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Zimmerreise 8/2021: P wie Prinzessin

Da Reisen wegen Corona lange kompliziert oder unmöglich waren, ruft puzzleblume seit einiger Zeit zu Zimmerreisen auf. Wenn man genau hinschaut, gibt es nämlich auch zu Hause viel zu entdecken und Spannendes zu erzählen. In der momentanen Etappe sind Reiseziele mit dem Anfangsbuchstaben P, Q und R an der Reihe.

Diese Skulptur stammt vom Nikolausmarkt. Meine Mutter liebte den kleinen Markt am Ort, und da sie schlecht gehen konnte, begleitete ich sie in ihren letzten Jahren. Sie kaufte mir immer etwas, wie einem Kind: Perlenketten, eine Bratwurst, Maroni oder einen Glühwein.

Ob sie auch diese Prinzessin kaufte oder ich selbst, weiß ich nicht mehr. Ich erinnere mich nur, dass wir an einem Töpferwarenstand zwischen Tellern und anderem Geschirr standen, mittendrin befand sich diese Skulptur. Sie schaute mich an, als müsse ich doch auch sehen, dass sie einen besseren Platz verdient als diesen. Ich erkundigte mich nach dem Preis. Die Standbesitzerin holte sich aber gerade etwas vom Crêpe-Wagen und die Vertretung wusste nicht Bescheid. Da ich so großes Interesse zeigte, entschied sie schließlich selbst: 15 EUR.

Kann fast nicht sein, dachte ich, fragte aber nicht nach, sondern ließ die Prinzessin einwickeln und nahm sie sofort mit. Vielleicht wurde sie unter Preis verkauft, womöglich war die Standbesitzerin später verärgert. Ich machte mich jedenfalls schnell aus dem Staub, soweit das mit einer gehbehinderten Frau am Arm möglich ist. Seither denke ich daran, dass der Preis vielleicht nicht stimmte und ich hätte zurückgehen sollen.

Zur Wiedergutmachung halte ich sie besonders in Ehren. Sie ist ja schön, aufwendig gearbeitet. Jahrelang stand sie im Wohnzimmer und überlebte sogar den letzten Umzug. Jetzt darf sie im Schlafzimmer Platz nehmen.

Mir gefällt das Durcheinander an Stilrichtungen: Die vollen Lippen und Ohrringe deuten auf afrikanische Wurzeln hin. Die grünen Augen mit dem hypnotischen Blick allerdings nicht, und schon zehnmal nicht das goldene Krönchen. Sie ist eben, wie die meisten von uns sind: Von allem ein bisschen.

Ich schau sie gerne an, rücke dann mein eigenes Krönchen zurecht und denke: Das Leben ist bunt.

Keramik
Um Keramik herzustellen mischt man Ton, Lehm und Wasser zu einer weichen Masse, die man mit den Händen formen kann. Das Ergebnis wird getrocknet und dann bei hohen Temperaturen im Ofen gebrannt.

Ton ist nichts anderes als zerriebenes Gestein, das Wasser speichern kann. Ist es gesättigt, wird kein weiteres Wasser mehr durchgelassen. Die heutigen Tonlager sind vor vielen Millionen Jahren entstanden.
Lehm besteht aus Ton und Sand. Er wird seit rund 10.000 Jahren z.B. für luftgetrocknete Lehmziegel oder Lehmputz verwendet.

Die Herstellung von Keramik gehört zu den ältesten Kulturtechniken der Welt, erfunden wurde es etwa im 10. Jahrtausend v. Chr. in Mali. Vermutlich hatte man entdeckt, dass die als Unterlage für ein Feuer verwendete getrocknete Lehmplatte durch die Hitze härter wurde und danach von Wasser nicht mehr gelöst werden konnte.
Heutzutage verwenden wir Keramik nicht nur als Geschirr, sondern auch in Zahn-Inlays, künstlichen Hüftknochen, Zündkerzen im Auto oder als Hitzeschilde an einem „Space Shuttle“.

Zimmerreise 6/2021: L wie Lautsprecher

Da Reisen wegen Corona kompliziert waren und zum Teil immer noch sind, ruft puzzleblume seit einiger Zeit zu Zimmerreisen auf. Wenn man genau hinschaut, gibt es nämlich auch zu Hause viel zu entdecken und Interessantes zu erzählen. In der momentanen Etappe sind Reiseziele mit dem Anfangsbuchstaben L oder M an der Reihe.

Mobiler Lautsprecher

Vor einigen Jahren hielt meine Stiefmutter ratlos dieses Gerät in der Hand. Es war das Weihnachtsgeschenk ihres früheren Arbeitgebers.
Die Beschriftung auf der Verpackung erschloss sich ihr nicht, was denn ein Blohtoht Spe-aker sei, fragte sie. Auch wisse sie mit dem Stecker nichts anzufangen, er passe in keine Steckdose.
Wir erklärten ihr, dass es sich um einen Blootooth-Lautsprecher mit USB-Anschluss handelt und dass sie dazu einen Computer braucht, oder wenigstens ein Handy. Da sie weder das eine noch das andere besitzt, wurde am Kaffeetisch herumgefragt, wer das Gerät brauchen könnte. Niemand.
Ich schon gar nicht, noch so ein Elektrosmog produzierendes Teil, dachte ich. Schließlich opferte sich der älteste Sohn. „Nehm ichs halt“.

So geriet der Lautsprecher in seinen Haushalt und in Vergessenheit, bis ich letztes Jahr überstürzt aus der gemeinsamen Wohnung mit dem damaligen Lebenspartner auszog. In der neuen war ich auf Laptop und Handy reduziert ohne Soundbar, Subwoofer und mobile Boxen.

