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💋❤️❤️❤️💋

Ein Mann schließt im Internet einen Vertrag ab. Damit nichts übersehen wird, richtet er eine automatische Weiterleitung ein: Seine Frau erhält alle E-Mails des Anbieters, sodass auch sie ein Auge darauf werfen kann.
Am Abend – der Mann war schon zu Bett gegangen – merkt die Frau, dass etwas nicht stimmt. Es werden nicht nur die relevanten, sondern auch alle anderen E-Mails an sie weitergeleitet.
Noch später am Abend – sie will gerade das Laptop ausschalten – erscheint die E-Mail einer Frau im Postfach: Sie freue sich auf das Treffen mit ihm und wünsche eine gute Nacht. Garniert mit zahlreichen Herzchen und Kussmündchen.
Sie geht zu Bett, lindnert ein paar Minuten lang (lieber gar nicht mit ihm weitermachen als falsch weitermachen?) und weckt ihn dann auf.
„Wer ist Herta Unterbusch?“
Er grunzt verschlafen und murmelt „Eine aus dem Volkshochschulkurs.“
Seine Frau berichtet nun kurzatmig von der missglückten Weiterleitung und was für einen Gute-Nacht-Gruß er erhalten habe.
Es scheint ihn nicht zu interessieren. Die Dame habe gerade E-Mails und Smilies entdeckt, sie schicke ständig solches Zeug herum. Nett sei sie, bisschen schräg, 75 Jahre alt. Zu dem Treffen kommen noch vier weitere Personen. „Schlaf jetzt.“
Die Frau kommt nur schwer zur Ruhe in dieser Nacht.

 

Bis zum Abend des nächsten Tages jedoch sind alle Zweifel ausgeräumt. Und das, obwohl die Ehefrau keinerlei Kontakt zur Kussmund-Dame gehabt hatte.

Was denkt ihr, was sie überzeugt hat?

❤️❤️❤️

Te Deum

Am Silvestertag sitzen wir im Petersdom und warten darauf, dass der Vespergottesdienst beginnt. Links von mir nestelt eine niedliche kleine Nonne mit ihrem Handy herum, verschickt WhatsApps, steht auf und filmt, telefoniert, eine Italienerin. Sie sitzt direkt am Mittelgang.

Es ist noch über eine Stunde Zeit, denn man muss früh dran sein, um an einem solchen Ereignis teilzuhaben. Wie groß alles ist. Heute werden hier 60.000 Menschen gemeinsam das Jahr ausklingen lassen, die zu spät gekommenen auf dem Petersplatz nicht mitgezählt. Ich betrachte die gewaltigen Kunstwerke von Bernini und Michelangelo, und tief unter uns liegt irgendwo der Apostel Petrus begraben. Gott scheint hierzusein, ich spüre ihn, und er ist groß. Viel größer, als ich ihn sonst wahrgenommen habe. Also gibt es ihn doch, hoffe ich und kann es gar nicht umsetzen, dass ich wirklich hier bin. Und fast direkt am Mittelgang.

Der Altar mit dem beeindruckenden Bronze-Baldachin von Bernini.
Darüber die Kuppel von Michelangelo.

Irgendwann beginnt der Einzug. Ministranten, Bischöfe, Kardinäle betreten die Basilika, und mitten unter ihnen ER. Der einen kleinen Renault fährt. Der in der Kantine zum Essenholen ansteht. Der in bescheidenen Räumen wohnt. Der Papst. Tausende Arme schnellen nach oben mit Handys, um Bilder zu erhaschen. Als Franziskus etwa zwei Meter neben uns vorbeischreitet, dreht sich die kleine Nonne plötzlich zu mir um, dreht dem Papst also den Rücken zu und hebt rasch ihr Handy hoch. Hat sie gerade ein Selfie gemacht? Ja. Hat sie. „Ich und der Papst“, wird sie stolz zu ihren Mitschwestern sagen.

Ein Chor mit überirdisch schönen Stimmen beginnt mit dem Lob-, Dank- und Bittgesang des Te Deum, im Wechsel singt die Gemeinde. Ich singe alle Lieder mit, auf lateinisch, wir haben ein Büchlein mit den Texten erhalten. Egal ob richtig oder falsch – ich möchte Teil dieser Gemeinschaft sein, auch wenn sie beim Anblick der ständig nach oben gereckten Handy-Hände fast ausschließlich aus Touristen zu bestehen scheint. Aber ich bin ja auch nicht besser. Ich will auch Bilder von diesem fantastischen Ort, und diesem fantastischen Papst.

