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Eingebungen

Manchmal habe ich Eingebungen. Zum Beispiel, dass ich plötzlich keine Lust mehr auf Schokolade habe, und dann bleibt der angebissene Riegel liegen, bis er irgendwann Staub ansetzt. Oder dass das abendliche Glas Wein nicht mehr schmeckt, dann trinke ich von da an Tee. Oder – im günstigsten Fall – dass ich nicht mehr rauchen will, und dann kann ich noch am selben Tag aufhören damit, ohne morgens schon gewusst zu haben, dass ich abends Nichtraucherin bin. Immer dauert diese Abstinenz ein paar Monate oder länger.

Nun hatte ich wieder eine Intuition, völlig unerwartet und noch nie dagewesen: Auf einmal will ich nicht mehr ans Tablet. Der PC ist mein Arbeitsplatz, an dem ich Übersetzungen anfertige und Papierkram erledige (der inzwischen Digitalkram heißen müsste), aber am Tablet schreibe ich persönliche E-Mails, lese Nachrichten, Blogbeiträge und was mich sonst noch interessiert. Hier entstehen alle meine eigenen Texte, und auf einmal ging es nicht mehr. Stattdessen schleppte ich Bücher aus der Bibliothek nach Hause und mit ihnen verbringe ich nun jeden Abend. Ich blättere, lese, denke nach, höre Musik. Es tut so gut: nicht mehr ständig das Neueste zu wissen, nicht in konstantem Kontakt mit der Welt zu stehen sondern mit mir selbst, in meinem Tempo.

Nur die Bloggerwelt fehlt mir doch ein bisschen. Die bunte, perlende, vertraut gewordene Ansammlung verschiedenster Menschen und ihrer Geschichten, das Formulieren eigener Gedanken. Deshalb habe ich mir auf die Finger gehauen und statt über Architektur in der Renaissance zu lesen diesen Text geschrieben. Vielleicht werden es künftig hier weniger Beiträge sein. Die Welt wird darüber hinwegkommen.

Willkommen

Wenn ich an meine Mutter denke, sehe ich sie kleiner, heller und weicher als früher. Sie befindet sich in einem langen Warteraum, an dessen äußerstem Ende sich eine Tür befindet. Dahinter ist Licht. Sie ist aber noch nicht durchgegangen, denn ich pfeife sie jedes Mal zurück, wenn sie das versucht. Dann kommt sie wieder nach vorne, wo ich sie sehen kann. Würde sie ins Licht gehen, wäre sie weg, und das kann sie später noch tun. Sie hat ja viel Zeit.

Außerdem ist da vorne etwas los. Meine Mutter hat sich über eine nebelartige Brüstung gebeugt und streckt die Hand nach unten. Dort schwebt seit Tagen eine andere Frau. Ihr Körper ist groß, fest und ganz glatt. Sie schaut unsicher nach oben und versucht, den Rand zu erreichen. Meine Mutter lacht und strahlt in goldenen Farben, versucht, die Frau hochzuziehen. So turnen die beiden eine Zeitlang herum und strecken die Hände nacheinander aus. Dann hat die Frau den Rand erreicht. Sie hält sich fest und wird nach oben kommen, vielleicht einen anderen Raum aufsuchen. Im Moment muss sie sich erst orientieren.

Diese Frau ist nun im selben Jahr wie meine Mutter geboren und gestorben. Sie bedeutet mir viel und ich hoffe, sie findet bald ihren Platz, und dass es ihr gut geht. Aber eigentlich zweifle ich nicht daran, denn meiner Mutter geht es ja auch gut.

Offenheit Abb. © Ursula Holly

Ich wünsche mir so sehr, dass sie da oben sind, dass ich sie wirklich sehe, dass ich mir das nicht einbilde und in Wirklichkeit ist gar nichts.

Es lebt

Auf dem Grab meiner Mutter ist eine Steinplatte vorgesehen. Ich habe auch schon organisiert, wer sie anfertigen wird, es ist alles besprochen. Mit einer solchen Platte ist das Grab immer aufgeräumt, man braucht nur im Herbst gelegentlich die Blätter abkehren, fertig.

Aber nun sind die Blumen noch da. Meine Mutter ging vor fünf Monaten, und die Pflanzschalen blühen immer noch, als gäbe es kein Morgen. Das Grab wächst und lebt. Ich lasse jetzt noch keine Steinplatte darauf legen.

Grab