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Cats

Am Largo di Torre Argentina ereignete sich einer der berühmtesten Mordfälle der Welt: 23 Messerstiche töteten das Opfer an den Iden des März im Jahr 44 vor Christus. Seine letzten Worte waren der Legende nach: „Et tu, Brute“ – „Auch du, mein Sohn Brutus.“

Heute ist der Platz einer der vekehrsreichsten Knotenpunkte in der Altstadt von Rom. Seitlich davon sieht man die Überreste einiger Tempel und des Senatsgebäudes, in dem Caesar seinen letzten Stunden bei einer Sitzung verbracht hat und wo er schließlich starb.

Die Ruinen befinden sich unterhalb des Straßenniveaus und sind für Besucher nicht direkt zugänglich, jedenfalls nicht für Zweibeiner. Dies ist das Refugium der Straßenkatzen. Warum sich die Tiere gerade hier heimisch fühlen, weiß keiner, aber es wäre ein prächtige Kulisse für das Musical „Cats“.

Um der Masse Herr zu werden, gibt es direkt neben dem Ort eine Katzen-Pflegestation. Hier kümmern sich Freiwillige um Fütterung, Sterilisation und Impfungen. Wenn ein Römer also ein Haustier möchte, geht er zur Largo Argentina und holt sich eine Katze – mit dem Wissen, dass der Vierbeiner tierärztlich versorgt wurde.

Der Platz ist übrigens nach der Torre Argentina („Straßburger Turm“) benannt, dem 1503 errichteten Turm des päpstlichen Zeremonienmeisters Johannes Burckard von Straßburg (lateinisch: Argentoratum). Hat also nichts mit Argentinien zu tun!

Ochsenauge im Kirchendach

Was für ein Koloss: das Pantheon. Es entstand in der Antike und begann sein Dasein als Tempel für alle möglichen Götter. Später wurde es zur christlichen Kirche umfunktioniert und der heiligen Maria und allen Märtyrern geweiht.

Der mächtigste Hingucker ist die Kuppel: Sie ist nämlich oben offen, und zwar mit einem Durchmesser von neun Metern. Dieses sogenannte Ochsenauge (Ocolus) ist außer dem Eingangsportal die einzige Lichtquelle im Innenraum, die Kirche hat keine Fenster. Zum Glück regnet es nicht oft in Rom, aber doch kommt es ab und an vor und dann will man nicht darunter sitzen. Deshalb gibt es im exponierten Bereich auch keine Sitzbänke, sondern Abflusslöcher im Marmorboden. Damit beim Gottesdienst keine Pfützen entstehen, ist der Boden überdies zu diesen kleinen Öffnungen hin leicht abgesenkt.

Trotz Freiluftkuppel drang früher übrigens kein Regenwasser ins Kircheninnere. Das behauptet jedenfalls die Stimme im Audio Guide. Sie spricht von Tausenden Kerzen, die einst in der Kirche brannten und eine Art Hitzeschild erzeugten. Dadurch verdunsteten die Wassertropfen, bevor sie ins Gebäude gelangen konnten.

Wenn das stimmt, muss es für die Gläubigen ein toller Effekt gewesen sein.

Und noch einen Blick von oben:

Mehr zum Pantheon

Autoschau auf römischen Straßen

Nicht nur in Rom, aber eben auch in Rom ist der Straßenverkehr eine Sache für sich. An unübersichtlichen, vielspurigen Kreuzungen zum Beispiel gibt es kein Zaudern – man fährt einfach rein. „Wenn du wartest, wartest du immer“, grinst Stefano. Kein Deutscher kann das: geschmeidig ins Chaos, einfädeln, irgendwie geht es, ein Wunder. Wir kommen jedes Mal heil an, auch wenn es nie danach aussieht auf dem Rücksitz.

