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St. Martin im Wandel der Zeit

An den Absperrungen um einen kleinen Vorplatz herum stehen junge Leute mit ihren Kindern, vor ihnen reitet ein römischer Soldat im Kreis. Eine Frau mit Kopfschleier schaut ebenfalls zu, während ihr kleiner Sohn nur Augen für den blinkenden Stab hat, an dem seine Laterne hängt. Er hält ihn höher und niedriger, schwenkt ihn hin und her und marschiert dann feierlich auf und ab, die Laterne vor sich haltend wie ein Schwert.

Währenddessen setzt der Römer zum Mantelteilen an, da bricht plötzlich die Stimme des Erzählers ab. Seine Lippen bewegen sich weiter, aber man hört nichts mehr. Sekundenlang passiert nichts, das Publikum wird unruhig. Nun springt der Bettler auf. Er huscht zu dem Mann, nimmt ihm das Mikrofon ab, macht etwas an der Tonanlage, „eins, zwei“ hört man, es geht wieder. Der Bettler eilt an seinen Platz zurück und kauert sich wieder auf den Boden nieder.

„Brenne auf mein Licht, brenne auf mein Licht …“ singt ein kleiner Chor. Der Bettler ist inzwischen eingekleidet, der Soldat reitet weg, die Kinder halten ihre Laternen hoch, die Eltern ihre Handys.

„… und dein heller Schein, und dein heller Schein, der soll für immer bei uns sein.“

Nur darum gehts.

 

Jahrmarktzeit

Was gehört dazu? Heißer Punsch, gebrannte Mandeln, und … hmmm … Bratwurst! Nie schmeckt sie besser als an einem kalten Novembertag.

Ich verstehe ja nicht, warum Menschen auf Fleisch verzichten, damit keine Tiere getötet werden. Tragen sie alle nur Leinenschuhe und Plastikgürtel? Und überhaupt: Wenn wir Gemüse essen, töten wir doch auch. Wenn ich aus einer Knoblauchzehe den Keim herausschäle, leide ich mehr als beim Anblick einer Gulaschsuppe. Bei der sehe ich ja nicht, wer oder was es einmal war, aber das blasse Knoblauchbaby auf dem Weg ins Leben mit dem Gemüsemesser zu zermetzeln – das tut weh.

Fruktarier nehmen zwar auch auf lebendes Gemüse Rücksicht und essen nur das, was vom Baum fällt oder sonstwie freiwillig hergegeben wird. Aber hey! Ein Apfelkern hat sich seine Zukunft auch anders vorgestellt als in menschlichem Gedärm und einer irdenen Kloschüssel! Wieviele Apfelbäume sind auf diese Weise schon am blühenden Leben gehindert worden? Und ich möchte sagen: Gott sei Dank! Wir hätten ja keinen Wohnraum mehr, wenn jeder Apfelkern der Welt zu einem Baum herangewachsen wäre.

Billige Fleischwaren aus Massentierhaltung kaufe ich niemals, aber gelegentlich eine Frikadelle  aus der Metzgerei des Vertrauens? Wir müssen nun einmal töten, was wir essen, die Natur hat gesprochen. Oder wie seht ihr das?

 

 

Sauwetter

Schon weiß man, was man nicht vermisst hat!

 

An solche Bilder muss man sich erst wieder gewöhnen. Nach gefühlt hundert Jahren regnet es bei uns seit gestern ohne Unterbrechung. Das ist gut für den Boden und perfekt für den Sonntagnachmittag. Immerhin war ich schon beim Joggen. Jetzt liege ich ohne schlechtes Gewissen auf dem Sofa mit Kaffee, Kuchen und einem Buch. 🙂

Ich wünsche euch allen einen schönen Nachmittag!

Halbe Hunde

Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus, und so kam es, dass ich vor der Hochzeit meiner Tochter zum ersten Mal in meinem Leben ein Nagelstudio aufsuchte. Drei zierliche Damen sitzen dort nebeneinander an kleinen Tischchen und beugen sich über die Hände ihrer Kundinnen. Ohne von der Arbeit aufzublicken, unterhalten sich die drei von Zeit zu Zeit miteinander.