Franziskus hält nach einiger Zeit eine Predigt auf italienisch. Ich mag seine Stimme so, und ganz bestimmt erzählt er uns von der Liebe, von der großen Liebe Gottes zu den Menschen, und wie wir es im Kleinen nachtun können.

Später wird er auf dem Petersplatz die abgesperrten Wege abschreiten, freudig, lachend, wie wir ihn aus dem Fernsehen kennen. Er wird sich viel Zeit nehmen und den Menschen die Hand reichen, kleine Kinder küssen. Auf großen Bildschirmen werden wir ihn sehen und uns mitfreuen. So geht das, mit der Liebe.

… noch nicht zu spät

Die welt geht verloren
wäre da nicht ein
wundervoller glaube
nicht an den himmel
nein
an den einen
der sich aufrichten
und seine wahrheit
über unsere köpfe
hinweg
rufen wird

Der uns an unsere
menschlichkeit
erinnert
an unsere zuversicht
an die brüderliche
liebe
an die nächstenliebe

Und wenn wir
sein wort hören
werden wir
verstehen
nicht die lüge
und die gier
länger dulden

Wir werden neu geboren
in eine gemeinschaft der
gebenden
ohne heuchelei
uns des alltags
erfreuen
unseren kindern
ein vorbild sein

Die wasser
die wiesen und wälder
segnen
und alle pflanzen und tiere
respektieren
mit den völkern
der erde
eins werden

Es ist noch nicht
zu spät
den traum zu
leben
und die erfüllung
zu suchen
in jeder stunde
deiner zeit
unter der sonne
wie auch
im sanften schlaf
unterm sternenlicht

Der macht
über uns
dankbarkeit
zu zeigen und ohne
trauer
in der vollendung
unseres seins
zufrieden und
nicht in einsamkeit
zu sterben

von berndg42, den ich bei bei Heavens Food gefunden habe.

April

Featured image

Zwei verliebte Apfelblüten
sah‘n ein Kind beim Ziegenhüten
pflück‘ uns, baten sie es fein
woll’n so gern beisammen sein

 
 


Klapphornvers – Das kleine Scherzgedicht

Diese Gedichtform besteht aus vier Zeilen mit je vier oder drei Hebungen im jambischen Takt. Meist geht es um zwei Personen, Tiere, Pflanzen oder auch unbelebte Objekte, an denen etwas Ungewöhnliches spaßhaft beschrieben werden kann.

Mehr darüber

Abb.: (c) Sylvia W.

Tanzen auf Beton

Alles, was man tut, um geliebt zu werden, ist umsonst getan. Umsonst in allen Bedeutungen des Wortes: vergebens getan und ohne dass eine Gegenleistung gewährt würde. Es war ja keine Handlung gefordert worden. Und dass jemand mit Liebe auf etwas reagiert, was er nicht wollte und nicht forderte, ist nicht zwangsläufig, sondern eher unwahrscheinlich. Denn auf die Gefühle der anderen hat man keinen Einfluss. Die muss man hinnehmen. Man kann sie gutheißen oder ablehnen, man kann sich über sie freuen oder sich über sie ärgern; sie ändern zu wollen, ist ein schweres und ganz sicher ein dummes Unterfangen. Denn nur auf sich selbst kann man Einfluss nehmen, nicht auf die anderen. Geliebt wird man nicht für die Dinge, für die man geliebt sein will oder von denen man glaubt, dass sie die Liebe der anderen verdienen, sondern für ganz andere. Und welche das sind, darauf hat man keinen Einfluss.

Buchauszug: „Tanzen auf Beton“ von Iris Hanika

(Mangels eigener Einfälle zitiere ich heute das, worüber sich jemand anders Gedanken gemacht hat.)

Liebe

Leben und lieben

Zwei Glasscheiben gleiten vor mir auseinander. Ich betrete das Pflegeheim und entdecke am Ende eines langen Flurs meine Mutter. Sie sitzt  in ihrem Rollstuhl und starrt gerade aus, als warte sie ab, was als Nächstes geschieht. Hinter ihr – ebenfalls im Rollstuhl – macht sich ihr Mann zu schaffen. Meine Mutter hat nicht genug Kraft, um sich den langen Weg selbst anzuschieben. Stückchen für Stückchen stupst er sie deshalb vorwärts, wie eine kleine Bimmelbahn mit nur zwei Waggons ruckeln sie auf mich zu. 

