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Good-bye bicycle?

Veränderungen kündigen sich an, und das Radeln verliert beim geliebten Briten gerade an Bedeutung. Zum Saisonabschluss war er aber noch einmal erfolgreich und erradelte bei den Vattenfall Cyclassics in Hamburg den 8.078. Platz! 22.000 Personen nahmen teil, in der Altersgruppe kam er auf Platz 369. Durch diese Radsportbegeisterung kamen wir allein in diesem Jahr nach Mallorca, Berlin, Newcastle, München und Hamburg zu den verschiedensten Radsport-Events.

Hamburg_Cyclassics

 

Inzwischen geht der Trend aber weg vom Treten und hin zum Hocken: Der geliebte Brite hat seine Angel wieder ausgepackt. Angel ist natürlich untertrieben. Wenn er zum Fischen geht, gleicht das dem Umzug eines mittleren Hausstands, er hat also sehr viel wieder ausgepackt, was nun tendenziell bei uns im Flur rumsteht. Dafür flattern aber nicht mehr ständig tropfende Trikots und gewindelte Höschen auf dem Balkon, auch Werkzeuge und ein halb zerlegtes Rennrad sehe ich dort nur noch selten. Und ich bin als treue Begleiterin jetzt nicht mehr in aufgekratzten Großstädten unterwegs, sondern werde zum Beispiel zum Talweiher bei Bergatreute mitgenommen. Oder zum  Truchsessweiher irgendwo im Wald. Oder zum Schlierer Weiher. Sowas eben. Natur ist ja auch sehr schön.

Virgin Money Cyclone Cycling oder: Das Leben lässt sich nicht planen.

Mit Tausenden anderen startete der geliebte Brite heute zum Fahrrad-Event durch Northumbria im Norden Englands. Der Plan war, dass sein Sohn und ich die einzelnen Verpflegungsstellen anfahren, um dort die eigenen Gels und Riegel und Pülverchen zu überbringen, die er für diese schwierige Strecke braucht und die im Trikot zuviel Fummelei bedeuten. In der Praxis blieb es aber bei nur einer Station.

Irgendwo im Niemandsland auf einer schmalen Landstraße, umgeben von Wiesen, Schafen, blühenden Wacholderbüschen und sonst im Wesentlichen nichts parkten wir auf einem Grasstreifen in der Nähe der ersten Feed Station. Er kam bald angeradelt, bekam seinen Proviant, und als wir weiterfahren wollten, saß das Auto auf. Der Untergrund war so uneben, dass ein Vorderrad nicht mehr in den Boden griff, es ging weder vorwärts noch rückwärts.
Ein junger Schreibtischheini und eine ältere Frau sind kein guter Ansatz zur Lösung des Problems, aber die Männer von der Verpflegungsstation weiter vorne versprachen zu helfen, sobald es ruhiger würde. Inzwischen strömten unablässig Fahrradfahrer an uns vorbei.

Eine Stunde später warteten wir immer noch, und nach zwei Stunden – wir waren gerade am Eindösen – hielt ein Auto in der Parkbucht (!) auf der anderen Straßenseite. Ein Mann hantierte mit seiner Kamera. „Haben Sie zufällig ein Abschleppseil?“ rief der Sohn zögernd hinüber. Hatte er nicht. Aber zwei praktische Hände. Nach einer Viertelstunde war das Auto mit einem Wagenheber angehoben, das Rad mit Steinen unterlegt, zwei Fahrradfahrer stiegen ab und halfen Schieben, erledigt.

Danach fuhren wir zur nächsten Feed Station, zur übernächsten, zur überbernächsten, den Liebsten fanden wir nicht mehr. Wir schickten SMS, riefen an, nichts. Das kommt daher, dass Handys in der Pampa keinen Empfang haben. Nachdem wir also genug Schafe und Fahrradfahrer gesehen hatten, gaben wir auf und ich wartete im Hotel.

