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Das Ding mit dem Kanal und der Schale

„Wenn du vernünftig bist, erweise dich als Schale und nicht als Kanal, der fast gleichzeitig empfängt und weitergibt, während jene wartet, bis sie gefüllt ist und erst dann das Überfließende weitergibt, sodass sie ohne Schaden bleibt.

 Lerne auch du, nur aus der Fülle auszugießen und habe nicht den Wunsch, freigebiger zu sein als Gott. Die Schale ahmt die Quelle nach. Erst wenn sie mit Wasser gesättigt ist, strömt sie zum Fluss, wird sie zur See. Du tue das Gleiche! Die gütige und kluge Liebe ist gewohnt überzuströmen, nicht auszuströmen.

 Ich möchte nicht reich werden, wenn du dabei leer wirst. Wenn du mit dir selbst schlecht umgehst, wem bist du dann gut? Wenn du kannst, hilf mir aus deiner Fülle. Wenn nicht, dann schone dich.

(Bernhard von Clairvaux, Mystiker und erster Abt des Zisterzienserklosters Clairvaux, 12. Jahrhundert)

 

Jetzt ist es raus: Es hat sich ausgeflossen. Jetzt wird gefüllt! Bernhard, ein Kirchenmann immerhin, hat gesagt, wir dürfen das. Wir sollen es sogar. Ein weiser Rat, der richtige für Erschöpfte und Zerbrechende. Doch nun fragen sich alleinerziehende Mütter und Väter, pflegende Angehörige, Menschen mit mehreren Jobs, um zu überleben: Was, wenn die Schale nie voll wird? Darf man seine Verpflichtungen dann hinschmeißen? Und wenn ja: Wohin?

Würde der gute Bernhard im Alter von 195 Jahren mit schwerer Gicht und Inkontinenz die Helferin fortschicken, wenn die seit hundert Jahren bei ihm ist und nur noch wie eine Kanalröhre Anforderungen aufnimmt und Verrichtungen ausspuckt? Wäre sie überflüssig, weil sie keinen Überfluss verschenkt? Würde er sie fortschicken, auch wenn niemand anders da wäre?

 

 

Fischbrunnen in München

Fischbrunnen in München

UBICUMQUE FELIX NAPOLEO

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„Napoleon gefällt es überall“. Trotzige Inschrift in einer Villa, die der geschasste Herrscher einst im Exil auf Elba bewohnte. Skandalkünstler Peter Lenk inspirierte der Spruch zu einem seiner drallen Lenkmale, und wir müssen auch nicht auf die Insel Elba reisen, um es zu bestaunen. Es steht in Überlingen am Bodensee, im Biergarten eines Gasthauses. Mir gefällt es am Tisch sitzend besser. Napoleon scheint mir zu abhängig von der Laune des Weibes. Da kann der Busen noch so locken, auf Muttergefühle ist nicht immer Verlass. Und wenn sie sich am Schenkel kratzt, ist es aus mit dem wohligen Plätzchen.

Vom richtigen Gespür

Jemand erzählte mir neulich die wahre Geschichte einer Katze, die nicht nur über sieben Leben, sondern auch über sieben Antennen verfügte. Noch heute ärgert er sich, wenn er an sie denkt. Es begann wie unzählige Geschichten mit Kindern, die sich ein kleines süßes Schmusekätzchen wünschen. Mein Bekannter wusste aber, wer dann für Futter, Tierarzt und Katzenklo zuständig sein würde, und sagte Nein.

Die Kinder hörten indes nicht auf zu bitten und zu flehen, und als alles nichts nützte, brachten sie eines Tages ein Katzenjunges vom Nachbarn, wo es zu ungewolltem Nachwuchs gekommen war. Ob man es eine Weile behalten dürfe, bettelten sie, nur ein halbes Jahr. Das kleine Pelzknäuel maunzte leise und blickte meinen Bekannten mit großen Augen an als wolle es sagen: So herzlos kannst du nicht sein, dass du mich zu Leuten zurückschickst, die mich loswerden müssen. Man einigte sich auf vier Wochen, bis der Nachbar einen Platz gefunden hat, wo es bleiben kann.

