Schlagwort-Archive: Ohne Arbeit

Das Lichtlein

Wenn man sich in meinem Alter ein Bewerbungsgespräch vorstellt, dann schwingt der Gedanke mit: Das letzte Mal. Das letzte Bewerbungsgespräch, zu dem ich eingeladen werde, das aller, aller, allerletzte Mal. Ich habe nicht nur die Fünfzig überschritten – ich habe auch die Mittfünzig überschritten, also was solls, machen wir uns nichts vor: Wenn ich eine Stelle bekomme, werde ich bleiben bis zur Rente oder langzeitarbeitslos werden, denn in einem beruflich gesehen praktisch scheintoten Zustand wird mich nie wieder jemand einladen. So dachte ich zwar schon, als ich die Fünfzig hinter mir ließ und habe dann trotzdem noch eine neue Arbeit gefunden, aber nun wird es wirklich ernst.

Das ging mir durch den Kopf, als ich die Treppe zu einem Bürogebäude hochstieg und die Eingangstür öffnete, um mich dort vorzustellen. Ich habe nur eine einzige Bewerbung verschickt, weil ich ja immer hoffte, dass es an der bisherigen Stelle irgendwie weitergeht. Außerdem habe ich gerade einen Umzug hinter mir. Dieser eine Job hatte mich aber angesprungen, weil es wieder um Bildung geht, wenn ich nicht auf herkömmliche Art.

Was soll ich sagen? Das Gespräch lief wie am Schnürchchen, und am nächsten Tag bekam ich die Zusage.

Liabe
Liabe Leit,
Liabe Leit, ich
Liabe Leit, ich habe
Liabe Leit, ich habe wieder
Liabe Leit, ich habe wieder einen
Liabe Leit, ich habe wieder einen Job
!

Wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo … ☼ … ein Lichtlein her.
😀

Alltag Reloaded

In der Regel bewegt sich der Mensch Tag für Tag zwischen zwei Orten hin und her: dem Zuhause und der Arbeitsstelle. Ich mache das nicht. Ich bleibe jetzt immer zu Hause, tue aber alles, dass es sich wie Arbeiten anfühlt: Ich stehe früh auf, setze mich an den Schreibtisch, wenn Übersetzungsaufträge kommen, räume ansonsten ein Zimmer nach dem andern aus und wieder ein, damit alles sauber und ordentlich ist. Das muss schon sein, ich bin ja gerade erst eingezogen.

Außerdem habe ich Zeit. Danach sehnen sich alle, ich Glückskind. Gestattet mir aber den Hinweis, dass viel Zeit mit wenig Geld einhergeht, wenn eine derart freie Tagesplanung damit zu tun hat, dass man „dem Arbeitsmarkt zur Verfügung steht“. Gestattet mir den zweiten Hinweis, dass eine Arbeitsstelle nicht nur eine Einnahmequelle ist, sondern auch ein Gerüst, an dem Rosen hochklettern und die Zwischenräume mit Blüten und Blättern füllen: also strikt einzuhaltende Vorgaben zum täglichen Handeln, aber auch der gelungene Arbeitsschritt, das nette Wort, der Spaß in der Kaffeepause. Das Gerüst zu Hause ist dagegen dünn, wackelig, und höchstens ein paar magere Trichterwinden versuchen, daran hochzukommen.

Jetzt brauche ich Freunde. Zum Reden, zum Lachen. Glücklicherweise habe ich sie.
Und euch, mit denen ich das Eine oder Andere teilen kann.
DANKE!

Bregenz_Pfaender

Platz frei

Gestern habe ich

– zum letzten Mal vor der Hochschule geparkt
– zum letzten Mal in einem Büro darin den Computer hochgefahren
– zum letzten Mal dort eine Tasse Kaffee getrunken
– zum letzten Mal mit den Kollegen gequatscht und herumgealbert
– zum letzten Mal den Computer ausgeschalten
– zum ersten Mal geheult, als ich die Ausgangstür aufdrückte und das Gebäude verließ.