Ich hatte mir eine elektromagnetisch schwach aufgeladene Umgebung immer gewünscht, doch in meinen Träumen war die Tonqualität von Laptops und Handys besser. Die Realität klang blechern und scheppernd, nichts für meine Nerven. Also kam es zu Überlegungen, wie ich zu einem günstigen Lautsprecher komme, denn der Umzug kostete Geld.

Da fiel dem Sohn der kleine Lautsprecher ein, das Weihnachtsgeschenk seiner Oma. Es lag noch bei ihm, unberührt, originalverpackt, und nun wurde das einst geschmähte Gerät doch noch einer Bestimmung zugeführt: es fand den Weg zu mir.

Seither begleitet mich das kleine Ding jeden Tag: wo ich bin, ist auch der Lautsprecher. Ich kann Stille immer noch nicht gut aushalten, also muss jemand babbeln. Ich höre Wissenssendungen, Talk, selten Musik, aber viele Podcasts in YouTube, die mir mein Leben erklären. Also, ein bisschen.


Die Geschichte des Lautsprechers beginnt schon 1861, er entstand als Nebenprodukt bei der Entwicklung des Telefons. Ein Deutscher hat ihn übrigens erfunden: Werner von Siemens.

Lautsprecher Celestion

Diesen Apparat hätte ich nicht von Zimmer zu Zimmer tragen können!
(Quelle: Wikipedia – Franz Klemm)

Bei der Bluetooth-Technologie werden Daten per Funk übertragen, allerdings nur auf kurze Distanz bis ca. 10 Meter. In meiner kleinen Wohnung reicht das, ich verliere die Verbindung nie.

Doch wie kam es zur Bezeichnung Bluetooth? Das hat mit einem Wikingerkönig aus dem 10. Jahrhundert zu tun: Harald Blauzahn. Er soll durch seine ausgeprägte kommunikative Kompetenz mehrere Fürstentümer zu einem dänischen Königreich vereint und viele Menschen vom christlichen Glauben überzeugt haben.

Als in den 1990er Jahren zum ersten Mal zwei Geräte per Funk gekoppelt werden konnten, suchte man nach einem Namen für die neue Technologie und stieß auf König Blauzahn: Bluetooth. Seine Initalien wurden zum Bluetooth-Symbol. Sie sind in Runen geschrieben, wie sie von den Wikingern verwendet wurden. Man sieht ein ᚼ (H) und ein ᛒ (B).

Aber wieso hieß er Blauzahn? Möglicherweise war es das Symbol für sein Schwert, oder er trug blaue Kleidung, was damals kostbar war. Oder er hatte einen faulen Zahn (vielleicht waren die Menschen so schnell einverstanden mit seinen Vorschlägen, damit er den Mund hielt).
Jedenfalls war er ein Kommunikationstalent, und dafür steht sein Name heute noch.

Kunst? Oder Spaß?

Holzskulptur Penis

Diese ungewöhnliche Skulptur entdeckte ich neulich beim Spazierengehn, passenderweise am Vatertag. Sie steht in Taldorf bei Ravensburg. Niemand weiß, wer den Holzpenis geschaffen hat, niemand weiß, wer ihn aufgestellt hat, aber alle lachen.

Er ist nicht der einzige seiner Art. In der Bodenseeregion und im Allgäu wurden bereits mehrere der meterhohen Werke gesichtet, einer davon direkt in einem Kreisverkehr. Da alle unfallsicher verankert sind, wurden sie von den Gemeinden mit Humor aufgenommen und bleiben erst einmal stehen (kleines Wortspiel). 😉

Ich find’s lustig! Wem es nicht gefällt, der oder die muss es sich ja nicht anschauen, so ist es in der Kunst immer. Aber was würde ich meinem, sagen wir mal, zehnjährigen Kind sagen bei einem Wanderausflug? Für Jungs dürfte die Sache klar sein, aber Mädchen wissen wohl noch nicht, was ein erigierter Penis ist.
Vielleicht würde ich das Werk als Spargel-Denkmal deklarieren.

Wie findet ihr das?

Ich kenne keine bessere Definition für das Wort Kunst als diese: 
Kunst - das ist der Mensch
(Vincent van Gogh)

Kurioses aus Ravensburg

Heimenkirch – Erneut Holzpenis aufgetaucht

Zimmerreise 5/2021: K wie Klabauterfrau

Fernreisen sind derzeit kaum möglich, deshalb ruft puzzleblume seit einiger Zeit zu Zimmerreisen auf. Bei genauer Betrachtung gibt es nämlich auch zu Hause viel zu entdecken und Spannendes zu erzählen. In der momentanten Etappe sind Reiseziele mit dem Anfangsbuchstaben J oder K vorgesehen. Ich freue mich, wenn du mich begleitest.

Vom Klabautermann hat man schon gehört. Seefahrer vergangener Jahrhunderte glaubten an einen guten Geist oder Kobold, der das Schiff in Ordnung hält, vor Gefahren warnt und gelegentlich Schabernack treibt. Der Klabautermann sitzt meist im Laderaum, wo er sich an Kisten und Fässern zu schaffen macht. Es knarrt, hämmert und klopft. Man sieht ihn nie, und das ist gut so. Wenn er sich nämlich blicken lässt, ist es zu spät: Es kommt schlechtes Wetter und das Schiff wird untergehen.

Doch wer ist die Klabauterfrau?

