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Die Zerbrechliche

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Diese melancholische Dame sitzt im Meraner Elisabethpark und ist eine kaiserliche Hoheit: Sissi. Wie man vielleicht sieht, ist die Nase demoliert, doch es ist eh nicht der Originalkopf. Den kann man im Schloss Trauttmannsdorff besichtigen, weil die Marmorsissi schon in den 1920er Jahren eins auf die Nase bekam, und später wurde sie gar geköpft.

Dass Meran eine mondäne Perle für Kurgäste wurde, ist nicht nur dem Heilklima zu verdanken, sondern vor allem Sissi. 1870 reiste die an Tuberkulose erkrankte Kaiserin mit ihrem „allernotwendigsten Hofstaat“ von etwa 110 Personen nach Meran. Sie richtete sich im Schloss Trauttmansdorff ein und wurde von der Bevölkerung verehrt. In den folgenden Jahren nahm die Zahl adeliger Gäste in Meran sprunghaft zu.

Mich berührt der traurige Blick. Man weiß, dass sie trotz ihres luxuriösen Lebens nicht glücklich war, und da steht man wieder einmal vor der Erkenntnis, dass eine volle Schatzkammer kein Garant ist für ein zufriedenes Leben.

Kaiserin Elisabeth von Österreich (1837-1898)            Anklicken = groß

Der Name „Sissi“ ist historisch gesehen übrigens falsch. Er hat sich erst seit dem berühmten Film mit Romy Schneider eingebürgert, die Kaiserin selbst soll sich „Lisi“ genannt haben.

 

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Waal-Tag

(Rückblick vom 04.06.2017 )

Acht Jahre sind es heute, dass eins meiner Kinder bei einem Autounfall beinahe ums Leben kam. Pfingstsonntag.

Diesen schweren Gedanken nehme ich mit, als wir vom Hotel aus zum Maiser Waalweg aufbrechen. Waale (= Wasserläufe) sind schmale Kanäle, die es in Südtirol schon seit dem 13. Jahrhundert gibt. Sie wurden rund um Meran gegraben, in den Fels gemeißelt oder in ausgehöhlten Baumstämmen geführt, um Gebirgswasser in die Felder zu leiten. Die Gegend hier gehört zu den trockensten in ganz Italien.

Wir wandern fast drei Stunden lang entlang eines schmalen Wasserkanals unter schattigen Bäumen, an Felswänden entlang, durch Apfelbaumplantagen, vorbei an Höfen und Anwesen.

Ich wundere mich wieder einmal, wie der Straßenlärm des Tals durch irgendwelche physikalischen Eigenarten nach oben getragen wird bis zu unserem Weg. Das beständige Brausen und Rauschen ist das Einzige, was die Idylle hier stört. Erst auf halbem Weg entdecke ich, dass es mitnichten eine Autobahn ist, die diesen Krach veranstaltet, sondern ein reißender Fluss: die Passer. Da stört es mich auf einmal nicht mehr. Ich denke darüber nach, dass ein Fluss, ein unruhiges Meer und Straßenlärm in etwa gleich klingen, aber völlig unterschiedlich wahrgenommen werden.

Als wir den Fluss verlassen und es leiser wird, hören wir nur noch Insektengesumm und das vielstimmige Zwitschern der Vögel in den Ästen über uns. Die Luft ist feucht nach einem Gewitterschauer am Morgen. Es riecht nach Moos und Kräutern. Auf solchen Wegen sollte man achtsames Gehen beherrschen: Es wäre schade, diese Schönheit nicht mit allen Sinnen zu erfassen.

Wenn es meinem Kind gut ginge, wäre es ein perfekter Tag. Acht Jahre. Und immer noch ist alles durcheinander.

 

 

 

Höher gelegene Höhenwege

Mangels Internetempfang ist es hier ruhig gewesen die letzten Tage, dabei waren wir so aktiv! Etwas zeitverzögert also ein paar Eindrücke von den schönen Pfingsttagen, die wir in Meran verbrachten. Der Ort ist wie geschaffen für gepflegtes Wandern, Essen und Promenieren. Für uns aber war es auch ein Trainingslager für die geplante größere Wanderung im Sommer.

