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Ausgesiedelt

Auf dem Grund dieses Sees lebten einmal etwa hundert Familien. Da war hier natürlich noch kein See, der kam erst später. Das Wasser, das alles überflutete, war aber keine Folge des Klimawandels und steigender Meeresspiegel, sondern eines Stauseeprojekts mitten in den Bergen. Das zwang 1950 eine ganze Dorfgemeinschaft, ihre Häuser zu verlassen und ein paar Stockwerke hangaufwärts oder gleich ganz wegzuziehen.

Tausende Autofahrer sehen täglich einen eindrucksvollen Rest: den Glockenturm der einstigen Pfarrkirche St. Katharina. Man sieht ihn auf dem Weg nach Italien im Vorbeifahren in dem Ort Reschen.

Ein lesenswerter Artikel erzählt die Geschichte der Menschen, die enteignet wurden und kaum Entschädigung erhielten. Um vertrieben zu werden, braucht es manchmal keinen Krieg.

Es ist, wie es ist

 

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Der Hardy-Baum

Auf unseren Friedhöfen werden Gräber meist nach zwanzig Jahren entfernt, wenn nicht gerade VIP-Stars darin liegen. In anderen Ländern ist das nicht so.

In London z.B. gibt es den Friedhof St. Pancras, von dem vor etwa zweihundert Jahren ein Teil für den Bau der Midland Railways Line benötigt wurde. Obwohl die Gräber im fraglichen Bereich schon hundert oder zweihundert Jahre alt und zum Teil wohl auch vergessen waren, wäre es respektlos gewesen, die Überreste einfach zu entsorgen. Also wurden sie  ausgegraben und an anderer Stelle unter einer Esche wieder bestattet. Die Grabsteine wurden um den Baum herum angeordnet, wo sie im Lauf der Jahre zum Teil überwachsen wurden.

Projektleiter dieser Umsiedlung war der Dichter Thomas Hardy (1840-1928), der in jungen Jahren als Architekt arbeitete, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete. Inspiriert von seiner gruseligen Aufgabe verfasste er das folgende Gedicht:

The Levelled Churchyard
O passenger, pray list and catch
Our sighs and piteous groans,
Half stifled in this jumbled patch
Of wrenched memorial stones!
We late-lamented, resting here,
Are mixed to human jam,
And each to each exclaims in fear,
‚I know not which I am!’

Der planierte Friedhof
Oh Wanderer, sieh nur und hör
unser Seufzen und klagendes Stöhnen
das halb erstickt aus Gewirren
entrissener Grabsteine dringt!
Gott hab uns selig, wir liegen zu
menschlicher Pampe vermengt,
und einer ruft ängstlich dem anderen zu
Ich weiß nicht mehr, wer ich bin!“

© Anhora

Die Übersetzung entspricht nicht genau dem englischen Text, klingt aber besser als eine wörtliche Übertragung. Mehr dazu auf www.kuriositas.com.