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Über den Wolken

Es hat schon was, wenn sich zwei Menschen nach über zehn gemeinsamen Jahren noch überraschen können. Ich erlebe es gerade, denn der geliebte Brite mit seinen siebzig Jahren erfüllt sich gerade einen Traum: Er macht den Pilotenschein. Heute steuerte er mit dem Lehrer an der Seite zum ersten Mal ein Ulttraleichtflugzeug über die Bodenseeregion. Es sei gar nicht schwer gewesen, behauptet er, aber auf dem Flughafengelände in der vorgezeichneten Bahn zu fahren, habe er fast nicht hingekriegt. Das kenne ich natürlich schon von seinem Fahrstil im Auto. 😉

Damit die Freiheit über den Wolken nicht allzu grenzenlos wird, endet die Lehrstunde damit, dass der Schüler das Flugzeug waschen muss. Als wäre es ein Pferd, denke ich, aber es geht nicht um das verschwitzte Fell, sondern um aufgeklatschte Käfer.

Archivbild. Eine Boing wäre dann doch zu ambitioniert!

 

Geschichten des Lebens

Mariatal

Heute Nacht träumte ich, mit dem Fahrrad abseits des vorgegebenen Wegs zu fahren, und ich kam schneller an als die anderen. Dann wollte ich einem Trauergottesdienst fernbleiben und fand den Zimmerschlüssel nicht, um ins Hotel zurückzukehren. Ich schaute nochmal in der Handtasche nach und – aah! Da war er ja. Schließlich saß eine fremde Frau am Steuer meines Autos und ließ sich nicht vertreiben. Aber ich geiferte so lange herum, bis sie aufgab und den Fahrersitz räumte.

So geht das zurzeit andauernd – meine Träume gehen plötzlich alle gut aus. Dabei kann ich normalerweise in der Nacht irgendwelche Aufgaben nicht lösen, stürze mich deshalb aus dem Fenster und bringe mich zusätzlich mit einer Schere um. Sowas in der Art.

Vielleicht hat es mit dem Buch zu tun, das ich zurzeit vor dem Einschlafen lese. Darin geht es um einen jungen orthodoxen Juden in Zürich, der am engen Korsett seiner Religion leidet. Er hinterfragt es aber nicht, sondern versucht Schleichwege zu finden und geht dabei dem Anderen, Verbotenen nicht aus dem Weg.

Seither lösen sich nachts auch meine Konflikte, traumhaft.

Eine Stelle hat mir besonders gefallen. Eine Kartenlegerin rät dem jungen Mann, nicht allzuviel nachzugrübeln, die Geschichten des Lebens seien eh alle schon geschrieben. Später fällt ihm das ein und …

„… da erkannte ich das Geheimnis: Die Geschichten sind tatsächlich schon geschrieben, aber wir können sie verraten und uns mit dazu. Wir können so leben, wie wir glauben, leben zu müssen oder nicht anders leben zu können, doch es wird immer ein lebn* geben, wie es für uns gemeint ist; es ist jenes, das uns am glücklichsten macht und das uns zu unserer wahren Größe erhebt; was auch immer der prajs*dafür sein möge und wieviel auch immer wir dafür auf uns nehmen müssen“.

Thomas Meyer – Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse
Salis-Verlag

*In dem Buch tauchen häufig jiddische Begriffe auf, an die man sich gewöhnen muss. Gut so. Dadurch lese ich etwas langsamer und habe länger schöne Träume!

… noch nicht zu spät

Die welt geht verloren
wäre da nicht ein
wundervoller glaube
nicht an den himmel
nein
an den einen
der sich aufrichten
und seine wahrheit
über unsere köpfe
hinweg
rufen wird

Der uns an unsere
menschlichkeit
erinnert
an unsere zuversicht
an die brüderliche
liebe
an die nächstenliebe

Und wenn wir
sein wort hören
werden wir
verstehen
nicht die lüge
und die gier
länger dulden

Wir werden neu geboren
in eine gemeinschaft der
gebenden
ohne heuchelei
uns des alltags
erfreuen
unseren kindern
ein vorbild sein

Die wasser
die wiesen und wälder
segnen
und alle pflanzen und tiere
respektieren
mit den völkern
der erde
eins werden

Es ist noch nicht
zu spät
den traum zu
leben
und die erfüllung
zu suchen
in jeder stunde
deiner zeit
unter der sonne
wie auch
im sanften schlaf
unterm sternenlicht

Der macht
über uns
dankbarkeit
zu zeigen und ohne
trauer
in der vollendung
unseres seins
zufrieden und
nicht in einsamkeit
zu sterben

von berndg42, den ich bei bei Heavens Food gefunden habe.

