Schlagwort-Archive: Sonstiges

Vorfrühling

Vorfrühling

Härte schwand. Auf einmal legt sich Schonung
an der Wiesen aufgedecktes Grau.
Kleine Wasser ändern die Betonung.
Zärtlichkeiten, ungenau,

greifen nach der Erde aus dem Raum.
Wege gehen weit ins Land und zeigens.
Unvermutet siehst du seines Steigens
Ausdruck in dem leeren Baum.

Rainer Maria Rilke

Ich wünsche euch allen einen schönen,
vorfrühlinghaften Sonntag!

 

Zimmerreisen 02/2021: E wie Eieruhr

Diese Eieruhr brauche ich nicht zum Eierkochen, sondern beim Zähneputzen. Streng genommen ist es also eine Zähneuhr, und sie ist das Ziel dieser Zimmerreise.

Ich suchte einige Zeit nach einer günstigen kleinen Sanduhr zur ausreichenden Zahnhygiene. Man findet diese Uhren aber kaum noch in den Geschäften, elektronische Geräte mit Alarmton sind wohl komfortabler. Aber es muss noch etwas geben, was ich nicht mit dem Handy erledige, deshalb wollte ich beim Zähneputzen eine Sanduhr. Man steht sowieso davor und kann das Ende nicht verpassen.

Dass ich dieses Helferlein doch noch fand, verdanke ich der Tochter. Wir waren im örtlichen Drogeriemarkt unterwegs und sie entdeckte es nicht bei den Haushaltswaren, sondern im Zahnpflege-Regal. Es gab nur Designs für Kinder, deshalb ist diese Eieruhr in Pink und hat oben eine Prinzessin. Die Tochter nahm eine blaue mit Ritter.

So banal die Rolle einer Sanduhr beim Eierkochen oder Zähneputzen ist, so bedeutungsschwer war sie in der Vergangenheit. Jahrhundertelang galt die Sanduhr, auch Stundenglas genannt, als Symbol für Vergänglichkeit.
Die nach unten rieselnden Körnchen machen Zeitfluss, Übergang, Unabänderbarkeit und Tod sichtbar. Wenn das Häufchen unten liegt, ist eine Zeit abgelaufen.

In der Sanduhr unseres Lebens steht für ein Sandkorn bei jedem Menschen ein anderer Wert: ein Monat, eine Woche, ein Tag? Wir wissen es nicht, nur dass sie fallen, und dass wir während dieses Fallens jeden Moment nutzen und das Beste daraus machen sollten.

Damit wir nicht zu melancholisch werden, rasch ein Abstecher zu Professor Horace Slughorns Stundenglas. Er ist Lehrer in Hogwarts (wir sind also bei Harry PotProfessor Slughorns Stundenglaster) und seine Sanduhr ist etwas speziell: der Sand fällt nämlich unterschiedlich schnell.
Maßgebend ist immer ein Gespräch, das gerade stattfindet. Ist es anregend und bereichernd, fließt der Sand langsam. Ist es dagegen inhaltslos und einschläfernd, fließt der Sand schnell. Der Professor ist nämlich ein Genießer und er will seine Zeit nicht mit Nutzlosem verbringen.
Wenn es so etwas gäbe! Da könnte der Partygast am Stehtisch Kollege beim Zoom-Meeting ins Schwitzen kommen, wenn das Häufchen zu schnell wächst, und man stelle es sich erst bei einem Bewerbungsgespräch vor.

Eine Sanduhr kann übrigens auch vor- oder nachgehen. In der Kälte rieselt der Sand nämlich schneller durch, und wenn es sehr warm ist, fließt er langsamer. Wen der physikalische Hintergrund interessiert – hier ist er erklärt.

Erfunden wurde die Sanduhr im 14. Jahrhundert und man brauchte sie vor allem in der Seefahrt. Der Durchlauf eines Glases dauerte 30 Minuten und mit dem Verrinnen des zweiten Glaskolbens nach der Drehung wusste man, wann eine Stunde vorbei war. Daher auch die Bezeichnung Stundenglas.

Meine Eieruhr zeigt fast auf die Sekunde genau drei Minuten an. Da ich sie weder mit dem Haarfön erwärme noch in den Kühlschrank stelle und in meinem Badezimmer weder anregende noch ermüdende Gespräche stattfinden, wird es wohl immer bei den drei Minuten bleiben.
Drei Minuten Zähneputzen = drei Minuten Lebenszeit.
Das macht auch dieser kleine Plastikartikel mit einer Prinzessin obendrauf klar.