Was haben wir heute gelernt? Der geliebte Brite kann auch ohne Spezialzutaten 160 km fahren, und zwar über 2.700 (zweitausendsiebenhundert) Höhenmeter in 8 Stunden.
🙂

Cool bleiben

Es ist ja nichts passiert. Das Flugzeug ist nicht abgestürzt, wir sind in Newcastle angekommen, das Hotelzimmer ist sauber. Was ist dagegen schon, dass der Koffer des Liebsten verloren ging? Freilich befindet sich darin die Ausrüstung fürs Virgin Money Caclones Bicycle Event am Samstag, an dem er teilnehmen will: 160 km rund um die alte Heimat. Aber vielleicht braucht er Trikot und Helm und so weiter ja gar nicht. Als er nämlich sein Fahrrad aus der Spezialtasche geschält hat und am Pedal herumkurbelt, entstehen unmissverständliche Geräusche: „Hilfe, ich bin kaputt!“ schäppert es mit Nachruck. Wahrscheinlich ist etwas an der Gangschaltung verbogen, murmelt der geliebte Brite, shit day, und er wird vorübergehend ungesprächig.

Vor dem Stadtbummel also ein Abstecher zum Fahrradgeschäft, und ja, sie können es morgen reparieren. (In Deutschland unvorstellbar, so auf die Schnelle.) Ein Anruf klärt auch, dass der Koffer gefunden wurde und morgen in hier ist, na also. Es hätte schlimmer kommen können. Es hätte mein Koffer sein können, der verloren ging.

Kraftakt

In dieser Jahreszeit – mir entfällt gerade, wie ich sie benennen soll – macht ein warmer Nachmittag wie gestern aus jedem Zauderer einen Hans im Glück und in meinem Fall eine Hänsin im Glück. Ich ignoriere also alle Meldungen, lasse das Auto stehen und ziehe das Fahrrad aus der Ecke, das aus Langeweile sowieso schon vor sich hinmault. Fröhlich pfeifend radle ich davon und treffe mich mit einer Freundin im Straßencafe. Wir plaudern und schauen über den Platz, aus allen Löchern kriechen Menschen und fragen sich wohl, was das komische Helle da draußen ist: Ach so, die Sonne. Kennen die Älteren noch von früher. Ich bestelle „Strammen Max“ und lege meine Jacke ab, in den Hauswänden steckt schon Wärme und wir wollen glauben, dass die dunklen Tage vorbei sind, dass dies der Beginn besserer Zeiten ist. Wir wollen, dass es endlich Sommer wird.

Nach wenigen Stunden folgt die Einsicht, dass der Wetterbericht Recht hatte, denn während wir uns über Mütter und Männer unterhalten, fährt mir auf einmal kalter Wind ins Kreuz. Wir schauen zum Himmel und er ist grau geworden, eine fette Regenwolke geht gerade in Stellung. Hatten wir nicht bemerkt, oder nicht bemerken wollen? Ich stelle sofort der Bedienung ein Bein und zahle, dann spüle ich den Rest meines Tees hinunter, umarme hektisch die Freundin, die mit Schirm und Auto ausgestattet freilich entspannt bleibt. Ich aber werfe mich auf mein Fahrrad und jage davon, als wäre der Teufel hinter mir her. Nein, ein Regenguss schreckt mich nicht, es ist im Gegenteil originell. Wann spürt man schon Wasserperlen im Gesicht oder Bächlein, die in den Nacken rinnen oder nassen und schwer werdenden Stoff, der auf der Haut klebt, bis man daheim alles herunterreißen und sich in verführerisch trockene Sachen hüllen kann! Es ist ein eigener Genuss.