Fette Audis und Mercedes sehen wir kaum, nur Kleinwagen, und so gut wie jedes Fahrzeug hat Blessuren. Die Millionärskarossen parken im abgesicherten Modus auf privaten Grundstücken. Wir haben nur einmal gesehen, wie in der Luxusstraße Via Condotti eins herausfuhr. Ein paar Männer zogen hohe Eisentore auf und verscheuchten die Menschentraube davor, dann rollte ein hochglanzpolierter Wagen heraus. Ansonsten gibt es eben Wichtigeres als Autos. Gutes Essen zum Beispiel.

Auch das Parken soll erwähnt werden: Geparkt wird, wo ein Auto hinpasst. Parkverbotsschilder sind nur die berühmten Vorschläge. Einmal sehen wir einen Fiat, der auf der gestreiften Fläche im Zentrum einer Kreuzung abgestellt ist. Der Fahrer sei wohl ein Eis essen gegangen, mein Stefano, und nein, auch dieses Auto wird nicht abgeschleppt werden. So wenig wie die andern, die im unbeschränkten Halteverbot stehen. Deshalb ist Parken in Rom praktisch kostenlos (während Alkohol am Steuer streng geahndet wird). Ich habe den Eindruck, dass Italiener sowieso nirgends lange bleiben. Sie sind ständig unterwegs, und ein Auto ist bald wieder weg.

Ich mag dieses Improvisiationstalent und wie alles fließt, es ist so herrlich italienisch. Und zur Überraschung mancher Deutschen bricht der Stadtverkehr nicht zusammen!

Zwischenstationen

Bei unseren Streifzügen durch Rom ruhen wir gerne in einer Kirche aus. Man kann nicht glauben, wie viele monumentale und pompös ausgestattete Kirchen und Basiliken einfach so am Straßenrand liegen. In den Flaniermeilen stehen die Türen weit offen, sodass man beim Shopping eben mal abbiegen und ein paar Momente der Andacht erleben, oder sich einfach nur einmal hinsetzen kann.

Gewöhnungsbedürftig finde ich, dass in den Kirchen leise Musik im Hintergrund läuft, populäre Melodien wie das Ave Maria oder Adeste Fideles in der Nachweihnachtszeit. Vielleicht soll das die Touristen ansprechen in der Hoffnung, dass in eins der zahlreichen Kässchen gespendet wird. Nur so können die üppigen Kunstschätze erhalten werden vielleicht. Man kann dafür ein Heiligenbildchen mitnehmen oder eine Kerze anzünden. In der Kirche San Giacomo in Augusta z. B. muss man beim Hl. Antonius eins der zahlreichen Hebelchen umlegen, dann geht die entsprechende elektrische Kerze an. Es funktionierte aber erst beim vierten Versuch.

Dann habe ich lange zu ihm gebetet. Weil ich gerade einen der wichtigsten Menschen in meinem Leben verliere. Ich hoffe, der Hl. Antonius hilft uns.

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Das Te Deum

Am Silvestertag sitzen wir im Petersdom und warten darauf, dass der Vespergottesdienst beginnt. Links von mir nestelt eine niedliche kleine Nonne mit ihrem Handy herum, verschickt WhatsApps, steht auf und filmt, telefoniert, eine Italienerin. Sie sitzt direkt am Mittelgang.

Es ist noch über eine Stunde Zeit, denn man muss früh dran sein, um an einem solchen Ereignis teilzuhaben. Wie groß alles ist. Heute werden hier 60.000 Menschen gemeinsam das Jahr ausklingen lassen, die zu spät gekommenen auf dem Petersplatz nicht mitgezählt. Ich betrachte die gewaltigen Kunstwerke von Bernini und Michelangelo, und tief unter uns liegt irgendwo der Apostel Petrus begraben. Gott scheint hierzusein, ich spüre ihn, und er ist groß. Viel größer, als ich ihn sonst wahrgenommen habe. Also gibt es ihn doch, hoffe ich und kann es gar nicht umsetzen, dass ich wirklich hier bin. Und fast direkt am Mittelgang.

Der Altar mit dem beeindruckenden Bronze-Baldachin von Bernini.
Darüber die Kuppel von Michelangelo.

