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Fremde Welt

Nach einiger Zeit radle ich heute wieder einmal in die Innenstadt. Ich brauche irgendetwas Unwichtiges. Meine Welt besteht ja nur noch aus Wohnung, Garten und Supermarkt, ich muss mal etwas anderes sehen.
Man kann sich nicht daran gewöhnen. Die Stadt ist so still. Kaum Menschen unterwegs. Es ist, als wäre es Sonntag und aus Versehen haben ein paar Geschäfte offen.

Aber nein! Die Straßencafes wären ja gefüllt, die Flaniermeile voller Menschen. Stattdessen sind Stühle und Tische angekettet, Bänke aufgestapelt, Sonnenschirme zugeklappt. Hier gibt es keinen Kaffee, bitte weitergehen.

Bekannten darf man auch nicht begegnen, sonst wäre man zu dritt – verboten! Und immer schön die Abstandsregel einhalten.

Wenn man wüsste, wie lange das alles dauert und was danach kommt, dann könnte man besser umgehen damit.

Stadtbilder

Da wo ich wohne, gleicht kein Haus dem andern. Die Straßenzüge sind gewachsen und nicht angelegt wie ein Zierteich. Sie sind wie ein uralter See, der sein Bett durch vielmaliges Überfließen und Eintrocknen so oft veränderte, bis es richtig war. Hier gibt es Fachwerk und Villen aus vergangenen Jahrhunderten, deren Eigentümer in die Stadtgeschichte eingingen. Nicht weit davon stehen Reihenhäuser und eine Mietskaserne aus der Nachkriegszeit, billig hochgezogen für die Flüchtlinge aus Schlesien oder dem Sudetenland. Ich gehe fast jeden Tag durch die Straßen und blicke an diesen Häusern hoch, auf ihre Persönlichkeiten, ihre Geschichten. Ich schaue in die Winkel und Nischen, über Mäuerchen und Einfassungen mit zaunhohen violetten Herbstastern. Unvermittelt tauchen Schuppen und überwachsene Einfahrten auf, Holzstapel und eine rote Kinderschaukel. Ich atme den Geruch der feuchten, kalten Erde aus den Gärten. Manche Menschen finden Kraft im Wald, in den Bergen oder am Meer. Ich auch. Und hier, in diesen holprigen, gewunden Straßen.

Manches möchte man in eine Tasche stecken und mitnehmen können.

 

Wandschale