Aber diesmal habe ich meine Lederjacke an, und ich bin nicht sicher, ob sie vom Regen durchgeweicht noch dieselbe wäre. Außerdem ist das nagelneue Handy in der Tasche nicht vor Nässe geschützt. Kurz und gut: Ich schaffe die Strecke nach Hause in Rekordzeit, komme trocken an aber fast mit einem Herzkasper und der Stramme Max hängt mir in der Gurgel. Den Rest des Abends ist mir schlecht.

Und heute morgen, als ich aus dem Fenster sehe in den kalten, tropfenden Tag, auch.

Beweglich bleiben

Zum Glück war mir aufgefallen, dass die Luftpumpe noch im Wagen lag. Ich schloss den Kofferraum wieder auf, schob Sachen in einem Korb hin und her und fischte das Utensil heraus. Dann griff ich nach dem Autoschlüssel, den ich hineingeworfen hatte und schlug die Heckklappe wieder zu. In den Händen hielt ich nun die Luftpumpe und – den Hausschlüssel. Das Auto: verschlossen. Der Autoschlüssel: Im Korb. Wir: In Tägerwilen. In der Schweiz. So fing es an.

Vier Leute fröstelten ratlos in der Morgenkälte herum, während Hunderte von anderen Radfahrern wie die Bienen von dem Posten hier ausschwärmten. Schließlich starteten auch wir (mit mehr Adrenalin im Blut als erwartet) zu unserem 80-km-Bodensee-Radmarathon, und zum Glück hatten wir die Pumpe. Auf halber Strecke nämlich hatte einer unserer Mitradler eine Reifenpanne. Nur ich fuhr wie er ein Mountainbike und kein Rennrad wie die meisten Teilnehmer. Und nur ich hatte den passenden Ersatzschlauch im Satteltäschchen UND die passende Luftpumpe! Erleichtert und mit fröhlichem Lachen wurde das Rad wieder in Gang gebracht, und bei herrlichem Spätsommerwetter konnten wir den Bodensee mit seinen idyllischen Ausblicken und einladenden Dörfern weiter genießen.

Zurück am Ausgangspunkt rief ich dann eine Nummer an, und eine halbe Stunde später bog ein gelber Wagen in den Parkplatz ein. Ein freundlicher Schweizer stieg aus und brachte einen flachen Kochlöffel, ein aufpumpbares Luftkissen und ein Plastikband mit. In weniger als einer Minute öffnete er damit meinen Toyota. Nicht gerade vertrauensstiftend, aber wer klaut schon eine 20 Jahre alte Karre? Weiß ja niemand, dass die läuft wie ein “Örgele” und kaum Reparaturen braucht. An dieser Stelle will ich jedenfalls heftig werben für den ADAC, der auch grenzübergreifend rettet, und zwar ohne Zusatzkosten.

So war es also ein toller Tag: Mal wieder rausgekommen und Problemchen gehabt, die sich lösen ließen!

 


 

Bronze!

Wintersport

Die idealen Geräte, um auch bei Winterkälte und langen, verbissenen Arbeitsstunden die Muskeln straff zu halten, befinden sich an meinen Füßen. Sie sind wie gemacht für mich: von den Waden bis zum Hintern wirken sie mühelos, nachhaltig, von selbst, und ich muss das Büro praktisch nicht verlassen. Es genügt, einen kleinen Spaziergang durch die Wohnung zu unternehmen: Zum Fenster um den Tisch herum ins Badezimmer, den Briefkasten leeren oder in die Waschküche. Dazu trage ich meine neuen weißen Filzpantoffeln, „In-Form-bring-Schuhe“ übersetze ich den Aufdruck auf der Schachtel: Shape-up – der Fitness-Hausschuh. Gabs bei Netto.

