Schlagwort-Archive: Sonstiges

Ansichtssache

In der Bäckerei um die Ecke arbeiten manchmal fesche junge Männer aus afrikanischen und arabischen Staaten. Es sind Aushilfen oder Praktikanten, deshalb geht es mit dem Bedienen meist nicht so schnell. Man sollte auch deutlich sprechen, um verstanden zu werden, aber alle sind fleißig, motiviert und augenscheinlich mit Freude bei der Sache. Was sind da schon zwei Minuten länger, denke ich jedes Mal und: Bravo. So funktioniert Integration. Wann immer es möglich ist, kaufe ich mein Brot in dieser Bäckerei.

Heute auch. Diesmal steht aber nicht der hübsche Gambier hinter der Theke, sondern eine füllige, blasse junge Frau mit dünnem Haar. Dem Namensschild nach stammt sie aus Osteuropa. Ich sage meine Bestellung auf und sie schaut mich mit flatterndem Blick an, sucht bei den Backwaren, eine Stamm-Verkäuferin wird hinzugerufen. Ich drehe meinen Geldschein hin und her und ertappe mich dabei, ungeduldig zu werden. Im nächsten Moment könnt ich mich watschen dafür, ich erschrecke über mich selbst. So funktioniert Integration nicht.

Passiert es euch auch manchmal, dass ihr mit zweierlei Maß messt?

 

Phänomene des Alltags

Wochenlang rätselte ich im Büro, warum die Plastikflasche, mit der wir aus der Küche das Wasser zum Gießen holen, sich im oberen Drittel immer mehr krümmt. Es ist eine Mineralwasserflasche aus dem Supermarkt, 1,5 l. Wie kann es sein, dass Leitungswasser ihre Form verändert, und warum nur oben? Welches physikalische Gesetz ist die Ursache für dieses Phänomen? Die Antwort gibt mein Kollege. Er holt das Wasser aus dem näher gelegenen Toilettenraum, und dort passt die Flasche nicht unter den Wasserhahn. Deshalb biegt er sie immer um.

Aber was ist mit meiner Gießkanne, die ich beim Aufräumen auf dem Balkon in ähnlichem Zustand vorgefunden habe? Sie überwinterte leer und mit Luft zum Atmen, also unverklemmt. Waren wenigstens hier höhere Mächte mit substanziellen Folgen durch Restwasser und Frost am Werk?

Woher kommt der Knick im Gießrohr?

Irren ist menschlich

Als ich gestern Abend das Büro verließ, stand an der Bushaltestelle gegenüber eine Frau mit einer Einkaufstasche in der Hand. Heute morgen, als ich in die Straße zu meiner Firma einbog, stand die Frau immer noch da. Die Tasche hatte sie abgestellt.

Natürlich wird sie nicht die ganze Nacht dort gestanden sein. Sie wird gestern mit dem Bus zum Einkaufen gefahren sein, und heute hat sie sich wieder auf den Weg gemacht. Auf mich wirkte es aber, als wartete sie seit gestern Abend auf den Bus. Ist das jetzt eine optische oder eine kognitive Täuschung? Wohl eher letzteres.

Zum Thema Denkfallen und Fehleinschätzungen habe ich diesen aufschlussreichen Artikel gelesen, nun ist mir einiges klarer.

Seid ihr auch schon einmal über eure eigene Wahrnehmung gestolpert?

Hexen, Geister, Teufelsbräute

Heute bei einem der zahlreichen Narrensprünge der schwäbisch-alemannischen Fasnet. Mit dem vergleichsweise zivilisierten rheinischen Karneval hat das nichts zu tun: Bei uns geistern gruselige Gestalten herum, alle mit einer „Larve“, also einer Holzmaske. Jede Zunft hat ihren eigenen Schlachtruf, der vom Publikum beantwortet werden muss. Zum Beispiel: „Dr Torf isch weg“ – „jetzt hommer dr Dreck!“
Die Kinder bekommen Süßigkeiten, die jungen Mädchen Konfetti ins Haar. Uns hat man nur versucht, den Schal wegzunehmen und die Schnürsenkel aufzuziehen. 😉

 

Frage zum Alltag eines …

… Frutariers. Ich komme nämlich beim Waldlauf an diesem Holzstapel vorbei und da geht mir durch den Kopf: Frutarier essen das, was die Natur freiwillig hergibt. Also Obst, Nüsse, Samen, weder ein Tier noch eine Pflanze darf geschädigt werden.

