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Schiefgeloffen

(wie der Schwabe sagt)

Neulich auf dem Weg zurück in die Firma, wir waren zu einem Workshop an einem anderen Standort gewesen. Kurz vor dem Ziel …

… kenne ich eine Abkürzung und lotse die Fahrerin dorthin. Leider stellt sich heraus, dass die Straße gesperrt ist und wir müssen zurück auf den normalen Weg.

… will eine Kollegin ihre Vorbestellung in einer Metzgerei abholen. Leider hat das Geschäft – trotz Terminabsprache – geschlossen und wir haben den Schlenker umsonst gemacht.

… will eine andere Kollegin eben noch Geld abheben. Leider ist der Bankomat defekt und auch dieser Schlenker war für die Katz.

Das alles innerhalb von zehn Minuten, und ich habe es mir nicht ausgedacht!

Bild von Ryan McGuire auf Pixabay

Was denkt ihr – gibt es Pechsträhnen, oder sind das reine Zufälle?

 

Ruhestörung

Ein wunderschönes altes englisches Lied handelt von einem jungen Mann, der nach dem Tod seiner Geliebten nicht zu trösten ist. Täglich steht er weinend an ihrem Grab, bis sie ihm nach zwölf Monaten und einem Tag als Geist erscheint. Sie beschwert sich, dass sie bei all dem Jammern und Klagen nicht in Ruhe schlafen könne, und wer denn das sei.

Er gibt sich zu erkennen und bittet inständig um einen Kuss, doch dann ... if you should kiss my clay-cold lips … würde er sterben, antwortet sie, und ihre Herzen würden zerfallen wie vertrocknete Blumen. Sie fordert ihn auf, das Leben zu nehmen wie es ist es zu genießen, solange er es hat.

In diesem Sinn wünsche ich euch – gerade heute – einen erfüllten und mit allen Sinnen gelebten Tag.

 

Cold blows the wind upon my true love
Soft falls the gentle rain
I never had but one true love
And in Greenwood she lies slain

I’d lose much for my true love
As any young man may
I’ll sit and I’ll mourn all on your grave
For twelve months and a day

When the twelfth month and a day had passed
The ghost began to speak
„Who is it that sits all on my grave
And will not let me sleep?“

„‚Tis I, ‚tis I, thine own true love
That sits all on your grave
I ask of one kiss from your sweet lips
And that is all that I crave“

„My lips, they are as clay, my love
My breath is earthy strong
And if you should kiss my clay-cold lips
Your time, ‚twould not be long“

„Look down in the yonder garden fair
Love, where we used to walk
The fairest flower that ever bloomed
Has withered and too the stalk“

„The stalk, it has withered and dried, my love
So will our hearts decay
So make yourself content, my love
‚Til death calls you away“

Klischees oder was?

Neulich am Zigarettenautomat: Ein ledriger Rocker mit schwerer Jacke und nackenlangem, zurückgekämmtem Haar wirft ein Geldstück ein. Er verharrt kurz, blickt nach unten, greift in den Rückgabeschacht und holt die Münze wieder heraus.
Er wirft sie noch einmal ein, vorsichtiger diesmal, wieder fällt sie unten heraus.
Etwas funktioniert nicht.
Mit zurückgebogenem Kopf hält er die Münze nun behutsam an den Einwurfschlitz und gibt ihr einen unendlich gefühlvollen kleinen Schubs. Die Münze verschwindet im Schacht, wird diesmal verdaut und als Marlboro wieder ausgeschieden.

Oder einmal bei Edeka: An der Kasse steht ein riesiger Mann vor mir. Mächtige Schultern, Schenkel wie Baumstämme, Jeans, Karohemd und Steppweste, schwarz, cool. Der Kassierer schiebt ihm Bananen zu und der Mann greift danach, verharrt, zieht sie dann zur Seite und holt erst die Milchpackung und eine Flasche Orangensaft, stellt beides in die Papiertüte. Dann kommen Wurst- und andere Packungen dran, zum Schluss eine Gurke und die Bananen obendrauf. Ordentlich wie eine schwäbische Hausfrau.

Was will ich damit sagen? Harte Kerle sind sensibel und Afrikaner gewissenhaft. Jedenfalls manche. Man muss sich die Menschen immer erst anschauen.

