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Klimawechsel

7. Tag: Gilsland – Irthington

Je weiter wir nach Westen vorankommen, desto milder wird das Klima. Die Sonne scheint, wir wandern inmitten von Feldern und Wiesen, einer Landschaft wie hingemalt.

Es geht ein hügelauf und hügelab durch Weiden, Haine und Wäldchen. Ein großer Frieden liegt über allem.

Den Hadrianswall sehen wir heute nur noch kurz, dann verschwindet die Mauer. Die Steine sind abgetragen, andere Gebäude daraus entstanden. Zum Teil wurde der Wall hier aus Torf gebaut, weil nicht genug Steine zu finden waren. Aber immer wieder kommen wir an den Resten kleiner Festungen und Wachtürme vorbei.

Im Westen ist es nicht nur wärmer, sondern auch feuchter. Es regnet hier weit mehr als im Nordosten, wo wir herkommen. In letzter Zeit hat der Himmel seine Schleusen offenbar weit offen gehabt, denn die Wege bestehen an manchen Stellen knöcheltief aus Matsch. Aber da hilft nix: Wir müssen irgendwie durch.

Mittagspause.

Krähen schwärmen über die Felder.

Zu Beginn einer solchen Wanderung lässt man immer mehr vom Alltag los, überwältigt von der Natur. Aber heute ist der 7. Tag unserer Reise, und ich werde auch die sattgrünen Wiesen und das weite Land wieder loslassen müssen. Vielleicht bin ich geschwächt durch den leichten Schmerz im rechten Fuß (ich bin gestolpert und habe mich übertreten), oder es ist das Wissen um die Endlichkeit allen Seins: Heute bin ich etwas wortkarg und hänge meinen Gedanken nach.Ach was. Ich atme ein und atme aus. Es riecht nach frisch geschnittenem Gras, Heu und Wildblumen. Es riecht nach Leben. Wir beginnen zu überlegen, wohin die nächste Wanderreise gehen soll.

Wanderung am Hadrianswall:

Tagesstrecke: 19,7 km in ca. 7 Std.
Bisher gelaufene Strecke: 115,6 km

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Besuch bei der alten Dame

Neulich in Liverpool bei der Mom des geliebten Briten: Wir wissen nicht mehr, was wir mit ihr reden sollen, sie kann keine einzige Frage beantworten. Nicht einmal, was es vor einer halben Stunde zum Lunch gegeben hat. Immer wieder schaut sie sich um und fragt, was sie hier wollte. „Am I right here?“

Der Brite bemüht sich weiter um seine Mutter, ich steige irgendwann aus. Mein Blick wandert durch die Visitor Lounge. Ein paar leere Sessel stehen herum, es sind keine weiteren Besucher anwesend. Vom Fenster her dringt kühle Luft herein, draußen fährt eine Ambulanz vor. Neben der Tür befindet sich eine verglaste Wand, durch die man in den angrenzenden Raum bicken kann. Dort sitzen sechs oder sieben BewohnerInnen dieser Pflegeeinrichtung an einem Tisch und essen. Eine von ihnen – die einzige Afro-Britin – weckt Erinnerungen in mir. Noch vor einem Jahr saß meine Mutter genauso da: schweigend, den Kopf leicht zur Seite geneigt. Als denke sie über etwas nach.

Die Tochter hilft der Frau beim Essen. Dann steht sie auf und macht ihr die Haare: löst Zöpfchen, kämmt das grauschwarze Gekrissel, nimmt sich mit kleinen Seitwärtsschritten den ganzen Kopf vor und flicht die Zöpfe neu. Als alles fertig ist, sieht die Mutter aus wie eine altehrwürdige Fürstin aus der Antike. Sie spricht während der ganzen Zeit kein Wort. Ein wenig schief sitzt sie im Rollstuhl und lässt sich nun von der Tochter aus dem Raum hinausschieben, blicklos, als sei ihr Geist schon ein Stück vorausgegangen.

Heute jährt sich der Todestag meiner Mutter zum ersten Mal.