Dieses Bild entstand im Dezember 2019. Ich malte es in den Stunden, die ich allein in meinem Zimmer verbrachte, damals befand ich mich in einer Reha. Die Maltechnik geht so, dass man Linien zeichnet, die sich überkreuzen. Dadurch bilden sich kleine Flächen, die man ausmalt. Man weiß nie, was daraus entsteht, und es ist auch nicht wichtig. Das Malen ist eine Entspannungsübung, im Kopf kehrt Ruhe ein.

Bei meinem Bild kam nach und nach eine Figur zum Vorschein, die ich immer weiter ausarbeitete. Am Ende blickte mich ein gnomhaftes Wesen an, dem ich das weibliche Geschlecht zuordnete. Sie steht auf einem schwankendem Untergrund, hinter ihr türmen sich Wellen, fertig war die Klabauterfrau. So stellte sie sich jedenfalls vor, als ich das Werk zum Schluss betrachtete.

Wenn ich mein Leben als Schiff auf hoher Fahrt betrachte, dann passt sie auch, die Klabauterfrau. Sie zeigte sich auf dem sinkenden Schiff, das ein halbes Jahr später in Form meines bisherigen Lebens unterging. Ein neuer Lebensabschnitt begann, wieder einmal, und ich frage mich: War die Klabauterfrau eine Vorbotin?

Wenn man das Bild umdreht, zeigt sich übrigens ein anderes Motiv: der Kopf einer Frau mit Hut.

Es fehlen die Augen, sie sieht also nichts. Sie schaut nicht hin und das – es gruselt mich selbst – hat etwas mit dem plötzlichen Auseinanderbrechen meines Lebensschiffs zu tun. Mir gefiel das Gesicht damals nicht und ich hängte das Bild wieder „richtig“ herum auf.

Laut einem alten Seemannsbrauch gehört auf jedes Schiff ein Huhn zur Abschreckung des Klabautermanns. Wenn ich das gewusst hätte! Ich hätte ein Huhn malen können, oder zwei, oder einen ganzen Hühnerstall. Ich hätte auf einer meiner Wanderungen ein Huhn stehlen und auf dem Balkon verstecken können, oder bei Edeka eins aus der Tiefkühltheke kaufen, wenn dadurch alles anders gekommen wäre. Aber es kam, wie es kam.

Den Klabautermann gab es, als noch Segelschiffe durch die Meere pflügten. Auf ihnen waren wohl viele Geräusche zu hören, die niemand anders als der Kobold verursachte und die es später auf Dampfschiffen nicht mehr gab. Deshalb wurde es von da an ruhig um den kleinen Schiffsgeist und er war fast vergessen, bis der berühmteste „Nachfahre der Klabauter“ die Bühne betrat, und zwar ganz ohne Schiff: Pumuckl.


Die Klabauterfrau hängt seit meinem Umzug im Wohnzimmer, denn ich schau sie gerne an. Sie ist stark, hält sich über Wasser und aus ihrem Gesichtsausdruck schließe ich: wenn jemand Ärger macht, gibts eins auf die Nuss.
Meine tägliche Inspiration.

 

Zimmerreise 4/2021: H wie Henne

Seit einiger Zeit ruft puzzleblume zu Zimmerreisen auf. Echte Reisen sind ja immer noch nicht möglich, aber auch in einem Zimmer gibt es viel zu entdecken und darüber zu erzählen. Also nehme ich euch gerne wieder mit, heute zu einem Reiseziel mit dem Buchstaben H.

Da ich auf meiner Tour durch die Wohnung immer wieder feststellen muss, dass seit dem letzten Umzug nicht mehr viel da ist, wovon ich berichten könnte, greife ich schon wieder auf ein Bild zurück. Wenigstens davon gibt es noch einige zur Auswahl.
Diese Henne zum Beispiel schaut mir seit zweiundzwanzig Jahren beim Kochen zu. Fünf Küchen hat sie gesehen, überall fand sie einen Platz und blickte interessiert auf das, was um sie herum geschah.

Es handelt sich um einen Kupferstich, zwei Blätter gibt es davon. Das erste tauschte ich irgendwann aus, weil ein großer Fleck sich darauf ausgebreitet hatte. Auch dieses hier ist nicht mehr ganz rein, ich frage mich wie in einem eingerahmten Bild Flecken entstehen können? Es ist wahrscheinlich nur in der Küche möglich, inzwischen steht es auch nicht mehr neben dem Herd. Das hilft wahrscheinlich.

Ein Kupferstich ist ein grafisches Druckverfahren. In eine Kupferplatte werden Linien geschnitten oder kleine Flächen abgeschabt. Dann kommt dickflüssige Farbe darüber, die wieder abgestrichten wird, bis nur noch in den Kerben des gewünschten Motivs Farbe übrig ist. Diese muss aufs Papier: Es muss ein besonders saugfähiges sein wie Büttenpapier. Es wird angefeuchtet und fest auf die Platte gepresst, sodass die Farbe ins Papier sickert.

Albrecht Dürer war ein großer Meister diese Kunst, und meine Tochter auch. Sie brachte diese Henne 1999 aus der Schule mit, seither gehört sie zum Haushalt. Es gefällt mir besser als ein Dürer.

Zimmerreise 4/2021: H wie Herzen


Dieses nicht weiter erwähnenswerte Bild entdeckte ich vor vielen Jahren auf einem Flohmarkt. 5EUR kostete es einschließlich Rahmen, und wegen des Rahmens kaufte ich es. Das Bild wollte ich austauschen, sobald mir ein interessanteres begegnete, mit Herzen und Maritim-Deko hab ichs nicht so. Ich hängte es aber erst einmal auf wie es war, weil es ganz gut in den Flur passte. Blau ist ansonsten nicht meine Farbe in der Wohnung.