 

(478 Wörter)

Regentropfenrätsel

Wer viel Zeit zu Hause verbringt, hat viel Zeit zum Nachdenken. Fragen treten auf, von denen sich manche beantworten lassen, andere nicht. Jedenfalls nicht von mir.

Zum Beispiel beschäftigt mich die Windschutzscheibe meines Autos: Warum sehen bei Regenwetter die Wasserperlen innerhalb der Scheibenwischerfläche anders aus als außerhalb? Dort, wo die Scheibenwischer nicht hinkommen, sitzen winzige Tröpfchen sauber nebeneinander. Wo dagegen gewischt wird, sieht es auf der Scheibe etwas ungeordnet aus. Nass halt, aber ohne System.

Das Bild entstand nach durchregneter Nacht, bevor ich den Motor startete. Scheibenwischerwasser habe ich seit Wochen oder Monaten nicht benutzt, ich weiß gar nicht, ob noch etwas drin ist. Das Glas müsste also außen eine einheitliche Oberfläche haben. Warum formen sich dann scharf abgetrennt unterschiedlich aussehende Wasserperlen? Weiß das jemand?

Zimmerreise 01/2021 – Die Bücherkartei

Bei einer Zimmerreise geht es darum, die gewohnte Umgebung neu zu entdecken. Man reist zu beliebigen Gegenständen in einem Zimmer, betrachtet sie und erzählt ihre Geschichte und Hintergründe. Diese literarische Gattung gibt es seit dem 18. Jahrhundert.
Zu meinen Zimmerreisen inspiriert mich ein Projekt von Pflanzwas und Puzzleblume, mehr dazu hier. Jeder kann teilnehmen und selbst auf die Reise gehen.

Im Januar soll das zu Reiseziel den Anfangsbuchstaben A, B oder C tragen.

Die Bücherkartei

Ihr werdet mich für plemplem halten, denn obwohl ich mit der Digitalisierung keine Berührungsängste habe und ständig mit Apps oder Dateien hantiere, habe ich dennoch eine Bücherkartei. Richtig gelesen: einen Karteikasten mit Karteikarten drin. Die Älteren erinnern sich.

Die Bücherkartei steht seit Jahren in meinem Wohnzimmer.

Auf jeder Karteikarte ist der Titel eines Buchs vermerkt sowie dessen Autorin oder Autor, ein Satz zum Inhalt, zwei Sätze darüber, wie ich das Buch fand, in welchem Land die Handlung spielt und in welchem Jahr ich das Buch gelesen habe. Die Farbe der Karteikarten sagt noch etwas über den Gesamteindruck aus. Gelb z.B. sind die herausragenden Bücher.

Und das kam so:

In der Wohnung meines führeren Lebens gab es ein Arbeitszimmer, das mein damaliger Lebenspartner nutzte. Er saß dort am PC, um Nachrichten und Filme zu sehen und der Raum diente als Lager für seine Sachen: Unterlagen, Eisenbahnbücher, alte Atlanten, ein kleiner Bergmann aus Bronze, Tassen und Teller mit Arsenal-Aufdruck, angefangene Basteleien, Kabel, Werkzeuge, mehr Unterlagen, IT-Gedöns, Zeug eben.

Nach Jahren bat ich meinen Partner um diesen Raum, weil mir dringend ein Rückzugsort fehlte. Er schrie nicht Hurra, war aber einverstanden. Sein PC wanderte ins Wohnzimmer und um Platz zu schaffen für seine „Sachen“, räumte ich im Wohnzimmer den großen Schrank aus. Hier gab es vor allem eines: Meine Bücher. Hunderte.

Sie hatten in dem kleinen Arbeitszimmer keinen Platz, denn es sollte ein luftiger, minimalistischer Ort werden, an dem ich mich wohlfühlen konnte.

Also räumte ich aus. Tagelang. Ein Buch nach dem andern legte ich in Kartons und schenkte sie der örtlichen Bücherei. Man glaubt nicht, wie sehr man sich Büchern verbunden fühlen kann, ich erkannte es erst da. Tränen flossen. Es war nicht leicht. Aber ein eigenes Zimmer war eben wichtiger.