The Australian Biker (6748309015)
Bildquelle: Alex Proimos from Sydney, Australia [CC BY 2.0]

Die Welt ist allezeit schön

Im Frühling prangt die schöne Welt
In einem fast smaragdnen Schein.

(Was für ein langweiliges Gedicht)

Im Sommer glänzt das reife Feld
Und scheint dem Golde gleich zu sein.
Im Herbste sieht man als Opalen …

Ich hör schon auf, den Rest kann man sich sparen.
Aber der letzte Vers bleibt bei mir hängen:

… wenn wir die Welt aufmerksam sehn,
Ist sie zu allen Zeiten schön.

Mist. Warum vergess ich das immer?

Und so fiel mir der heutige Abend ein, als ich völlig jahreszeitenunabhängig ein schnelles Essen zubereitet hatte (die abgekochten Nudeln von gestern mit Ei und Schnittlauch) und, da der geliebte Brite nicht da war, mit meinem Teller aufs Sofa gesunken war vor den laufenden Fernseher, wo ich es mir schmecken ließ.

Bisschen kulturlos aber – Mann, das war gut.

Solche Momente sollten nicht untergehen im alltäglichen Irrsinn.

 


Und was hat es bei euch heute Schönes gegeben?

 

Wen das Gedicht doch interessiert:
Im Frühling prangt die schöne Welt
In einem fast smaragdnen Schein.
Im Sommer glänzt das reife Feld
Und scheint dem Golde gleich zu sein.
Im Herbste sieht man als Opalen
Der Bäume bunte Blätter strahlen.
Im Winter schmückt ein Schein, wie Diamant
Und reines Silber, Flut und Land.
Ja kurz, wenn wir die Welt aufmerksam sehn,
Ist sie zu allen Zeiten schön
Barthold Heinrich Brockes

Kirchenkunst

Man muss schon suchen, um in der Kirchenkunst einigermaßen freundlich dreinblickende Heilige zu finden. Was ist das nur mit unserer christlichen Religion? Warum all die Qualen, der Schmerz, das Martyrium in den Darstellungen? Was macht es denn mit den Betrachterinnen und Betrachtern? Ich möchte das nicht sehen. Jesus wurde doch nicht mit dem Kreuz geboren, es gab dreißig Jahre davor. Davon hört man fast nichts. Ich will jedenfalls einen lachenden Jesus und Menschen, die ihm folgen und dabei ein Leuchten in den Augen haben. Ich will eine glückliche Maria mit ihrem Kind, einen lustigen Apostel, einen liebenden Gott.

In den asiatischen Religionen geht es doch auch, warum nicht bei uns?

Nachfolgend eine Auswahl aus dem Augustinermuseum in Freiburg, die ich nur empfehlen kann, schon aufgrund der spektakulären Propheten, die einst am Münster standen.

Waldstadion

Ein Waldstadion im wörtlichen Sinn: Im Stadion steht ein Wald. Schade, dass Klagenfurt so weit weg ist, sonst würd ich mir das ansehen.

Fast 300 Bäume sind dort mehrere Wochen lang im Wörthersee-Fußballstadion zu besichtigen. Sie sind um die 50 Jahre alt, stammen aus Baumschulen und seien an neue Standorte gewöhnt. Nach der Schau werden sie sozusagen ausgewildert und bleiben in der Nähe als lebende „Waldskulptur“ erhalten.

Ich überlege gerade, was solche Bäume über ihr Leben erzählen würden, wenn sie es könnten. Ob sie wohl froh sind, nach den „temporären Standorten“ einen Platz zum Bleiben bekommen? Oder ob sie sich nun langweilen?

Das Kunstprojekt „For Forest“ ist ein Mahnmal gegen  Klimawandel, Brandrodungen und Waldsterben.

Mehr dazu hier


Bildquelle: www.idowa.de

Wenn ich ein Baum wäre, dann wäre ich eine Zitterpappel und würde ganz gerne ein bisschen herumreisen. Auch wenn meine Wurzeln dann nicht so stark würden wie normalerweise.
Und ihr?