Fortan schlich das Kätzchen meinem Bekannten um die Beine, schnurrte, wenn er es auf seinen Schoß hob, rieb behaglich das Köpfchen in seine Armbeuge, wenn er am Abend auf dem Sofa saß, ließ sich die Samtpfötchen kraulen. Eine bezaubernde Liebschaft entstand. Mein Bekannter mochte sich ein Leben ohne Miezchen bald nicht mehr vorstellen und sagte den Kindern, es dürfe bleiben.

Von diesem Tag an begab sich die Katze wieder auf ihre eigenen Wege. Vorbei wars mit den Kuschelstunden. Streicheln ließ sie sich nur dann und wann und meist nicht von ihm. Wenn er sie zu fassen versuchte, fauchte sie und krallte, und was meinem Bekannten blieb, war die Zuständigkeit für Futter, Tierarzt und Katzenklo.

Zuwendung entsteht schon immer fast wie von selbst, wenn ein Ziel im Hintergrund steht. Das ist nicht nur bei Katzen so.

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.

Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

aus: „Stufen“ von Hermann Hesse

 

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Nach langer Pause wieder einmal ein lieber Gruß an meine Leser. Ich wünsche euch ein beherztes Hinaufsteigen auf die Stufen, die in diesem Jahr auf euch warten und die euch weiterbringen werden. Habt ein gesundes, zufriedenes und glückliches neues Jahr!

Neulich beim Griechen

Wer sich in der Gegend von München aufhält, griechisches Essen mag und einen lebendigen Rechner erleben will, dem empfehle ich im Glockenbachviertel die Taverne „Anti“. Das urige kleine Lokal ist anders als die Schicki-Micki-Restaurants, dafür sorgen schon die wackeligen Stühle. Es entspricht auch nicht ganz dem Zeitgeist, und dafür sorgt ein Kellner. Er erinnert an Demis Roussos, einem griechischen Schlagersänger aus den Siebzigerjahren mit dunklem Bart und langem Haar.

Dieser Mann hat sich vor unserem Tisch aufgebaut und jeder bestellt ein Getränk, eine Vorspeise und einen Hauptgang. Wir sind zu viert. Demis Roussos hört zu, wiederholt zum Schluss alles und eilt davon. Aufgeschrieben hat er nichts. Kurz darauf bringt er, was wir haben wollten, und zwar fehlerfrei.

Später beim Bezahlen schaut er in unsere Runde und will wissen, was jeder hatte. Wir zählen es der Reihe nach auf, er schaut uns konzentriert an und sagt gelegentlich „Ja“. Als wir alles beieinander haben, wechselt er das Standbein, schließt für einen Moment die Augen, öffnet sie wieder und sagt: „Macht 71,40 EUR“.
Zum Spaß schlagen wir dann die Menükarte auf und rechnen nach. Der Betrag stimmt.

Was noch vor vierzig oder fünfzig Jahren niemandem aufgefallen wäre, bringt nun einen ganzen Tisch zum Staunen. Wir trauen der Vorführung nicht einmal – wir prüfen nach, ob es sein kann, das Wort „Kopfrechnen“ ist weit weniger gebräuchlich als „Taschenrechner“. Vielleicht sind wir am Anfang einer evolutionären Entwicklung, bei der präzises Denken und Merkfähigkeit verkümmern. Heute sind es Additionsaufgaben, die wir nicht mehr beherrschen. Was wird es morgen sein? Und wer überlebt?

Gesetzmäßigkeiten

Während eine Kolonne aus über zehntausend Radfahrern durch Berlin jagt, promeniere ich zum Reichstagsgebäude und begebe mich auf einen gemütlichen Streifzug durch die Stadt. Was mir auffällt ist das Verhalten der Menschen an Straßenkreuzungen. Ich habe es schon in München beobachtet und hier wieder: Es geht um peditis vulgaris oder gewöhnliche Fußgänger, die beim Anblick eines roten Ampelmännchens entschlossen stehen bleiben, auch wenn gar kein Auto kommt. Bei uns tut das keiner. Nur wenn tatsächlich Verkehr fließt oder Kinder in der Nähe sind, ansonsten latschen wir los, wenn die Straße frei ist. In München und offenbar auch in Berlin bleibt man stehen, auch wenn weit und breit weder Fahrzeuge noch Kinder zu entdecken sind. Ist das in Großstädten so?