Die Bücher waren also weg, verloren, wenig später schaffte ich mir einen eReader an. Ich wollte nie wieder Bücher weggeben müssen.

Von da an bannte ich jedes gelesene Buch auf eine Karteikarte. Ich brauche das. Ich muss etwas haben, was ich sehen und anfassen kann wie früher die Bücher im Regal. Ich muss wissen, was ich gelesen habe und *dass* ich gelesen habe.

So entstand die Kartei. Sie enthält alle Bücher, die ich seit 2016 gelesen habe. Platzsparend. Weggebsicher.

 

(352 Wörter)

 

Zimmerreise 01/2021 – Collagen

Bei einer Zimmerreise geht es darum, die gewohnte Umgebung neu zu entdecken. Dazu werden Gegenstände in einem Zimmer nacheinander betrachtet und ihre Geschichte erzählt. Diese literarische Gattung gibt es seit dem 18. Jahrhundert. Zu meinen Zimmerreisen inspiriert mich ein Projekt von Pflanzwas und Puzzleblume, mehr dazu hier. Jeder kann teilnehmen und selbst auf die Reise gehen.

Im Januar soll das zu bereisende Objekt den Anfangsbuchstaben A, B oder C tragen.

Collage Feuerspeier

Es gibt nun doch eine Zimmerreise zu einer Station, die Erinnerungen an mein vergangenes Leben auslöst. Ich wollte das vermeiden, aber ich kann auch nicht so tun, als hätte es diese Zeit nicht gegeben. Außerdem habe ich nun einen Begriff mit C.

Es handelt sich um eine Collage, die ich niemals aufhängen würde. Sie liegt in einem Ordner im Wohnzimmer, zusammen mit anderen Werken, die davor und danach entstanden sind.

Auf der Rückseite steht: „Mein Leben geht in Flammen auf, meine Kraft verlodert, verglüht, es wird kalt.“

So war das letztes Jahr im Sommer.

Collagen halfen mir eine Zeitlang, das auszudrücken, was ich nicht in Worte fassen konnte. Wenn ein Bild fertig war, sah ich: „So ist es“, und konnte es ablegen.
Es tauchten neue Dämonen auf, auch diesen gab ich Gestalt in der gleichen Weise. Sie gaben Ruhe und die nächsten erschienen, immer wieder andere. Eine Zeitlang ging das so.

Am wichtigsten bei der Collagetechnik sind mir nicht die Motive, sondern der Hintergrund. Er bestimmt den Eindruck, die Stimmung. Es muss eine ruhige Fläche sein, damit sie nicht von den aufgeklebten Elementen ablenkt. Die Farbe muss der seelischen Verfassung entsprechen, in der ich mich gerade befinde, nur dann wirkt das Ergebnis „therapeutisch“.

Der Hintergrund war deshalb das Einzige, was ich später nicht mehr dem Zufall überließ, d.h. ich nahm nicht mehr das, was gerade da war. Man findet in Publikationen sowieso kaum etwas Ganzseitiges mit sparsamem Design und wenn, dann nicht in der Farbe, die gerade gebraucht wird.

Also stellte ich die Hintergründe selbst her. Ich kopierte dazu einen Ausschnitt aus einer Bilddatei mit Mauer, Himmel, Sand oder was immer, vergrößerte ihn auf A4 und druckte es aus. Dann schnitt ich aus Zeitschriften, Reklameblättchen, Flyern usw. Motive aus, die mich ansprachen.

Egal was man auf einen verhaltenen Hintergrund auflegt: es erzeugt immer einen Effekt, ein kleines Oh-Erlebnis, und auch das half mir: Etwas zu kreieren, was mich berührte.

Der Feuerspeier war meine letzte Collage mit Farben, ihre Einzelteile stammen aus einem Modeprospekt. Die nachfolgenden Werke wurden überwiegend grau und schwarz.

Eines Tages werden wieder Bilder entstehen, auf denen die Sonne scheint. Deshalb darf der Ordner mit diesen Bildern nicht in den Keller wandern, er muss im Wohnzimmer bleiben. Denn die Geschichte ist ja noch nicht zu Ende.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

(379 Wörter)

Zimmerreise 01/2021 – Mit Bambus stricken

Bei einer Zimmerreise geht es darum, die gewohnte Umgebung neu zu entdecken. Dazu werden Gegenstände in einem Zimmer nacheinander betrachtet und ihre Geschichte erzählt. Diese literarische Gattung gibt es seit dem 18. Jahrhundert.
Zu meinen Zimmerreisen inspiriert mich ein Projekt von Pflanzwas und Puzzleblume, mehr dazu hier. Jeder kann teilnehmen und selbst auf die Reise gehen.