Das monumentale Ereignis

In Großbritannien gibt es eine Radiosendung mit dem Politiker, Populisten und Brexit-Hardliner Nigel Farage. Leute können live anrufen und Fragen stellen. Normalerweise ist die „Nigel Farage Show“ ist keine Perle unter den Hörfunkprogrammen. Außer neulich. Da ging folgendes Gespräch über den Äther:
Anrufer: „Ich muss wirklich sagen, ich bin Ihnen extrem dankbar für alles, was Sie in den letzen Jahren in der britischen Politik geleistet haben. Ich war ja von ganzem Herzen gegen den Austritt Großbritanniens aus der EU. Ich glaubte an die europäische Idee und dass es das Beste für uns wäre, in der EU zu bleiben.
Aber dann geschah etwas, das meine Sicht auf die ganze Situation komplett veränderte. Es geschah etwas Monumentales.“
Farage (geschmeichelt): „Was war denn dieses Ereignis, Mark?“
Anrufer: „Ich wurde von einem Pferd gegen den Kopf getreten.“

Mal abgesehen von Hürden und aktuellen Entwicklungen – wie denkt ihr grundsätzlich darüber: Europa oder Nationalstaat?

Bling bling … ♪ • * ° * •. ¸ ¸ ¸ . * ♪

Ich steh an der Ampel. Im Wagen vor mir sitzt eine junge Frau am Steuer, die plötzlich die Arme hochwirft. Sie reckt sie nach links, dann nach rechts, sie hebt die Schultern und lässt sie fallen, sie wackelt mit dem Kopf, dass ihr dünner Pferdeschwanz mithüpft. Sitztanzen nennt man das wohl. Garantiert hört sie dasselbe Lied wie ich: „Augenbling“ läuft gerade im Radio, von Seeed.

Ein Mann sitzt neben der fuchtelnden Frau und schwingt mit den Fäusten hin und her. Die beiden haben Spaß, und auch bei mir zuckt es jetzt. Geht ja nicht anders bei dieser Knallermusik, man will einfach tanzen. Auch oder gerade in einer öden Ampelschlange.

Nun schaltet es auf Grün, die Autos setzen sich in Bewegung. Wir befinden uns auf der Abbiegespur und wie die Kolonne nach links in die Kurve geht, sehe ich ins Innere des Fahrzeugs vor mir. Es ist gar keine junge Frau. Es ist eine alte Frau. Um die Siebzig, würd ich sagen. Ihr Beifahrer mindestens auch so.

Da möchte man die beiden augenblicklich überholen, sich vor ihnen querstellen, aussteigen, ihre Wagentür aufreißen und Auskunft verlangen: „Was geht hier vor?  Wieso tanzt ihr, als ob keiner zusieht? In eurem Alter? Ich will die ganze Geschichte hören. Sofort.“

(Ich hätte auch ein bisschen sitztanzen sollen)

Tanzt ihr auch manchmal im Auto?

Briefkästen – vom Aussterben bedroht?

Bei unserer Wanderung in Italien fiel mir mancher hübsche, kreative und völlig normfreie Briefkasten auf. Es wäre schade, wenn es sie nicht mehr gäbe. Ob wohl unser Leben irgendwann einmal komplett digitalisiert ist und die Postannahmestelle am Haus obsolet wird? Es ist ja schon heute nicht mehr viel darin zu finden. Das einzig Interessante sind die Reklameblättchen von Aldi oder Lidl, und auch die könnte man im Internet nachschauen. (Aber nicht aufs Klo mitnehmen als Lektüre.)

Unser Briefkasten ist dagegen unspektakulär: Nur ein Einwurfschlitz mit Klappe, der Kasten befindet sich innerhalb des Gebäudes. Standard.
Wie sieht euer Briefkasten aus?

Natürlich!


Ich frage mich, ob der Anblick eines hochschwangeren Bauchs für kleine Kinder heutzutage normal ist, oder ob sie nicht doch etwas verstört reagieren könnten. Wo doch selbst Erwachsene sich über Frauen aufregen können, die in der Öffentlichkeit stillen.

Das Ding auf dem Bauch der jungen Mutter ist übrigens kein Hühnerbein, sondern der Stiel einer Blume.

Gesehen haben wir die eindrucksvolle Skulpturenausstellung des Künstlers Franco Alessandria bei unserer Wanderung im Piemont in La Morra.