Der Schuh hat eine gebogene Sohle und simuliert das Gehen in weichem Sand, bei jedem Schritt muss man sein Gewicht austarieren. Ich schlüpfe hinein wie in kleine Schlauchboote, denn sie sind ein bisschen bollig und etwas zu groß. Mit Feinstrumpfhosen ist es noch lustiger, denn dann ist noch Spiel im Schuh. Clearance heißt das übrigens auf Englisch. Ich sitze an einer Übersetzung über Getriebe, Lüftspiel = clearance, das gibt es in Fahrzeug-Kupplungen und an meinen Füßen. Mit Rundsohle und Spiel eiere ich herum und stähle dabei Beine, Rücken, Haltung. Bald bewege ich mich mit der Grazie einer Äthiopierin, die einen Krug auf dem schönen Haupt balanciert. Im Moment bin ich davon freilich noch etwas entfernt. Es fehlt nur die blaue Strumpfhose, und ich komme daher wie ein Schlumpf.

Der Gewinner steht fest!

Zu unserem Hausrat gehört seit kurzem eine Silbermedaille. Diese Trophäe erhielt mein Liebster letzte Woche, als er nach 150 km mit dem Fahrrad in die Zielstation eingefahren war – mit empor gereckten Armen und einem Lächeln im Gesicht. Ich war fassungslos.  Ich ahnte ja nicht, dass er das kann! Freihändig Fahrradfahren, meine ich. Schon als Kind schaute ich neidisch hinterher, wenn jemand auf dem Rad lässig die Arme hängen ließ und dabei womöglich noch in die Pedale trat. Ich hab mich das nie getraut.

Erst als die Vierzig weit überschritten waren  –  zu der Zeit radelte ich abends nach der Arbeit auf Feld- und Waldwegen herum – begannen einmal Selbstversuche. Ich eierte erbärmlich von einer Seite des Wegs zur andern, aber ich gab nicht auf. Ein, zwei Meter schaffte ich, bevor mein Rad wegschlingerte, ich bemühte mich sehr, doch den Trick fand ich nicht heraus. Plötzlich hörte ich etwas hinter mir, eine Klingel. Ich sah mich um, ein Mann folgte mir auf dem Fahrrad und musterte mich. Er meinte: „Seit Minuten versuche ich, an Ihnen vorbeizukommen, könnten Sie vielleicht einen Augenblick stehen bleiben?“

Da glitt er hin, mein Schatz, mit erhobenen Armen, als ob es nichts wäre. Wie cool das aussieht. Ich hätte ihn natürlich auch genommen, wenn er überhaupt nicht Radfahren könnte, aber nun kann er es eben. Und zwar freihändig, was ich nicht einmal wusste …


Bodensee-Marathon

Urlaubsbekanntschaft

Für meinen treuesten Begleiter letzte Woche in Meran  schäme ich mich ein wenig. Er beeinträchtigte meine Bewegungsfreiheit, belästigte mich in den unpassendsten Momenten und machte mich zum Gespött der Umgebung. Erst nach Tagen ließ er von mir ab, und die Rede ist von einem enormen Muskelkater. Die Voraussetzungen hatten wir gleich nach unserer Ankunft geschaffen bei einer Bergwanderung. Der Aufstieg war nicht besorgniserregend: Die Seilbahn übernahm einen Teil, für den Rest ließen wir uns Zeit. Beim Marsch zurück ins Tal jedoch sparten wir uns den maschinenbetriebenen Rücktransport und bewältigten 1000 Meter Höhenunterschied, verteilt auf mehrere Kilometer, über Steine und unebenen Waldboden zu Fuß.

Wer täglich mit dem Fahrrad insgesamt 20 km zur Arbeit fährt und zurück, hält sich für athletisch. Ich machte mir also keine Gedanken über die Folgen, auch nicht als meine Schenkel am Ende des Weges zu zittern begannen. Es war an den folgenden Tagen, als ich über meine Körperkondition nachdachte. Mein Gang war so  geschmeidig geworden wie der eines schlecht geschmierten Roboters, immer wieder knickte ein Bein ein und mit meinem Gesicht glich ich den Skulpturen der schmerzensreichen Maria, die wir gelegentlich am Wegrand sahen.