Die beiden haben keine Eile. Er murmelt etwas, sie antwortet leise, ich gehe auf sie zu und übernehme meine Mutter, betrachte ihren Hinterkopf  wie vor einigen Jahren den meines Sohnes, wenn ich ihn durch den Park der Klinik schob. Ein Mensch im Rollstuhl muss dem, der hinter ihm steht, vertrauen können, er ist völlig schutzlos. Zum normalen Leben gehört dieser Blick auf einen Hinterkopf nicht.

Ihr Mann rollt hinter uns her, wir lachen. Vor dem Ausgang muss ich die alten Leute so rangieren, dass sie sich gegenüber sitzen. Sie beugen sich zueinander, karierter Wollmantel trifft blaue Trainingsjacke, zwei Gesichter schieben sich nach vorne und unter einiger Anstrengung treffen sich ihre Lippen zu einem Abschiedskuss.

Die Scheiben der Eingangstür gleiten wieder auseinander, ich bringe meine Mutter zum Auto zurück und wir winken ihrem Mann, der hinter der Glastür geblieben ist und uns aufmerksam zuschaut. Jetzt hebt er beide Arme hoch und winkt zurück. Eine Schwester erscheint hinter ihm, sie wird ihn ins Zimmer zurück begleiten.

***

Ich wünsche euch allen vertrauenswürdige Menschen hinter euch und ein liebendes Gesicht vor euch. Ich wünsche euch Menschen, denen ihr vertraut und die ihr liebt. Ich wünsche euch ein glückliches neues Jahr.

Die Welt ist flach

Mein Hintern wird flach,“ stöhnt meine in die Jahre gekommene Freundin und verrenkt sich unzufrieden vor dem Spiegel. „Ich werd ins Fitness müssen. So guckt mich kein Mann mehr an.“

Männer kennen ähnliche Sorgen. Nicht weil wenig Hintern da ist, sondern wenig Einkommen, gleich wenig wichtig, gleich „So krieg ich keine Frau rum“.

Das heißt aber nicht, dass Frauen mit flachem Hintern und Männer mit flachem Portemoinnee vereinsamen. Im Gegenteil: Sie haben mehr Auswahl bei der Partnerwahl. Die schmale Spitze der Reichen und Schönen bleiben unter sich, aber der flache Hintern erhört den armen Schlucker. Und umgekehrt. Also die Mehrheit, und das ist gut so.

Release Management

Es gibt viel zu tun, wenn man Kinder hat. Man gibt ihnen das Fläschchen und später Alete, man wischt den kleinen Hintern ab. Hält das schluchzende Bündel im Arm, als es in den Kindergarten geht, pinnt Zeichnungen an die Wand, löst Rechenaufgaben mit ihnen. Man hört zu, wenn sie reden und erst Recht, wenn sie schweigen.

Die Tage und Nächte mit Kindern gehen zu Ende, wenn sie groß geworden sind, und dann kommen die Wochenenden. Fortgeschrittenen Müttern kann es dann passieren, dass sie statt einer Runde auf dem Sofa oder Surfen im Internet eine Thesis lektorieren. Ich zum Beispiel weiß jetzt alles über Release Management. Auf 116 Seiten reihte sich Kapitel an Kapitel, bis in die Nacht hinein korrigierte ich gestern Rechtschreibung und Stil, gliederte Unverständliches in klare Sätze und entwickelte Verständnis für nervöse IT-Abteilungen.

Wie war das eigentlich, bevor ich Mutter wurde? Es gab da auch schon ein Leben, aber dann begann ein anderes. Immer wieder wird mir bewusst, dass Kinder kein Job sind. Sie bleiben einfach, lebenslänglich. In immer neuen Versionen.

Ja, man könnte am Wochenende etwas anderes tun. Aber man denkt nicht weiter darüber nach.

Der Gewinner steht fest!

Zu unserem Hausrat gehört seit kurzem eine Silbermedaille. Diese Trophäe erhielt mein Liebster letzte Woche, als er nach 150 km mit dem Fahrrad in die Zielstation eingefahren war – mit empor gereckten Armen und einem Lächeln im Gesicht. Ich war fassungslos.  Ich ahnte ja nicht, dass er das kann! Freihändig Fahrradfahren, meine ich. Schon als Kind schaute ich neidisch hinterher, wenn jemand auf dem Rad lässig die Arme hängen ließ und dabei womöglich noch in die Pedale trat. Ich hab mich das nie getraut.