Im Januar soll das zu bereisende Objekt die Anfangsbuchstaben A, B oder C tragen. Da ich vor kurzem umgezogen bin und wenig mitgenommen habe, ist die Auswahl überschaubar. Ich finde also nichts mit A oder C, aber ein zweites Mal eins mit B:

Die Bambusstricknadeln

2021-01-16 Bambusstricknadeln

Ich besitze dieses Stricknadelset seit dem Jahr 2015. Es ist das Jahr, in dem ich die Wohnung meiner Mutter ausräumen musste, weil sie in ein Pflegeheim kam.
Ich ging also durch ihre Schränke und Schubladen und fand unter anderem eine halbe Socke. Aus roter Wolle war ein Sockenbund gestrickt, der an Bambusnadeln hing, was ich bis dahin nie gesehen hatte. Ich kannte nur Nadeln aus Metall, hatte aber seit Jahrzehnten keine Handarbeit mehr angefertigt und war nicht auf dem Laufenden.

Die halbe Socke war von meiner Mutter begonnen worden, ich weiß nicht für wen, aber die Finger waren schwach geworden und so blieb das Werk unvollendet.

Aus dem Blogbeitrag „Schicksal

Seufzend nahm ich auch das mit nach Hause, eine Weile lang lag die Socke herum. Irgendwann nahm ich sie auf und strickte weiter. Was hätte ich damit tun sollen? Es gelang mir aber nur schlecht, Fersen zu stricken ist nichts für Anfänger.
Trotzdem kriegte ich es irgendwie hin und die zweite Socke auch. Als sie fertig waren, brachte ich sie meiner Mutter.

Sie trug sie noch ein paar Monate lang. Dann starb sie und die Socken kehrten zu mir zurück.
Ich weiß nicht, wo sie hingekommen sind, ich habe sie nicht mehr, aber die Bambusstricknadeln sind noch da. Mit ihnen strickte ich noch viele Socken für meine Kinder, früher für den geliebten Briten, heute für Tochter und Schwiegersohn und demnächst für unser Zwergle – das erste Enkelkind, das im März zur Welt kommen wird.
Die Fersen beherrsche ich inzwischen im Schlaf.

Ich habe für Socken niemehr andere Stricknadeln verwendet als dieses eine Spiel aus Bambus, obwohl ich ungefähr fünf Metall-Nadelspiele habe. In manchen Stricksets liegen sie ja bei, ich packe sie nicht einmal aus.
Bambus-Stricknadeln liegen warm in den Fingern und erzeugen beim Stricken nicht dieses leise Quietschen wie Metallnadeln. Vielmehr klingt es beim Aneinanderschlagen wie Holz und es fühlt sich lebendig an in meiner Hand. Deshalb kommt mir nichts anderes in den Strickkorb: Es müssen Bambusnadeln sein, und zwar diese hier.

 

(334 Wörter)

Schiefgeloffen

(wie der Schwabe sagt)

Neulich auf dem Weg zurück in die Firma, wir waren zu einem Workshop an einem anderen Standort gewesen. Kurz vor dem Ziel …

… kenne ich eine Abkürzung und lotse die Fahrerin dorthin. Leider stellt sich heraus, dass die Straße gesperrt ist und wir müssen zurück auf den normalen Weg.

… will eine Kollegin ihre Vorbestellung in einer Metzgerei abholen. Leider hat das Geschäft – trotz Terminabsprache – geschlossen und wir haben den Schlenker umsonst gemacht.

… will eine andere Kollegin eben noch Geld abheben. Leider ist der Bankomat defekt und auch dieser Schlenker war für die Katz.

Das alles innerhalb von zehn Minuten, und ich habe es mir nicht ausgedacht!

Bild von Ryan McGuire auf Pixabay

Was denkt ihr – gibt es Pechsträhnen, oder sind das reine Zufälle?

 

Ruhestörung

Ein wunderschönes altes englisches Lied handelt von einem jungen Mann, der nach dem Tod seiner Geliebten nicht zu trösten ist. Täglich steht er weinend an ihrem Grab, bis sie ihm nach zwölf Monaten und einem Tag als Geist erscheint. Sie beschwert sich, dass sie bei all dem Jammern und Klagen nicht in Ruhe schlafen könne, und wer denn das sei.