Im Hotel kam ich die Treppen weder hinauf noch gar hinunter, ohne den Eindruck erster Gehversuche nach einer schweren Hüft-Operation zu hinterlassen. Der Abstieg aus dem 2. Stockwerk gelang nur festgeklammert am Treppengeländer und jedesmal hieß ich meinen Liebsten, langsam vor mir herzugehen, damit an der Rezeption meine Schrottreife nicht bemerkt werde. Er hielt sich im Schnitt drei Sekunden lang daran und wieselte dann – in Gedanken schon wieder woanders – fröhlich pfeifend davon.

Auf einer der letzten Stufen verharrte ich daher meist wie zufällig, bis vom Empfangspersonal gerade niemand herüberschaute. Dann humpelte ich so schnell wie möglich an der Theke vorbei, und so schnell wie  möglich hieß: Ziemlich langsam. Am Tag unserer Abreise erwischte es  mich schließlich. Die Hotelbesitzerin sah mir zu, ich entdeckte sie zu spät und konnte nur noch falsch grinsen über zusammengebissenen Zähnen. „Sind Sie gestürzt?“ rief sie erschrocken.

Ich hätte den Lift benutzen können. Warum ich das nicht tat? Ich habe nicht daran gedacht, ist die ehrliche Antwort. Weil ich sonst auch keinen Lift benutze. Auf jeden Fall hatten weder Dehnübungen geholfen noch heiße Bäder noch weitere Wanderungen. Sänftenträger waren um mich herum auch keine zu entdecken gewesen, und so musste ich Geduld haben, bis die Schmerzen von alleine nachließen. Das war nach drei Tagen der Fall.


Die haben keinen Muskelkater!

Fragen, die keine Antworten brauchen

Wie kann es sein, dass ich bei der Fahrt auf abschüssigem Weg manchmal in die Pedale getreten muss, während das Rad bergauf fast von selbst läuft? Richtig. Es kann nicht sein. Geht ja gar nicht. Es ist wohl so, dass unter bestimmten Bedingungen die Optik uns einen Streich spielt. Was aussieht, als gehe es leicht bergab, führt in Wirklichkeit leicht bergan und umgekehrt. Welche Merkmale zur Orientierung müssen fehlen, damit nicht unsere Augen erkennen, ob es rauf oder runter geht, sondern unsere Oberschenkel?

Außerdem bin ich noch nicht dahinter gekommen, woher an einer bestimmten Stelle meines Wegs zur Arbeit ein Duft strömt wie aus einem gewaltigen Blumenbouquet. Es stehen dort nur ein paar Bäume herum, und sie blühen nicht. Heute habe ich kurz angehalten. Es sind Linden, glaube ich, und im Laub verstecken sich kleine, grüne Fruchtstände. Oder sind das Blüten?

Nächste Frage: Warum erinnert mich ein bestimmter Luftzug an Wanderungen, die ich als 15jährige während eines Kuraufenthalts in Bayern unternahm? Ist es die feuchte Wärme wie in jenem verregneten Sommer? Der Geruch nasser Bäume? Oder der Wunsch, in diesem Augenblick hier sein zu wollen und nirgendwo anders, so wie damals?

Nur über solche Dinge denke ich nach, wenn ich morgens zur Arbeit radle und abends wieder heim. Und das ist sehr gut so.

Sch..viech!

Man hätte das Tier ersäufen sollen vor dem Spiel, womöglich gibt es eine ominöse Art von Einflussnahme. Wie konnte ein blöder Octopus wissen, dass Deutschland verliert? Viel eher wirkt da ein oberschlauer Pfleger, der seine Tipps als Kraken-Leckerbissen in einem der beflaggten Futtercontainer deponiert. Wie auch immer. Ob durch Magie, Vorsehung oder einfach weil die Spanier besser waren – Deutschland ist raus. Welche Deppen geben draußen eigentlich grad Hupkonzerte?