Erst als die Vierzig weit überschritten waren  –  zu der Zeit radelte ich abends nach der Arbeit auf Feld- und Waldwegen herum – begannen einmal Selbstversuche. Ich eierte erbärmlich von einer Seite des Wegs zur andern, aber ich gab nicht auf. Ein, zwei Meter schaffte ich, bevor mein Rad wegschlingerte, ich bemühte mich sehr, doch den Trick fand ich nicht heraus. Plötzlich hörte ich etwas hinter mir, eine Klingel. Ich sah mich um, ein Mann folgte mir auf dem Fahrrad und musterte mich. Er meinte: „Seit Minuten versuche ich, an Ihnen vorbeizukommen, könnten Sie vielleicht einen Augenblick stehen bleiben?“

Da glitt er hin, mein Schatz, mit erhobenen Armen, als ob es nichts wäre. Wie cool das aussieht. Ich hätte ihn natürlich auch genommen, wenn er überhaupt nicht Radfahren könnte, aber nun kann er es eben. Und zwar freihändig, was ich nicht einmal wusste …


Bodensee-Marathon

Für meine Schwester

„Die Liebe ist ein Wunder, das immer wieder möglich, das Böse eine Tatsache, die immer vorhanden ist. Die Gerechtigkeit verdammt das Böse, die Hoffnung will bessern, und die Liebe übersieht. Nur sie ist imstande, die Gnade anzunehmen, wie sie ist. Es gibt nichts Schwereres, die Welt ist schrecklich und sinnlos. Die Hoffnung, ein Sinn sei hinter all dem Unsinn, hinter all diesen Schrecken, vermögen nur jene zu bewahren, die dennoch lieben.“

aus:  „Grieche sucht Griechin“, Friedrich Dürrenmatt

Eigenarten des Seins

Kann der Mensch an verschiedenen Orten seines Wirkens ein anderer sein? Herr Bauer wird den Gedanken nicht los. Bei der Arbeit duckt er sich vor den Hieben des Chefs. Zu Hause empfängt ihn Liebe, sie macht ihn stark.  Da er sich die Umgebungen seines Lebens kaum aussuchen kann – wer ist er denn nun? Der geprügelte Stillschweiger? Oder der Sichere, der seinen Lieben am Abend in die Augen schaut und Freude darin findet? Vielleicht ist er gar noch ein anderer. Der Anheizer zum Beispiel, der mit Macht überzeugen kann von sich und seinen Ideen, der energiegeladen von einer Aufgabe zur nächsten eilt, wenn er nur die passende Kulisse findet, die das möglich macht. Herr Bauer überlegt: Wer bin ich eigentlich?

Die zwei Seelen des Herrn Bauer

Wie der Michelinmann auf dem Dach einer Tankstelle bläht sich der Direktor vor einem Schaubild. Er trägt Details vor über die neuen Bohrmaschinen, wortreich und mit ausladenden Gesten betet er die Besonderheiten einer neuen Produktreihe herunter. Auf Zahlen und Zeichnungen deutend beendet er seine Ausführungen und mustert die Teilnehmer der Schulung. Krumm hockt Herr Bauer da und macht sich klein.

„Sitz grade“, schreit in der Tiefe seines Bewusstseins der Vater. Herr Bauer spürt die Faust, die ihm in den Rücken boxt,  seine Kinderhände klammern sich an der Tischplatte fest. Mit zusammengepressten Lippen starrt er auf den Teller vor ihm und hofft,  er werde davonkommen mit dem einen Schlag.

„Herr Bauer, haben Sie auch mal etwas zu sagen?“ Er schreckt aus seinen Erinnerungen, entdeckt an der Tafel die neue Überschrift: Verkaufsargumente. Gehorsam quält eine Anmerkung sich räuspernd vor die Runde. Man ist nicht zufrieden mit ihm. Nicht energisch genug sei er, nicht präsent genug. Vielleicht einfach nicht laut genug.

Noch eine Stunde bis Feierabend. Der Gedanke belebt ihn, denn auf dem Nachhauseweg wächst Herr Bauer. Groß geworden, mit hungrigem Herzen öffnet er Abend für Abend die Wohnungstür, Iris ist meistens schon da. Sie duftet wie ein Blumenstrauß und er liebt es, an ihr zu schnuppern. Wenn er sich zum Begrüßungskuss niederbeugt, streicht sie mit leichter Hand über seinen Rücken. Voll Wärme und Leben bereiten sie dann ihr Abendbrot.

Herr Bauer richtet sich auf. Er ist Teilnehmer einer Schulung und wie alle andern darf er sich äußern. Immerzu darf er sich äußern, erkennt er, und mit fester Stimme stellt er zu den Bohrmaschinen eine Frage. Er will wissen, was nun passiert. Das Ergebnis: Herr Bauer erhält eine Antwort. Eine normale, hilfreiche Antwort.