Dem Nutellakönig zu Ehren

Jeder Deutsche und jede Deutsche muss man mindestens einmal im Leben eine Schachtel Mon Chéri geschenkt bekommen haben. Sonst kann einem die Staatsbürgerschaft aberkannt werden. Traditionsgemäß verschwindet die Schachtel in einer Schublade zum Weiterverschenken (sodass es insgesamt vielleicht gar nicht viele gibt), und wer hats erfunden? Ein Italiener. Michele Ferrero, König des Piemont, ihm verdanken wir Nutella, Duplo, Kinderschokolade, TicTac und vieles mehr. Stammsitz des Imperiums ist in Alba/Italien, und weil er so viele Menschen glücklich gemacht hat – egal ob durch Arbeitsplätze oder Überraschungseier – tragen viele Plätze und Straßen in dieser Region seinen Namen.

Wir entdeckten aber etwas anderes, das ihm gewidmet ist. Und das ist gleich in zweifacher Hinsicht einmalig:

1. Das Design – schaut es euch an!
2. Nichts, aber auch gar nichts ist darüber im Internet zu finden.

Wir wissen nur, dass es sich um ein optisch interessantes Haus in einem kleinen Ort namens Serravalle Langhe handelt, aber nicht, was es damit auf sich hat. Wer hat es gebaut? Wem gehört es? Neben dem Gebäude befinden sich Sportplätze – ist es ein Vereinsheim? Oder ein Museum? Ein Privathaus? Wir wissen es nicht, aber nunmehr ist dem Internet wenigstens bekannt, dass es dieses Haus gibt. Sollte also jemand dort aufschlagen und zufällig italienisch sprechen, könnte man ja mal nachfragen und Mrs Google aufklären.

Fotomodelle

Kennt ihr das auch, dass ihr gar nicht mehr aufhören könnt, etwas Bestimmtes zu fotografieren?

Ich jagte bei unserer Wanderung ständig Zeit hinter Schmetterlingen und Eidechsen her. Die Schmetterlinge waren meist unfotografierbar, aber ein paar habe ich erwischt. Was ich nicht einfangen konnte, war eine Art Heuschrecke. Man erkannte sie kaum auf dem Boden, aber wenn man näher trat, flog sie ein paar Meter davon, und im Flug entfaltete sie leuchtend blaue Flügel! Wir sahen diese erstaunlichen Tierchen immer wieder, und am letzten Tag durften wir noch eine andere Variante bewundern: Sie leuchtete beim Fliegen rot.
Mrs Google kennt sie übrigens: Es handelt sich um die Blau- bzw. Rotflügelige Ödlandschrecke. Nun wissen wir das auch.

Die Eidechsen hielten eher still beim Fotografieren, sahen aber alle gleich aus. Außer einer: Sie war größer und fülliger als die kleinen Mauereidechsen, grasgrün und herrlich anzusehn. Eine Art Gecko oder so was. Bis ich die Kamera positioniert hatte, war sie leider weg.

Habt ihr auch Motive, denen ihr mit der Kamera nicht widerstehen könnt?

Reisegeschichten (2)

Um ein Haar hätten wir uns im Urlaub mit jemandem angefreundet. Es waren ja noch mehr Wanderer unterwegs: einmal hatten wir einen Abend lang Spaß mit einem jungen holländischen Paar. Aber die meine ich nicht. Ich meine Her Highness und den Husten.

Die beiden waren schon älter und stammten aus Australien. Sie fielen uns auf, weil Er sich beim Reden ständig räusperte, während Sie auf eine Art sprach, als sitze sie beim Pferderennen in Ascot: very british, very posh, „I am utterly exhausted“ und so. Her Highness in Wanderhosen.

Sie zeigten kein Interesse an uns. Wir auch nicht an ihnen, weil uns Husten und Gehabe auf die Nerven gingen. Der Mann grüßte immerhin zurück beim Frühstück oder Abendessen. Die Dame würdigte uns keines Blicks.