Liverpool

 

Mut zur Zukunft

Altwerden ist nichts für Empfindliche. Das gilt für Betroffene und Begleiter. Es ist herb, wenn immer mehr aufhört und man weiß: es fängt nie wieder an. Man könnte sich über die Betrachtungsweise Gedanken machen. Wenn ich morgens zum Beispiel Cornflakes frühstücken will und feststelle, die Packung ist leer – sage ich dann: „Nun werde ich nicht frühstücken?“ oder schaue ich nach, was sonst noch da ist und bestreiche dann eine Scheibe Brot mit feinem Bienenhonig, den ich im Schrank gefunden habe? Das Leben wirft uns die Zutaten hin, und wenn es nicht die sind, die wir uns wünschen, dann können wir uns ärgern oder es lassen. Die Zutaten bleiben trotzdem dieselben. Meistens haben wir alles, was wir brauchen.

Aber es ist schon ein großer Schritt, das zu erkennen und zu leben, wenn es ans Eingemachte geht. Erstaunlicherweise gehen Menschen in ihrer letzten Lebensphase manchmal gelassener damit um als ihre Zuschauer. Die haben freilich auch mehr Arbeit damit. Trotzdem möchte man nicht tauschen und fragt sich, wofür es sich noch zu leben lohnt mit all den Einschränkungen und schwindender Selbstbestimmung. Warum man auch dann – trotz allem – leben will.

Vielleicht beginnt da im Verborgenen noch etwas ganz anderes.

Maßstäbe

„Der Bräutigam meiner Tochter war ältester Sohn und Enkel, ein hochgewachsener, kräftiger blonder Bursche mit polynesischem Temperament, der seine Zeit mit angenehmen Vergnügungen auf seiner Jacht, im Strandhaus, mit seiner Autosammlung und unschuldigen Festen vergeudete. Mein einziger Einwand war, dass dieser potentielle Schwiegersohn weder eine Arbeit hatte noch studierte, sein Vater ließ ihm eine großzügige Rente zkukommen und hatte ihm ein völlig eingerichtetes Haus versprochen, wenn er Paula heiratete. Eines Tages kam er zu mir, bleich und zitternd, aber mit fester Stimme, um mir zu sagen, wir sollten doch mit den Anspielungen aufhören und Klartext reden, er habe meine verfänglichen Fragen satt. Er erklärte mir, in seinen Augen sei die Arbeit nicht eine Tugend, sondern eine Notwenidgkeit, wenn man essen könnte, ohne zu arbeiten, würde nur ein Dummkopf schuften. Er verstand nicht unseren zwanghaften Drang zu Opfer und Mühen, er glaubte, selbst wenn wir „ungeheuer reich“ wären, wie Onkel Ramón immer sagte, würden wir immer noch in aller Frühe aufstehen und zwölf Stunden täglich ackern, weil das in unseren Augen das einzige Maß für Rechtschaffenheit sei.“

Die Rede ist von einem jungen Mann aus Venezuela, diese Stelle aus dem Buch „Paula“ von Isabel Allende fiel mir in den letzten Wochen immer wieder ein. Abends vor allem, so ab sieben oder acht Uhr, wenn ich immer noch vor dem Bildschirm saß und deutsche mit englischen Sätzen verglich. Freischaffende haben eben andere Arbeitszeiten, tröstete ich mich, und die langen Stunden am Schreibtisch machen mich weit weniger nervös als Tage, an denen nichts zu tun ist. Ich würd gern mal eine Zeitlang Südamerikanerin sein und mich an ruhigen Tagen einfach aufs Sofa legen und einen Mittagsschlaf halten. Als Deutsche könnt ich das nie.

Gedankengut

In mehreren Bananenschachteln lagern jetzt Bücher bei mir, ich brachte es nicht über mich, sie wegzugeben. Die Bücher gehören meiner Mutter, die in der neuen Wohnung keinen Platz mehr für sie hat. Ich stöberte ein bisschen und fand unter anderem einen Leitfaden über Heilige: wer für welche Anliegen zuständig ist und um Hilfe gebeten werden kann. Erstaunlich. Einst versuchte die christliche Kirche, den Viel-Götter-Kult von Naturreligionen auszurotten, und hier auf meinem Schreibtisch liegt „Fünfzig Helfer in der Not“. Darin fehlen noch Gott selbst, Jesus, Maria und sämtliche Engel. Nicht jede  Religion betet so viele Götter an wie wir Engel und Heilige!

