Schlagwort-Archive: Messe

Unglaublich

Was vielen von euch bekannt sein könnte, muss jemand wie ich unserer neuen Zeit zuordnen, um es glauben zu können: Eine Platzanweiserin am Eingang der Kirche, ein Desinfektionsmittelspender statt Weihwasser und Gläubige, die gefühlt einen Kilometer voneinander entfernt sitzen. In Zweiergruppen immerhin.

Der Priester schreitet maskiert zum Altar und beginnt mit den Gebeten. Es wird nicht gesungen. Man weiß ja, dass Viren in Aeosolen aus der Atemluft mehrere Meter zurücklegen können. Deshalb spielt ein älterer Organist bei jedem Lied die Einleitungsmelodie, springt dann auf und singt ganz allein – nunmehr unbegleitet – von der Empore herunter alle Strophen durch. (Ohne führende Akkorde hören sich Kirchenlieder schräg an. Oder der Organist kann nicht singen.)

Nach der Lesung und Predigt wendet sich der Priester um und beginnt, seine Hände ausgiebig mit einem Desinfektionsmittel zu walken und und zu kneten, minutenlang, so scheint es mir. Erst dann tritt er wieder zum Altartisch und berührt Kelch, Wein- und Wasserkrug zur Heiligen Wandlung.

Von einem Kirchendiener in Freizeitjacke wird jetzt ein flipchartartiges Gestell herbeigerollt, dessen obere Hälfte aus einer Plexiglasscheibe besteht. Maskiert und mit vorgeschriebenem Abstand stellen sich die Gläubigen im Mittelgang auf und empfangen die Hostie, die der Priester unter der Scheibe durchreicht wie am Fahrkartenschalter eines Bahnhofs.
Zurück zur Bank geht es über die Seitengänge.

Ich besuche selten einen Gottesdienst. Auch dieses Mal kam es nur dazu, weil es sich um eine Trauerfeier für jemanden aus der Familie handelt. Aber was soll ich sagen? Die Messe ist so verrückt wie alles andere, was Corona hervorbringt. Also eigentlich normal.

Abgewinkelt

Noch im 20. Jahrhundert saßen die Menschen beim Gottesdienst nach Geschlechtern sortiert: Männer im rechten, Frauen im linken Kirchenschiff. Die Hardcore-Version dieser Praktik sah ich kürzlich in der evangelischen Stadtkirche in Freudenstadt. Da haben die Gläubigen auf der einen Seite zu den Gläubigen auf der andern noch nicht einmal Blickkontakt.

Bei dem Gebäude handelt es sich nämlich um einen Winkelhakenbau. Also: Die Kirche ist ums Eck gebaut. Sie hat einen L-förmigen Grundriss, zwei Türme und markiert die südliche Ecke eines weitläufigen Marktplatzes. Im Inneren sind die beiden Kirchenschiffe um 90° abgewinkelt, und während der Messe hat nur der Pfarrer, der im Altarraum genau am Schnittpunkt steht, alles im Blick.

Jüdische und muslimische Glaubensgemeinden feiern ihre Gottesdienste noch heute nach Geschlechtern getrennt. Man sagt, dass man so bei der Andacht weniger abgelenkt wird. Oder dass man sich in der eigenen Gruppe energetisch besser aufladen kann – der esoterische Ansatz. Was nun stimmt und ob es überhaupt einen Unterschied gibt, wissen vielleicht die Älteren unter uns. Vor allem die aus Freudenstadt.

© Gunther Seibold, Verlinkung von der Webseite www.kirchbau.de

Und ein paar eigene Bilder:

 

Boys‘ Toys

Manche Leute geben viel Geld aus, um sich kompliziert und knatternd mit entfernt lebenden anderen Leuten zu unterhalten, als wären Telefon, Handy, Skype und Chatroom noch nicht erfunden. Amateurfunk nennt man das. Die Geräte dazu stellt u.a. eine britische Firma während einer Messe aus, bei der ich mich – um mein Einkommen etwas anzuheben zum Standdienst bereit erklärt habe.

Ich stehe also hinter Schachteln und Antennen und beobachte die Menschentrauben vor mir. Männer vor allem. Es rauscht aus Funkgeräten, die an Gürteln hängen, aus Rucksäcken schießen Antennen empor, einige Besucher murmeln in ein Handmikrophon in der halb geöffneten Faust und schauen nach allen Seiten wie Bodyguards. Vielen würde Sport gut tun, attraktivere Kleidung und ein besserer Haarschnitt, oder überhaupt ein Haarschnitt. Hier laufen keine glattgebügelten Schnösel herum, sondern Männer mit Kugelbäuchen, dünnen Beinen und leuchtenden Augen. Freunde finden sie auf bestimmten Frequenzen, und dazu muss man kein Schönheitskönig sein.

Alle sind Experten, technikverliebt, niemand braucht Beratung. Sie erkundigen sich (meist auf Englisch) nur, ob mit einem bestimmten Koppler irgendeine Antenne an dieses oder jenes Gerät passt. Solche Fragen verstehe ich nicht mal auf deutsch und am Anfang müssen mir die andern ständig helfen. Niemanden stört das. Weder die Engländer am Stand – ich bin die einzige Deutsche -, die auch dann gelassen angeschlendert kommen, wenn ich aufgeregt mit den Armen überm Kopf herumwedle, noch die Besucher, die geduldig warten, bis ich das richtige Adapterchen für 2 Euro gefunden oder einen Tuner für 370 EUR eingepackt habe. Manche erklären mir ein paar Grundlagen der Funktechnik (meine Ratlosigkeit ist mir wohl anzusehn), andere erzählen von Frau und Kindern.

Ich stelle mir viele Relais vor, die sich auf einem langen Weg hinaus in die Welt eins nach dem andern öffnen und Botschaften durchwinken. „Nette Leute getroffen“, wäre meine nach dieser Messe.

HamRadio
Waters & Stanton