Einmal steuerten wir bei einer Wanderung auf die einzige Bar in einem Dorf. Da hörten wir es von der Terrasse her schon husten. Wir gingen trotzdem rein, weil wir Hunger hatten, und zum ersten Mal bedachte uns Her Highness mit einem Lächeln. „Hi,“ begrüßte sie uns charmant. „Hi Highness“, hätte ich beinahe erwidert. Sie empfahlen uns die Panini, mehr wurde nicht daraus. Auch nicht später beim Abendessen.

Die Wende kam am letzten Tag. Wir wurden von Cortemilia zum Ausgangspunkt in Alba zurückgebracht und landeten im selben Taxi: 45 Min. Zeit, uns anzuschweigen oder nicht. Und da ging das Plaudern los. Wie fandet ihr es? Hattet ihr auch Angst vor Wildschweinen? Manchmal ging es schon lange bergauf, oder?

Es wurde geradezu munter zwischen uns und wir entdeckten einige Gemeinsamkeiten. Deshalb wollten war beim Aussteigen gar nicht glauben, dass es vorbei ist. Wir werden uns niemehr wiedersehen. Australien ist zu weit weg.

Warum dauerte das so lange?

Reisegeschichten (1)

Habt ihr euch schon einmal mit der Technik in Hotelzimmern herumgeschlagen?

In einem hübschen Quartier in Monteforte d’Alba betrete ich die nagelneue, ebenerdige Duschkabine. Sie ist zur Hälfte durch eine Glasscheibe abgetrennt und hat einen tellergroßen Brauskopf, der wie ein Satellit über mir schwebt. Alles wirkt modern, offen und hell.
Allein: es kommt kein Wasser. Ich drehe an Griffen und Hebeln, drücke, ziehe – nichts.

Da steh ich also: staubig, nackt, verschwitzt. Der geliebte Brite liegt auf dem Hotelbett und reagiert nicht auf meine Rufe. Ist wohl eingeschlafen.

Also nehme ich die Handbrause, die funktioniert. Ich justierte sie an der Duschstange, positioniere mich davor und wasche mir 15 gewanderte Kilometer vom Leib. Danach steht allerdings nicht nur das komplette Badezimmer samt Wäsche und Taschen auf dem Boden unter Wasser, sondern auch das angrenzende Hotelzimmer. Als ich ans Bett trete, platscht es unter meinen Füßen.

Ich melde den Schaden an der Rezeption und behaupte „Dusche kaputt“. Eine Mamma erscheint mit Eimer und Wischmop, während der Brite bereits mit den Aufräumarbeiten begonnen hat. Zu dritt ziehen wir Handtücher über den Boden, wechseln die Bettwäsche (die herunterhängenden Laken haben sich vollgesaugt), nach einer halben Stunde ist der Tsunami besiegt.

Der Brite hat nach einer Weile auch herausgeknobelt, wie die Dusche funktioniert. Aber hey, ich bin Büroangestellte und keine Ingenieurin! Wie bescheuert ist ein Design, dessen Mechanik man nicht versteht und dessen Boden nur unter der Brause abschüssig anlegt ist, im übrigen Teil der Kabine aber nicht??
Drei Tage brauche ich, um darüber lachen zu können.
Der Brite nur drei Minuten. 😦


Quelle: https://www.booking.com/hotel/it/il-grappolo-d-oro.de.html

Angekommen

An unserem letzten Wandertag wurde es wieder warm, und wir marschierten gemütlich vor uns hin. Von Cravanzana nach Cortemilia, 13 km, 450 m nach oben, 790 m nach unten. Ein letztes Mal ließen wir uns von der Schönheit der Natur einfangen.

Etwa 80 km gingen wir in sechs Tagen zu Fuß und keuchten knapp 3000 Meter bergauf. Die Muskeln und Gelenke sind fit geworden, der Geist auch. Wir wissen nun, dass Wegbeschreibungen nicht strikt befolgt werden dürfen, dass Wegmarkierungen öfters fehlen oder an interessanten Stellen erscheinen, z.B. vor (!) einer Kreuzung. Als wollten sie sagen: „Links? Rechts? Was sind das für Fragen! Geh, wohin dein Herz dich führt, dann kommst du schon an. Wo auch immer.“
Nur auf die App mit dem Tourenverlauf war Verlass, deshalb haben wir uns auch nie verirrt. Respekt vor den Wandersleut, die früher nur mit einer Karte losgezogen sind.