Jedenfalls interessierte mich nur ein einziger Name, und ich fand ihn: Hildegard von Bingen. Bis vor einem Jahr wusste ich nur, dass sie eine Ordensfrau war, im Mittelalter lebte und sich mit Kräutern und Arzneien auskannte. Ich war nicht einmal sicher, ob sie überhaupt heilig ist, aber sonst fiel mir niemand ein und ich brauchte sie dringend. Also lag ich im Geist auf den Knien vor ihr, jeden Tag und jede Nacht, damit sie die Verletzungen meines Sohnes heile. So sehr versenkte ich mich in die Gebete, dass ich Visionen zu spüren glaubte und sah, wie sie seinen Kopf streichelte, damit er nach langen Tagen erwache aus dem Koma. Und es geschah. Da bat ich ihre Hände auf seine Brust, damit er wieder alleine atmen konnte. Auch das geschah. Ich beobachtete viele Male, wie sie seine Arme, Beine, Hüfte berührte. Die Knochen wuchsen zusammen, der Junge lernte wieder zu gehen. Noch heute bete ich zur heiligen Hildegard, sie hält jetzt seinen Kopf zwischen den Händen, um die Vergesslichkeit daraus zu vertreiben. Nun werde ich mal schauen, was Anselm Grün über sie zu sagen weiß.

Es entspannt mich, in den Abendstunden Schachtel für Schachtel durchzusehen und in all den Werken zu blättern. Jedes davon birgt Impulse, Gedanken und Antworten. Sie haben mit meiner Mutter zu tun oder auch mit mir, und ich ordne sie nach „werd ich lesen“, „liest vielleicht meine Tochter“, „ oder jemand anders“, und „kommt in den Keller“. Wer auch immer sie eines Tages weggibt – ich werde es nicht sein.

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„Fünfzig Helfer in der Not“ von Anselm Grün


Die Zurückgelassenen

Bei meiner Mutter stapeln sich Kartons mit Büchern. Sie wird sie nicht mitnehmen in die neue Wohnung. Ich besitze selbst viele Bücher, wie Geliebte, Freunde oder Bekannte erzählen sie davon, was irgendwann einmal Bedeutung hatte für mich und niemals will ich mich von ihnen trennen. Ich glaube, so dachte meine Mutter einst auch. Es zieht mir die Seele zusammen beim Gedanken an all diese Schachteln und dass die Bücher darin nicht mehr zu meiner Mutter gehören dürfen. Romane, Gedichte, Rezepte, Kunst, von Simmel bis Kaffka ist alles da. Für alle habe ich leider nicht den Platz, aber immer wieder fische ich das eine oder andere heraus, um es zu retten.

Eins davon habe ich gerade gelesen, „Zwei alte Frauen“ von Velma Wallis. Es handelt von einem Nomadenstamm in Alaska, lange bevor die Zivilisation kam mit Autos und TV-Geräten. Zu jener Zeit fanden die Menschen in besonders langen Wintern nichts mehr zu essen, sie starben an Entkräftung und Hoffnungslosigkeit. So mussten die Häuptlinge von Zeit zu Zeit eine fürchterliche Entscheidung treffen: Sie trennten sich von den Alten. Zum einen, weil sie nutzlose Esser waren, zum andern vielleicht dargebracht als Opfer an Geister, die in die hungernden Menschen gedrungen waren und sie wild und unberechenbar werden ließen.

Der Stamm zog weiter und war einen Moment lang erleichtert darüber, besser dran zu sein als zwei alten Frauen, die zurückgelassen wurden. Doch statt sich mit indianischem Stolz ihrem Schicksal zu ergeben, weinten die Frauen, verzagten, sie barsten vor Wut auf jene, die ihnen das antaten. Wir erfahren vom eisigen Weg, der vor ihnen liegt, von Angst und der Entschlossenheit, ihn zu gehen. Das Buch ist eine Geschichte von Grenzen und wie man sie hinter sich lässt.

Meine Mutter zeigt auf ein weiteres Fach, in dem Bücher stehn, und noch eins und noch eins.  Früher erwarb sie ein Buch nach dem andern und gelegentlich meinte sie: „Was ich jetzt nicht lese, lese ich später. Wenn ich in Rente bin, ist genug Zeit.“ Und sie hat viel gelesen seither, aber auch vor ihrer Pensionierung, immer schon. Jetzt liest sie nicht mehr. Ihre Gedanken zusammen zu halten bei längeren Texten ist anstrengend geworden für sie. Buch um Buch ziehe ich aus dem Schrank und reiche es meiner Mutter. Ungerührt versenkt sie jedes einzelne in einem Karton. Ich weiß noch nicht was tun mit ihnen, schaurig, sie einfach wegzugeben.