Er gibt sich zu erkennen und bittet inständig um einen Kuss, doch dann ... if you should kiss my clay-cold lips … würde er sterben, antwortet sie, und ihre Herzen würden zerfallen wie vertrocknete Blumen. Sie fordert ihn auf, das Leben zu nehmen wie es ist es zu genießen, solange er es hat.

In diesem Sinn wünsche ich euch – gerade heute – einen erfüllten und mit allen Sinnen gelebten Tag.

 

Cold blows the wind upon my true love
Soft falls the gentle rain
I never had but one true love
And in Greenwood she lies slain

I’d lose much for my true love
As any young man may
I’ll sit and I’ll mourn all on your grave
For twelve months and a day

When the twelfth month and a day had passed
The ghost began to speak
„Who is it that sits all on my grave
And will not let me sleep?“

„‚Tis I, ‚tis I, thine own true love
That sits all on your grave
I ask of one kiss from your sweet lips
And that is all that I crave“

„My lips, they are as clay, my love
My breath is earthy strong
And if you should kiss my clay-cold lips
Your time, ‚twould not be long“

„Look down in the yonder garden fair
Love, where we used to walk
The fairest flower that ever bloomed
Has withered and too the stalk“

„The stalk, it has withered and dried, my love
So will our hearts decay
So make yourself content, my love
‚Til death calls you away“

Klischees oder was?

Neulich am Zigarettenautomat: Ein ledriger Rocker mit schwerer Jacke und nackenlangem, zurückgekämmtem Haar wirft ein Geldstück ein. Er verharrt kurz, blickt nach unten, greift in den Rückgabeschacht und holt die Münze wieder heraus.
Er wirft sie noch einmal ein, vorsichtiger diesmal, wieder fällt sie unten heraus.
Etwas funktioniert nicht.
Mit zurückgebogenem Kopf hält er die Münze nun behutsam an den Einwurfschlitz und gibt ihr einen unendlich gefühlvollen kleinen Schubs. Die Münze verschwindet im Schacht, wird diesmal verdaut und als Marlboro wieder ausgeschieden.

Oder einmal bei Edeka: An der Kasse steht ein riesiger Mann vor mir. Mächtige Schultern, Schenkel wie Baumstämme, Jeans, Karohemd und Steppweste, schwarz, cool. Der Kassierer schiebt ihm Bananen zu und der Mann greift danach, verharrt, zieht sie dann zur Seite und holt erst die Milchpackung und eine Flasche Orangensaft, stellt beides in die Papiertüte. Dann kommen Wurst- und andere Packungen dran, zum Schluss eine Gurke und die Bananen obendrauf. Ordentlich wie eine schwäbische Hausfrau.

Was will ich damit sagen? Harte Kerle sind sensibel und Afrikaner gewissenhaft. Jedenfalls manche. Man muss sich die Menschen immer erst anschauen.

The Australian Biker (6748309015)
Bildquelle: Alex Proimos from Sydney, Australia [CC BY 2.0]

Die Welt ist allezeit schön

Im Frühling prangt die schöne Welt
In einem fast smaragdnen Schein.

(Was für ein langweiliges Gedicht)

Im Sommer glänzt das reife Feld
Und scheint dem Golde gleich zu sein.
Im Herbste sieht man als Opalen …

Ich hör schon auf, den Rest kann man sich sparen.
Aber der letzte Vers bleibt bei mir hängen:

… wenn wir die Welt aufmerksam sehn,
Ist sie zu allen Zeiten schön.

Mist. Warum vergess ich das immer?

Und so fiel mir der heutige Abend ein, als ich völlig jahreszeitenunabhängig ein schnelles Essen zubereitet hatte (die abgekochten Nudeln von gestern mit Ei und Schnittlauch) und, da der geliebte Brite nicht da war, mit meinem Teller aufs Sofa gesunken war vor den laufenden Fernseher, wo ich es mir schmecken ließ.

Bisschen kulturlos aber – Mann, das war gut.

Solche Momente sollten nicht untergehen im alltäglichen Irrsinn.

 


Und was hat es bei euch heute Schönes gegeben?