Auch wenn ich das Motiv selbst nicht ausgesucht hätte – die Herzen blieben dann doch hängen, wenn auch halbherzig, denn ich fand nichts Besseres zum Einrahmen. Aber sobald ich über etwas Spannenderes stolpere, wechsle ich es aus, dachte ich weiterhin. Jahrelang. Bis zu meinem letzten Umzug vor einigen Monaten.

Da entschied ich, dieses Bild erstens mitzunehmen und zweitens niemals zu ersetzen. Das Herz ist ein Symbol für die Liebe, und wenn meine Herzensangelegenheiten auch im Moment arg durcheinander sind – die Liebe stirbt trotzdem nicht. Es gibt sie in so vielen Formen – das ist mir erst seither bewusst geworden und die unterschiedlichen Herzen zeigen mir das. Egal ob es sich um Kunst oder Deko handelt.
Das Bild hängt jetzt in der Küche, denn Blau ist immer noch nicht meine Farbe.

Wisst ihr eigentlich, wie es zur Herzform und ihrer Bedeutung als Symbol der Liebe kam? Das war so:

Schon im 3. Jahrtausend v. Chr. waren im antiken Griechenland Efeublätter das Symbol ewiger Liebe, weil diese Pflanze immergrün ist und bis zu 400 Jahre alt werden kann. Man malte sie auf Vasen und Fresken.

Im Mittelalter erinnerte man sich an dieses alte Motiv. Allerdings stand inzwischen die Farbe Rot für Liebe und Leben. Also wechselte das Efeublatt die Farbe. Die stilisierten herzförmigen Blätter wurden jetzt rot gemalt und zierten Minnegedichte verliebter Edelmänner, unser heute bekanntes Herz war geboren.

Dass es weltweit bekannt wurde, lag an den Christen. Sie verwendeten es im Mittelalter, um das Herz Jesu darzustellen. Das durchbohrte Herz des Heilands wurde zum Sinnbild der göttlichen Liebe zu den Menschen.

Wer aber statt in die Kirche lieber in die Spelunke ging, lernte das rote Herz trotzdem kennen, und zwar beim Kartenspiel. Die Farben Kreuz, Pik, Herz und Caro wurden im 15. Jahrhundert in Frankreich erfunden und bald in ganz Europa bekannt.

Für alle, die immer noch keine Berührung mit einem Herzen gehabt hätten, wurde dann der Valentinstag erfunden. 😉

So war das.

Ich wünsche euch von Herzen ein schönes Wochenende!

❤️❤️❤️

Zimmerreise? Was ist das denn?

Das wird mal eine Umarmung!

20210407 Impfung neuDie Älteren unter uns erinnern sich vielleicht an die Aufregung zur Anschnallpflicht im Auto, etwa 40 Jahre ist das her. Was wurde da gezetert und debattiert, ob der Sicherheitsgurt nun Lebensretter oder Fessel war! Von unrechtmäßiger Zwangsverordnung war die Rede, medizinische, juristische und politische Überlegungen wurden angestellt und heute? Kein Mensch denkt mehr darüber nach, man schnallt sich einfach an.

Daran denke ich manchmal, wenn ich die Einwände gegen das Impfen und die Beschränkungen höre. Freilich gab es schon immer Pandemien, und alle verschwanden wieder. Das lag aber vor allem daran, dass die Infizierten gestorben sind. Ich möchte jedenfalls nicht riskieren, mit schuld zu sein, wenn Intensivstationen keinen Platz mehr haben für Schlaganfälle, Herzinfarkte, Autounfälle und planbare Operationen. Ich möchte wieder Menschen umarmen, ausgehen, Konzerte und Partys besuchen.

Den ersten Schritt dazu habe ich heute getan. Heureka!

 

Darf man den einzigen essbaren Osterhasen schon am Ostersonntag essen?

Diese Frage beschäftigt mich seit heute Morgen. Ich schaue diesen hübschen Hasen nämlich gerne an, würde ihn aber genauso gerne aufessen. Wenn ich ihn hinterher immer noch anschauen könnte, hätte ich es längst getan.

Wusstet ihr, dass der Osterhase in Deutschland — Kinder, jetzt nicht weiterlesen — erfunden wurde?  Die Idee, dass der Osterhase Süßigkeiten und Eier verschenkt, soll im Mittelalter in Deutschland entstanden sein, die erste schriftliche Erwähnung stammt aus dem 16. Jahrhundert. Niederländische Siedler brachten den Hasen im 18. Jahrhundert in die Vereinigten Staaten und die machten ein Geschäftsmodell daraus, wie aus so vielem.

75% der Deutschen essen übrigens die Ohren eines Schokohasen zuerst.
Ich auch. Was solls. Ostern ist Ostern, ich kann den hübschen Hasen ja auf dem Foto anschauen.
Mmmm, da sind Smarties drin!

Das Bemalen der Eier wurde in der Ukraine erfunden. Einwanderer brachten es in USA und dort weiß man eben, wie man eine Idee unter die Leute bringt.

In Bulgarien wiederum ist es ein alter Osterbrauch, sich gegenseitig mit rohen Eiern zu bewerfen. Diese Tradition wurde zum Glück nicht in die USA exportiert, um von dort aus um die Welt zu gehn.

Stimmt es, dass in der Schweiz nicht der Osterhase, sondern der Kuckuck die bunterkunten Ostereier bringt? Hab ich ja noch nie gehört.