Wir starten also mit dem idyllischen Tappeiner Höhenweg 

… machen mit einem noch viel höherer Höhenweg weiter. Das Ende des Tappeinerwegs und die Ortschaft Dorf Tirol liegen nämlich nicht weit auseinander, wie der geliebte Brite auf seiner Wander-App entdeckt, und in Dorf Tirol startet der Apfelweg. Das ist lt. seinen Angaben ein gemütlicher Rundweg durch Dörfer und Apfelplantagen. Was er übersehen hat ist, dass die Entfernung zwischen dem Schlusspunkt des Tappeinerwegs und dem Start des Apfelwegs zwar kurz ist, aber unfassbar viele Höhenmeter dazwischen liegen!

Schimpfend und schweißgebadet, weil der Aufstieg kein Ende nehmen will, dackle ich ihm hinterher.

Am Ziel …

… wäre ich gerne in einen Pool gesprungen, doch es kommt noch schlimmer: Der Apfelweg führt weiter bergauf.

 

Es ist steil, es ist heiß, ich habe schlechte Laune. Auf eine Bergtour war ich nicht eingestellt, ich brauche solche Herausforderungen nicht, davon hab ich im Alltag genug. Und überhaupt. Aber als wir gefühlt einen Dreitausender bezwungen haben und es endlich bergab geht, freue ich mich doch an dem pittoresken Pfad mit seinen weitläufigen Apfelplantagen, Höfen und Schlösslein. Es riecht nach Wiesenblumen und bewässerter Erde, ich lasse mich auf die Ruhe und Abgeschiedenheit ein. Man hört nicht einmal mehr den Lärm der Motorräder im Tal, und dafür muss man schon weit nach oben steigen. Hier aber ist nur noch das Summen der Bienen und Insekten in den Bäumen zu vernehmen.

(Zum Vergrößern bitte die Galerie anklicken)

Etwa zwölf Kilometer sind wir an diesem Tag gewandert und haben auf kurzer Distanz (!) ca. 440 Höhenmeter überwunden. Nicht ganz das, was wir uns für den ersten Tag vorgenommen hatten, aber später beim Abendessen sind wir schon stolz auf uns. Ich fürchte mich ein wenig vor dem nächsten Tag, denn in Meran habe ich ja schon einmal eine unvergessliche Erfahrung gemacht.

 

Wieso verreist man eigentlich?

Natur aus der Nähe erleben könnte man auch in der heimatlichen Umgebung. Menschen anderer Herkunft findet man im türkischen Laden, Museen und Ausstellungen im Internet, Sommer gibt’s auch in Deutschland. Wegfahren ist also nicht nötig, kann man es sich schenken. Oder? Natürlich nicht, denn zu Hause fehlt der Impuls, sich mit Natur, Menschen, Ausstellungen usw. zu beschäftigen. Nun, dann beschäftigen wir uns eben mit anderem, reicht das nicht?

Ich glaube nein. Letzte Woche zum Beispiel erfuhren wir beim Bummel durch ein kleines Museum in Meran, wie aufgrund des milden Klimas in einem Kuhnest Fremdenverkehr entstand. Er entwickelte sich und explodierte, als Adel und Prominenz aus ganz Europa den Ort für sich entdeckten. Die Einheimnischen kamen zu mehr Wohlstand, doch ihre Traditionen verkamen zur Touristenattraktion. Später folgten Gespräche darüber, die es ohne den Besuch  in Meran nicht gegeben hätte. Das ist allemal besser als zu erörtern, welche Erledigungen im Haushalt und Alltag anstehen, besser als lästige Telefonanrufe, Wäsche, schwere Einkaufstaschen, Behördenkram.

