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Rutenfest

Fahnenschwingergruppe St. Konrad

Kürzlich beim Aufmarsch der Trommler- und Fanfarenzüge in meiner Heimatstadt: Dumpfe Trommelschläge hallen von den Mauern der Altstadt und eilen den Zügen voraus, die nach und nach in die Bachstraße einziehen. Sie formieren sich vor einer Tribüne und es wird über eine halbe Stunde dauern, bis die letzte Gruppe angekommen ist.

Bis dahin verharren alle Trommler und Fahnenträger in Habtachtstellung. Es ist ihnen nicht erlaubt zu reden, zu lachen, sich zu rühren. Es ist heiß. Besorgte Freunde und Freundinnen dürfen ihnen Luft zufächeln, Schatten spenden oder eine Trinkflasche an ihre Lippen führen. Nach und nach hat jede Gruppe ihren Einsatz, während alle andern weiterhin strammstehen, stumm, starr. Sie blenden ihre Individualität aus und unterwerfen sich militärischem Drill. Warum nur?

Mein Sohn, selbst ein „Ehemaliger“, erklärt es mir. Zu einem Trommlerzug zu gehören, ist eine Ehre. Es ist cool. Man muss es aushalten, tagelang 12-16 Stunden im Einsatz zu sein, man will besser sein als die anderen Trommlerzüge, man hat eine Gemeinschaft mit festen Strukturen. Die klaren Anweisungen sind für die Vierzehn- bis Achtzehnjährigen mit ihrem pubertären Herummäandern hochwillkommen. (Das erklärt, warum es keine Mädchengruppen gibt. Feste Anweisungen und Vorgaben brauchen sie zu keinem Zeitpunkt in ihrem Leben.)

Nun kommt Bewegung in das Trommlercorps der Gymnasien, das direkt vor mir steht. Sie sind an der Reihe, die Trommelschläger fliegen, jede Bewegung ist bis in den kleinen Finger eingeübt, jedes Zucken im Gesicht unter Kontrolle. Tausende Menschen johlen, tanzen, klatschen. Vor allem die Mädchen.

 

Rutenfest

 

Frühere Beiträge

 

 

Koi Zeit – Ruatefescht!

Inzwischen hab ich natürlich schon wieder Zeit, denn das Rutenfest ist vorbei. Ich rede vom legendären Höhepunkt des Jahres in meiner Heimatstadt, wenn gefühlt die komplette Bevölkerung auf den Beinen ist bzw. mit dem Hintern auf einer Bierbank, für deren Aufstellungsorte es vielerlei Möglichkeiten gibt. Wir können so ein Fest auch nicht in einem Tag abhandeln – es braucht von Freitag bis Dienstag, plus Rutenausgraben und -vergraben davor und danach.

Als ich ein Teenager war, bummelte ich manchmal mit meiner Mutter durch den Rummel, oder wir sahen uns einen der Schießwettbewerbe an oder wackelten den Trommlerzügen hinterher. Es war schon damals so schön. Aber der Sinn des Rutenfests ist es natürlich nicht, mit der Mutter unterwegs zu sein.

Der Sinn des Rutenfests ist es, Leute zu treffen, egal ob man sie kennt oder nicht. Deshalb ließ sie mich einst gern zum Jugendtanz in eine Veranstaltungshalle, während sie im Bärengarten Kollegen und andere Leute traf. Der Bärengarten ist übrigens kein Zoo, sondern ein Biergarten. Während des Rutenfests wird dort soviel Bier pro Quadratmeter konsumiert, dass er es ins Guiness Buch der Rekorde schaffte.

40.000 Menschen schauten sich dieses Jahr den historischen Festzug an, es gibt Kindertheater, Jugendkonzerte und Fanfarenzüge, aber der größte Charme des Spektakels sind die Ravensburger Patrioten. Unendlich viele kommen zum miteinander Feiern, auch wenn sie schon lange nicht mehr hier wohnen. Aus der ganzen Welt reisen Gäste an, und so trifft man immer wieder Menschen, die man Jahre oder Jahrzehnte nicht gesehen hat.

Ich war aber schon glücklich, meine Kinder wieder einmal vollzählig um mich zu haben, die sich aus München/Stuttgart/Freiburg auf den Weg gemacht hatten. Den Samstagabend verbrachten wir mit ihnen und FreundInnen und Tausenden anderen mit dem Weingläsle in der Hand auf dem Marienplatz, und mit den Kindern kamen auch deren Freunde und ehemaligen Klassenkameraden. Da flog mir ein junger Mann in die Arme, den ich zum letzten Mal in der Kommuniongruppe gesehen hatte, die ich damals leitete, und einen nunmehr älteren Mann hatte ich nachgewiesenermaßen 34 Jahre nicht mehr gesehen.