Das und mehr interessante Oster-Fakten gibt es hier zu lesen: Die 10 besten Fakten über Ostern

So. fertig. Versuchungen widerstehen zu können gehört in die Fastenzeit, es lebe das Leben!
Nicht das dieses Osterhasen, der nur kurz unter uns war, aber das andere Leben, unseres, das können wir öffnen und Freude hineinlassen. Wenn das nichts zum Feiern ist!

Fröhliche Ostern wünsche ich euch allen,
lasst es euch gutgehen.

 

Zimmerreise 03/2021: G wie Geschenk oder Grünlilie

Zimmerreise? Was ist das denn?

Die Grünlilie ist das Unkraut unter den Zimmerpflanzen, sie ist praktisch unkaputtbar: man darf sie zu hell stellen, zu dunkel, zuviel gießen, zu wenig – die Grünlilie nimmt es hin.
Zwischen den grün-weiß gestreiften schmalen Blättern erscheinen lange Schäfte, an denen sich bewurzelte Ausläufer bilden. Die stellt man ins Wasser und Zack! Neues Leben entsteht. Auch beim Vermehren kann also nichts schiefgehen.

Im Grunde ist sie nichts Besonderes, da gibt es nichts zu deuteln, Grünlilien stehen wohl in jedem Haushalt herum. Da sie laufend Ableger produzieren, muss man sie nicht kaufen. Man kennt immer jemanden, der welche übrig hat und zur Not tut es auch mal ein Grünlilienbaby aus irgendeinem Warteraum.

Dieses Exemplar ist das Geschenk einer Freundin. Als ich in die Wohnung hier eingezogen war, stand sie eines Tages da und streckte mir strahlend eine kleine, angewelkte Pflanze im alufolien-umwickelten Topf entgegen. „… ich hab so viele von denen, kann sie nie wegwerfen, und oh, hätt ich wohl mal gießen sollen.“

Was schenkt man?
Da gingen mir zwei Gedanken durch den Kopf.
Erstens: Wieso müssen wir eigentlich in Geschäfte rennen und Sachen kaufen, wenn wir jemanden „artgerecht“ beschenken wollen? Wieso kann es nicht die Grünlilie von der Fensterbank sein? Und wozu braucht es einen stylischen Übertopf – hat nicht jeder das Haus voller Übertöpfe? Was sagt es aus, wenn für ein Geschenk kein Geld ausgegeben wurde?

Zweitens: Kann man sich über ein Geschenk auch dann freuen, wenn es sich um ein „Allerweltsgeschenk“ handelt, das nicht von langer Hand überlegt und ausgesucht wurde?
Kann man ggf. eine Botschaft wie „Ich bin der Person wohl nicht so wichtig“ abkoppeln und dem Geschenk trotzdem eine Chance geben, es also gerne annehmen?

Diese Grünlilie kam jedenfalls nicht vom Gartencenter, sondern von Herzen, ich weiß das, und sie hat die Durststrecke prima überstanden. Sie bekam einen Platz, an dem sie atmen, wachsen und bewundert werden kann und sie wird immer üppiger. Ich werte das als Zeichen des Schicksals speziell für mich. Wann immer ich die Pflanze betrachte, freue ich mich. Eine Orchidee kann auch nicht mehr.

Übrigens: Schenken macht glücklich. Heute schon geschenkt?

Vorfrühling

Vorfrühling

Härte schwand. Auf einmal legt sich Schonung
an der Wiesen aufgedecktes Grau.
Kleine Wasser ändern die Betonung.
Zärtlichkeiten, ungenau,

greifen nach der Erde aus dem Raum.
Wege gehen weit ins Land und zeigens.
Unvermutet siehst du seines Steigens
Ausdruck in dem leeren Baum.

Rainer Maria Rilke

Ich wünsche euch allen einen schönen,
vorfrühlinghaften Sonntag!

 

Zimmerreisen 02/2021: E wie Eieruhr

Diese Eieruhr brauche ich nicht zum Eierkochen, sondern beim Zähneputzen. Streng genommen ist es also eine Zähneuhr, und sie ist das Ziel dieser Zimmerreise.

Ich suchte einige Zeit nach einer günstigen kleinen Sanduhr zur ausreichenden Zahnhygiene. Man findet diese Uhren aber kaum noch in den Geschäften, elektronische Geräte mit Alarmton sind wohl komfortabler. Aber es muss noch etwas geben, was ich nicht mit dem Handy erledige, deshalb wollte ich beim Zähneputzen eine Sanduhr. Man steht sowieso davor und kann das Ende nicht verpassen.

Dass ich dieses Helferlein doch noch fand, verdanke ich der Tochter. Wir waren im örtlichen Drogeriemarkt unterwegs und sie entdeckte es nicht bei den Haushaltswaren, sondern im Zahnpflege-Regal. Es gab nur Designs für Kinder, deshalb ist diese Eieruhr in Pink und hat oben eine Prinzessin. Die Tochter nahm eine blaue mit Ritter.

So banal die Rolle einer Sanduhr beim Eierkochen oder Zähneputzen ist, so bedeutungsschwer war sie in der Vergangenheit. Jahrhundertelang galt die Sanduhr, auch Stundenglas genannt, als Symbol für Vergänglichkeit.
Die nach unten rieselnden Körnchen machen Zeitfluss, Übergang, Unabänderbarkeit und Tod sichtbar. Wenn das Häufchen unten liegt, ist eine Zeit abgelaufen.