 

Wen das Gedicht doch interessiert:
Im Frühling prangt die schöne Welt
In einem fast smaragdnen Schein.
Im Sommer glänzt das reife Feld
Und scheint dem Golde gleich zu sein.
Im Herbste sieht man als Opalen
Der Bäume bunte Blätter strahlen.
Im Winter schmückt ein Schein, wie Diamant
Und reines Silber, Flut und Land.
Ja kurz, wenn wir die Welt aufmerksam sehn,
Ist sie zu allen Zeiten schön
Barthold Heinrich Brockes

Kirchenkunst

Man muss schon suchen, um in der Kirchenkunst einigermaßen freundlich dreinblickende Heilige zu finden. Was ist das nur mit unserer christlichen Religion? Warum all die Qualen, der Schmerz, das Martyrium in den Darstellungen? Was macht es denn mit den Betrachterinnen und Betrachtern? Ich möchte das nicht sehen. Jesus wurde doch nicht mit dem Kreuz geboren, es gab dreißig Jahre davor. Davon hört man fast nichts. Ich will jedenfalls einen lachenden Jesus und Menschen, die ihm folgen und dabei ein Leuchten in den Augen haben. Ich will eine glückliche Maria mit ihrem Kind, einen lustigen Apostel, einen liebenden Gott.

In den asiatischen Religionen geht es doch auch, warum nicht bei uns?

Nachfolgend eine Auswahl aus dem Augustinermuseum in Freiburg, die ich nur empfehlen kann, schon aufgrund der spektakulären Propheten, die einst am Münster standen.

Waldstadion

Ein Waldstadion im wörtlichen Sinn: Im Stadion steht ein Wald. Schade, dass Klagenfurt so weit weg ist, sonst würd ich mir das ansehen.

Fast 300 Bäume sind dort mehrere Wochen lang im Wörthersee-Fußballstadion zu besichtigen. Sie sind um die 50 Jahre alt, stammen aus Baumschulen und seien an neue Standorte gewöhnt. Nach der Schau werden sie sozusagen ausgewildert und bleiben in der Nähe als lebende „Waldskulptur“ erhalten.

Ich überlege gerade, was solche Bäume über ihr Leben erzählen würden, wenn sie es könnten. Ob sie wohl froh sind, nach den „temporären Standorten“ einen Platz zum Bleiben bekommen? Oder ob sie sich nun langweilen?

Das Kunstprojekt „For Forest“ ist ein Mahnmal gegen  Klimawandel, Brandrodungen und Waldsterben.

Mehr dazu hier


Bildquelle: www.idowa.de

Wenn ich ein Baum wäre, dann wäre ich eine Zitterpappel und würde ganz gerne ein bisschen herumreisen. Auch wenn meine Wurzeln dann nicht so stark würden wie normalerweise.
Und ihr?

Das monumentale Ereignis

In Großbritannien gibt es eine Radiosendung mit dem Politiker, Populisten und Brexit-Hardliner Nigel Farage. Leute können live anrufen und Fragen stellen. Normalerweise ist die „Nigel Farage Show“ ist keine Perle unter den Hörfunkprogrammen. Außer neulich. Da ging folgendes Gespräch über den Äther:
Anrufer: „Ich muss wirklich sagen, ich bin Ihnen extrem dankbar für alles, was Sie in den letzen Jahren in der britischen Politik geleistet haben. Ich war ja von ganzem Herzen gegen den Austritt Großbritanniens aus der EU. Ich glaubte an die europäische Idee und dass es das Beste für uns wäre, in der EU zu bleiben.
Aber dann geschah etwas, das meine Sicht auf die ganze Situation komplett veränderte. Es geschah etwas Monumentales.“
Farage (geschmeichelt): „Was war denn dieses Ereignis, Mark?“
Anrufer: „Ich wurde von einem Pferd gegen den Kopf getreten.“

Mal abgesehen von Hürden und aktuellen Entwicklungen – wie denkt ihr grundsätzlich darüber: Europa oder Nationalstaat?

Bling bling … ♪ • * ° * •. ¸ ¸ ¸ . * ♪

Ich steh an der Ampel. Im Wagen vor mir sitzt eine junge Frau am Steuer, die plötzlich die Arme hochwirft. Sie reckt sie nach links, dann nach rechts, sie hebt die Schultern und lässt sie fallen, sie wackelt mit dem Kopf, dass ihr dünner Pferdeschwanz mithüpft. Sitztanzen nennt man das wohl. Garantiert hört sie dasselbe Lied wie ich: „Augenbling“ läuft gerade im Radio, von Seeed.