Nun sind wir wieder zu Hause. Ich sehe noch immer das unendliche Grün der Landschaft und das strahlende Blau des Himmels vor mir. Es ist nicht so, dass eine solche Wanderung das große und einzigartige Erlebnis ist. Es sind die vielen kleinen Begebenheiten unterwegs: was man alles sieht, wen man trifft, was man lernt, wie die Strapazen immer besser gemeistert werden, wie die Natur die Seele weitet.
Es geht darum, was der Kopf mitnimmt auf einer solchen Reise und wie manches Thema des Lebens in den Hintergrund rückt.
Deshalb mache ich sowas.

„Reise! Geld kommt zurück, Zeit nicht.“

Gebucht haben wir diese Wandertour bei AbenteuerWege.
Wir waren in hervorragenden Hotels oder Gästehäusern untergebracht und unser Gepäck wurde immer zur nächsten Unterkunft gebracht. Hat alles prima geklappt.

Von Geistern und Schweinen

14 km schaffen wir heute, von Cissone nach Cravanzana. 570 m bergauf, 622 bergab. Da knarrt der Wanderstiefel.

Meist geht es durch lichte und dichte Wälder, perfekt für einen heißen Tag. Nur: Es ist nicht heiß. Gestern Abend gingen Regengüsse nieder, es kühlte auf etwa 15 Grad ab und der heutige Tag bleibt verhangen. So ist das Leben eben.

Wir folgen also den lehmigen, z.T. steilen und glitschigen Wegen der Routenplanung und werden immer tiefer in einen riesigen, naturbelassenen Wald geführt. Keine andere menschliche Seele weit und breit.

Da tauchen mit der Zeit Fratzen und Monster auf. Es sind ja nur abgestorbene Baumreste, aber in der wabernden Feuchtigkeit fühle ich mich wie in einem Zauberwald.

Noch gruseliger sind die Hufabdrücke in der einen oder anderen Lehmkuhle, und immer öfters die frisch (!) aufgeworfene Erde auf dem Weg.
Das waren keine Waldgeister.
Das waren Cinghiale. Wildschweine.

Ich möchte hier nicht den Handy-Empfang verlieren, denke ich, aber das kann einem ja nur in Deutschland passieren.

Der geliebte Brite weiß jedenfalls, dass Wildschweine sehr scheu und nur bei Nacht unterwegs sind. Ich hoffe das stimmt.

Bei der ersten Gelegenheit fliehe ich auf eine kleine Landstraße. Dieser Weg ist etwas länger als der durch den Waldpfad, aber egal. Er führt auch zum Ziel.
Wie gut, dass es Wander-Apps gibt.

Fließen lassen

Von Montfort d’Alba nach Cissone, 17 km, 914 m rauf, 745 m runter.

Die Landschaft ändert sich allmählich. Die weich geschwungenen Hügelketten scheinen zusammenzurücken und es gibt nicht mehr so viele Weinberge, dafür mehr Haselnussplantagen.
Manchmal ist es heiß, manchmal staubig, manchmal geht es durch schattige Wälder, manchmal ziehen Wolken auf. Wir wandern bergauf und bergab.

Die Orientierung gelingt gut mit den ausgedruckten Wegbeschreibungen, den rot-weißen Markierungen, und im Zweifelsfall mit der App. Ich denke nicht mehr darüber nach. Wir werden ankommen, so viel ist sicher.

Die Ruhe dringt allmählich durch zu mir. Aus der Ferne sind gelegentlich Landmaschinen zu hören, in der Nähe das Zirpen der Grillen, der Wind in den Blättern, die knirschenden Steine unter den Wanderschuhen.

Am Wegrand schaukeln Schmetterlingswölkchen aus Bläulingen, die hier klein sind wie ein Daumennagel. Wir sehen auch viele Eidechsen, keine einzige Katze, und aus den eingezäunten Häusern rennt meist ein kläffender Hund eine Weile mit uns mit.

Auf solchen Wanderungen hört das Holterdipolter in meinem Hirn auf. Ich denke dann nur noch darüber nach, was ich gerade höre, was ich sehe und wo die nächste Abzweigung ist. Das reicht eigentlich immer, aber im Alltag vergesse ich es oft.