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Zimmerreise 01/2021 – Mit Bambus stricken

Bei einer Zimmerreise geht es darum, die gewohnte Umgebung neu zu entdecken. Dazu werden Gegenstände in einem Zimmer nacheinander betrachtet und ihre Geschichte erzählt. Diese literarische Gattung gibt es seit dem 18. Jahrhundert.
Zu meinen Zimmerreisen inspiriert mich ein Projekt von Pflanzwas und Puzzleblume, mehr dazu hier. Jeder kann teilnehmen und selbst auf die Reise gehen.

Im Januar soll das zu bereisende Objekt die Anfangsbuchstaben A, B oder C tragen. Da ich vor kurzem umgezogen bin und wenig mitgenommen habe, ist die Auswahl überschaubar. Ich finde also nichts mit A oder C, aber ein zweites Mal eins mit B:

Die Bambusstricknadeln

2021-01-16 Bambusstricknadeln

Ich besitze dieses Stricknadelset seit dem Jahr 2015. Es ist das Jahr, in dem ich die Wohnung meiner Mutter ausräumen musste, weil sie in ein Pflegeheim kam.
Ich ging also durch ihre Schränke und Schubladen und fand unter anderem eine halbe Socke. Aus roter Wolle war ein Sockenbund gestrickt, der an Bambusnadeln hing, was ich bis dahin nie gesehen hatte. Ich kannte nur Nadeln aus Metall, hatte aber seit Jahrzehnten keine Handarbeit mehr angefertigt und war nicht auf dem Laufenden.

Die halbe Socke war von meiner Mutter begonnen worden, ich weiß nicht für wen, aber die Finger waren schwach geworden und so blieb das Werk unvollendet.

Aus dem Blogbeitrag „Schicksal

Seufzend nahm ich auch das mit nach Hause, eine Weile lang lag die Socke herum. Irgendwann nahm ich sie auf und strickte weiter. Was hätte ich damit tun sollen? Es gelang mir aber nur schlecht, Fersen zu stricken ist nichts für Anfänger.
Trotzdem kriegte ich es irgendwie hin und die zweite Socke auch. Als sie fertig waren, brachte ich sie meiner Mutter.

Sie trug sie noch ein paar Monate lang. Dann starb sie und die Socken kehrten zu mir zurück.
Ich weiß nicht, wo sie hingekommen sind, ich habe sie nicht mehr, aber die Bambusstricknadeln sind noch da. Mit ihnen strickte ich noch viele Socken für meine Kinder, früher für den geliebten Briten, heute für Tochter und Schwiegersohn und demnächst für unser Zwergle – das erste Enkelkind, das im März zur Welt kommen wird.
Die Fersen beherrsche ich inzwischen im Schlaf.

Ich habe für Socken niemehr andere Stricknadeln verwendet als dieses eine Spiel aus Bambus, obwohl ich ungefähr fünf Metall-Nadelspiele habe. In manchen Stricksets liegen sie ja bei, ich packe sie nicht einmal aus.
Bambus-Stricknadeln liegen warm in den Fingern und erzeugen beim Stricken nicht dieses leise Quietschen wie Metallnadeln. Vielmehr klingt es beim Aneinanderschlagen wie Holz und es fühlt sich lebendig an in meiner Hand. Deshalb kommt mir nichts anderes in den Strickkorb: Es müssen Bambusnadeln sein, und zwar diese hier.

 

(334 Wörter)

Sock‘n Woll

Ich habe drei Socken gestrickt. Die Tochter klagte über kalte Füße im Bett, und obwohl der Abschluss einer besessenen Sockenstrickphase 25 Jahre her ist,  überfiel mich spontan die Lust, es wieder zu versuchen. Etwas Einfaches wollte ich tun. Etwas, das hübsch aussieht und Freude macht, etwas Befriedigendes eben. Und mit dem Sockenstricken ist es ja wie mit dem Fahrradfahren: Man verlernt es nie.
Dachte ich.

Wenn ich etwas tue, dann ordentlich, sagte ich mir, auch wenns länger dauert. Deshalb trennte ich den Bund wieder auf, weil er zu weit geworden war.  Dann brauchte die Ferse drei Versuche, um nicht auszusehen wie eine Pappnase oder als leide die Socke an Beulenpest. Der Fuß dagegen gelang mühelos (man strickt nur geradeaus), aber die Fußspitze glich einem mittelalterlichen Schnabelschuh. Auftrennen und nochmal.

Die erste Socke war also wie zwei Socken stricken, die dritte (physisch die zweite) lief wie geschmiert. Bei der Anprobe stellte sich aber heraus, dass die Fersen zurechtgezupft werden müssen, damit sie nicht schief sitzen. Mir unerklärlich. Auch die aufgenähten Häkelblümchen könnten gleichmäßiger sein. Aber ich wollte jetzt fertig sein, stickte noch ein paar Perlchen an und gut.

„Ich mag Dinge mit Ungereimtheiten“, rief meine Tochter, als sie das pinkfarbene Sockenwunder in den Händen hielt. Vielleicht sagte sie das nur. Aber die Socken sehen witzig aus und fürs Bett sind sie wohl gut genug. Für eine einfache, befriedigende Tätigkeit werde ich mir dennoch etwas anderes suchen. Vielleicht ein Schal.