In der Sanduhr unseres Lebens steht für ein Sandkorn bei jedem Menschen ein anderer Wert: ein Monat, eine Woche, ein Tag? Wir wissen es nicht, nur dass sie fallen, und dass wir während dieses Fallens jeden Moment nutzen und das Beste daraus machen sollten.

Damit wir nicht zu melancholisch werden, rasch ein Abstecher zu Professor Horace Slughorns Stundenglas. Er ist Lehrer in Hogwarts (wir sind also bei Harry PotProfessor Slughorns Stundenglaster) und seine Sanduhr ist etwas speziell: der Sand fällt nämlich unterschiedlich schnell.
Maßgebend ist immer ein Gespräch, das gerade stattfindet. Ist es anregend und bereichernd, fließt der Sand langsam. Ist es dagegen inhaltslos und einschläfernd, fließt der Sand schnell. Der Professor ist nämlich ein Genießer und er will seine Zeit nicht mit Nutzlosem verbringen.
Wenn es so etwas gäbe! Da könnte der Partygast am Stehtisch Kollege beim Zoom-Meeting ins Schwitzen kommen, wenn das Häufchen zu schnell wächst, und man stelle es sich erst bei einem Bewerbungsgespräch vor.

Eine Sanduhr kann übrigens auch vor- oder nachgehen. In der Kälte rieselt der Sand nämlich schneller durch, und wenn es sehr warm ist, fließt er langsamer. Wen der physikalische Hintergrund interessiert – hier ist er erklärt.

Erfunden wurde die Sanduhr im 14. Jahrhundert und man brauchte sie vor allem in der Seefahrt. Der Durchlauf eines Glases dauerte 30 Minuten und mit dem Verrinnen des zweiten Glaskolbens nach der Drehung wusste man, wann eine Stunde vorbei war. Daher auch die Bezeichnung Stundenglas.

Meine Eieruhr zeigt fast auf die Sekunde genau drei Minuten an. Da ich sie weder mit dem Haarfön erwärme noch in den Kühlschrank stelle und in meinem Badezimmer weder anregende noch ermüdende Gespräche stattfinden, wird es wohl immer bei den drei Minuten bleiben.
Drei Minuten Zähneputzen = drei Minuten Lebenszeit.
Das macht auch dieser kleine Plastikartikel mit einer Prinzessin obendrauf klar.

 

(478 Wörter)

Regentropfenrätsel

Wer viel Zeit zu Hause verbringt, hat viel Zeit zum Nachdenken. Fragen treten auf, von denen sich manche beantworten lassen, andere nicht. Jedenfalls nicht von mir.

Zum Beispiel beschäftigt mich die Windschutzscheibe meines Autos: Warum sehen bei Regenwetter die Wasserperlen innerhalb der Scheibenwischerfläche anders aus als außerhalb? Dort, wo die Scheibenwischer nicht hinkommen, sitzen winzige Tröpfchen sauber nebeneinander. Wo dagegen gewischt wird, sieht es auf der Scheibe etwas ungeordnet aus. Nass halt, aber ohne System.

Das Bild entstand nach durchregneter Nacht, bevor ich den Motor startete. Scheibenwischerwasser habe ich seit Wochen oder Monaten nicht benutzt, ich weiß gar nicht, ob noch etwas drin ist. Das Glas müsste also außen eine einheitliche Oberfläche haben. Warum formen sich dann scharf abgetrennt unterschiedlich aussehende Wasserperlen? Weiß das jemand?

Zimmerreise 01/2021 – Die Bücherkartei

Bei einer Zimmerreise geht es darum, die gewohnte Umgebung neu zu entdecken. Man reist zu beliebigen Gegenständen in einem Zimmer, betrachtet sie und erzählt ihre Geschichte und Hintergründe. Diese literarische Gattung gibt es seit dem 18. Jahrhundert.
Zu meinen Zimmerreisen inspiriert mich ein Projekt von Pflanzwas und Puzzleblume, mehr dazu hier. Jeder kann teilnehmen und selbst auf die Reise gehen.

Im Januar soll das zu Reiseziel den Anfangsbuchstaben A, B oder C tragen.

Die Bücherkartei

Ihr werdet mich für plemplem halten, denn obwohl ich mit der Digitalisierung keine Berührungsängste habe und ständig mit Apps oder Dateien hantiere, habe ich dennoch eine Bücherkartei. Richtig gelesen: einen Karteikasten mit Karteikarten drin. Die Älteren erinnern sich.

Die Bücherkartei steht seit Jahren in meinem Wohnzimmer.

Auf jeder Karteikarte ist der Titel eines Buchs vermerkt sowie dessen Autorin oder Autor, ein Satz zum Inhalt, zwei Sätze darüber, wie ich das Buch fand, in welchem Land die Handlung spielt und in welchem Jahr ich das Buch gelesen habe. Die Farbe der Karteikarten sagt noch etwas über den Gesamteindruck aus. Gelb z.B. sind die herausragenden Bücher.

Und das kam so:

In der Wohnung meines führeren Lebens gab es ein Arbeitszimmer, das mein damaliger Lebenspartner nutzte. Er saß dort am PC, um Nachrichten und Filme zu sehen und der Raum diente als Lager für seine Sachen: Unterlagen, Eisenbahnbücher, alte Atlanten, ein kleiner Bergmann aus Bronze, Tassen und Teller mit Arsenal-Aufdruck, angefangene Basteleien, Kabel, Werkzeuge, mehr Unterlagen, IT-Gedöns, Zeug eben.