Danach ging ich zum Friedhof. Die Pflanzen auf dem Grab meiner Mutter blühen immer noch üppig und ich zog – nach fast drei Monaten – die Trauerbänder aus den Schalen. Die Sonne ließ die Umrisse der Bäume, die weiter vorne am Weg entlang eine Arkade formen, zu einem Lichtkranz aufleuchten. Darunter blieb es trüb, und aus dieser Düsternis heraus tauchte ein Mann auf. Er trug einen schwarzen Mantel und hielt mit starrer Geste ein Holzkreuz in die Höhe. Mehrere dunkel gekleidete Menschen folgten ihm, der kleine Zug kam mir langsam entgegen. Mich schauderte, ein scharfer Wind blies mir die Haare aus dem Gesicht, die Sonne wärmt nicht mehr. Ich zupfte noch ein paar trockene Blättchen ab und machte mich auf den den Heimweg.

Meertau hat kürzlich in einem Kommentar etwas Mutmachendes geschrieben: „Ich bin nicht mehr die, die ich mal war. Wer ich mal werde, weiß ich noch nicht. Aber der Platz für mich ist schon frei.“

 

Wolken (2)

Abb. © SylviaWaldfrau Weiterlesen

Zeiträume

In meiner Wahrnehmung erscheinen wieder Wegmarken für Ereignisse, die in der Zukunft liegen. Das ist bei mir immer so, wenn Veränderungen bevorstehen. Ein blauer Zehennagel zum Beispiel visualisierte schon aufgrund seiner langen Vorhaltezeit häufiger Eckpunkte wie: „Wenn der herausgewachsen ist, geht es meinem Kind besser“ oder sowas.

Im Moment sind es die verlassenen Hörsäle. In den Semesterferien ist es geisterhaft leer bei uns in der Hochschule. Die wenigen Mitarbeiter verlieren sich in den Fluren und verschwinden in entlegenen Räumen wie ein paar Regentropfen in Asphaltritzen. Aber wenn im Oktober die Studierenden und Dozenten das Gebäude wieder bevölkern – dann sind wir nicht mehr da.

Oder: Wenn ich aus dem Fenster blicke, liegt das fertiggestellte neue Studentenwohnheim in der milchigen Vormittagssonne. Am Gebäude entlang zieht sich ein Erdstreifen mit einem zartgrünen Schleier darauf, wie aufgehaucht. Grashälmchen. Den ganzen Sommer über beobachteten wir die Baustelle und das Vorankommen der Arbeiten, aber wenn der Rasenteppich dichtgewachsen ist – dann sind wir nicht mehr da.

Es gibt keine Verlängerung mehr für unser staatlich gefördertes Zentrum, das kleine Betriebe im digitalen Bereich unterstützt. Eine neue Stelle habe ich noch nicht gefunden. Vielleicht kommt einer unserer Anträge auf andere Fördermittel zum Zug, sodass wir später wieder einsteigen können, aber ich mache mir nichts vor: wahrscheinlich ist es nicht.

Diese Woche wurden wir zu einer zweitägigen Veranstaltung nach Berlin eingeladen, um den Projektabschluss zu feiern. In den pompösen Hallen des BMWi wurden unsere Erfolge gepriesen und der Weg dorthin noch einmal beleuchtet. Meine Gedanken sind aber in der Zukunft. Tatsächlich habe ich seit unserer Wanderung am Nordmeer Northumbrias auch wieder einen blauen Fußnagel. Etwa im Februar oder noch später werde ich das letzte Restchen davon abknipsen und vieles wird anders sein – aber was?

   

Holy Island, Northumberland

Inga

So weit ist es mit mir gekommen. Meine Arbeitsstelle endet im September, heute sprach ich beim Arbeitsamt vor, und nun werde ich an Inga verwiesen. Inga ist aber keine lässige Sachbearbeiterin, sondern die Abkürzung für interne ganzheitliche Integrationsberatung. Das ist ein Spezialteam der Arbeitsagentur für „arbeitslose Personen mit größerem Unterstützungsbedarf“. Mit ü50 gehört man dazu. Man wird mich wieder integrieren müssen, ich werde also aus etwas herausfallen.

All die Anstrengungen in meiner jetzigen Stelle führten zu keinem Ergebnis: Unser Förderprojekt läuft aus und bei jedem Griff auf den Deckel eines anderen Fördertopfs klopft uns jemand auf die Finger. Wir halten zusammen, wir geben nicht auf, aber es bleiben nur wenige Wochen.

