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Die zwei Seelen des Herrn Bauer

Wie der Michelinmann auf dem Dach einer Tankstelle bläht sich der Direktor vor einem Schaubild. Er trägt Details vor über die neuen Bohrmaschinen, wortreich und mit ausladenden Gesten betet er die Besonderheiten einer neuen Produktreihe herunter. Auf Zahlen und Zeichnungen deutend beendet er seine Ausführungen und mustert die Teilnehmer der Schulung. Krumm hockt Herr Bauer da und macht sich klein.

„Sitz grade“, schreit in der Tiefe seines Bewusstseins der Vater. Herr Bauer spürt die Faust, die ihm in den Rücken boxt,  seine Kinderhände klammern sich an der Tischplatte fest. Mit zusammengepressten Lippen starrt er auf den Teller vor ihm und hofft,  er werde davonkommen mit dem einen Schlag.

„Herr Bauer, haben Sie auch mal etwas zu sagen?“ Er schreckt aus seinen Erinnerungen, entdeckt an der Tafel die neue Überschrift: Verkaufsargumente. Gehorsam quält eine Anmerkung sich räuspernd vor die Runde. Man ist nicht zufrieden mit ihm. Nicht energisch genug sei er, nicht präsent genug. Vielleicht einfach nicht laut genug.

Noch eine Stunde bis Feierabend. Der Gedanke belebt ihn, denn auf dem Nachhauseweg wächst Herr Bauer. Groß geworden, mit hungrigem Herzen öffnet er Abend für Abend die Wohnungstür, Iris ist meistens schon da. Sie duftet wie ein Blumenstrauß und er liebt es, an ihr zu schnuppern. Wenn er sich zum Begrüßungskuss niederbeugt, streicht sie mit leichter Hand über seinen Rücken. Voll Wärme und Leben bereiten sie dann ihr Abendbrot.

Herr Bauer richtet sich auf. Er ist Teilnehmer einer Schulung und wie alle andern darf er sich äußern. Immerzu darf er sich äußern, erkennt er, und mit fester Stimme stellt er zu den Bohrmaschinen eine Frage. Er will wissen, was nun passiert. Das Ergebnis: Herr Bauer erhält eine Antwort. Eine normale, hilfreiche Antwort.