Nach Jahren bat ich meinen Partner um diesen Raum, weil mir dringend ein Rückzugsort fehlte. Er schrie nicht Hurra, war aber einverstanden. Sein PC wanderte ins Wohnzimmer und um Platz zu schaffen für seine „Sachen“, räumte ich im Wohnzimmer den großen Schrank aus. Hier gab es vor allem eines: Meine Bücher. Hunderte.

Sie hatten in dem kleinen Arbeitszimmer keinen Platz, denn es sollte ein luftiger, minimalistischer Ort werden, an dem ich mich wohlfühlen konnte.

Also räumte ich aus. Tagelang. Ein Buch nach dem andern legte ich in Kartons und schenkte sie der örtlichen Bücherei. Man glaubt nicht, wie sehr man sich Büchern verbunden fühlen kann, ich erkannte es erst da. Tränen flossen. Es war nicht leicht. Aber ein eigenes Zimmer war eben wichtiger.

Die Bücher waren also weg, verloren, wenig später schaffte ich mir einen eReader an. Ich wollte nie wieder Bücher weggeben müssen.

Von da an bannte ich jedes gelesene Buch auf eine Karteikarte. Ich brauche das. Ich muss etwas haben, was ich sehen und anfassen kann wie früher die Bücher im Regal. Ich muss wissen, was ich gelesen habe und *dass* ich gelesen habe.

So entstand die Kartei. Sie enthält alle Bücher, die ich seit 2016 gelesen habe. Platzsparend. Weggebsicher.

 

(352 Wörter)

 

Zimmerreise 01/2021 – Collagen

Bei einer Zimmerreise geht es darum, die gewohnte Umgebung neu zu entdecken. Dazu werden Gegenstände in einem Zimmer nacheinander betrachtet und ihre Geschichte erzählt. Diese literarische Gattung gibt es seit dem 18. Jahrhundert. Zu meinen Zimmerreisen inspiriert mich ein Projekt von Pflanzwas und Puzzleblume, mehr dazu hier. Jeder kann teilnehmen und selbst auf die Reise gehen.

Im Januar soll das zu bereisende Objekt den Anfangsbuchstaben A, B oder C tragen.

Collage Feuerspeier

Es gibt nun doch eine Zimmerreise zu einer Station, die Erinnerungen an mein vergangenes Leben auslöst. Ich wollte das vermeiden, aber ich kann auch nicht so tun, als hätte es diese Zeit nicht gegeben. Außerdem habe ich nun einen Begriff mit C.

Es handelt sich um eine Collage, die ich niemals aufhängen würde. Sie liegt in einem Ordner im Wohnzimmer, zusammen mit anderen Werken, die davor und danach entstanden sind.

Auf der Rückseite steht: „Mein Leben geht in Flammen auf, meine Kraft verlodert, verglüht, es wird kalt.“

So war das letztes Jahr im Sommer.

Collagen halfen mir eine Zeitlang, das auszudrücken, was ich nicht in Worte fassen konnte. Wenn ein Bild fertig war, sah ich: „So ist es“, und konnte es ablegen.
Es tauchten neue Dämonen auf, auch diesen gab ich Gestalt in der gleichen Weise. Sie gaben Ruhe und die nächsten erschienen, immer wieder andere. Eine Zeitlang ging das so.

Am wichtigsten bei der Collagetechnik sind mir nicht die Motive, sondern der Hintergrund. Er bestimmt den Eindruck, die Stimmung. Es muss eine ruhige Fläche sein, damit sie nicht von den aufgeklebten Elementen ablenkt. Die Farbe muss der seelischen Verfassung entsprechen, in der ich mich gerade befinde, nur dann wirkt das Ergebnis „therapeutisch“.

Der Hintergrund war deshalb das Einzige, was ich später nicht mehr dem Zufall überließ, d.h. ich nahm nicht mehr das, was gerade da war. Man findet in Publikationen sowieso kaum etwas Ganzseitiges mit sparsamem Design und wenn, dann nicht in der Farbe, die gerade gebraucht wird.

Also stellte ich die Hintergründe selbst her. Ich kopierte dazu einen Ausschnitt aus einer Bilddatei mit Mauer, Himmel, Sand oder was immer, vergrößerte ihn auf A4 und druckte es aus. Dann schnitt ich aus Zeitschriften, Reklameblättchen, Flyern usw. Motive aus, die mich ansprachen.

Egal was man auf einen verhaltenen Hintergrund auflegt: es erzeugt immer einen Effekt, ein kleines Oh-Erlebnis, und auch das half mir: Etwas zu kreieren, was mich berührte.

Der Feuerspeier war meine letzte Collage mit Farben, ihre Einzelteile stammen aus einem Modeprospekt. Die nachfolgenden Werke wurden überwiegend grau und schwarz.

Eines Tages werden wieder Bilder entstehen, auf denen die Sonne scheint. Deshalb darf der Ordner mit diesen Bildern nicht in den Keller wandern, er muss im Wohnzimmer bleiben. Denn die Geschichte ist ja noch nicht zu Ende.

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(379 Wörter)

Zimmerreise 01/2021 – Mit Bambus stricken

Bei einer Zimmerreise geht es darum, die gewohnte Umgebung neu zu entdecken. Dazu werden Gegenstände in einem Zimmer nacheinander betrachtet und ihre Geschichte erzählt. Diese literarische Gattung gibt es seit dem 18. Jahrhundert.
Zu meinen Zimmerreisen inspiriert mich ein Projekt von Pflanzwas und Puzzleblume, mehr dazu hier. Jeder kann teilnehmen und selbst auf die Reise gehen.