Ins Ungewisse

Mit all dem Metall im Körper hätte der Flughafendetektor Funken sprühen müssen. Aber mein Sohn ging durchs Tor und es kam kein Piep. In Ruhe steckte er seine Geldbörse wieder ein, die in einer Wanne zusammen mit anderem Zeug durchleuchtet worden war. Er nahm seine Sachen wieder an sich, schnallte den Gürtel um und schaute zu uns. Ich streckte den Daumen nach oben und er winkte scheu, lud seinen Rucksack über die Schulter und verschwand. Na Bravo, dachte ich. Wenn ein Terrorist erfährt, dass die Detektoren an diesem Flughafen heute falsch oder gar nicht eingestellt sind, kann er mit einem Gewehr an Bord gelangen.

Die Maschine wurde dann doch nicht entführt, Gott sei Dank. Knapp eineinhalb Stunden später landete sie in London und der Junge schaffte es mit Taxi und Zug nach Brighton, wo er die nächsten drei Monate leben wird. Dieses Abenteuer war lange sein Traum. Er war ausgelöscht worden vor einem Jahr, als dieser Audi in den Alpha fuhr, in dem mein Sohn als Beifahrer saß. Danach konnte er sich monatelang nicht einmal erinnern, einen Traum je gehabt zu haben. Wichtig war da nur, dass er lebte. Dass die Hirnblutungen abheilten und zahllose Nägel und Platten ihn so zusammenhielten, dass er eines Tages aus dem Rollstuhl wieder aufstehen konnte. Aber irgendwann, als Operationen und Rehabilitation hinter ihm lagen, kam er zurück: Der Wunsch, Neues kennen zu lernen, ein anderes Land, England. Da fing er an zu planen.

Wir telefonierten heute kurz mit der Familie, in der er untergebracht sein wird während des Sprachkurses. Es beruhigt mich zu wissen, dass diese Leute wirklich existieren und er in Sicherheit ist. Ich weiß, es klingt blöd, der Junge ist 21 und er findet sich zurecht. Auch seine Geschwister haben Auslandsaufenthalte hinter sich und in Gefahr ist man zu Hause sowieso nicht weniger. Trotzdem. Ihn gehen zu lassen ins Ungewisse, war schwer. Ich habe das Vertrauen nicht mehr, dass immer alles gut geht. Manchmal geht es auch schief, wie wir jetzt wissen,  und ich  kann ich nur beten, ganz fest, dass keinem der Kinder je wieder etwas zustoßen wird.

Der Traum vom Liegen

Jeden Morgen wünscht er sich, die Meinungen zu Theaterstücken und Kinofilmen zu Ende zu hören. Danach das Morgenjournal, und dann ein Klassik-Konzert.  Frédéric Chopin vielleicht, das einsame Genie, das seinen 200. Geburtstag feiert. Herr Bauer stellt sich vor, bettlägerig zu sein und den ganzen Tag Radio zu hören.  Lesen würde er auch, so elend wäre er nicht, dass das nicht ginge. Aber sein Leiden wäre groß genug, dass jeder einsehen müsste, keinen Waschlappen vor sich zu haben, sondern einen wahrhaft Kranken. Lange Zeit würde er sich nicht erheben können, oder doch nur gebrechlich zum Badezimmer schlurfen oder um eine Kleinigkeit  zu sich zu nehmen, die man für ihn bereitet hätte. Danach müsste er sich sogleich wieder hinlegen. Er würde sich Gedanken machen darüber, was Bettgebundenheit mit einem Menschen macht, und kluge Artikel darüber verfassen. Danach würde er wieder Radio hören.

Die Sendung über die heutigen Feuilletons ist zu Ende, mit den Worten des Nachrichtensprechers biegt Herr Bauer in den Parkplatz ein. Er stellt den Motor ab, steigt aus dem Wagen, schließt Tür und Gedanken hinter sich ab. Ein neuer Tag will bezwungen werden.

Wenn der lahme Weber träumt, er webe

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Wenn der lahme Weber träumt, er webe

Träumt die kranke Lerche auch, sie schwebe,

Träumt die stumme Nachtigall, sie singe,

Dass das Herz des Widerhalls zerspringe,

Träumt das blinde Huhn, es zähl‘ die Kerne,

Und der drei je zählte kaum, die Sterne,

Träumt das starre Erz, gar linde tau‘ es,

Und das Eisenherz, ein Kind vertrau‘ es,

Träumt die taube Nüchternheit, sie lausche,

Wie der Traube Schüchternheit berausche;

Kömmt dann Wahrheit mutternackt gelaufen,

Führt der hellen Töne Glanzgefunkel

Und der grellen Lichter Tanz durchs Dunkel,

Rennt den Traum sie schmerzlich übern Haufen,

Horch! die Fackel lacht, horch! Schmerz-Schalmeien

Der erwachten Nacht ins Herz all schreien;

Weh, ohn Opfer gehn die süßen Wunder,

Gehn die armen Herzen einsam unter!

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(Clemens Brentano)