Die junge, hübsche Beraterin mit klimpernden Armreifen und sorglos-strahlendem Lächeln erklärt mir Inga. Man nehme sich dort viel mehr Zeit für jeden Einzelnen, verspricht sie und schiebt mir einen Flyer zu. Na schön. So ist es jetzt eben. Ich bin schwer vermittelbar.
 
 
Brighton (35)
 

On the road again

Am liebsten würde ich leben wie in einem Reisebus. Start, Ziel, Ankunft – alles geplant. Nach jeweils zwei bis drei Stunden würden Zwischenstopps eingelegt zur Erfrischung oder um etwas anzuschauen. Eine malerisch gelegene Burgruine zum Beispiel oder einen Bergsee, an dessen eleganter Promenade es Eiscreme zu kaufen gäbe. Die Tourismusindustrie kennt das Bedürfnis der Menschen nach Komfort, Erwartbarkeit und angenehmen Überraschungen. Die Fernreise im voll klimatisierten Bus mit seitlich und rückwärts verstellbaren Sesseln sowie unterwegs ein paar Oh‘s und Ah‘s kann man deshalb als Komplettpaket buchen.

Im Bus des Lebens lässt sich der Streckenverlauf weit schwerer vorhersagen. Man muss froh sein, wenn das Ziel überhaupt näherkommt, denn darauf gibt es keinen Anspruch. Die Sitze werden auf manch einer langen Fahrt eng und man will nur noch ankommen. Die Straßenschilder mit den Entfernungsangaben bleiben jedoch immer gleich: 798 Kilometer. Wer Mut hat, kann sich aus dem fahrenden Bus fallen lassen mit dem Risiko, sich zu verletzen und der Wahrscheinlichkeit, dass dieser Ort nicht die erträumte Anzahl an Sonnentagen garantiert.

Und dann bleibt so ein Bus mitunter auch noch mitten auf der Strecke stehen. „Aussteigen,“ heißt es dann ohne weitere Erläuterungen, man wird ausgespuckt wie zerbissener Kaugummi. Da steht man dann und findet sich allein mitten auf der Autobahn, orientierungslos, ratlos, andere Fahrzeuge brausen vorbei und keines hält an. Die Raststätte ist geschlossen, der Parkplatz leer.

So geht es mir gerade.

Meine geliebte Arbeitsstelle im Förderprojekt eines Bundesministeriums wird es bald nicht mehr geben. Das Projekt wird eingestellt. Unsere Verträge laufen im Herbst aus.

 Bus

Die passende Musik zur Stimmung habe ich gerade bei finbarsgift gefunden.

Jubel!

Hey Leute, ich hab mein Übersetzungsprogramm kapiert! Trados, falls das irgendjemandem was sagt. Nach wochenlangen erfolglosen Eigenversuchen dachte ich schon, ich bin komplett verblödet, das Ding ist wirklich komplex. Und jetzt – nach nur einer Schulung (es folgen weitere) kann ich ein Projekt anlegen, mit Translation Memorys umgehen, Termbanken und Autosuggest-Wörterbücher einfügen und alignieren. Funktioniert alles! Muss das grad mal loswerden.

Es ist nämlich so: Man glaubt, alles und jeder verabschiedet sich, weil man etwas nicht beherrscht. Oder nicht gleich. Seit Wochen quäle ich mich mit dieser Software herum, dabei hab ich genug Zeit zu lernen, ich muss noch nicht leben können von Übersetzungen. Es ist eigentlich nicht wichtig, aber das ist nicht durchgedrungen. Deshalb habe ich manchmal beschlossen, etwas zu tun, was ich sicher kann: Die Wohnung putzen zum Beispiel. Aber jetzt … kann ich Trados! (Naja die Basics.) Ich bin stolz auf mich!

Frauenfrage

Der Mensch braucht Strukturen. Auch ohne feste Abläufe durch eine Arbeitsstelle treibe ich nicht einfach so durch den Tag. Ich lege Anhaltspunkte fest, und das beginnt schon morgens mit der entscheidenden Frage: Was ziehe ich an? Lacht nur, aber auch das will überlegt sein. Es gibt derzeit wenig Fremdbestimmung in meinem Leben, ich plane alles selbst, entwerfe ein Tagesprogramm und das beginnt mit der Kleiderordnung. Also die alten Leggings oder eine Jogginghose? Und welches T-Shirt?