Wenn das ethische Gründe hat, kann ein gefällter Baum kaum zum Leben des Frutariers gehören, auch wenn der Baum nicht gegessen wird. Da dies praktisch unumsetzbar ist, fragt man sich schon: Warum hält sich jemand bei der Ernährung an Regeln, die bei Möbeln und in Form von Papier nicht gelten können?

Während ich weiterlaufe und vor mich hinhechle, fallen mir auch Veganer und Vegetarier ein: Sie essen nichts, wofür ein Tier getötet wurde. Was ist aber mit all den Käfern und Kleinstlebewesen, die unter der Rinde eines Baums zu Hause sind und beim Schälen zu Tode kommen?

Wird hier zwischen vermeidbar und unvermeidbar unterschieden? Stirbt es sich in unvermeidbaren Fälle leichter?

Versteh ich nicht ganz. Ihr?

Ein bisschen Spaß muss sein

Neulich an der Hotelbar: Am Tresen sitzen vier Männer und eine Frau, die sich nicht gut zu kennen scheinen. Die Frau spricht mal mit dem Einen, lächelt dann zum andern, umarmt kurz den Dritten, hebt das Glas mit dem Vierten. So geht es einige Zeit und die Männer wissen nicht recht, ob sie sich gemeint fühlen sollen oder nicht.
Dann steht die Frau auf, verabschiedet sich knapp und verlässt den Raum. Der Barkeeper lässt den Shaker sinken, schaut ihr perplex hinterher und sagt zu den Männern: „Ihre Rechnung geht auf euch, Jungs, in Ordnung?“
Sie nicken. Was sonst.
Ein Detail noch: Alle Beteiligten der kleine Runde – auch die Frau – sind um die 60 Jahre alt.

Die sitzengelassenen Herren werden bald wieder aufgezäumt: Eine Dreiergruppe hübsch aufgemachter Mädels rauscht herein, auch sie im fortgeschrittenen Alter. Im Nu sind sie mit den Männern im Gespräch, stellen sich einander vor, es wird gelacht, ein bisschen getanzt.
Wir sind in Oberstaufen. Eine Kurstadt.

Und auch tagsüber ist es hier sehr schön:

Was denkt ihr? Darf man es bei einem Kuraufenthalt ein bisschen krachen lassen?

 

Formsache

Da sitzen wir mit einem Freund in der Kneipe, und der starrt plötzlich alarmiert auf die andere Seite der Theke. Dort steht ein mittelgroßer Mann mit Kugelbauch und strähnigem Haar, der teilnahmslos in sein Bier schaut.
„Schau mal, was der da drüben anhat!“ schnaubt unser Freund.
Es ist ein dunkler Rollkragenpullover, ich komme nicht mit. Da dreht der Freund die Schulter nach vorne, zeigt auf seinen Oberarm und den Aufnäher am Ärmel:
„Das ist Stone Island!“
Die Marke sagt mir nichts, aber seine Stimme lässt erahnen, dass nur ausgewählte Leute sie tragen können, dass nicht jeder über das entsprechende modische Insiderwissen verfügt, schon gar nicht über das Geld für die kostspielige Anschaffung. Außerdem ist es wahrscheinlich gesetzlich vorgeschrieben, dass nur coole Leute diese Marke überhaupt erwerben dürfen.

Der Mann gegenüber gehört nicht zu dieser Personengruppe, das ist klar. Er ist sozusagen der uncoolste Pulloverträger in dieser Kneipe und macht alles andere als einen wohlhabenden Eindruck, aber nun sehe ich es auch: Er trägt dasselbe Label am Ärmel.
„Fake!“ ruft unser Freund aufgeregt, „vom Straßenmarkt im Urlaub mitgebracht, oder Internet-Ramsch, alles Fake!“
Da tut er mir Leid. Er bezahlte viel Geld für dieses Kleidungsstück und den mitgelieferten VIP-Platz in seiner Welt. Geld, das er nicht so richtig hat, da erwerbsunfähig und auf Rente angewiesen. Und nun das.

Wie wichtig ist euch Kleidung? Es muss nicht Designermode sein, aber mit einer neuen Bluse oder schicken Schuhen fühle ich mich auch besser in Form als in abgegriffenen Sachen. Deshalb ziehe ich morgens nie irgendwas aus dem Schrank. Geht euch das auch so?