Diese kleinen Wortwechsel in dem ansonsten stillen Studio erinnern an das Miauen von Nachbars Katze. Es handelt sich bei dem Trio nämlich um Vietnamesinnen, und in ihrer Sprache klingen die Wörter gedehnt, mit viel Melodie. Ich muss dann genau aufpassen, denn ihr Deutsch ist stark von der Muttersprache eingefärbt. Wenn die junge Frau vor mir etwas sagt, ist nicht ohne weiteres zu erkennen, ob sie mich meint auf deutsch oder eine der Kolleginnen auf vietnamesisch. Es hört sich eigentlich gleich an.

Einmal betritt eine Kundin den Laden und fragt: „Wie lange würde es dauern, bis ich drankomme?“ Eine der Damen blickt auf, schätzt mit einem Blick die drei Tische ab und antwortet: „Halbe Hunde.“ „Bitte?“ „Halbe Hunde!“ kommt es vernehmlicher, wohl in der Annahme, sie habe zu leise gesprochen. „Gut,“ antwortet – ebenfalls in einer Annahme – die Kundin. „Dann komme ich in einer halben Stunde wieder“.

Ich könnt da jeden Tag hingehen. Aber für regelmäßige Behandlungen ist es dann doch zu teuer. Schade.

Wandschmuck

Impressionen, die nicht irgendwo in den Tiefen Italiens entstanden sind, sondern gestern in der Altstadt von Konstanz.

Die wie gemalt wirkenden Fensterläden des Wohnhauses auf dem ersten Bild wurden nicht wegen der Herbstsonne verschlossen, sondern weil das Gebäude derzeit unbewohnt ist. Es stammt aus dem 17. Jahrhundert, und soviel Zeit hat der davor stehende Roller noch nicht gesehen. Mit gefiel der Kontrast von Licht und Schatten, Alt und Neu, feststehend und mobil.

Die Graffitis darunter stammen von Tuk, einem Streetart-Künstler. Er arbeitet mit Schablonentechnik und die beiden hübschen Farbtupfer hätte ich im Vorbeigehen fast übersehen. Aber eben nur fast. 🙂

Italienische Fantasie

Urlaub am Gardasee – das klingt wie Urlaub im Bayerischen Wald: Öde. Hinz und Kunz fahren an den Gardasee, und zwar schon seit den Siebziger Jahren. Nicht immer sind es die spannendsten Zeitgenossen, die sich dieses Reiseziel aussuchen. Mit anderen Worten: Es zog mich nie hin.

Der geliebte Brite kennt dieses Klischee indes nicht und hält den See nach einem Blick im Netz für einen „interesting place“ – Wasser, Berge, hübsche Restaurants und „Schau die schönen Blumeninseln“. Gähn.

Zum Glück setzte er sich durch! Wir verbrachten eine Woche in Riva del Garda und der See hat an diesem nördlichsten Punkt etwas Magisches. Links und rechts ragen die Ausläufer der Dolomiten empor, nach Süden hin wird es licht. Ich hätte immerzu dort stehen und aufs Wasser schauen können, verzaubert vom zarten Dunst am Horizont, von den Pastellfarben, von den in der Ferne durchsichtig scheinenden Bergkämmen.

Wer Lust hat, kann hier alle Arten von Wasser- oder Bergsport betreiben. Wir hatten keine Lust, oder nicht viel und haben hauptsächlich ausgeruht und all das Schöne genossen. Riva del Garda ist gepflegt, organisiert, alles funktioniert. Man spricht deutsch und denkt auch ein bisschen so. Bevor jetzt mahnend der Zeigefinger erhoben wird, weil der massenhafte Einfall der Deutschen den Italienern den Spaß verdorben und ihre Mentalität zerstört habe – so war es nicht. Der Gardasee gehörte einst zu Österreich, noch früher gar zu Bayern (doch ein bisschen Bayerischer Wald!) und es waren vielleicht eher die Italiener, die den verbliebenen Ansässigen ihre Stempel aufdrückten. Das Ergebnis ist perfekt: Eine Mischung aus deutscher Tüchtigkeit und der einen oder anderen gerade gelassenen Fünf.

Das einzig Langweilige ist der Name: Gardasee. Wie abgedroschen klingt das denn? Wie schön hört sich dagegen Lago Maggiore an! Oder Lago di Garda. Das hat Rhythmus, das hat Fantasie!

Ach egal.

Es war fantastisch!