Es könnte ganz einfach sein: Das nehmen, was oben auf dem Stapel liegt. Sieht ja keiner. Wenn ich versuche, mich zu Hause am Schreibtisch nützlich zu machen, brauche ich dazu keinen engen Rock und das frisch gebügelte Blüslein. Ich widerstehe aber der Versuchung Schlabberlook und entscheide mich für ordentliche Jeans und einen weißen Pullover. Ich schminke mich auch ein bisschen. So erkenne ich im Spiegel noch die, die ich bin oder war oder wasweißich. Außerdem erhöht ein bisschen Anspruch beim Dresscode die Wahrscheinlichkeit, dass ich im Lauf des Tages das Haus verlasse und mich unter Menschen mische. Und ich erschrecke nicht, wenn es an der Tür klingelt. Alles eine Frage der Konzeption.

 

Bevor es Nacht wird

Wie früher ist es nicht. Der Rhythmus fehlt. Wir hocken an einem der wackligen Außentische vor dem Pub, Teller mit dampfenden Fish & Chips werden vorbeigetragen, Gerüche nach heißem Fett ziehen hinter ihnen her. Sie vermischen sich mit Zigarettenrauch und dem Duft nach Staub aus den Winkeln der Gasse, aus der die Hitze des Tages quillt. Junge Leute rufen, lachen oder ratschen mit iPhones – die Mauern werfen ihre Stimmen zurück. Paare schreiten die Schaufenster ab. Junge, ältere, Hand in Hand, von drinnen kreischt laute Musik. Freitagabend. Wieder eine Woche vorbei, eine wie die andere.

Jahrelang fühlte sich diese Zeit an, als sei ich gerade aus einer Sklavengaleere gekrochen, mit schmerzenden Schultern und einer Erstarrung, die sich nur langsam löste von der geprügelten Seele. Das ist vorbei. Das Wochenende fällt jetzt kaum anders aus als die Werktage. Wir richten uns ein in der neuen Wohnung, ich bereite ich mich darauf vor, selbständig zu arbeiten. Alles geht stockend voran, ich bin noch nicht soweit. Erst verdauen: die Angst nach dem Unfall meines Kindes, Angst um alle meine Kinder, Angst vor der Arbeitsstelle, die mich zerfraß und Angst vor dem was kommt, als ich sie aufgab.

Im Augenblick schiebe ich die nagende Frage nach Einnahmen, von denen wir leben können, erst einmal weg. Es ist doch Freitag. Ich lasse mir den warmen Nachtwind ins Gesicht wehen und reduziere alle Unklarheiten auf eine einzige: soll ich Weißwein bestellen oder Ramazotti?

Zeitzonen

Die Zeit rennt ein bisschen neben mir her. Wenn ich auf die letzten Wochen zurückblicke, fehlt etwas, was habe ich denn gemacht? Listen abgearbeitet und alles Mögliche erledigt, ja.  Aber meine Sehnsüchte nach der großen Freiheit, der Lust am Leben, der Leichtigkeit – wo ist das alles? War es da und ich habs nicht gesehn? Ist ja nicht schlimm, ich bin nicht im Urlaub. Das Leben ohne 8-Stunden-Tag bleibt mir erhalten, zunächst jedenfalls.

Aber wenn eines Tages das Leben aufgebraucht ist und vergeht und man schaut kurz zurück: was sieht man da? Die zähen Jahre bei der Arbeit, die Kinder, die man großgezogen hat, die Liebe, die gegeben und empfangen wurde, die lustigen Abende im Irish Pub? Oder auch die Zeit, in der nichts Gescheites entstanden ist? Die es zwar gab, die aber nicht lebte, nicht richtig jedenfalls. Ob man sich im allerletzten Moment wohl darüber ärgert?