Irgendwann beginnt der Einzug. Ministranten, Bischöfe, Kardinäle betreten die Basilika, und mitten unter ihnen ER. Der einen kleinen Renault fährt. Der in der Kantine zum Essenholen ansteht. Der in bescheidenen Räumen wohnt. Der Papst. Tausende Arme schnellen nach oben mit Handys, um Bilder zu erhaschen. Als Franziskus etwa zwei Meter neben uns vorbeischreitet, dreht sich die kleine Nonne plötzlich zu mir um, dreht dem Papst also den Rücken zu und hebt rasch ihr Handy hoch. Hat sie gerade ein Selfie gemacht? Ja. Hat sie. „Ich und der Papst“, wird sie stolz zu ihren Mitschwestern sagen.

Ein Chor mit überirdisch schönen Stimmen beginnt mit dem Lob-, Dank- und Bittgesang des Te Deum, im Wechsel singt die Gemeinde. Ich singe alle Lieder mit, auf lateinisch, wir haben ein Büchlein mit den Texten erhalten. Egal ob richtig oder falsch – ich möchte Teil dieser Gemeinschaft sein, auch wenn sie beim Anblick der ständig nach oben gereckten Handy-Hände fast ausschließlich aus Touristen zu bestehen scheint. Aber ich bin ja auch nicht besser. Ich will auch Bilder von diesem fantastischen Ort, und diesem fantastischen Papst.

Franziskus hält nach einiger Zeit eine Predigt auf italienisch. Ich mag seine Stimme so, und ganz bestimmt erzählt er uns von der Liebe, von der großen Liebe Gottes zu den Menschen, und wie wir es im Kleinen nachtun können.

Später wird er auf dem Petersplatz die abgesperrten Wege abschreiten, freudig, lachend, wie wir ihn aus dem Fernsehen kennen. Er wird sich viel Zeit nehmen und den Menschen die Hand reichen, kleine Kinder küssen. Auf großen Bildschirmen werden wir ihn sehen und uns mitfreuen. So geht das, mit der Liebe.

Essen wie Gott in Italien

Unser Freund fährt heute mit uns aus Rom heraus. Es geht etwa 30 km westwärts und wir sind am Meer. Wir betreten ein Restaurant direkt am Strand, hier gibt es nur Fisch und Meeresfrüchte, frisch gefangen. Stefano hält eine kurze Besprechung mit der Wirtin, danach kommt ein Gang nach dem andern. Ich esse sogar Muscheln und diese kleinen Tintenfische, die ich sonst nicht mag. Hier schon. Hier esse ich alles, es schmeckt zum Niederknien. Ich gieße mir von dem spritzigen Weißwein nach, wieder und wieder rollt die Bedienung den Servierwagen heran mit weiteren Köstlichkeiten. Irgendwann fürchte ich schon das leise Quietschen der Räder, weil mein Bauch soviel Nahrungszufuhr nicht gewöhnt ist. Aber da muss er heute durch.

Am Ende kommt die Rechnung auf etwa 40 EUR pro Person für zwei Stunden Essen. Inklusive Trinkgeld. (Ich kämpfte mit allen Mitteln, dass ich bezahlen darf). Wir sind eben nicht in der City.

Danach geht es zurück nach Rom, wo wir weiteressen müssen. In Italien bleibt man offenbar nicht den ganzen Abend an einem Ort. Stefano bringt uns in ein Cafe, in dem es ausschließlich Desserts gibt. Ich muss Bilder machen, zu verführerisch sind die Auslagen. Aber nicht nur die Optik ist perfekt, sondern auch die Qualität. Kein Römer würde irgendein gefärbtes Teigstück essen, versichert uns Stefano. Dolce vita ist in Italien ein hohes Lebensziel, und dazu gehört gutes Essen. Das beste Zeichen für ein Restaurant ist, wenn es von Römern besucht wird. Wenn die Qualität nicht stimmt, wird ein Geschäft bald schließen, sagt Stefano. Nur in der Innenstadt halten sie sich, Touristen essen alles.