Nachdenklich macht mich eine Gruppe von etwa zehn Menschen, die an der mehrspurigen Straße Alt-Moabit vor einer roten Fußgängerampel wartet, obwohl die Straße wegen des Radrennens gesperrt ist. Noch nachdenklicher werde ich, als ich ganz allein über den Asphalt marschiere und nur die ersten paar Schritte denke, das sei cool. Etwa ab Straßenmitte komme ich mir ein bisschen blöd vor und bin froh, auf der anderen Seite anzukommen und auch das finde ich dann blöd. Weil eine sinnlose Regel sich auf mich zu werfen versucht, und zwar beängstigend schnell.

Brandenburger TorHier besser warten!

Egal, was das Leben bringt

Landet man nicht immer wieder in einem Zustand, der jedem eigen ist und eigen bleibt, selbst wenn das Leben Ping Pong spielt? Ein Lottogewinner etwa lebt ein Jahr nach der Geldflut so glücklich oder unglücklich wie zuvor, sagen Studien. Auch Rollstuhlfahrer sind ein Jahr nach dem Unglück, das sie lähmte, so bedrängt oder sorglos wie früher. Weil der Mensch und seine Veranlagungen sich kaum verändern.

Ich weiß nicht, ob das stimmt. Ein Cocktail aus Charaktereigenschaften bleibt wahrscheinlich immer gleich, aber wir haben doch schon gesehen, wie  zum Beispiel jemand in einer Ehe auftrat und später nach der Trennung. Wie manches Mäuschen wuchs und Katzen verjagte. Wer in ein anderes Leben stolpert, macht ungewohnte Erfahrungen, und es wachsen frische (oder alte, vergessene) Facetten in ihm. Ob ein Lottogewinn für solche Erneuerungen ausreicht? Ich persönlich glaube: ein Rollstuhlfahrer könnte da mehr Glück haben.

Rätselcamp – das Ende

Als Erstes verschwand das Kirchenzelt, danach die Fahrzeuge und Wohnanhänger. Übrig sind jetzt nur noch gelb gewordene Gras-Rechtecke, die an das sonderbare Stelldichein von etwa hundert Menschen erinnern. Ein paar Wochen lang lebten sie auf dieser Wiese, und ob es sich um Roma handelte, um Sektenanhänger, um beides oder nichts davon, woher sie kamen und wohin sie gingen – wir wissen es nicht. Es gibt Fragen, bei denen selbst das Internet ergebnislos den Kopf schütteln muss. Imponierend, nicht wahr? Wir dürfen eigene Antworten entwerfen, und es darf jeden Tag eine andere sein.

Kalendergeschichte

Wieder schiebe ich den kleinen roten Plastikrahmen ein Stückchen nach rechts. 26. März zeigt der Kalender jetzt an. Morgen den 27., dann den 28., Tag um Tag, Woche um Woche, Jahr um Jahr füllen sich mit Arbeit, Pflichten, Ansprüchen. Tapfer schiebe ich den Rahmen jeden Morgen nach rechts und manchmal frage ich mich, ob es so gemeint ist, das Leben. Gefangen in den Zwängen des Alltags immerfort darum zu kämpfen, mit dem Gesicht über Wasser zu bleiben.

Natürlich gibt es Momente, die mich verzaubern. Der Schmetterling in der Frühlingssonne etwa. Die Abende in der Stammkneipe. Es gibt Menschen, die ich liebe, mein Leben ist ein Rosenstrauß, der von ihnen gebunden wird.