Davon abgesehen geht es bei Urlaubsreisen nicht nur darum, wohin die Reise geht, sondern auch, mit wem man sie macht. Ist doch egal, ob ich durch einen botanischen Garten stiefle, mich in eine Seilbahn quetsche oder im Bahnhofscafe Züge beobachte, wenn der Mensch neben mir derjenige ist, mit dem ich all das sehen möchte. Ja, auch die Züge, wenn er sich nun einmal dafür begeistert.

Diesen Menschen erlebe ich in einem unvertrauten Rahmen und er enthüllt andere Facetten von sich, neue. Ich verfolge zum Beispiel jeden Morgen sein Ringen mit den Elektroanschlüssen: vom englischen Rasierer zum deutschen Adapter in die italienische Steckdose, nie ist das richtige Verbindungsstück parat, immerzu legt er es sonstwohin und vergisst es wieder, am nächsten Morgen geht die Sucherei von vorne los. Aber unterwegs in Städten wie in den Bergen findet derselbe Mann jedes Ziel, als hätte er einen Kompass gefrühstückt! Ich brauche nur hinterherzulaufen und Fotos zu machen von allem, was mir gefällt und von ihm, wenn sein Haar in der Sonne leuchtet wie ein Schönwetterwölkchen.

Erdachtes mag zu denken geben,
doch nur Erlebtes wird beleben.

Paul von Heyse

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Die große Stille

Es ist nicht leicht, dem Lärm zu entkommen. Auch in den Bergen hört man noch das Brummen der Zivilisation, weit weg, aber wahrnehmbar. Es mag daran liegen, dass Meran und Bozen in einem Talkessel liegen, etwa als hätte man aus dem Bodensee das Wasser abgelassen und an drei Seiten Alpen aufgebaut. An denen müssen die Schallwellen hoch, ob sie wollen oder nicht. Doch auch ohne das ferne Brausen gibt es immer noch das nahe Schwatzen anderer Wandergäste, von Abgeschiedenheit oder Bergeinsamkeit kann keine Rede sein. Bunt und lebhaft ist es hier.

Die große Stille kommt am Abend. Wir sind früh im Hotel zurück, da ich mich wegen eines fürchterlichen Muskelkaters vom Vortag kaum bewegen kann. Als ich aufs Bett falle und das Rascheln der Decken und Laken verklungen ist, wird es leise. Ganz leise. Das Zimmer verfügt nämlich über keinen Fernseher. Der Straßenverkehr scheint auf dem Weg in die Berge zu verhallen und alles, was wir am Abend hören, ist das Absetzen eines Weinglases auf dem Nachttisch und das Knistern beim Umblättern einer Seite. Gut, dass wir Bücher mitgebracht haben. Ich vermisse nichts.

Urlaubsbekanntschaft

Für meinen treuesten Begleiter letzte Woche in Meran  schäme ich mich ein wenig. Er beeinträchtigte meine Bewegungsfreiheit, belästigte mich in den unpassendsten Momenten und machte mich zum Gespött der Umgebung. Erst nach Tagen ließ er von mir ab, und die Rede ist von einem enormen Muskelkater. Die Voraussetzungen hatten wir gleich nach unserer Ankunft geschaffen bei einer Bergwanderung. Der Aufstieg war nicht besorgniserregend: Die Seilbahn übernahm einen Teil, für den Rest ließen wir uns Zeit. Beim Marsch zurück ins Tal jedoch sparten wir uns den maschinenbetriebenen Rücktransport und bewältigten 1000 Meter Höhenunterschied, verteilt auf mehrere Kilometer, über Steine und unebenen Waldboden zu Fuß.

Wer täglich mit dem Fahrrad insgesamt 20 km zur Arbeit fährt und zurück, hält sich für athletisch. Ich machte mir also keine Gedanken über die Folgen, auch nicht als meine Schenkel am Ende des Weges zu zittern begannen. Es war an den folgenden Tagen, als ich über meine Körperkondition nachdachte. Mein Gang war so  geschmeidig geworden wie der eines schlecht geschmierten Roboters, immer wieder knickte ein Bein ein und mit meinem Gesicht glich ich den Skulpturen der schmerzensreichen Maria, die wir gelegentlich am Wegrand sahen.