Neulich bei Edeka

Ich schiebe den Einkaufswagen zur Kasse, stütze mich gemütlich auf den Handlauf und warte in Ruhe, bis ich an der Reihe bin, da rüttelt mich jemand am Arm. „Ja hallo, du hier?“ Eine ehemalige Kollegin von früher, von viel früher, steht da wie frisch gebügelt. Sie habe gerade Mittagspause und sei kurz hier vorbeigehuscht, sollte schon wieder bei der Arbeit sein, viel zu tun, aber find mal einen Parkplatz usw. Ich lasse sie vor. „Oh danke, das ist lieb, wirklich.“ Mehr fällt uns nicht ein, was zu bereden wäre, wir verabschieden uns. Da dreht sie sich noch einmal um: „Hast du heute frei?“

Nein, habe ich nicht. „Ja!“ rufe ich hinterher und zeige grinsend mit den Daumen nach oben. Es ist ja Pfingstzeit. Glaubwürdig genug. Wenn sie mich zum zweiten oder dritten Mal erwischt, muss ich wohl erklären, dass ich keinen Job habe. Heute ging es zu schnell. Da hab gelogen, war am Einfachsten. Man will das nicht jedem erzählen.

F..k it!

„Man muss es  mir ansehen,“ dachte ich vor vielen Jahren, als ich in Pömps, Blazer und mit leuchtenden Augen zum ersten Mal wieder zur Arbeit fuhr. „Man muss es mir ansehen: hier kommt eine Arbeitnehmerin!“ Schwungvoll steuerte ich das Fahrzeug auf den Parkplatz einer kleinen Werbeagentur, bei der jede Zelle meines Körpers angestellt war. Zehn Jahre Aldi am Vormittag, Spielplatz am Nachmittag, Wäschewaschen, Essenkochen, Kinderhüten – wenigstens stundenweise blieb das hinter der Haustür zurück, die ich von außen geschlossen hatte. Hier war ich: Geld verdienend, ernstzunehmend, welcome back!

Aus dem Mini-Job wurde ein Teilzeit-Job und schließlich Vollzeitarbeit. Es lief gut, ich hangelte mich nach oben und das Geld war ok. Ob sich im Lauf all der Jahre das Arbeiten veränderte oder ich mich, ist schwer zu sagen. Irgendwann fing es jedenfalls an, mich abzuschnüren: die Hektik, die unklaren Erwartungen, der Druck, die Gereiztheit der Chefs. Ich paddelte wie ein Pudel, der in einen Teich geworfen wurde und den man mit einer Stange immer wieder vom Ufer schubst. Da kann man strampeln, wie man will – man geht irgendwann unter.

Heute bummle ich am hellichten Werktag durch die Innenstadt an Schaufenstern und Straßencafes vorbei und denke: „Schaut! Hier kommt eine Aussteigerin!“ Ich habe Nein gesagt zu dem, was mich kaputt macht. Hier bin ich: Frei. Mein Leben gehört mir. Und das mit dem Geld wird schon irgendwie werden, f..k it!

Leichter leben in Deutschland

Jeden Tag etwas Ungeliebtes tun. Wohl in keinem anderen Land käme es Menschen in den Sinn, sich am Abgrund fehlender Daseinsberechtigung so zu helfen. Hier schon. Lästige Pflichten sind das Geländer, an dem der gelernte Deutsche sich festhalten kann. Mache dich nützlich! Grandios.

Zwei Wochen ohne Festanstellung, und ich habe derart viel Ungeliebtes erledigt, dass es eine Wonne ist. Behördenkrempel sowieso, aber auch Schriftstücke, die seit Jahrhunderten in eine Schachtel geschmissen wurden, nie sortiert und selten reingeschaut. Im Urlaub (seit Jahren nicht länger als zwei aneinander liegende Wochen) fällt mir anderes ein als Steuergepfriemel und Ablage. Aber jetzt – aufgeräumt. Versicherungen, Krankenkasse, Bank – erstaunlich, was man alles findet. Und mein Fahrrad ist auch geputzt.

Abends habe ich alles Abgearbeitete auf einem Zettel vermerkt. Damit nichts versickert im Getriebe des Alltags. Es gibt ja keine Aufträge mehr, die jede Woche zur Abrechnung gebracht werden, ein ordentlicher Packen war das immer. Aber jetzt will ich auch noch etwas anschauen können, und sei es nur eine Liste. Aber eine lange.

Hey, ich bin gut!