Trotzdem ist es nicht so, dass ich morgens aus dem Bett springe voller Lust auf den Tag. Vielmehr erschreckt er mich, so vieles ist zu meistern, und alles strengt an. Ist das für uns Menschen vorgesehen? Oder nur für mich?

Storch, Storch, Schnibel, Schnabel

*

Storch, Storch, Schnibel, Schnabel,
mit der langen Heugabel,
mit den langen Beinen.
Wenn die Sonn tut scheinen,
sitzt er auf dem Kirchendach,
klappert laut, bis alles wach!

*

Diesen Reim kenn ich auswendig. Ich las ihn meinen Kindern vor, als sie noch klein waren.

„Mein“ Storch lebt nicht auf dem Kirchendach, sondern auf einem Strommasten. Die letzten Tage sah ich ihn oft im Nest. Reglos stand er da in der Frühlingssonne, stundenlang. Gelegentlich pickte er an den Zweigen, als sortiere er etwas. Er hatte keine Eile damit. Was für ein Leben, dachte ich, ein Mensch kann sich das nicht vorstellen. In Deutschland schon gar nicht. Zeit ist kostbar, wir wollen sie nutzen, müssen etwas tun. Was alten Menschen wohl durch den Kopf geht, wenn sie nichts mehr tun können? Wie lange dauert es, bis man sich daran gewöhnt? Der Storch hingegen kennt es nicht anders. Er steht einfach da und das genügt.

*

Storch hat sich aufs Nest gestellt,
guckt herab auf Dorf und Feld,
wird bald Ostern sein?
Kommt hervor, ihr Blümelein,
komm hervor, du grünes Gras,
komm herein, du Osterhas!
Komm bald fein und fehl mir nit,
bring auch viele Eier mit!

*

Eigenarten des Seins

Kann der Mensch an verschiedenen Orten seines Wirkens ein anderer sein? Herr Bauer wird den Gedanken nicht los. Bei der Arbeit duckt er sich vor den Hieben des Chefs. Zu Hause empfängt ihn Liebe, sie macht ihn stark.  Da er sich die Umgebungen seines Lebens kaum aussuchen kann – wer ist er denn nun? Der geprügelte Stillschweiger? Oder der Sichere, der seinen Lieben am Abend in die Augen schaut und Freude darin findet? Vielleicht ist er gar noch ein anderer. Der Anheizer zum Beispiel, der mit Macht überzeugen kann von sich und seinen Ideen, der energiegeladen von einer Aufgabe zur nächsten eilt, wenn er nur die passende Kulisse findet, die das möglich macht. Herr Bauer überlegt: Wer bin ich eigentlich?

Lebensfragen

Sonderbar: Mit Krankenhaus verbinde ich zunächst Ausruhen. Verantwortung abgeben. Fallen lassen. Ich denke gerade darüber nach wie es wäre, krank zu sein. So krank, dass das Ende in Sichtweite rückt. Wie würde ich die verbleibenden Jahre oder Monate verbringen? Kein gesunder Mensch kann das wissen, aber es ist eine gute Möglichkeit, Verborgenes bewusst zu machen. Ich wüsste genau, was ich als Erstes tun würde: Meinen Beruf aufgeben!

Wir verändern uns bei der Arbeit. Wir tun bestimmte Dinge und passen uns an, wir werden immer mehr so, wie Vorgesetzte und Kollegen uns haben wollen. Würden andere Umgebungen, Vorgesetzte oder Kollegen etwas anderes fordern, wären wir selbst auch ein bisschen anders. Man sucht es sich nicht wirklich aus, und man wird beraubt, denn nur mit Menschen und Tätigkeiten, die zu uns passen, kann man sich selbst sein. Aber wer hat schon so viel Glück?

Ich würd nur noch arbeiten, wo ich mit dem Herzen dabei bin. Ich würde mich einbringen und Verantwortung übernehmen für etwas, hinter dem ich stehe. Auch wenn ich nicht davon leben könnte, dank Krankenkasse käme ich ja über die Runden. Und ihr? Wenn ihr erfahren müsstet, dass euer Leben nicht mehr allzu lange dauert: Würdet ihr etwas ändern?