Täuschungen

Sein kleiner Körper presst sich mit dem Rücken an die Wand, der mächtige Vater erhebt seinen Arm. Seit langer, langer Zeit hat er geschimpft und geflucht, er wollte nicht aufhören damit. Ganz klein macht sich der Bub. Er fürchtet die Schläge, doch es geschieht etwas anderes.

Verschreckt schlägt er die Augen nieder, sein Blick wandert nach unten und was er entdeckt, macht ihn schwindelig. Plötzlich trägt er nämlich kein kariertes Hemd mehr und kurze Hosen, sondern einen dunkelgrauen Anzug mit weinroter Krawatte. Er zupft an ihr, als habe er noch nie eine gesehn, jedenfalls nicht an sich, da entdeckt er Haare auf seinem Handrücken. Er sucht nach einer Erklärung, auch für den Ehering, der auf einmal an seinem Finger steckt. Als ob dicker Nebel sich langsam verzieht, erkennt er nun Schemen und ihm dämmert, was schließlich klar wird: Er ist gar kein Junge mehr. Vor ein paar Wochen wurde er fünfundvierzig Jahre alt, einszweiundachtzig ist er groß und fünfundneunzig Kilo schwer. Jetzt guckt er hoch.  Sein Vater steht immer noch da, klein geworden und stumm.

Der Junge, der kein Junge mehr ist, schaut sich um. Wo blieb das Ungeheuer, das ihn Zeit seines Lebens verfolgte und ängstigte? Er sieht keins. Er sieht einen zerfurchten kleinen Mann, dem er nichts zu sagen hat, und er geht. Unsicher schaut der Vater ihm hinterher.

Weihnachten fast wie immer

Gestern Nachmittag: „Thank you Lord“ tönt es aus dem Radio, im Weihnachtsprogramm werden Gospels gespielt. Ich suche eine Klassik-CD für die Bescherung, Päckchen schimmern unter dem Christbaum. Das größte Geschenk in diesem Jahr und eines der größten in meinem Leben lässt sich freilich nicht darunter legen.

Ich will nicht weinen, nicht traurig sein, merke aber, wie Tränen hochsteigen. „Thank you Lord, hallelujah,“ wird von einer schwarzen Sängerin vorgetragen, „you’ve been so good to me“. Ja. Gott ist gut zu mir. Auch dieses Jahr lässt er mich mit allen meinen Kindern den Heiligen Abend feiern. Beschützt von tausend Engeln wurde eins davon schwer verletzt aus einem Fahrzeug geschnitten und gerettet. Ein halbes Jahr später kehrt er aus der Klinik zurück, es liegt noch ein Stück Weg vor ihm und vor der ganzen Familie. Aber er lebt. Er kann wieder gehen, sein Gehirn erholt sich, wir haben ihn noch.

Dann tauchen Bilder auf und fressen sich fest. Mein Junge, verwundet, mit Kabeln und Schläuchen an piepsende Geräte angeschlossen, routinierte Pfleger und Ärzte, der Geruch nach Desinfektionsmitteln. Die Besuche in der Intensivstation einer 100 km entfernten Klinik, täglich, wochenlang. Wie ich funktionierte trotz allem, erst Monate später ließ die Kraft nach. Ich denke an die anderen Kinder und wie verstört sie waren, wie meine Tochter litt. Nichts konnte man tun, das war das Schwerste. Planen, steuern, Lösungen finden – alles blieb den Ärzten überlassen. Wir beteten und warteten: dass er zu sich kommt, dass er wieder alleine atmet, dass er uns erkennt, dass er aus seiner Welt der grauen Haie und armen Kanalratten zurückfindet zu uns. Dass er im Rollstuhl sitzen darf, dass er gehen lernt, dass er gesund wird. Wie gesund? Im Moment hoffen wir, dass sein Gedächtnis wieder besser funktioniert und dass der einst quirlige und mitteilsame junge Mann sich weniger in sich selbst zurückzieht. Später vielleicht, dass seine Knochen und Gelenke belastbarer werden. Dass er wieder arbeiten kann. Welche Arbeit? Kein Mensch weiß es.

Geräusche dringen vom Flur ins Wohnzimmer, junge Stimmen und das Rascheln von Taschen und Paketen. Die Kinder sind da. Wie immer atme ich auf, da sie heil angekommen sind. Die Panik abzustellen, wenn sie mit dem Auto unterwegs sind, fällt mir immer noch schwer. Schicksalsschläge treffen eben nicht nur die andern – es kann wieder geschehen, jeden Tag: einem anderen Kind, oder demselben noch einmal. Aber sie sind da, alle.