(und so deutsch …)

Montagmorgen

Nicht dass es von Bedeutung wäre, Petunien anzuschauen. Also tagsüber meine ich, an einem Werktag. Von Bedeutung ist es natürlich nicht. Aber schön. Es ist schön, im Balkonsessel zu sitzen in der Sonne, mitten am Tag. Üblicherweise geschah das nur am Samstag oder Sonntag,  mit bedäppertem Schädel, denn am Abend zuvor hätte ich im Irish Pub oder sonstwo den Mist der vergangenen Woche weggespült. Ich vertrag nicht viel Alkohol, der Matschkopf am Tag danach hatte also seinen Grund, doch mit Fanta gehts halt nicht.

Jedenfalls sitze ich hier in der Morgenfrische und es ist Montag. Ich zwinkere den Petunien zu, in allen Farben wuchern sie aus den Balkonkästen und kleine Wespen flirren um die Blüten herum. Vögel zwitschern wie verrückt, Geschäpper von irgendwoher, die Kirchturmuhr schlägt neun. In der Firma beginnt jetzt das Wochenmeeting. Der Blick des Chefs bohrt sich in die Gesichter der Mitarbeiter, dann fängt er an im Schlamm zu gründeln, findet etwas zum Beißen und spuckt um sich. „Die Lieferanten machen doch mit euch, was sie wollen! Ihr verhandelt nicht hart genug!“ zum Beispiel. Klappe halten. Einwände machen es nur schlimmer. Es dauerte eine Weile, bis ich das lernte und stumm blieb wie die andern. In diesem Moment beginnt mein Herz zu hämmern. Ein Reflex. Nicht dran denken, rede ich mir zu, ich muss da nicht mehr hin. Schau, die Petunien. Wie schön.

 

 

Von der Wichtigkeit des Seins

Der Tag teilt sich jetzt ein in Wichtiges und nicht Wichtiges. Bis vor kurzem war das anders. Ich ging zur Arbeit, und das war wichtig. Es brachte nämlich Geld.

Jetzt gehört zur Kategorie Wichtig nur noch der fehlerfreie Umgang mit Formularen der Kassen und Ämter, gelegentlich das Vorsprechen vor knorrigen Beamten. Diesen Beitrag hier in den Computer tippen, Bank- und Versicherungspapiere ordnen, Bücher lesen usw., über alldem hängt ein Verdacht: Sind diese Beschäftigungen wirklich wichtig? Ein bisschen zumindest? Es bringt ja nichts ein, und das klingt wie: Es bringt nichts. Vergiss es.

Besonders in Deutschland gibt es einen ungemütlichen Instinkt für das, was von Bedeutung ist. Meist hat es mit Geld zu tun, wenigstens mit Macht. Ich aber sitze hier und tue nichts, was zum einen oder andern beiträgt. Ich verplempere Zeit, die im Geschäftsleben so kostbar ist. Wenigstens Fensterputzen könnte man ja.

… spielendes Blatt …

Raus aus der Wohnung, rauf auf den Berg. Gestern nach Bregenz gefahren, Pfänder bestiegen, 650 m Höhenunterschied  in 1 ½ Stunden. Danach ist man frei von störendem Tiefenkram.

Der Fußpfad beginnt hinter dem Parkplatz, wir schulterten die Rucksäcke und los. Steil. Es bleibt wenig Zeit, um Gedanken nachzuhängen. Vergangenes, Job, Chefs, Zukunftsgespenster –je weiter man nach oben schnauft, desto mehr zählt nur noch: Wie turne ich über die Steine, ohne mir die Knöchel zu verknaxen? Wie geht das Herumstochern mit den Wanderstöcken am Besten? Wie krieg ich den Lehm von den Schuhen?

Auf dem Gipfel ist es dann, als wäre der ganze Mist des derzeitigen Lebens durch ein Sieb gelaufen. Unten tropft raus, was von Bedeutung ist: Nicht viel. In der Sonne sitzen zum Beispiel, durchatmen, die Waffeltüte mit Himbeereis in meiner Hand. Eine Stunde lang saßen wir da, vielleicht zwei. „Mein Glück ist ein spielendes Blatt im Sommerwind …“ fiel mir ein. Ruhe. Das andere blieb im Tal, unwichtig.