Ein Mann sitzt neben der fuchtelnden Frau und schwingt mit den Fäusten hin und her. Die beiden haben Spaß, und auch bei mir zuckt es jetzt. Geht ja nicht anders bei dieser Knallermusik, man will einfach tanzen. Auch oder gerade in einer öden Ampelschlange.

Nun schaltet es auf Grün, die Autos setzen sich in Bewegung. Wir befinden uns auf der Abbiegespur und wie die Kolonne nach links in die Kurve geht, sehe ich ins Innere des Fahrzeugs vor mir. Es ist gar keine junge Frau. Es ist eine alte Frau. Um die Siebzig, würd ich sagen. Ihr Beifahrer mindestens auch so.

Da möchte man die beiden augenblicklich überholen, sich vor ihnen querstellen, aussteigen, ihre Wagentür aufreißen und Auskunft verlangen: „Was geht hier vor?  Wieso tanzt ihr, als ob keiner zusieht? In eurem Alter? Ich will die ganze Geschichte hören. Sofort.“

(Ich hätte auch ein bisschen sitztanzen sollen)

Tanzt ihr auch manchmal im Auto?

Briefkästen – vom Aussterben bedroht?

Bei unserer Wanderung in Italien fiel mir mancher hübsche, kreative und völlig normfreie Briefkasten auf. Es wäre schade, wenn es sie nicht mehr gäbe. Ob wohl unser Leben irgendwann einmal komplett digitalisiert ist und die Postannahmestelle am Haus obsolet wird? Es ist ja schon heute nicht mehr viel darin zu finden. Das einzig Interessante sind die Reklameblättchen von Aldi oder Lidl, und auch die könnte man im Internet nachschauen. (Aber nicht aufs Klo mitnehmen als Lektüre.)

Unser Briefkasten ist dagegen unspektakulär: Nur ein Einwurfschlitz mit Klappe, der Kasten befindet sich innerhalb des Gebäudes. Standard.
Wie sieht euer Briefkasten aus?

Natürlich!


Ich frage mich, ob der Anblick eines hochschwangeren Bauchs für kleine Kinder heutzutage normal ist, oder ob sie nicht doch etwas verstört reagieren könnten. Wo doch selbst Erwachsene sich über Frauen aufregen können, die in der Öffentlichkeit stillen.

Das Ding auf dem Bauch der jungen Mutter ist übrigens kein Hühnerbein, sondern der Stiel einer Blume.

Gesehen haben wir die eindrucksvolle Skulpturenausstellung des Künstlers Franco Alessandria bei unserer Wanderung im Piemont in La Morra.

Dem Nutellakönig zu Ehren

Jeder Deutsche und jede Deutsche muss man mindestens einmal im Leben eine Schachtel Mon Chéri geschenkt bekommen haben. Sonst kann einem die Staatsbürgerschaft aberkannt werden. Traditionsgemäß verschwindet die Schachtel in einer Schublade zum Weiterverschenken (sodass es insgesamt vielleicht gar nicht viele gibt), und wer hats erfunden? Ein Italiener. Michele Ferrero, König des Piemont, ihm verdanken wir Nutella, Duplo, Kinderschokolade, TicTac und vieles mehr. Stammsitz des Imperiums ist in Alba/Italien, und weil er so viele Menschen glücklich gemacht hat – egal ob durch Arbeitsplätze oder Überraschungseier – tragen viele Plätze und Straßen in dieser Region seinen Namen.

Wir entdeckten aber etwas anderes, das ihm gewidmet ist. Und das ist gleich in zweifacher Hinsicht einmalig:

1. Das Design – schaut es euch an!
2. Nichts, aber auch gar nichts ist darüber im Internet zu finden.

Wir wissen nur, dass es sich um ein optisch interessantes Haus in einem kleinen Ort namens Serravalle Langhe handelt, aber nicht, was es damit auf sich hat. Wer hat es gebaut? Wem gehört es? Neben dem Gebäude befinden sich Sportplätze – ist es ein Vereinsheim? Oder ein Museum? Ein Privathaus? Wir wissen es nicht, aber nunmehr ist dem Internet wenigstens bekannt, dass es dieses Haus gibt. Sollte also jemand dort aufschlagen und zufällig italienisch sprechen, könnte man ja mal nachfragen und Mrs Google aufklären.