Im Januar soll das zu bereisende Objekt die Anfangsbuchstaben A, B oder C tragen. Da ich vor kurzem umgezogen bin und wenig mitgenommen habe, ist die Auswahl überschaubar. Ich finde also nichts mit A oder C, aber ein zweites Mal eins mit B:

Die Bambusstricknadeln

2021-01-16 Bambusstricknadeln

Ich besitze dieses Stricknadelset seit dem Jahr 2015. Es ist das Jahr, in dem ich die Wohnung meiner Mutter ausräumen musste, weil sie in ein Pflegeheim kam.
Ich ging also durch ihre Schränke und Schubladen und fand unter anderem eine halbe Socke. Aus roter Wolle war ein Sockenbund gestrickt, der an Bambusnadeln hing, was ich bis dahin nie gesehen hatte. Ich kannte nur Nadeln aus Metall, hatte aber seit Jahrzehnten keine Handarbeit mehr angefertigt und war nicht auf dem Laufenden.

Die halbe Socke war von meiner Mutter begonnen worden, ich weiß nicht für wen, aber die Finger waren schwach geworden und so blieb das Werk unvollendet.

Aus dem Blogbeitrag „Schicksal

Seufzend nahm ich auch das mit nach Hause, eine Weile lang lag die Socke herum. Irgendwann nahm ich sie auf und strickte weiter. Was hätte ich damit tun sollen? Es gelang mir aber nur schlecht, Fersen zu stricken ist nichts für Anfänger.
Trotzdem kriegte ich es irgendwie hin und die zweite Socke auch. Als sie fertig waren, brachte ich sie meiner Mutter.

Sie trug sie noch ein paar Monate lang. Dann starb sie und die Socken kehrten zu mir zurück.
Ich weiß nicht, wo sie hingekommen sind, ich habe sie nicht mehr, aber die Bambusstricknadeln sind noch da. Mit ihnen strickte ich noch viele Socken für meine Kinder, früher für den geliebten Briten, heute für Tochter und Schwiegersohn und demnächst für unser Zwergle – das erste Enkelkind, das im März zur Welt kommen wird.
Die Fersen beherrsche ich inzwischen im Schlaf.

Ich habe für Socken niemehr andere Stricknadeln verwendet als dieses eine Spiel aus Bambus, obwohl ich ungefähr fünf Metall-Nadelspiele habe. In manchen Stricksets liegen sie ja bei, ich packe sie nicht einmal aus.
Bambus-Stricknadeln liegen warm in den Fingern und erzeugen beim Stricken nicht dieses leise Quietschen wie Metallnadeln. Vielmehr klingt es beim Aneinanderschlagen wie Holz und es fühlt sich lebendig an in meiner Hand. Deshalb kommt mir nichts anderes in den Strickkorb: Es müssen Bambusnadeln sein, und zwar diese hier.

 

(334 Wörter)

Schiefgeloffen

(wie der Schwabe sagt)

Neulich auf dem Weg zurück in die Firma, wir waren zu einem Workshop an einem anderen Standort gewesen. Kurz vor dem Ziel …

… kenne ich eine Abkürzung und lotse die Fahrerin dorthin. Leider stellt sich heraus, dass die Straße gesperrt ist und wir müssen zurück auf den normalen Weg.

… will eine Kollegin ihre Vorbestellung in einer Metzgerei abholen. Leider hat das Geschäft – trotz Terminabsprache – geschlossen und wir haben den Schlenker umsonst gemacht.

… will eine andere Kollegin eben noch Geld abheben. Leider ist der Bankomat defekt und auch dieser Schlenker war für die Katz.

Das alles innerhalb von zehn Minuten, und ich habe es mir nicht ausgedacht!

Bild von Ryan McGuire auf Pixabay

Was denkt ihr – gibt es Pechsträhnen, oder sind das reine Zufälle?

 

Ruhestörung

Ein wunderschönes altes englisches Lied handelt von einem jungen Mann, der nach dem Tod seiner Geliebten nicht zu trösten ist. Täglich steht er weinend an ihrem Grab, bis sie ihm nach zwölf Monaten und einem Tag als Geist erscheint. Sie beschwert sich, dass sie bei all dem Jammern und Klagen nicht in Ruhe schlafen könne, und wer denn das sei.

Er gibt sich zu erkennen und bittet inständig um einen Kuss, doch dann ... if you should kiss my clay-cold lips … würde er sterben, antwortet sie, und ihre Herzen würden zerfallen wie vertrocknete Blumen. Sie fordert ihn auf, das Leben zu nehmen wie es ist es zu genießen, solange er es hat.

In diesem Sinn wünsche ich euch – gerade heute – einen erfüllten und mit allen Sinnen gelebten Tag.

 

Cold blows the wind upon my true love
Soft falls the gentle rain
I never had but one true love
And in Greenwood she lies slain

I’d lose much for my true love
As any young man may
I’ll sit and I’ll mourn all on your grave
For twelve months and a day

When the twelfth month and a day had passed
The ghost began to speak
„Who is it that sits all on my grave
And will not let me sleep?“

„‚Tis I, ‚tis I, thine own true love
That sits all on your grave
I ask of one kiss from your sweet lips
And that is all that I crave“

„My lips, they are as clay, my love
My breath is earthy strong
And if you should kiss my clay-cold lips
Your time, ‚twould not be long“

„Look down in the yonder garden fair
Love, where we used to walk
The fairest flower that ever bloomed
Has withered and too the stalk“

„The stalk, it has withered and dried, my love
So will our hearts decay
So make yourself content, my love
‚Til death calls you away“