Schade. Es ist so schön, auf sein Land stolz zu sein. Die ganze Welt staunte über die deutsche Mannschaft. Ein paar phantastische Spiele haben wir hingelegt, und die kann uns keiner nehmen. Vielleicht klappts beim nächsten Mal, Spiel ist Spiel. Es gibt ja noch ein paar Dinge mehr, auf die man als Deutscher stolz sein kann. Es ist uns nur beigebracht worden, nicht so laut drüber zu reden. Bei Fußball-Weltmeisterschaften ist das ganz anders!

Spannend, spannend!

Gegen Argentinien zu verlieren, wäre keine Schmach gewesen. Aber 4:0 gegen sie zu gewinnen – da fällt dem Deutschen nichts mehr ein außer Jubeln! Unbekümmert schossen unsere Jungs drauflos, Millionen Menschen auf der ganzen Welt sahen ihnen dabei zu, feierten gemeinsam und litten gemeinsam, je nach Standort. Was für ein Team! Ein hinreißender Tag.

Kurzer Blick auf die Statistik:

Deutschland-Australien: 4:0 (toller Auftakt)
Deutschland-Serbien: 0:1 (schuld war der Schiedsrichter)
Deutschland-England: 4:1 (No comment)
Deutschland-Ghana: 1:0 (da hatten wir’s schwer)
Deutschland-Argentinien: 4:0 (unglaublich!)

Bleiben wir auf dem Boden, wir sind ja deutsch und das nächste Spiel kann das letzte sein. Andererseits… sieht es nicht danach aus, oder? (Hastig-dreimal-auf-Holz-klopf, toi-toi-toi-ruf und Stoßgebet-zum-Himmel-schick.)

Ich meine … es könnte schon sein, oder? Dass wir – zunächst mal – weiterkommen? 🙂

Schlaaand!

Der Engländer an meiner Seite schüttelt verhalten den Kopf. Selbst wenn das Ergebnis andersrum ausgegangen wäre, meint er, hätte es einen solchen Hexenkessel in seiner Heimat nicht gegeben. An der zentralen Kreuzung der Stadt blockieren deutschland-beflaggte Autokorsos und Tausende jubelnder Fans die Straßen in allen Richtungen. Es wird an Fahrzeugen gerüttelt, Humpta Humpta Täteräää grölt es von irgendwoher, auf dem Dach eines Milchwagens drängen sich junge Leute mit Vuvuzelas, Mädchen hängen aus den Fenstern vorbeirollender Autos und recken Deutschland-Fähnchen hoch. Das Straßenbild ist schwarz, rot und gold.

Es sei doch nur ein Spiel, stellt mein Darling klar. Nicht das Endspiel, noch nicht mal das Halbfinale, einfach nur ein Spiel. Jaaa, aber es war DAS Spiel, das Spiel gegen England! Da verschmerzt der Deutsche die 5:1-Pleite vor ein paar Jahren in München doch besser. Und überhaupt: Wann darf unser Land schon patriotisch sein? England beweihräuchert sich jahraus, jahrein, wie alle andern Ländern auch. Aber wir? Wir streuen Asche auf unser Haupt und schämen uns, wie es sich gehört mit unserer Geschichte, außer bei der Weltmeisterschaft. Da dürfen wir stolz sein, deutsch zu sein, und wir sind es. Erst Recht, wenn wir gegen England gewinnen!

Auch die türkisch-stämmige Jugend ist gekommen, in schwarzrotgold-dekorierten Autos. Sie freuen sich mit und feiern mit, ein Mädchen mit Kopftuch trägt die Deutschlandfahne um ihre Schultern, sie lacht und winkt. Wir sind Fußball.

Schön!

🙂

Hauptsache gewonnen!