Ach, was hatten wir für einen Spaß, und wie kostbar ist es, liebe Menschen um sich zu haben und zusammenzugehören. Schee wars!

Die schönsten Bilder vom Rutenfest

Historischer Festumzug

Geschichtliches

Willkommen uns, du Tag der Freude

Bin ein bisschen heiser heute. Kein Wunder, wenn man sich bei kühlem Regenwetter tagelang im Freien aufhält und gegen Trommeln, Fanfaren und Schlagermusik von Live-Bands anschreit. Aber was muss, das muss, und der Husten geht auch wieder weg. Wenn eine ganze Stadt sich selbst feiert und man lebt in diesem Flecken, dann ist das fast ein bisschen wie Fußball-Weltmeisterschaft. Na gut, der Umfang der Fangemeinde beschränkt sich auf die Größe dieser Kleinstadt, doch patriotisch ist man hier auch: Du Perle in dem Schussental, sei mir gegrüßt viel tausendmal, viehiel tauuuseeendmaaal! (*hust*)

Dabei kann Heimatverbundenheit einzig eine Folge praktischer Überlegungen sein, z.B. wenn man nach dem Studium im Heimatort eine Arbeitsstelle angeboten bekommt, oder wenn Kinder geboren werden und die Verwandtschaft wichtig wird. Da sitzt man dann also und kann nicht anders, doch die Einbindung in eine vertraute Dorfgemeinschaft oder ins altbekannte Stadtleben hat einem Menschen, glaube ich, noch nie geschadet.

Also feiert man mit: Jahr für Jahr ein Fest für die ganze Stadt. Erinnerungen werden zusammen getragen, die als Grundschüler beginnen mit den verschiedenen Kostümen, die beim historischen Umzug jeweils getragen wurden. Dann folgt das Feiern auf Plätzen und in Biergärten, das Wiedersehen von alten Bekannten, die Trommeln, Pfeifen und Dudelsäcke, Spiele für die Kinder, Schülertheater, Zielschießen auf Wappen, Türme und Adler, das Kopfschütteln wegen der konservativen Gymnasien, wo Mädchen nicht denselben Stellenwert haben in den Traditionen, auch das gehört zum Programm. Wie die heisere Stimme und der gedankenverlorene Blick heute morgen, als ich nach dem Spektakel wieder an den Schreibtisch zurück kehrte.


Rutenfest

Abartig geil

Tagelang schob ich mich durch überfüllte Straßen. Rutenfest! Den Ravensburgern unter den Lesern muss ich das nicht erklären, den andern kann ich es nicht. Mein Sohn fehlte. Im Biergarten schien trotz des Gedränges ein Platz leer geblieben zu sein. Er war das Thema während des ganzen Festes und alles, was ich tun konnte war, wie ein Tourist mit der Kamera Bilder einzufangen für ihn. Er hatte es sich gewünscht, damit er wenigstens etwas zum Anschauen hat.

Übrigens war das Rutenfest nicht der Grund, dass ich nichts berichtet habe in den letzten Tagen. Mein Computer ist nur gerade dabei sich zu verabschieden. Aber nun endlich zur „abartig geilen“ Neuheit (O-Ton des Sohnes) von heute: Er kann wieder laufen! Mit einem Gerät durfte er die ersten Gehversuche machen, wie glücklich er war! Ganz verändert klang seine Stimme, als er mich anrief. Wie dieses Gerät funktioniert, hab ich nicht verstanden, irgendwo stützt er sich mit den Unterarmen auf, damit Becken und Bein nicht voll belastet werden, und es funktioniert. Nur das ist wichtig:  Er kann damit gehen. Das Gleichgewicht zu halten fiel ihm schwer, im Becken knackte es und er hat jetzt Muskelkater in den dünn gewordenen Waden. Aber mit seinen eigenen Beinen ist er den Gang auf- und abgewandert, und das ist – abartig geil!

Am Montag und Dienstag war er in Ulm, dort wurden am linken Arm die Drähte entfernt. Es tut ihm noch weh, doch die Schiene ist weg und jetzt sieht man, dass sein Oberarm ungefähr noch denselben Umfang hat wie sein Unterarm. Intensives Aufbautraining liegt also vor ihm.

Morgen ist sein 21. Geburtstag. Was für ein Geschenk, dass wir das mit ihm erleben dürfen.