Nacheinander umarme ich sie und danke Gott, dass auch das verletzte Kind einen Platz im Leben behalten hat. Vielleicht einen anderen, als wir ursprünglich dachten, und wir kennen diesen Platz noch nicht. Erwartungen und Wünsche werde ich jedenfalls ablegen wie ein aus der Mode gekommenes Kleid. Ob mein aus dem vertrauten Leben geworfener Sohn auf denselben Gedanken kommt, kann ich nicht sagen.

Als Jacken und Kälte abgeschüttelt sind, zieht unsere kleine Prozession ins Weihnachtszimmer. Wir betrachten den Baum und die Meinungen darüber gehen auseinander wie immer. Alles nimmt seinen gewohnten Lauf: Kirche, Essen, Bescherung, Spielen, Beisammensein wie jedes Jahr. Gott sei Dank.

Ein neuer Lebensabschnitt

Fast auf den Tag genau sechs Monate nach dem Unfall kam mein Sohn am Wochenende aus der Klinik wieder nach Hause. Der Weg zurück ins normale Leben beginnt. Es wird Geduld brauchen, bis er sich eingewöhnt hat, bis seine Therapien abgeschlossen sind, bis er wieder berufsfähig ist.

Ich werde nun lernen müssen, Platz zu machen an seiner Seite und ihm zu vertrauen, dass er sein Leben wieder selbst steuern kann. In alle Richtungen fährt er Stacheln aus, unberührbar ist er geworden, keinen Rat nimmt er an. Ich gebe zu: Er traut sich selbst mehr zu als ich ihm. Damit kann sich keine Mutter rühmen, doch die Veränderung kam abrupt. Man möge mir vergeben, dass auch ich etwas Zeit brauche.

Entwicklungen

Wie oft haben wir telefoniert in den letzten Wochen, ich kanns gar nicht schätzen! Er hat sich einsam gefühlt oder litt unter Langeweile und ein kleines bisschen, dachte ich, griff er bestimmt auch deshalb zum Telefon, weil er gern mit mir redet. Weil ich so eine tolle Mutter bin. Mein Kind ruft an und ich weiß, wie es ihm geht, ein liebevolles, herzliches Verhältnis haben wir. Gut hingekriegt, dachte ich.

Wenn man darüber nachdenkt, könnte man das Leben eines Schwerkranken mit der Kleinkindphase vergleichen. Ein Zweijähriger ist ganz und gar auf die Eltern angewiesen, es braucht den engen Kontakt. Ein Zwanzigjähriger, der bei einem Verkehrsunfall halb tot gefahren wird, auch.

Das Kind wird größer und es braucht die Eltern für wechselnde Bedürfnisse. Am Krankenbett konnten wir zunächst nur seine Hand halten, da sein. Dann musste er wegen des Durcheinanders in seinem Kopf beruhigt werden, später getröstet, dann unterhalten, viele Maultaschen wurden gebraten und mitgebracht, zusammen mit Bildern, Karten, Wäsche, Socken, T-Shirts, Büchern, Getränken, die Süßigkeiten nahmen wir wieder mit. Die wollte er nicht. Im Rollstuhl brachten wir ihn an den Rhein, klatschten Beifall, als er mit dem Rollator gehen lernte, wir haben viel mit ihm telefoniert.

Die letzte Phase eines Kindes vor dem Erwachsenwerden ist bekanntlich die Pubertät. Da werden die eigenen Freunde wichtig und die Eltern haben ihre Schuldigkeit getan. Die Eltern können gehen. Seit sein Freund aus der Reha entlassen wurde, hat er andere junge Menschen kennen gelernt. Nicht einfach in einer neurologischen Klinik, aber auch dort gibt es Mädchen und Jungs, mit denen er über Bob Marley oder die Simpsons reden oder Spaß beim Pizza-Essen haben kann. Er hat sie gefunden, seit einer Weile schon erzählt er von ihnen.

Und jetzt ruft er nicht mehr an. Er ruft auch nicht zurück, in dieser Woche habe ich kein einziges Mal mit ihm gesprochen. Als gelernte Mutter weiß ich natürlich, dass es ihm also besser geht als vorher. Trotzdem. Trotzdem wär’s nett, wenn er wenigstens… also, ich meine … die Mütter unter den Lesern wissen, was ich meine.