Im Hotel kam ich die Treppen weder hinauf noch gar hinunter, ohne den Eindruck erster Gehversuche nach einer schweren Hüft-Operation zu hinterlassen. Der Abstieg aus dem 2. Stockwerk gelang nur festgeklammert am Treppengeländer und jedesmal hieß ich meinen Liebsten, langsam vor mir herzugehen, damit an der Rezeption meine Schrottreife nicht bemerkt werde. Er hielt sich im Schnitt drei Sekunden lang daran und wieselte dann – in Gedanken schon wieder woanders – fröhlich pfeifend davon.

Auf einer der letzten Stufen verharrte ich daher meist wie zufällig, bis vom Empfangspersonal gerade niemand herüberschaute. Dann humpelte ich so schnell wie möglich an der Theke vorbei, und so schnell wie  möglich hieß: Ziemlich langsam. Am Tag unserer Abreise erwischte es  mich schließlich. Die Hotelbesitzerin sah mir zu, ich entdeckte sie zu spät und konnte nur noch falsch grinsen über zusammengebissenen Zähnen. „Sind Sie gestürzt?“ rief sie erschrocken.

Ich hätte den Lift benutzen können. Warum ich das nicht tat? Ich habe nicht daran gedacht, ist die ehrliche Antwort. Weil ich sonst auch keinen Lift benutze. Auf jeden Fall hatten weder Dehnübungen geholfen noch heiße Bäder noch weitere Wanderungen. Sänftenträger waren um mich herum auch keine zu entdecken gewesen, und so musste ich Geduld haben, bis die Schmerzen von alleine nachließen. Das war nach drei Tagen der Fall.


Die haben keinen Muskelkater!

Wieder was gelernt

Gibt es in Italien eine Gegend, die perfekt organisiert ist? Man kann es sich schwer vorstellen, aber wir waren da! Gestern kamen wir von einer Reise zurück, die nachweislich nach Italien geführt hatte, und alles hat tiptop geklappt. Ohne augenzwinkernde Kompromisse erlebten wir ein paar herrliche Urlaubstage in Meran. Die Gründlichkeit des nördlichen Nachbarn mischt sich hier mit dem Weltbild eines südlich geprägten Landes: La vita è bella.

Wir erinnern uns an eine Stunde im Geschichtsunterricht: Südtirol gehört seit dem Ersten Weltkrieg zu Italien. Aber mehr als die Hälfte der Menschen, die dort leben, sind heute noch Österreich-stämmig. Ihre Kinder werden in deutschsprachigen Schulen unterrichtet mit Italienisch als erster Fremdsprache. Italienische Mädchen und Buben besuchen Schulen in ihrer Landessprache und lernen dort deutsch. Zwischen Italien und Österreich gibt es Vereinbarungen zum Schutz des autonomen Südtirols. Der italienische Staat hat hier also kein freies Spiel, erläuterte der freundliche Hotelbesitzer mit Nachdruck.

Das Ergebnis: Man spricht überall deutsch, und die Angestellten in Hotels und Restaurants sind entspannt. Es gibt keine Hektik, alles funktioniert, und der Besucher hat die Wahl zwischen einem der herrlichen Spazierwege im Ort und darum herum, kilometerlang, alle mit Liebe zum Detail angelegt und instand gehalten, oder – wer es knackiger mag – der Bergwelt, die in einer Viertelstunde mit dem Auto oder Bus zu erreichen ist. Wer es wissen will, darf auch einen der Dreitausender hochkraxeln.

Hier der gemütliche Tappeiner Höhenweg mit herrlichen Ausblicken auf Meran und das Etschtal:

Wie im Frühling … Die Lagerströmie oder Kreppmyrte blüht im Spätsommer.

Weiter oben in den Bergen:

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