Wir setzen uns an ein kleines Tischchen und Stefano bestellt klassisches Tiramisu für uns. Es schmeckt fein, sahnig, aber nicht fett und schwer. Dazu wird nur Wasser getrunken, erst danach gibt es Espresso. Am liebsten würde ich ja die kompletten Auslagen durchprobieren, aber mein Magen sagt: Nein.

Stefano findet indes, dass wir immer noch nicht genug gegessen haben und bringt uns zum Abschluss in die älteste Eisdiele Roms, die Gelateria Fassi. Es gibt sie seit 1880 und sie lieferte schon damals Eiscreme in die ganze Welt. Wir nehmen auch das noch, und das Eis ist fruchtig, cremig, nicht übertrieben süß, und mit einem Euro pro Kugel auch günstig.

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Derart vollgefressen dürfen wir ins Hotel zurück. Stefano kurvt uns durch die Nacht zurück in die Innenstadt von Rom. Mein Bauch fühlt sich trotz der Völlerei merkwürdig angenehm an, wie ein wärmender Freund. Gutes Essen muss nicht beschweren.

 

Das Leben der neuen Römer

Stefano bringt uns zu sich nach Hause. Er wohnt in einem 6-Familienhaus am Stadtrand von Rom, alle Parteien sind von Familienmitgliedern bewohnt: Stefano, Maamma, Schwester, Bruder, Onkel, Cousin. Das sei normal in Italien. Er zeigt uns stolz den großen Gemüsegarten, die riesige Garage mit Vespas, Segway, Motorrädern, aufgebocktem Cabrio-Oldtimer, Essensvorräten, einem leeren Aquarium und anderem Zeug. Alles ist picobello aufgeräumt.
An jeder verfügbaren Ecke im und ums Haus herum stehen etwa einen Meter hohe weiße Gipsstatuen. „Mein Onkel“, sagt Stefano und verdreht die Augen. Man wisse nicht was tun, er stelle überall diese Statuen auf. Kommt man vom Einkaufen zurück, ist garantiert irgendwo eine dazu gekommen.

Nun werden wir in die weitläufige Wohnung geführt. Wir lernen Stefanos zweite Frau kennen, eine warmherzige, schöne Italienerin. Den zehnjährigen Sohn kennen wir schon aus Deutschland, als seine Mutter noch lebte. Groß ist er geworden.

Stefanos Bruder kommt dazu, später ein Freund. Wir trinken Espresso, essen Kuchen, dann führt uns Stefano durch die Wohnung wie ein Schlossherr. Wir schauen viele Fotos an den Wänden an, ein ganzes Leben in Bildern. Im Zimmer des Kindes hängt ein Poster seiner verstorbenen deutschen Mutter. Wie schön sie war.

Dann müssen wir die Wohnung des Bruders besichtigen. Dort werden sogleich Waffen herausgeholt – Luigi ist Sportschütze. Pistolen, ein Jagdgewehr und ein Automatikgewehr werden hochgehoben, der Freund posiert für ein Foto, schimpft auf rumänische Immigranten, Gelächter. Ich nehme eine Pistole in die Hand, lasse mich aber nicht fotografieren und will nur sehen, wie es sich anfühlt. Die Waffe ist klein und überraschend schwer.

Zum Schluss geht es in die Wohnung der Mutter, die nicht zu Hause ist. Das macht aber nichts, wird uns gesagt. Wir bewundern die Einrichtung, alles ist gediegen und elegant, traditionell mit Spitzendeckchen und goldgerahmten Bildern, nicht zuviel und nicht zuwenig, aufgeräumt und fast abgeschleckt sauber ist es auch hier.

Zurück in Stefanos Wohnung wird unter lebhaftem Palaver Wein aus dem Keller geholt, wir trinken ihn aus kleinen Wassergläsern. Dann kommt die Pizza, Oliven aus dem eigenen Garten, Dies und Das. Im Fernseher läuft ein Trickfilm, der Junge sitzt davor und kichert. Er macht den Ton leiser, als Stefano ihn dazu auffordert. Es ist alles so unkompliziert hier.