und zurückbringen, nehme ich mir vor beim Schlendern durch die Bibliothek. Es gibt nichts einzufangen, nichts aufzustellen, was wir anhäufen, bleibt nicht bei uns. Wir nehmen, was wir bekommen, und behalten es eine Weile lang. Das ist alles. Ein bisschen versteh ich meine Mutter, die bei ihrem Wohnungswechsel im letzten Jahr fast alle ihre Bücher zurückgelassen hat.

Auch ich werde Ballast abwerfen. Einen Teil bei ebay verkaufen. Je weniger es im Juli umzuziehen gibt, desto besser. Ich bin ein Vagabund.

Für meine Schwester

„Die Liebe ist ein Wunder, das immer wieder möglich, das Böse eine Tatsache, die immer vorhanden ist. Die Gerechtigkeit verdammt das Böse, die Hoffnung will bessern, und die Liebe übersieht. Nur sie ist imstande, die Gnade anzunehmen, wie sie ist. Es gibt nichts Schwereres, die Welt ist schrecklich und sinnlos. Die Hoffnung, ein Sinn sei hinter all dem Unsinn, hinter all diesen Schrecken, vermögen nur jene zu bewahren, die dennoch lieben.“

aus:  „Grieche sucht Griechin“, Friedrich Dürrenmatt

Gedankengut

In mehreren Bananenschachteln lagern jetzt Bücher bei mir, ich brachte es nicht über mich, sie wegzugeben. Die Bücher gehören meiner Mutter, die in der neuen Wohnung keinen Platz mehr für sie hat. Ich stöberte ein bisschen und fand unter anderem einen Leitfaden über Heilige: wer für welche Anliegen zuständig ist und um Hilfe gebeten werden kann. Erstaunlich. Einst versuchte die christliche Kirche, den Viel-Götter-Kult von Naturreligionen auszurotten, und hier auf meinem Schreibtisch liegt „Fünfzig Helfer in der Not“. Darin fehlen noch Gott selbst, Jesus, Maria und sämtliche Engel. Nicht jede  Religion betet so viele Götter an wie wir Engel und Heilige!

Jedenfalls interessierte mich nur ein einziger Name, und ich fand ihn: Hildegard von Bingen. Bis vor einem Jahr wusste ich nur, dass sie eine Ordensfrau war, im Mittelalter lebte und sich mit Kräutern und Arzneien auskannte. Ich war nicht einmal sicher, ob sie überhaupt heilig ist, aber sonst fiel mir niemand ein und ich brauchte sie dringend. Also lag ich im Geist auf den Knien vor ihr, jeden Tag und jede Nacht, damit sie die Verletzungen meines Sohnes heile. So sehr versenkte ich mich in die Gebete, dass ich Visionen zu spüren glaubte und sah, wie sie seinen Kopf streichelte, damit er nach langen Tagen erwache aus dem Koma. Und es geschah. Da bat ich ihre Hände auf seine Brust, damit er wieder alleine atmen konnte. Auch das geschah. Ich beobachtete viele Male, wie sie seine Arme, Beine, Hüfte berührte. Die Knochen wuchsen zusammen, der Junge lernte wieder zu gehen. Noch heute bete ich zur heiligen Hildegard, sie hält jetzt seinen Kopf zwischen den Händen, um die Vergesslichkeit daraus zu vertreiben. Nun werde ich mal schauen, was Anselm Grün über sie zu sagen weiß.

Es entspannt mich, in den Abendstunden Schachtel für Schachtel durchzusehen und in all den Werken zu blättern. Jedes davon birgt Impulse, Gedanken und Antworten. Sie haben mit meiner Mutter zu tun oder auch mit mir, und ich ordne sie nach „werd ich lesen“, „liest vielleicht meine Tochter“, „ oder jemand anders“, und „kommt in den Keller“. Wer auch immer sie eines Tages weggibt – ich werde es nicht sein.

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„Fünfzig Helfer in der Not“ von Anselm Grün


Die Zurückgelassenen

Bei meiner Mutter stapeln sich Kartons mit Büchern. Sie wird sie nicht mitnehmen in die neue Wohnung. Ich besitze selbst viele Bücher, wie Geliebte, Freunde oder Bekannte erzählen sie davon, was irgendwann einmal Bedeutung hatte für mich und niemals will ich mich von ihnen trennen. Ich glaube, so dachte meine Mutter einst auch. Es zieht mir die Seele zusammen beim Gedanken an all diese Schachteln und dass die Bücher darin nicht mehr zu meiner Mutter gehören dürfen. Romane, Gedichte, Rezepte, Kunst, von Simmel bis Kaffka ist alles da. Für alle habe ich leider nicht den Platz, aber immer wieder fische ich das eine oder andere heraus, um es zu retten.

Eins davon habe ich gerade gelesen, „Zwei alte Frauen“ von Velma Wallis. Es handelt von einem Nomadenstamm in Alaska, lange bevor die Zivilisation kam mit Autos und TV-Geräten. Zu jener Zeit fanden die Menschen in besonders langen Wintern nichts mehr zu essen, sie starben an Entkräftung und Hoffnungslosigkeit. So mussten die Häuptlinge von Zeit zu Zeit eine fürchterliche Entscheidung treffen: Sie trennten sich von den Alten. Zum einen, weil sie nutzlose Esser waren, zum andern vielleicht dargebracht als Opfer an Geister, die in die hungernden Menschen gedrungen waren und sie wild und unberechenbar werden ließen.

Der Stamm zog weiter und war einen Moment lang erleichtert darüber, besser dran zu sein als zwei alten Frauen, die zurückgelassen wurden. Doch statt sich mit indianischem Stolz ihrem Schicksal zu ergeben, weinten die Frauen, verzagten, sie barsten vor Wut auf jene, die ihnen das antaten. Wir erfahren vom eisigen Weg, der vor ihnen liegt, von Angst und der Entschlossenheit, ihn zu gehen. Das Buch ist eine Geschichte von Grenzen und wie man sie hinter sich lässt.

Meine Mutter zeigt auf ein weiteres Fach, in dem Bücher stehn, und noch eins und noch eins.  Früher erwarb sie ein Buch nach dem andern und gelegentlich meinte sie: „Was ich jetzt nicht lese, lese ich später. Wenn ich in Rente bin, ist genug Zeit.“ Und sie hat viel gelesen seither, aber auch vor ihrer Pensionierung, immer schon. Jetzt liest sie nicht mehr. Ihre Gedanken zusammen zu halten bei längeren Texten ist anstrengend geworden für sie. Buch um Buch ziehe ich aus dem Schrank und reiche es meiner Mutter. Ungerührt versenkt sie jedes einzelne in einem Karton. Ich weiß noch nicht was tun mit ihnen, schaurig, sie einfach wegzugeben.