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Wenn ich groß bin, werde ich Pilot

Menschen haben sich schon immer gerne Fantasiewelten erschaffen. Früher brauchten sie dazu Bücher oder Tagträume, heute führt die digitale Welt schneller und intensiver zum Ziel. Computerspiele etwa machen jeden zum Helden, und das Internet bietet in sozialen Netzwerken Räume, in denen man sich zugehörig fühlt wie in einer Familie und dem Glauben erliegt, interessant und beliebt zu sein. Fans und Likes beweisen es ja.

Wie sehr digitale Technologien das Träumen befördern können, erlebte ich gestern. Da wurden dem geliebten Briten an meiner Seite nämlich die Instrumente einer Boeing 777 erklärt, und dann flog er sie von Stuttgart nach London, von dort zurück nach Stuttgart. Es hätte jeder andere Flughafen sein können, man kann frei wählen. Einer, der sich ein Leben lang für Technik und Nautik interessiert, sitzt also plötzlich in einem Cockpit und darf es selbst versuchen. Später will er wissen, ob ich jemanden mit einem Pilotenschein kenne (leider nein), und im Moment studiert er in Youtube Videos mit Fluganleitungen.

Simulationen – dazu zähle ich auch Facebook usw. – sind natürlich kein Ersatz für das Echte. Wenn aber das Echte unerreichbar ist, kann man wenigstens so tun als ob und den Träumen Flügel geben. Dem Briten hat mein Geburtstagsgeschenk jedenfalls Spaß gemacht!

2015-03-14

http://www.simulatorfliegen.eu

Das Richtige

In einem langen schmalen Raum, in den wenig Licht von der Straße fällt, stehe ich hinter einem Tresen und betrachte die Regale an der Wand. Sieht alles gut aus. Keramik mit geometrischen Mustern zeichnet sich im Halbdunkel ab, Holzschnitzereien flüstern von ihren Geheimnissen,  bunter Schmuck wartet auf lachende Mädchen und Frauen. Ich räume die übrige Ware weg und ordne Papierblumen in einer Vase. Aus der Küche dringen aufregende Düfte, die Imbiss-Ecke füllt sich mit Menschen, sie arbeiten in der Nähe. Mittagspause. Ich ziehe einen bedruckten Schal vom Haken und zeige ihn einem Kunden. Was für ein Leben wäre das! „Aushilfe gesucht in Afrika-Shop“. Beim Durchblättern der Stellenanzeigen stieß ich darauf, ein Traum, wenn ich von 400 EUR leben könnte. Und so bleibt es einer.

„Werden Sie erfolgreich mit uns. Mitarbeiter/in gesucht im Marketing / Event-Management.“ Aus meiner Zeit als Arbeitslose vor etwa zwei Jahren erinnere ich mich noch, wie viele Einladungen zu Vorstellungsgesprächen man – trotz Erfahrung – in meinem Alter bekommt. Speziell bei dieser Art von Jobs. Ich blättere weiter.

„Für sofort oder später: Mitarbeiter/in im redaktionellen Bereich.“ Das könnte was sein. Zählt ein Blog als Referenz? „Richtige“ Tätigkeiten als Redakteurin sind lange her. Früher hätte ich mir das auf jeden Fall zugetraut. Heute nicht mehr. Heute weiß ich viel besser, was ich alles nicht kann.

Also lebe ich weiter mit meinen Fantasien vom entspannteren Leben. Von netten Leuten bei der Arbeit und Aufgaben, die zu bewältigen sind. Das Richtige wird kommen im neuen Jahr. Und wenn ich Marmelade koche und bei Ebay verscherble. Dann muss es eben viel Marmelade sein. Das Richtige wird kommen.

Der Duft von draußen

In ihrem Bett lag sie wie aufgepumpt. Ein prall gefüllter Sack in der Form eines Menschen, von dem Arme und Beine abstanden. Medikamente hatten ihre Glieder anschwellen lassen, sie ließen sich kaum mehr bewegen, rot glänzte die Haut darüber. Aufgebrochen nässte sie in den Beugen und unter der Brust, es tat weh.

Sie wünschte sich zu schweben. Wie ein Ballon würde sie dieses Zimmer verlassen und hinaus gleiten ins Freie, um am blauen Frühlingshimmel den Vögeln nachzuschauen. Der Wind würde ihr Haar streicheln, die Haut trocknen, Schmerzen und Furcht würden fortgeweht. Über die Menschen, die unten im Park zusammenliefen und verdutzt nach oben blickten, würde sie lachen, sich auf den Rücken drehen und in der Sonne wärmen. Später würde sie einsame Bahnen um die hohen Bäume ziehen, ihr Leib würde mit jeder Runde weicher und leichter.

Eine Schwester war ins Zimmer gekommen und bereitete die nächste Infusion vor. „Wie geht es dir heute?“ fragte sie die Metallhalterung, in die sie gerade einen Beutel einhängte. Sie prüfte den Schlauch und schien zufrieden. „Ich hab noch ein bisschen zu tun, wir machen das nachher, ja?“ rief sie und fing an, etwas auf ein Blatt zu schreiben. Das Bett des Mädchens war vor das Fenster gebracht und das Kopfende höher gestellt worden. Erheben konnte sie sich nicht, doch sah sie die Kronen der Kastanienbäume, riesig ragten sie in den Himmel hinein. Laub schimmerte hellgrün, sein Duft nach Wachsen drang ins Zimmer und wollte das Kranksein dort verscheuchen. So war es recht. Bäume, Blüten, Vogelnester – es war ein Aufgehen und Schwellen nach allen Seiten. Sie atmete das Leben ein, das sich draußen entlud und in ihrer Brust wurde es warm. Etwas schaffte sich Platz, strömte in alle Richtungen und fing an, das Böse in ihrem Körper abzutragen. Sie schloss die Augen, atmete ein und hielt diesen Augenblick fest.

Still lag sie da und lächelte, als die Schwester aufsah. Diese schob nun die Akten zusammen, trat zum Fenster und brachte das Bett behutsam auf seinen Platz zurück. Dort öffnete sie das Hemd über dem unförmigen Körper und schloss den feinen Katheter, der über der Brust aus der Haut ragte, an den Infusionsschlauch an. Eine Zeitlang wartete sie und betrachtete das Gesicht der kleinen Patientin. Noch am Morgen waren Erschöpfung und Mutlosigkeit darin zu sehen gewesen, nun schien es einen Entschluss gefasst zu haben. Nach den letzten Tagen des Zerfallens war das ein großartiger Anblick. Sie zog die Decke etwas hoch, strich ihr eine Haarsträhne aus der Stirn und sagte: „Schlaf ein bisschen“, bevor sie aus dem Zimmer ging. Das Fenster blieb offen.