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Ausgezählt

Noch vor einer Woche hätte es mich verdrossen, die kostbaren Stunden meines Wochenendes mit etwas anderem zu verbringen als Schlafen, Lesen, evtl. Spazierengehn. Heute hingegen habe ich in bester Laune aufgeräumt, eingekauft, Anrufe gemacht, Software getestet, Wäsche gebügelt, Mails beantwortet, Fahrrad geputzt. Lauter Mist, aber – mir egal. Ich habe ja keinen Count-down mehr. Es plärrt kein Miesmacher mehr im Ohr herum: „Der halbe Samstag weg und nix davon gehabt“, oder „Nur noch der Sonntag  übrig zum Erholen“, oder „Wochenende fast vorbei …“, und am Montagmorgen „ICH WILL NICHT!“

Fertig.

Kann ich mich heut nicht nett versorgen, verschiebe ich es halt auf morgen (oder so ähnlich).  Ohne Job hat man in mancherlei Hinsicht eine andere Wahrnehmung.

Beschäftigungsverordnung

Der ganze Aufwand für die Katz. Termine, Papierkram, Telefonate: alles, was mit dem Arbeitsamt durchgepflügt wurde – dahin! Die Anträge wurden gelöscht, weil ich ab dem 1. Juni  nicht arbeitslos bin, sondern krank. Ich habe F43. So stehts jedenfalls in der Krankmeldung, die ich heute vom Arzt bekam, F43-irgendwas, man wird ja nach Code-Nummern eingeteilt. Ich kenn mich da nicht aus, in den letzten vier Jahren war ich nur einmal krank, und davor, glaube ich, gar nicht. Und vor davor hatte ich kleine Kinder, da lernt man – krank hin, krank her – weiterzumachen.

Deshalb hielt ich ratlos zwei Krankmeldungen in der Hand. Wieso zwei? Eine für die Krankenkasse, eine für den Arbeitgeber, erläuterte man mir. Aha. Im Moment verbringe ich noch meine letzten Urlaubstage, danach ist mein Brotherr also die Krankenkasse, nicht das Arbeitsamt. Das Arbeitsamt will nur Gesunde, und wenn ich soweit bin, darf ich mich auch wieder arbeitslos melden. Dann geht der ganze Kladderadatsch mit Antragstellung, Terminen, Papierkram, Telefonaten usw. von vorne los.

Gut, dass ich jetzt Zeit habe für sowas.

Have-done:

  •  Büroschlüssel an die Firma zurückgeschickt
    (hatte ihn versehentlich mitgenommen)
  •   Handtasche aus- und frisch eingeräumt
  •   Handy neu eingerichtet (Providerwechsel)
  •   Beim Arbeitsamt angerufen
  •  Arzttermin vereinbart
  •  Gejoggt
  •  Betten frisch bezogen

Und es ist erst zwei Uhr!

Ich renne in der Wohnung herum, von einem Telefon zum andern, von einem Job zum andern. Es verlangt mich danach, Nützliches zu tun. Das geht auch, wenn man arbeitslos ist, wie man sieht.

Auf Wiederleben

Als letztes nehme ich die Steine vom Schreibtisch. Zwei schwarzbraun marmorierte, glattpolierte Herzen gleiten in meine Tasche, zwei Jahre lang sollten sie mich vor den Angriffen schützen. Vielleicht ist ja was dran an der Energie, die bestimmten Steinen nachgesagt wird. Ich wollte nichts unversucht lassen und es half. Gelegentlich.

Dann meinte ich, dass Barrieren wuchsen zwischen mir und den Anschnauzern, die auf mich abgefeuert wurden. In seiner Überreiztheit suchte da jemand nach Ventilen und es traf, wie alle anderen, auch mich. Nie waren die Beschuldigungen fassbar, deshalb fiel die Verteidigung so schwer und ich duckte mich meist erschreckt zur Seite. Die Glückssteine halfen ein wenig gegen die Angst, zerschreddert zu werden wie altes Papier.

Jetzt liegen sie hier, auf dem Küchentisch, zu Hause. Heute ist mein erster Tag ohne Arbeit. „Die Zukunft zu gestalten, kann niemals falsch sein“ sagte gestern jemand im Fernsehen in der Geschichte von Carl und Berta Benz. Nun steh auch ich vor einer gewagten Fernfahrt. Das Abenteuer beginnt.