Wenn man ein Weltmeisterschaftsspiel mit der englischen Mannschaft in einem englischen Pub anschaut, fallen einem zwei Dinge auf:

  1. .Trotz Überfüllung steht man frei da. Niemand berührt einen. Es bleibt Luft zum Atmen,auch wenn sie dick und heiß ist.
  2. .Inmitten der Menschen nimmt man allerlei Düfte wahr. Deos, Parfums, aber keinen Schweißgeruch, von niemandem. Weder auf das eine noch auf das andere könnte man sich in einer deutschen Kneipe verlassen.

Während des Spiel s unserer eigenen Jungs gegen Ghana war es hingegen nicht überfüllt, in keinem Pub. Das macht aber nix. Hauptsache gewonnen. 🙂

Herzliche Grüße aus London, bei Strongbow und Hotspot!

Wieder was gelernt!

Die physikalischen Gesetze beim Durchradeln einer Wasserpfütze hatte ich mir vorgestellt wie die des windstillen Zentrums eines Hurrikans. Die Idee war: Anlauf nehmen, pfeilschnell durch die Lache pflügen, gelbraunes Wasser brandet auf beiden Seiten zum Wegrand hin und im Tal der Wogen bleiben mein Rad und ich einigermaßen trocken.

Moses mag einst ähnliche Gedanken gehabt haben, aber schon damals bedurfte es einer höheren Macht, damit es funktioniert. Ich jedenfalls hatte sowohl meine naturwissenschaftlichen Kenntnisse als auch meine spirituellen Voraussetzungen falsch eingeschätzt. Wohl teilten sich vor mir die  Wassermassen. Sie schafften es aber nur geschätzte zehn Zentimeter zur Breite, mindestens das Dreifache jedoch in der Höhe. Genau in dieser Koordinatenposition befand sich aber mein rechter Knöchel, der beim rhythmischen Auf und Ab gerade unten angekommen war. Auf ihm verteilte sich nun die Gischt und schwappte in meinen Schuh.

Jetzt fielen mir die Kinder ein. Wie sie bei Regenwetter Spaß daran hatten, auf  dem Fahrrad durch Pfützen zu sausen – mit weit gespreizten Beinen! Muss ich mir merken. Auf der Weiterfahrt jedenfalls schmatzte mein rechter Fuß im Takt der Pedale. Zum Glück musste das aufgeweichte Schuhleder später nicht unter meinem Schreibtisch trocknen und ich den Bürotag in Strümpfen verbringen. Ich war ja auf dem Heimweg.

Fit wie Lumpi – das Komplettset

Ich will meine Kondition zurück. Früher hatte ich sie, so lange ist das noch gar nicht her. Aber in diesen Tagen strengen mich die einsamen und freudlosen Joggingrunden durch Wohnsiedlungen an. Deshalb – neuer Versuch – fahre ich seit kurzem mit dem Fahrrad zur Arbeit. 10 flache km.

Viele Menschen radeln mit mir denselben Weg oder sie kommen entgegen. In freundliche und verschlafene Gesichter blicke ich, manch eines lächelt mir zu. Ich atme die Frische des Morgens ein. Entlang einiger Sträucher mit unscheinbaren weißen Blütendolden fahre ich durch schweren, fruchtigen Duft. Abends pustet mir die Hitze ins Gesicht, sie fegt über Straßen und Felder, seit Tagen haben wir Sonne und Wind wie an der Küste. Anders als dort schimmern bei uns aber aufgeworfene Erdschollen feucht und dunkelbraun. Mächtige Bäume schunkeln im Takt der Böen, die durch ihr schweres Laub brausen.

Entlang der Spargelfelder mit ihren langen Reihen angehäufter Erde verliere ich meine Rastlosigkeit. Zwischen bunt gekleideten Arbeitern auf  Erdbeerfeldern verpuffen all die Befürchtungen, Griesgrämigkeit versickert auf satten Viehweiden und Radwegen mit Menschen, die mir ein Lächeln schenken. Außer Atem und völlig entspannt komme ich nach 40 Minuten an.

Das ist es, was ich im Moment brauche.