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MySchneeglöckchen

Ich hab die ersten Schneeglöckchen entdeckt. Im Supermarkt. Sie hatten sich sicher was anderes ausgedacht als in einem Stahlregal zur Welt zu kommen, aber es gehört zum Wesen jeder Geburt, nicht zu wissen wohin man kommt. Einer Schneeglöckchenzwiebel geht es nicht anders und sie wird sicher unruhig, wenn sie den jährlichen Trieb nach oben schickt. Sie weiß ja nicht, was über ihr ist, man sieht doch nix. Was in diesem Jahr ein flauschiges Gärtner-Beet ist, kann im nächsten ein Plastiktopf bei Netto sein. Oder die Zwiebel hat schon viele Frühlinge gesehen, aber niemand hat sie aus dem Schatten neben dem Parkplatz geholt.

Zerschrumpelt ist sie auch schon, ob das noch zum Blühen reicht? Sie könnte sich in ihre kleine Erdblase schmiegen und nichts wachsen lassen. Sie könnte beschaulichen Zwiebelträumen nachhängen und kein Kinderfuß fetzte ihr Laub nieder, keine Mauer stünde im Licht. Wenn es dort oben nur Frühlingswärme, Himmelblau und Bienengesumm gäbe, ja, das wäre etwas anderes. Aber man weiß nicht, was kommt.

Wenn ich eine Schneeglöckchenzwiebel wäre, ich glaube – ich würde es trotzdem wagen. Ich würde treiben. Schräg zur Sonne hin. Mut ist, wenn man’s trotzdem macht, ich würde südliche Knollen bilden. Ich wäre eine Wanderzwiebel.

Mutig, mutig!

Ungläubig blicke ich an die Wand. Ich halte den den Abluftschlauch des Trockners in der Hand und wie ich so zum Fenster schaue, zeichnet sich darunter auf der Mauer das Schattenbild des Schlauchs ab und mit ihm etwas, das aussieht wie eine monströse Spinne. Mein Blick flattert auf den Schlauch, aber da ist nichts. Natürlich nicht. Die Spinne hängt ja auch unten dran. Der Schlauch klatscht auf den Boden, daneben die Spinne. Sie ist längst verstorben.  Deshalb geht sie auch nicht ab, als ich sie mit dem Fuß abschütteln will.

Zum Glück ist die Zeit vorbei, da ich einen Raum, in dem sich wissentlich eine Spinne aufhält – egal ob lebend oder tot – überhaupt nicht betreten hätte. Das Leben hat mich hart gemacht. Als Frau eines Geschäftsreisenden und Mutter mehrerer Kinder blieb mir nichts übrig, als gelegentlich das Treppenhaus oder Esszimmer von solchen Ungeheuern zu befreien, meist durch das Werfen von Gegenständen.

Mit den Jahren fühlte es sich dann nicht mehr an, als ob das Tier seine Größe in der nächsten Sekunde um ein Vielfaches explodieren lassen könnte, um mich mit behaarten Fängen festzukrallen und mir den Kopf abzubeißen. Lächerlich. Ha! Tapfer hacke ich jetzt mit einem Kleiderbügel auf den Schlauch ein, um das Viech abzubekommen. Da bewegt es sich.

Im nächsten Moment hänge ich an der Tür und spähe mit pochendem Herzen zurück. Die Spinne ist tot. Es war nur ein Windzug.

Wer A sagt, muss nicht B sagen …

… denn er könnte erkennen, dass A falsch war.  (Berthold Brecht)

Ich werde aufhören, B zu sagen, und zwar am 31. Mai. Zwei Jahre lang hat dieses B mich schlecht behandelt. Es hat mir Angst gemacht und den Spaß verdorben, es hat mich zerhauen und ausgehöhlt. Schluss mit dem Durchstehen. Was angefangen wurde, darf aufhören, es hat sich mit diesem B. Ich werde ein anderes A finden.

Habe meine Arbeitsstelle gekündigt.

Das Erwachen

Es zuckt in den Augen der Bestie. Herr Bauer fährt fort zu erläutern, wie er den Auftrag bearbeitete. Er denkt sich ja etwas bei dem, was er tut. Die Reklamation ist bedauerlich,  doch sehe er auch, dass zu viel versprochen wurde.

Schon bricht das Unwetter herein.

„Ja freilich,“ tobt der Direktor, „ich bin Schuld! Ich hab zu viel versprochen und wir konnten es nicht halten!“
Ob es sein könne, dass der Kunde ihn missverstanden hatte?
„Ach der Kunde ist Schuld! Der sowieso immer, weil er zu blöd ist zu kapieren, ja?“
Höflich antwortet Herr Bauer:
„Offenbar stellte er sich eine andere Qualität vor als das, was wir lieferten. Ich spreche mit ihm und -“ Das Gesicht des Scheusals färbt sich rot.
„Nichts werden Sie tun! Sie haben genug angerichtet und jetzt kümmere ich mich darum. Alles muss man selbst machen hier, alles!“
Herr Bauer gibt nicht nach. Er ist kein kleiner Junge, der nichts als stumme Lippenbewegungen zustandebringt, als der Vater sich auftürmt und auf ihn niederdonnert. Jetzt spricht Herr Bauer.
„Der Schaden ist doch gering bei diesem kleinen Auftrag, und wir können mit dem Kunden eine Lösung finden.“ Der andere hört nicht und beißt sich am nächsten fest. So wird eins nach dem andern abgearbeitet.

Herr Bauer überlegt, ob er dabei ist zum Masochisten zu werden. Seit Tagen sucht er den Direktor auf, um über offene Themen zu reden. Viel häufiger als üblich, und jedes Mal gibt es Hiebe. Doch Herr Bauer geht wieder hin, er will wissen, dass er es aushält. Und in ihm erwacht eine Kraft, die sich schwer vom Lager erhebt und blinzelnd die Augen reibt.